Long- und Mediumreads zur [fill in the blank]-Krise

von Martin Hitz | Kategorie: Medienschau

16 Bemerkungen zu «Long- und Mediumreads zur [fill in the blank]-Krise»

  1. den schirrmacher hab ich mir eben angetan. was für ein gejammer. und journalistisch nicht sehr lupenrein, wie herr knüwer ausführt:
    http://arlesheimreloaded.ch/macht-euch-nichts-vor-jetzt-kommt-das-ganz-grossen-redaktionsstellenstreichen/

  2. Thomas Läubli:

    Und ich habe mir soeben den Hogenkamp angetan. Wie kann man heute noch mit der “unsichtbaren Hand” argumentieren, wenn man nicht verstanden hat, dass auch Adam Smith diese nur unter der Voraussetzung einer moralischen Gesellschaft gelten lässt? Der wichtigere Einwand, der das ökonomistische Argumentieren selber unterminiert, ist jedoch der folgende: Von einer unsichtbaren Hand kann auch nur dann die Rede sein, wenn das Angebot einen monetären Wert hat, der sich verrechnen lässt. Gratisprodukte müssten rein mathematisch eine Funktion ergeben, die nicht definiert ist. Was gratis verteilt wird, kann also per definitionem gar nicht in die Ökonomie einbezogen werden. Es ist wie mit den Geschenken an Weihnachten: Man nimmt sie nicht entgegen, weil man sie unbedingt haben wollte.

  3. Skepdicker:

    “Von einer unsichtbaren Hand kann auch nur dann die Rede sein, wenn das Angebot einen monetären Wert hat, der sich verrechnen lässt. Gratisprodukte müssten rein mathematisch eine Funktion ergeben, die nicht definiert ist. Was gratis verteilt wird, kann also per definitionem gar nicht in die Ökonomie einbezogen werden.”

    Falsch. Gratisprodukte werden sehr wohl in die Ökonomie einbezogen. In einem einfachen Preis-Mengen-Diagramm (Preis = Abszisse, Menge = Ordinate) entspricht die Nullstelle der Nachfragefunktion beispielsweise der Sättigungsmenge. Es werden übrigens auch negative Preise ökonomisch analyisert. Man könnte beispielsweise empirisch untersuchen, welchen Geldbetrag man Ihnen zahlen müsste, damit Sie ein Konzert von Francine Jordi besuchen.

    Ob ein Gut gratis ist oder nicht, ändert an der Analyse nichts. Es gilt: Der Konsument greift zu, wenn gilt: Grenznutzen > Grenzkosten.

  4. Thomas Läubli:

    Von wegen Analyse: Das zeigt nur, wie weltfremd gewisse Ökonomen mit ihren abghobenen Theorien denken. Ich könnte mich ja weigern, das Konzert für jedweden Betrag zu besuchen, weil ich mich nicht bestechen lassen will. Oder eine Organspende nicht annehmen, weil sie von einem für diese Zwecke getöteten minderjährigen Mädchen aus Pakistan stammt. (Hier gilt: Moral > Ökonomie.) Aber der Punkt ist ja, dass der Nutzen eines Gratisguts damit gar nicht erfasst wird. Wenn Leute irgendwo Flyer oder Bibelsprüche verteilen oder ich irgendwelche Werbung im Briefkasten habe, landet das meiste ungelesen im Abfall. Ich habe nicht danach gefragt, also kann von Nachfrage keine Rede sein und die Frage nach dem Nutzen stellt sich gar nicht. Darum ist auch der Inhalt der Gratis- und Onlinezeitungen nicht in Nutzenwerten erfassbar.

  5. Skepdicker:

    Für die ökonomische Theorie ist es kein Problem, wenn Sie sich zu jedwedem Betrag weigern, ein Francine-Jordi-Konzert zu besuchen. In diesem Fall ist ihr negativer Grenznutzen (besser: Grenzschaden) unendlich. Da Nutzen ein ordinales Konzept (d.h. nicht kardinal) ist und nicht in Geldeinheiten gemessen wird, würde dies bedeuten, dass Sie beispielsweise lieber brutalste Folter über sich ergehen lassen würden.
    Auch Ihre Ablehnung der “Organspende” des pakistanischen Mädchens ist ökonomisch trivial. Die Ökonomie macht keine Aussage darüber, wie Präferenzen von Individuen sein sollen. Präferenzen sind abhängig von Moral, Ethik, sozialem Umfeld, Tradition etc. und werden von Ökonomen als gegeben betrachtet. Wenn Sie den Tod besagter “Organspende” vorziehen würden, dann ehrt sie dies. Ihre moralische Haltung in dieser Frage ist jedoch Teil der Ökonomie, kein Widerspruch zu ihr: In Indien bietet McDonald’s keine Rindfleischerzeugnisse an, weil kaum Nachfrage danach besteht. Ganz offensichtlich sind die Gründe für die kaum vorhandenen Nachfrage religiös-moralischer Natur. Kann man deshalb behaupten: Religion > Ökonomie? Nein. Alle Faktoren, welche die Präferenzen der Individuen bestimmen bzw. beeinflussen, fliessen in die Nutzenfunktionen der Individuen ein. Oder anders: Wären alle Menschen moralisch so erhaben wie Thomas Läubli, dann müsste man sich nicht Gedanken darüber machen, wie das Gemeinwesen illegalem Organhandel beikommen will. Siehe z.B. die Erkenntnisse von Roth und Shapley zur Organtransplantation (“Wirtschaftsnobelpreis” 2012), .

    Zu den Gratiszeitungen: Ja, Nutzenwerte sind generell schwer erfassbar (nur ordinal, nicht kardinal). Wenn Pendler eigenhändig eine Gratiszeitung aus einer Box nehmen, dann muss der Nutzen jedoch > 0 sein. Wer nicht blind ist, der wird auch zugeben müssen, dass die Gratiszeitungen durchaus gelesen werden. Die Leser von Gratiszeitungen haben schlicht andere Präferenzen als Thomas Läubli. Womöglich hören sie sogar andere Musik als Thomas Läubli, essen andere Dinge als Thomas Läubli und bevorzugen andere Sexualpraktiken als Thomas Läubli. Warum kann Thomas Läubli diese Präferenzen nicht einfach akzeptieren und schliesst immer wieder von den eigene Vorlieben auf den Durchschnitt?

  6. Thomas Läubli:

    Ich habe mir schon gedacht, dass für den “Skeptiker” die Ökonomie eine heilige Kuh ist und allem anderen steht er skeptisch gegenüber. Man packe die Präferenzen der Individuen einfach in die Nutzenfunktion, damit sie mit dem Marktfundamentalismus übereinstimmen. Wenn doch Moral angeblich schon integriert ist, warum kann man dann überhaupt diese Frage stellen: “Wären alle Menschen moralisch so erhaben wie Thomas Läubli, dann müsste man sich nicht Gedanken darüber machen, wie das Gemeinwesen illegalem Organhandel beikommen will”? Dann wäre gemäss Theorie die moralische Entrüstung inexistent, sobald die Menschen sich plötzlich Gedanken machen oder ihnen plötzlich jemand sagt, dass es Hundefleisch statt Rinderbraten war.

    Damit ist auch diese Bemerkung obsolet: “Warum kann Thomas Läubli diese Präferenzen nicht einfach akzeptieren und schliesst immer wieder von den eigene Vorlieben auf den Durchschnitt?” Denn die Prämisse lautet erstens offenbar, dass die Entscheide des Durchschnitts auch gut für alle anderen sind. Nun, die alten Römer haben sich mit ihrem Leitungswasser vergiftet. Und Präferenzen (und damit Preise) werden auch nicht demokratisch bestimmt, sondern von Peergroups. Der Journalismus war einmal ein Geschäft für eine bestimmte Peergroup, die sich für einen angemessenen Preis gefilterte Informationen über verschaffen wollte. Diese Geschäft wurde durch die Kannibalisierung der Gratiszeitungen zerstört, und man musste den Preis annihilieren, damit überhaupt noch jemand den Schrott liest (das würde sogar aus Ihrer Theorie folgen). Aber es ist nett zu wissen, dass sie sogar zur Folter bereit wären, um mich zur Popmusik zu bekehren. Also gilt bei Ihnen: Religion > Ökonomie.

    Und drittens wurde immer noch nicht geklärt, ob es sich bei der Lektüre der Gratiszeitungen tatsächlich um Präferenzen handelt. Ich kann ja nur etwas bevorzugen, was ich auch wirklich will, sonst ist es ein Zwang, und der ist in Ihren Kreisen bekanntlich freiheitsfeindlich. Sie sehen, es geht nicht mehr um freiwilligen Tausch, sondern nur noch um Macht. Ich habe mich übrigens köstlich amüsiert über diesen kürzlich erschienen Artikel, der behauptete, dass sich Weihnachtsgeschenke ökonomisch nicht lohnen. Man habe herausgefunden, dass der Beschenkte für das Geschenk weniger zu zahlen bereit wäre. Naja, insofern die Kassen klingeln und das Geld für Sinnloses ausgegeben wird, lohnt sich das Weihnachtsgeschäft allemal. Was für den Anbieter nützlich ist, ist für den Käufer und den Beschenkten irrational, was letztlich belegt, dass hier “Nutzen” äquivok gebraucht wird.

    Ich halte übrigens Leute für dumm (= virtuelle Opfer) und unanständig, die es unter einem Decknamen ausnutzen, den bürgerlichen Namen einer anderen Person 100mal zu wiederholen. Man diskreditiert sich so nur selber…

  7. Thomas Läubli:

    Noch zu Ihren paar Sätzen ab “Nutzenwerte sind generell schwer erfassbar”: Ja, es ist überhaupt strittig, inwiefern sich Konzepte wie Wissen, Kunst, Lebensqualität u.ä. so erfassen lassen, wenn sie doch gemäss Ihnen völlig subjektiven Präferenzen entspringen. Nimmt der Pendler die Zeitung, weil er sich Wissen erwerben will (Nutzen > 0)? Sie behaupten wahrscheinlich “Ja” und sagen mir dann, dass es keine Rolle spielt, ob es sich um Wissen à la NZZ handelt oder um Soft-News (weil die Leser von Gratiszeitungen schlicht andere Präferenzen als Thomas Läubli haben). Also sind die Gratiszeitungen überlegen, wenn sie auf mehr Resonanz stossen. Sie blenden also systematisch aus, dass (a) gewisse Werte wie Qualität nicht verrechenbar sind (auch nicht auf einer ordinalen Skala), (b) dennoch die Gesellschaft jenseits des ökonomischen Nutzens beeinflussen, (c) eine Gesellschaft Fortschritte machen will (Wissenserwerb, Training der Sinnesorgane, Politik), (d) Präferenzen durch Peergroups gesteuert werden (Reiche/Arme, Elite/Normalbürger, Intelligente/Andersintelligente), (e) somit nur ceteris paribus Gültigkeit haben und (f) das Gratisgeschäft (analog zu Discountern) quersubventioniert wird, also (g) mithin den Markt verzerrt und (h) nicht nur in ökonomischer Hinsicht vom anderen Geschäft schmarotzen, sondern (i) auch ideell.

  8. Mit guten Gründen öffnet sich die Ökonomik selbst in Chicago wieder, interessiert sich vor allem für Präferenzen und befreit damit das verkürzte Handlungsmodell des homo oeconomicus, während Skepdicker hier dem hard-core-Modell verhaftet bleibt (und in seine Fallen tappt). Wenn dieser Deckname irgendetwas mit Skeptizismus zu tun hat, ist das zusätzlich erstaunlich, weil dieser Denkhabitus erst in Auseinandersetzung mit Handlungspräferenzen Sinn macht.

  9. Markus Schär:

    Lieber Thomas Läubli, weil Sie sich hartnäckig weigern zu verstehen, was Skepdicker (aus welchen Gründen auch immer anonym) hier einfach und einleuchtend zu erklären versucht, mache ich es halt als ökonomisch schnellgebleichter Phil-I-Schöngeist noch mal unanonym und so simpel wie nur möglich: Die Ökonomie (die, wie Humanisten wissen, bekanntlich von der Haushaltführung kommt) ist die Lehre vom Umgang mit knappen Gütern, also beispielsweise auch Zeit, Aufmerksamkeit, Zuwendung. Ihr wohl wichtigster Satz sagt: Wenn wir etwas bekommen wollen (Nutzen), müssen wir etwas anderes dafür hergeben (Kosten) – und sowohl Nutzen als auch Kosten gehen seit Adam Smith weit über das Monetäre hinaus.

    Und lieber Kurt Imhof: Auf welchem Stand ist Ihr Wissen, wofür sich Chicago “wieder interessiert”? Was das Hard-Core-Modell von Skepdicker, aber auch Ihre Präferenzen angeht, ist alles zum Beispiel bei Gary S. Becker nachzulesen: Er lehrte seit 1951 (mit Friedman) in Chicago, gab 1976 “The Economic Approach to Human Behaviour” und 1996 “The Economics of Life” (übrigens eine Sammlung von Magazin-Kolumnen) heraus und bekam 1992 den Nobelpreis. Also nochmals: Was genau gibt es Neues in Chicago? (Meinen Sie etwa, was ich kürzlich von Hansjörg Siegenthaler hörte: In der Ökonomie geht es um Werte, diese Werte=Präferenzen sind aber kulturell geprägt? Das ist ein spannender Ansatz, aber problemlos sogar ins Hard-Core-Modell integrierbar.)

    Der beste Lesetipp für beide ist wohl “Discover Your Inner Economist” von Tyler Cowen (und sein Blog Marginal Revolution). Er erklärt nicht nur, wie er seine Kinder zum Abwaschen motiviert (am besten nicht monetär), sondern auch, dass er manchmal mehrmals im Tag aus einem Kino rausläuft: Vergiss den Eintrittspreis (die Ökonomie spricht von “sunk costs”) – entscheidend ist nur noch, was der Film bringt (an so Unmonetärem wie Unterhaltung, Einsichten, Gefühlen) und was er kostet (an Ärger, Angeödetheit, Langeweile).

  10. Skepdicker:

    An Thomas Läubli: Die Nutzenfunktionen werden aus den beobachteten Entscheidungen von Individuen modelliert (Revealed-Preference-Theorie). Es sind also die individuellen moralischen, ethischen und religiösen Werte von Individuen in Nutzenfunktionen enthalten – und nicht DIE Moral (definiert durch wen?). Ausserdem sind nicht die geäusserten Moralvorstellungen (d.h. die geheuchelten) relevant, sondern diejenigen, die sich in Handlungen ausdrücken. In der ökonomischen Modellwelt gibt es also Phänomene wie Pornographie, Prostitution, Diebstahl, Gotteslästerung, weisse Socken, Rotwein aus Kartons und sogar Pädophilie sowie Gratiszeitungsleser(!). Was dies mit “Marktfundamentalismus” oder “Hard-Core-Modellen” zu tun hat, leuchtet mir nicht ein.

    Weiter behaupte ich nirgends, dass die (Konsum-)Entscheidung des Durchschnittsbürgers auch gut für alle anderen sei (als Philosoph wissen Sie ja eigentlich, dass Sie hier ein Strohmann-Argument benutzen). Ich behaupte aber sehr wohl, dass die (Konsum-)Entscheidung von Thomas Läubli nicht ubedingt gut für alle anderen ist. That’s it.

    Zu Ihrem zweiten Eintrag:
    (a) Ja, Werte wie Qualität sind nicht verrechenbar. Manchmal haben Menschen Lust auf ein Billigst-Dosenbier, wenn im Keller noch ein hervorragender Rotwein lagert. Sie kaufen dann an der Tankstelle ein Dosenbier – keinen Weisswein, kein Mineralwasser, kein Gipfeli, keine NZZ und kein Benzin. Damit geben sie kein Statement über Qualität ab. Sie belegen aber zweifelsfrei, dass sie gerade in diesem Moment (gegeben die Preise und ihr Budget) Dosenbier bevorzugen. Ist das nun logisch-trivial, marktfundamentalistisch oder Hard-Core?

    (b) Jeder Nutzen auf dieser Welt ist ökonomisch. Da Geld bekanntlich stinkt (besonders in jenen Zirkeln, die es von der Gemeinschaft am lautesten fordern) und “Ökonomie” mit Geld assoziiert wird, negieren Sie das natürlich. Sie unterschlagen dabei, dass die Ökonomie nicht annimmt, dass der modellhafte homo oeconomicus seinen materiellen Wohlstand maximiert. Er maximiert seinen Nutzen, der wiederum von den individuellen Präferenzen abhängt. Je nach Präferenzen schert sich der homo oeconomics einen Dreck um Geld.

    (c) Natürlich will “die Gesellschaft” “Fortschritte” machen (wobei dies nicht für alle Individuen gilt!). “Die Gesellschaft” will anscheinend aber auch Gratiszeitungen lesen, Dosenbier trinken und Lady Gaga hören. “Die Gesellschaft” scheint kein modernes Sparta zu wollen. Dies zeigt sich durch individuelle Entscheide, die nicht durch Kollektiventscheidungen (“die Gesellschaft”) verboten wurden.

    (d) Es ist völlig klar, dass Präferenzen nicht in einem Vakuum entstehen. Haben Sie eine Methode, wie man “genuine” von “gesteuerten” Präferenzen unterscheiden kann? Sind womöglich gar Ihre Präferenzen “gesteuert”?

    (e) Nein, aus (d) folgt nicht, dass Präferenzen nur ceteris paribus Gültigkeit haben. Myriaden von Faktoren wirken auf die Präferenzen ein und die Präferenzen ändern sich in jeder Nanosekunde. Die Präferenzen eines Pädophilen oder eines durch Werbung versauten Konsumzombies sind nicht weniger Präferenzen als diejenigen von Pfarrer Sieber. Sie vermischen positive und normative Aussagen.

    (f) Fälle von “Quersubventionierungen” zwischen Produkten findet man überall. Oftmals werden übrigens nicht sonderlich rentable Prestige-Produkte (z.B. Financial Times Deutschland, The Washington Post) durch rentablere Nasenrümpf-Produkte finanziert. Manager und Unternehmer maximieren eben auch nicht nur monetäre Gewinne. “20 Minuten” soll übrigens einen Gewinn im einstelligen Millionenbereich erwirtschaften.

    An Prof. Imhof: Dass der homo oeconomicus (wie alle Modellmenschen) nicht existiert, wird jedem VWL-Studenten immer wieder eingepaukt. Und es steht in jedem VWL-Einführungslehrbuch. Krugman schrieb zu Ihrem Einwand treffend: “The economist who truly believes in individual rationality is as much a fiction as homo economicus himself.” Das ändert aber nichts daran, dass man bei der Planung eines städtischen Parks mit dem homo oeconomicus ziemlich gut prognostizieren kann, wo trotz Verboten dereinst Trampelpfade den schönen Rasen verunstalten werden.

    Zu meinem “Decknamen”: Ich unterstehe der Benotung durch Professoren bzw. Assistenten und bin an einer Universität angestellt. Da es in einigen geisteswissenschaftlichen Soft-Core-Fächern unumgänglich ist, durch weltanschauliches Kuscheln mit dem Professor die Note zu optimieren bzw. die Verlängerung des Arbeitsverhältnisses zu erwirken, verzichte ich hier auf die Nennung meines bürgerlichen Namens.

  11. Niemand (ausser den direkt Beteiligten) hat noch Lust, dieser völlig abgehobenen «Diskussion» zu folgen. Da dies hier der Medienspiegel ist und nicht der Ökonomenspiegel, sollte man zurück gehen zu der Stelle, an der von Medienprodukten die Rede war. Es ist Läublis Verdienst, dass er Hogenkamps Text genau gelesen hat. Auch wenn Läubli kein Ökonom ist (und er muss es auch gar nicht sein, denn wir sind hier nicht in einem wirtschaftswissenschaftlichen Seminar), hat Läubli in einem Punkt recht: Hogenkamps Blogtext mit dem Hinweis auf die «unsichtbare Hand des Marktes» enthält einige wacklige Behauptungen:

    1. Was «am besten für mich ist», muss keinesfalls «in der Summe zum besten für die Gesellschaft» sein. So simpel ist die Welt nicht, und neoliberale Glaubenssätze bringen uns nicht weiter. Wenn ich das Geld für ein Zeitungsabonnement spare, kann ich es für etwas anderes ausgeben, von dem ich vielleicht glaube, dass es «am besten für mich ist». Doch dann bin ich ungenügend informiert über politische Zusammenhänge. Das wiederum ist sicher nicht «zum besten für die Gesellschaft».

    2. Merkwürdigerweise streift Hogenkamp diesen Punkt nur ganz kurz, indem er Bekannte erwähnt, für die «der Nutzen nicht mehr gestimmt hat». Warum? Dazu schreibt Hogenkamp seltsamerweise nichts. Im Kommentarfeld meines Blogs geht Hogenkamp erfreulicherweise einen Schritt weiter: «Die Leute wollen keineswegs alles gratis, sondern sind bereit, gern zu zahlen (wie über 12’000 Digital-Abonnenten der NZZ beweisen), wenn sie einen Zusatznutzen gegenüber der Gratiswelt erkennen. Unsere Aufgabe ist es, den herauszuarbeiten, und es so gutes «Bündel» anzubieten, dass die Abonnenten bei der Stange bleiben.»

  12. Skepdicker:

    Ihr erster Punkt (Differenz zwischen individuellem und sozialem Optimum) ist in der abgehobenen Hard-Core-Ökonomenwelt völlig unbestritten. Das nennen nationalsozialistische, sozialistische, kommunistische, neoliberale, anarchistische, klassisch-liberale, grüne, grünliberale, konservative, sozialdemokratische, sozialliberale, faschistische und unpolitische Ökonomen “externe Effekte”.

    Weil der Demos annimmt, dass bei der Presse solche positiven externen Effekte vorherrschen, wird die Postzustellung von 1’222 Publikationen mit 50 Mio. CHF durch den Bund subventioniert. Weiter wird die Presse mit einem reduzierten Mehrwertsteuersatz von 2.5% subventioniert (“Steuergeschenk!”). Bei einer NZZ dürfte die Mehrwertsteuersubvention immerhin knapp 4 Mio. CHF betragen. Auch wird das MAZ durch die SRG (d.h. Billag), Stadt und Kanton Luzern sowie das BAKOM unterstützt. Es liegt am Demos, darüber zu entscheiden, ob diese Subventionen weiter ausgebaut werden sollen. Es ist völlig legitim, dass die Pressevertreter bzw. Rentseeker ihre Eigeninteressen vertreten (“Lobbyismus!”) und den gesamten geisteswissenschaftlich-journalistischen Komplex mobilisieren. Etwas weniger Pathos und weniger Drohungen mit dem Untergang des Abendlandes wären aber angebracht, wenn es um Interessen gewinnorientierter Unternehmen geht (“Proftimaximierung!”).

    Was ich mich immer wieder frage: Warum gründet die CH-Citoyen-Elite um den “Club Hélvetique” und den Verein “Unser Recht”, deren Mitglieder ja nicht gerade am Hungertuch nagen, keine Stiftung, die vielfältige, relevante, aktuelle und professionelle Presse fördert oder gar herausgibt? Wenn es um die Rettung der Demokratie geht, dann hat dies doch Priorität vor dem eigenen Weinkeller und dem Erbe der verwöhnten Balgen! Aux armes, citoyens! Formez vos bataillons!

  13. Guter Punkt Skepdicker! Und noch besser: Die Stiftung gibt es. Stiftung Öffentlichkeit und Gesellschaft; Bankverbindung: ZKB Zürich-Oerlikon – Kontonummer: 1100-1997.531 – Postkonto Bank: 80-151-4
    IBAN: CH28 0070 0110 0019 9753 1 Bankenclearing-Nr. 700 SWIFT: ZKBKCHZZ80A
    Ausser bei Einladungen trinken wir den Wein nur noch aus dem Tetrapack: Qualitätseinbussen für Qualitätsgewinne, das sind revolutionäre Präferenzen.

  14. Thomas Läubli:

    Sogar die NZZ nimmt neuerdings in ihrer Werbung für eigene Bücher Abschied vom homo oeconomicus. Der Skepdicker muss in einer Parallelwelt leben. Ich kann hier nur eine repräsentative Stimme zitieren:

    «Wir müssen die Ökonomie wieder stärker als Geistes- und Sozialwissenschaft verstehen. Es war ein Fehler, dass wir dachten, durch eine Mathematisierung allgemeingültige Gesetze formulieren zu können. Der Homo oeconomicus, also die Annahme eines rational entscheidenden Menschen, ist nach wie vor ein gutes Hilfsmittel, um Verhalten und Marktmechanismen zu erklären. Aber zuerst müssen wir klären, was wir mit «Rationalität» überhaupt meinen. Bewertungen sind von Mensch zu Mensch und von Zeitpunkt zu Zeitpunkt unterschiedlich.»

    Quelle: «Zeiten des Sonderfalls sind vorbei», Interview mit Thomas Straubhaar, in: NZZ am Sonntag vom 30. 12. 2012.

    Wenn die Ökonomie ein Hilfsmittel ist, dann sollte man sie auch als solche behandeln und nicht überschätzen. Es ist wie mit physikalischen Gleichungen: Man kann sie zur Herstellung von Energie gebrauchen oder man kann damit die Menschheit zerstören. Es kommt darauf an, welche Ziele und Zwecke man damit verfolgt. Und diese werden leider verfehlt, wenn man den Menschen als naturwissenschaftliches Objekt missversteht, das man nach seinen eigenen Zwecken modellieren möchte, um nur Profit für die eigene Tasche zu machen.

  15. Skepdicker:

    An den qualitätsniedrigen Leser Thomas Läubli:
    In meiner Parallelwelt habe ich am 2. Januar 2013 dies geschrieben: «Dass der homo oeconomicus (wie alle Modellmenschen) nicht existiert, wird jedem VWL-Studenten immer wieder eingepaukt. Und es steht in jedem VWL-Einführungslehrbuch. Krugman schrieb zu Ihrem Einwand treffend: “The economist who truly believes in individual rationality is as much a fiction as homo oeconomicus himself.”»

    An Kurt Imhof: Warum die Kohle in Loge & Bedienstete von Statler und Waldorf investieren, wenn das Geschehen auf der Bühne nicht überzeugt? Montez sur scène, citoyens!

  16. Thomas Läubli:

    Wenn der Herr Skepdicker sich nicht outen will, dann ist eher er qualitätsniedrig. Er stilisiert sich zum von der bösen Uni unterdrückten Anonymus empor. Vielleicht ist ihm entgangen, dass auch ich in sozialer Hinsicht viel zu verlieren habe, besonders wenn ich jene Firmen kritisiere, die mich beruflich fördern könnten. Das Argument mit der Anonymität ist daher gleichbedeutend damit, keine Zivilcourage zu haben. So empfindlich, wie Sie das darstellen, sind die Leute in der Regel nicht.

    Was Sie da noch schreiben, ist doppeldeutig: Ob man den homo oeconomicus als nichtexistent betrachtet, weil er nur ein Modell ist oder weil sich der Mensch tatsächlich nicht ökonomisch verhält, sind zweierlei Dinge. Wenn Sie am 2. Januar unter Punkt (b) schreiben, dass jeder Nutzen ökonomisch ist, aber das Modell auf jeden Fall den Nutzen maximiert, möchten Sie offensichtlich das Modell mit der Wirklichkeit kurzschliessen. Sie können mir nämlich nicht erklären, wie Sie vom individuellen Nutzen auf den gesellschaftlichen Nutzen kommen. Wenn Sie aber nur ersteren berücksichtigen, haben Sie einfach die Summe der individuellen Nutzen, und wie wollen Sie diese als Anbieter nun verrechnen? Sie können in einer Zeitung proportional gewünschte Themen abbilden, aber dann werden Sie den Nischen-Leser (der ja bei einer nicht-fachlichen Qualitätszeitung die Regel darstellt) verärgern. (Es ist wie beim Durchschnittsgesicht aus für schön empfundenen Gesichtern, dem aber die Originalität fehlt und das demzufolge langweilig ist.) Oder Sie können sich sagen, ich will nicht einfach das bringen, was alle erwarten (denn dann ist die Information = 0), sondern den Leser überraschen. Und ich drucke auch Artikel, die nur ein spezielles Publikum interessiert (z.B. Mathematik-Kolumnen)in der Hoffnung, die Gesellschaft für MINT-Fächer zu begeistern.

    Wenn ich zudem Gratiszeitungen oder McDonalds bevorzuge, nicht weil sie den besseren Inhalt haben, sondern weil sie einfacher zugänglich (eben billig oder gratis) sind, ist damit nichts über den Nutzen gesagt. Ich habe einfach zwei mögliche Motivationen, über die nun der Ökonom zu behaupten scheint, dass die eine zutrifft, die andere nicht. Das gilt eben nicht nur für monetäre Werte, sondern auch für Fähigkeiten. Es ist kompatibel mit der Nutzenmaximierung, dass ich mir sage, Sport würde mir gut tun, ich habe aber mehr davon, zuhause auf dem Sofa zu liegen und Dosenbier zu trinken. Also maximiere ich meinen Nutzen, indem ich ihn nicht maximiere. Wenn Sie nicht berücksichtigen, dass die Zweckrationalität nichts über die geeigneten Zwecke aussagt, können Sie weder das Bootstrapping-Paradox noch Phänomene wie Willensschwäche, Altruismus oder Verschwendung erklären.

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