Empört Euch!

Ja, ich weiss, ich empöre mich leicht, auch ohne Manifest (was mir hier schon die Beschimpfung als Kreuzzüglerin eingebracht hat). Manchmal kurz, manchmal lang anhaltend. Wie bei diesem Thema, das jetzt halt wieder kommt: Die neue Zürcher Strichplatz-Ordnung, die Berichterstattung darüber, und den Mangel an Empörung, der darin zum Ausdruck kommt («NZZ», 28.11., «Tages-Anzeiger», 27./28.11.).

Denn das, worüber wir in Zürich anfangs dieses Jahres schändlicherweise abstimmen mussten, wird jetzt in die Tat umgesetzt: Die Regulierung des grenzüberschreitenden Frauenhandels, der den Zürcher Strassenstrich mit billigem Frischfleisch aus den Armutsgegenden Europas, vor allem aus den Roma-Ghettos Osteuropas versorgt.

Schon damals habe ich mich aufgeregt über die zynischen Sprachregelungen, mit denen Politik, Sozialarbeit und Medien dieses menschenverachtende Geschäft schönreden und das verbrecherische Elend unter dem Titel Sexarbeit und Sexgewerbe verharmlosen. Jetzt also − so die Pressekonferenz zum Zwischenstand − werden die «freiwilligen Sexarbeiterinnen» bald in ihre Verrichtungsboxen in die Industriezone gezügelt, wo die hiesigen Käufer dann ihr Recht auf Sex, also auf das Konsumgut Frau ausüben dürfen. In der übersichtlichen Boxhaltung lässt sich die Ware leicht begutachten, in den Einzelboxen dann bequem handhaben. Doch damit auf diesem kleinen, nach Altstetten outgesourcten Feld des freien Marktes nicht alles nur der Regelung durch die unsichtbare Hand überlassen wird, braucht es ein paar staatliche Kontrollen. Schliesslich, so Sozialvorstand Martin Waser, soll «die Würde und Gesundheit aller Beteiligten − auch der Freier» gewahrt werden.

Darum werden Frauenberaterinnen von Flora Dora abklären, «ob die Prostituierten auch wirklich aus freien Stücken ihrer Tätigkeit nachgehen». Das Gespräch ist obligatorisch und kostet die Prostituierten Franken 40.-. Dazu kommt eine tägliche Platzgebühr von Franken 5.-, am Automaten lösbar (aufgepasst: er «akzeptiert nur Franken, keine Euro, und es gibt auch kein Retourgeld»). Aber für diesen Betrag wissen die Prostituierten dann wenigstens, dass sie sich tagtäglich zwischen «19.00 und 05.00» völlig freiwillig von Dutzenden fremder Männer ficken lassen dürfen. Unter staatlicher Wahrung ihrer Würde … Ausserdem ist das immer noch billiger als das, was der «Flohmarktverkäufer auf dem Bürkliplatz für einen Laufmeter seines Stands» bezahlen muss. Was ein Journalist des «Tages-Anzeigers» – leichte Empörung – ein bisschen ungerecht fand.

Polizeivorstand Daniel Leupi war sich natürlich «wohl bewusst» – hört man ein Schmunzeln? –, «dass dieser Automat das Potenzial für ein Fasnachtssujet» habe. Ja klar, es soll auch Leute geben, die über Konzentrationslager-Witze lachen. Und so, wie «Tages-Anzeiger» und «NZZ» diese Pressekonferenz zur ordentlichen Verwaltung des Schreckens brav und kommentarlos wiedergeben haben, liegt der Gedanke an lustige Schlüpfrigkeiten nicht fern. Denn im Umgang mit Prostitution und Frauenhandel – auf dem globalisierten Markt kaum mehr zu unterscheiden – hat unsere Gesellschaft tatsächlich das allerletzte Schamgefühl verloren.

Wie Milieu-Anwalt Valentin Landmann, der tags darauf, ebenfalls im «Tages-Anzeiger», Werbung machen darf für das «Biotop mit Atmosphäre», das dort im Aussenlager des Strassenstrichs entstehen könne, wenn die Frauen es nur ein bisschen nett machen und sich «entsprechend präsentieren». Von einem «Gynodrom» schwärmt er, wo man in «einem Cafe-Container, in dem Freier und Prostituierte etwas trinken, das Treiben beobachten» kann. Gynodrom, eine Wortschöpfung zwischen klassischer Bildung und Zuhälter-Jargon: eine Art Rennbahn, aber statt Velos oder Hunden laufen dort einfach Frauen in allen Preisklassen. Unsere Pferdchen, wie der einheimische Zuhälter aus den betrauerten romantischen Rotlicht-Zeiten zu sagen pflegte.

Zufällig stosse ich am gleichen Tag, wie immer bei solchen Sendungen spätabends, auf eine Dokumentation über den traditionellen und noch immer weitverbreiteten Mädchenmord in Indien («Indiens ungewollte Töchter», ZDF, 27.11.). Dort ist die Armut grösser als in den armen Gegenden des reichen Europa. Man tötet die Mädchen deshalb gleich als Säuglinge, damit man sie später nicht mit einer teuren Mitgift abstossen muss. Die Mütter, die sich dagegen auflehnen oder weiterhin nur Mädchen zur Welt bringen, werden geächtet, verstossen und landen meist in der Prostitution. Die 85-jährige Rosi Gollman, die seit Jahrzehnten mit einer deutschen Entwicklungsstiftung in Dörfern und Slums hilft, sagt, die Frauen seien hier nichts als Gebärmaschinen und Arbeitstiere. Verlinken Sie das bitte selbst mit meiner morgendlichen Zeitungslektüre.

Pia Horlacher war Film- und Kulturredaktorin beim Schweizer Fernsehen, bei der «NZZ» und bei der «NZZ am Sonntag». Als Mitglied des Presserats befasst sie sich auch mit Medienfragen.

von Pia Horlacher | Kategorie: Mediensatz

10 Bemerkungen zu «Empört Euch!»

  1. Marc Ronner:

    mir sind diese Gedanken Pia Horlachers auch durch den Kopf geschossen, als ich von den Boxen hörte. Da werden die Frauen tatsächlich zur „Ware“. Die Bilder kommen mir vor, wie Startmaschinen an den Pferderennen . . . Traurig!

  2. Isabel Sele:

    Sehr eindrücklich und umfassend geschrieben – danke dafür und chapeau!!

  3. Hertha Dreyer:

    Ich weiß nicht ob ich weinen soll oder kotzen.

  4. Tatsächlich: Ihr Text bringt ans Licht, wie wir als Gesellschaft Missstände in verbeamtete Worthülsen stecken und uns auf dem Weg in unserer abgestumpften Gleichgültigkeit entlarven, die wir womöglich für Toleranz halten.

    Und: Gynodrom – das ist ja ein Wort, da braucht man gar keinen Text mehr dazu zu schreiben. Ausser natürlich der „Übersetzung“.

  5. Alex Baur:

    Schade, dass die Kritik erst jetzt kommt – als über die Verrichtungsboxen (welch schrecklicher Begriff) abgestimmt wurde, gab es leider nur von Seiten der SVP Opposition.

  6. Mara Meier:

    Es mieft durch die Jahrhunderte dieses scharfe, böse Repressions-Düftchen der sinnesfeindlichen Provinz, die sich weltmännisch gebärdet wegen der drei Engländer, die im Tram sitzen und dem todernsten Griesgram das Gefühl geben, Sinn für Humor sei ansteckend.

    Die mit der Velopumpe aufgeblasene Provinz, die tut, als ginge es ums rechte Mass, um unser aller Wohl und das Fortkommen der Gerechten und Emanzipierten. Niemand geht mehr zur Predigt, weil alle aufgeklärte, laizistische Pfarrherren und -herrscherinnen geworden sind.

    Das transparente, objektivierbare Gewand des Szientismus ist recyclebar, of course. Bio-vegan-gerecht-atheistisch-vollmenschlich. Mit Rundum-Genderbewusstsein. Dabei steht alles zur Diskussion, jeder einzelne Wert ist verhandelbar, weil relativ. Weil wir es uns wert sind. Und die richtigen Studien nicht widersprechen.

    Frühneuzeitliche Zucht- und Ordnungsmassnahmen zwinglianischer Prägung wehen über die Limmat ins Jahr 2012 und ins offene Büro voller Licht und abstrakter Kunst und transparenten Stühlen der Firma Kartell, üppig Futter für alle Perversionen, die anale Fixierung und ihre hypertrophe Umkehr im Keller. Steifheit und Heuchelei der Kleingeister gepaart mit barer Menschenverachtung. Preisgabe humanistischer Ideale und christlicher Werte.

    Das Schweigen der Beobachter, die gerade in ihrer Blase twittern.

    Herabwürdigung der Ware Frau, ein billiges Industrieprodukt mit drei Öffnungen und zwei Händen, als Konsequenz eines entfesselten Kapitalismus, der so gut verwachsen ist mit uns wie unsere Ohren, unsere Nase, unser Genital.

    Der Automat schluckt Franken, gibt kein Rückgeld. Wer staunt, lügt.

    „Gynodrom“. Pornographisches Stereotyp. Topos. In viele Köpfe hineinmultipliziert, die sich dagegen verwahren und alles wollen, nur nicht Teil sein dieser Unkultur. Eine Pornophantasie virtueller Dimension, in die Wirklichkeit getragen und ermöglicht von denen, die es so saumässig gut meinen und deshalb alles verbieten oder regulieren in der Meinung, die zwiespältige Natur des Menschen sei kurierbar, der Mensch werde irgendwann eindeutig gut. Als seien wir Verstandeswesen.

    Der Psychoanalytiker lacht bitter, seine Kundschaft bleibt aus. Längst hat die Wissenschaft bewiesen, dass auch „die Kur“ ein grosser Humbug ist.

  7. Gabriela Schwitter:

    Liebe Frau Horlacher.

    Es gibt doch empörte Stimmen im Rotlicht-Umzug. Etwa Andrea Gisler von der Zürcher Frauenzentrale. Sie hat unlängst öffentlich ein Prostitutionsverbot verlangt. Leider hat sie es nicht geschafft, wenigstens eine Diskussion anzustossen. Wer solche Sachen fordert, wird schnell als Moralist hingestellt.

    Auch schade, dass nur Frauen sich empören. Ich finde, jetzt sollten mal ein paar kluge Männer in die Hosen steigen.

    Grüsse
    Gabriela Schwitter

  8. Pingback: Warum man Prostitution verbieten sollte | SILVER TRAIN

  9. Romana Ganzoni:

    Zu den Sexboxen, liebe Frau Horlacher, meine Frage: Warum nicht jedem seine Box?

    Hier:

    http://zeitnah.ch/6234/deine-box-meine-box-die-box-ist-fuer-alle-da-romana-ganzoni-ueber-sexboxen-illustrierte-und-foucault/

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