Die Redaktion

Im medienkritischen Diskurs ist selten von der Redaktion die Rede. Dabei ist sie das entscheidende Element. Die Redaktion sichert die Qualität, nicht die einzelnen Kolleginnen und Kollegen, nicht die Chefredaktion. Das gilt jedenfalls dort, wo sich im industriellen Umfeld der Medienhäuser Elemente der Manufaktur erhalten haben, wo Zeitungen nicht geblattmacht, sondern im Widerstreit der Meinungen erarbeitet werden.

Redaktionen sind eigenartige Wesen. Im Idealfall sind sie Ansammlungen komplexer Persönlichkeiten jedweder politischen und sozialen Herkunft und unterschiedlichen Alters. Gute Redaktionen sind grundsätzlich unführbar. Sie benötigen in der Regel auch gar keine Führung. Deshalb gibt es immer noch Chefredaktoren, die vor allem repräsentieren und reisen und damit ganz gut fahren. Und die Redaktionen fahren einigermassen gut mit ihnen. Denn sie behalten so ihre Freiheit.

Das ist natürlich nicht jedermanns Fall. Manche Verlagschefs schätzen klare Hierarchien und präzise Pflichtenhefte über alles. Viele Redaktionen werden deshalb heute eng geführt. Widerspenstige, unregelmässig Kreative, Pflegebedürftige haben in ihnen kaum mehr Platz. Den Blättern geht dadurch viel Spannendes und Ausserordentliches verloren. Die Journalistinnen und Journalisten werden von der Redaktionsleitung eingesetzt und auf Themen angesetzt. Spezialwissen ist Mangelware oder kommt nicht zum Tragen. Wenn ich in meiner Lokalzeitung über ein Thema – beispielsweise den Streit in einer Kirchenvorsteherschaft – viel weiss, habe ich oft den Eindruck, ich wisse mehr als die zufällig gerade damit betraute Journalistin oder der Journalist. Häufig sind deren Texte einseitig und unbedarft, manchmal zu allem Übel auch noch boulevardesk zugespitzt. Beim Publikum wird das nicht geschätzt.

Es gibt auch Beispiele dafür, wie man es besser machen kann. So in Graubünden – ausgerechnet in Grauaubünden, wo der ehemalige Journalist Hanspeter Lebrument ein Medienmonopol geschaffen hat. Die Redaktion der «Südostschweiz» jedenfalls fällt auf, weil sie energievoll und engagiert ans Werk geht. Sie hat mit David Sieber einen Chefredaktor, den ich persönlich nicht kenne, aber aus der Ferne ein wenig verfolge. In meinen Augen definiert er die Aufgaben des Chefredaktors zeitgemäss: «Ich sage niemandem, er müsse irgendwie links oder rechts schreiben. Es gibt aber eine gewisse Grundphilosophie, die mir wichtig ist», sagt er im Interview mit «Edito»: «Es ist unvorstellbar, dass in ‹meiner› Zeitung ein Pro-Minarettsverbot-Kommentar erscheint […]. Wenn es um Grundrechte geht, übergeordnetes Menschenrecht, müssen wir auf dem Boden des Rechtsstaates bleiben. Auch wenn dies nicht immer kongruent damit ist, was angeblich Demokratie sein soll.»

Manche bezeichnen eine solche Haltung als linksliberal. In meinen Augen ist sie einfach vernünftig.

Sieber ist ein Chefredaktor, der mit Druck anscheinend umzugehen weiss. Und er hat einen Verleger, der vorbildlich zu sein scheint – auch wenn es sich dabei um den Journalistenschreck Hanspeter Lebrument handelt, der verantwortlich dafür ist, dass es keinen gültigen Gesamtarbeitsvertrag mehr gibt: «Hie und da trinken wir zusammen einen Kaffee», sagt Sieber über Lebrument: «dann erwähnt er manchmal, dass er wegen einem meiner Kommentare ein paar Anrufe hatte. Mehr nicht. Das ist der Vorteil in einer relativ kleinen, patriarchalisch geprägten Firma.»

Nicht nur Verleger Lebrument, auch CEO Andrea Masüger ist von Haus aus Journalist. Bei seinem letzten «Mediensatz» hatte ich allerdings den Eindruck, er habe dies vergessen. Er äusserte sich über die Widerstände von Zeitungsjournalisten gegenüber dem Online-Journalismus. Ich kenne diesen Widerstand aus eigener Erfahrung. Es ist der Widerstand der Übergangenen, deren Fachwissen man nicht in die Erarbeitung der Online-Strategie einbezieht. Die Besitzer des «Bund» hätten einst viel Geld gespart, wenn sie auf die Warnungen der Redaktion gehört hätten. Stattdessen verrannten sie sich damals in eine Online-Strategie, die mit Journalismus nichts zu tun hatte. Die Redaktion – als Gesamtheit – war damals schon so weit wie die Verlagsmanager heute: Computerbildschirme und Papier empfand man als Benutzeroberflächen. Eine Zeitung, das wussten wir schon damals, kann auf verschiedenen Wegen zu ihrem Publikum gelangen. Wichtig ist nicht das Material, sondern der Inhalt.

Gute Redaktionen misstrauen allem, vorab den vorherrschenden Meinungen in den eigenen Reihen, aber auch dem eigenen Verleger und dem Chefredaktor. Wenn das so ist, kann dieser ganz beruhigt sein. Die Zeitung wird gut.

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

4 Bemerkungen zu «Die Redaktion»

  1. Fred David:

    Sehe ich nach längerer Beobachtung aus der Distanz auch so. Hat vielleicht damit zu tun, dass ich auch CH-Ossi bin und die Welt nicht so furchtbar Tsüri-zentriert wahrnehme. Von der „Südostschweiz“ und dem Trio Lebrument-Masüger-Sieber kann man wirklich lernen. Ich bin übrigens weder Aktionär, Lokalpatriot noch kenne ich die drei bemerkenswerten Bündner Grinde persönlich.

    Am TV-Spot von Graubünden Tourismus mit den zwei selbstbewusst vor sich hin grummelnden Steinböcken „Gian“ und „Giachen“ ist wohl wirklich was dran.

  2. Mara Meier:

    Sieber und Lebrument sind keine „Bündner Grinden“. Masüger ist Deutschbündner.

  3. Andrea Masüger:

    Lieber Hanspeter Spörri, da hast Du mich missverstanden. Es ist klar, dass die Zeitungsredaktionen betreffend online abgeholt werden müssen. Unseren Newsroom mit der Print-Online-Redaktion funktioniert seit zwei Jahren bestens, weil die Journalistinnen und Journalisten definieren konnten, wie sie arbeiten wollen. Die Vorgabe war nur die Zusammenführung der Redaktion. In einer Arbeitsgruppe haben sie, unter Mithilfe eines Beraters, die Struktur und Arbeitsweise der neuen Redaktion definiert. Wir haben das also ganz bewusst „bottom-up“ und nicht „top-down“ gemacht, was die meisten Medienhäuser leider tun – und so prompt in die eigene Falle laufen.

  4. Hanspeter Spörri:

    Umso besser, lieber Andrea!

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