Runaway-MAZ

Was kostet es eigentlich so, eine ganze Schule zu zügeln? Inklusive Mobiliar, Schüler, Lehrer, Bibliothek und Pausenabwart. Diese Frage stellte ich mir heute bei der Lektüre des Artikels «Aargau und Basel als mögliche MAZ-Standorte» (NZZ.ch; Achtung, Paywall). Die renommierteste Journalistenschule der Schweiz prüft mal wieder den Wegzug aus Luzern, weil ihr das dortige Stadtparlament einen Zustupf von 50’000 Franken streicht.

Über Sinn und Unsinn dieser Sparübung lässt sich trefflich streiten. Persönlich scheinen mir 50’000 Franken − schon allein aus Stadtmarketinggründen − ein mehr als vernünftig investierter Betrag zu sein. Hinzu kommt der sentimentale Langzeiteffekt: Heerscharen von Journalistinnen und Journalisten, die noch in den entferntesten Winkeln der Welt von den «good old days» am MAZ erzählen werden. Oder auch nicht. Der eine oder andere «Kastanienbäumler» wird aber bestimmt Reisejournalist.

Ich beobachte den ganzen Konflikt ja wirklich nur aus der Weltallperspektive. Dennoch macht mich der Poker um die 50’000 Franken, das Drohen mit dem Wegzug nach Baden, Basel oder weiss der Teufel wohin, inzwischen etwas hibbelig.

Oder Halt! Ich finde es eigentlich sogar eine ziemlich erpresserische und kleingeistige Haltung. Ein Medienausbildungszentrum, das für einen Masterlehrgang 20’000 Franken verlangt, über eine ansehnliche Sponsorenliste verfügt und im letzten Jahr gemäss Jahresbericht (PDF) auf der Einnahmenseite rund 4,4 Millionen Franken an Kursgeldern und von den Kantonen noch einmal gut 300’000 Franken an Schulgeldern verbuchen durfte, ergreift die Flucht?

Es ist ja nicht so, dass den MAZ-Verantwortlichen jeglicher «Geschäftssinn» abgehen würde. Seit einigen Jahren bieten sie neben Journalismus-Kursen zum Beispiel auch Seminare für Mediensprecher und PR-Leute an. Während die einen lernen, Schwurbel und echte Information zu trennen, werden die anderen darin trainiert, Journalisten einen Bären aufzubinden. Ganz praktisch eigentlich: Später im Berufsleben trifft man sich ja ohnehin wieder. Businesscards überflüssig. Andere hingegen finden das problematisch. Für mich ist es ein absolutes NO GO!

Angesichts all dessen frage ich mich eben auch, was das bei all den Journalistenschülern für einen Eindruck hinterlässt: eine Schule, die wegen 50 Riesen gleich den Zügelwagen vorfahren lässt. Denn − Obacht! − zum Schluss die ganz grosse Moralkeule: Journalistenschulen haben doch auch eine Vorbildfunktion.

Ugugu hat das MAZ vor Lichtjahren von innen getestet und anschliessend gleich das/den Journischredder-Blog eröffnet.

von Ugugu | Kategorie: Mediensatz

6 Bemerkungen zu «Runaway-MAZ»

  1. Mara Meier:

    Fahrlässiger Rundflug von Einer, die bis vor Kurzem nicht wusste, was MAZ bedeutet *hüstel*

    For you, Uguu.

    Das Stadtparlament streicht das bisschen Kohle, ein Umzug wird erwogen. Unverhältnismässig, zu Vorbildszwecken ungeeignet, findet der Autor.

    1. Mag die Sache verwinkelter sein. Kommt gelegentlich vor. Wenn ein Entscheid in Betracht gezogen wird, an dem sich Leute beteiligen, die Gewinne erwirtschaften und nicht als besonders denkschwach gelten, darf ohne grössere Gefahr angenommen werden, dass der Entscheid nicht so dämlich ist, wie er auf den ersten Blick scheint. Irgendwo liegen vielleicht ein paar oder haufenweise Fakten herum, einfach nicht auf dem Tisch? Irgendwo mögen sich Bedenken tummeln, aber nicht vor der Kulisse?

    2. Vorwand? Sie wollten schon lange aus komplett anderen Gründen (Erdstrahlung, schlechtes Horoskop, diffuse Ängste, oder, wie immer, Sex), jetzt kann begründet werden (Kohle).

    3. Hehre Prinzipien. *trööt* Mit uns nicht! Das MAZ lässt sich nicht so behandeln, Journalismus muss etwas auf sich geben. Wir brauchen die öffentliche Hand, dann sind wir nicht auf Couverts angewiesen. – Wisst Ihr eigentlich, dass mir einmal ein Fingernagel abgebrochen ist, ja, es war 1998, als ich ein Couvert geöffnet habe? Einfach so. Das war sehr schlimm für mich. Erzähle ich gerne ein anderes Mal. Klammer geschlossen. – Zurück zur Sache. Eben: 3. Prinzipien. Wenn die uns so abservieren, gehen wir.

    4. Zukunft. Perspektiven. Entwicklung. Um künftigen Szenarien, Unannehmlichkeiten und Desavouierungen zuvor zu kommen, wird ein Zügelunternehmen gesucht.

    5. Ein Druckfehler in der Medienmitteilung.

    6. Ja.

  2. Die 50’000 Franken scheinen mir auch nicht wie ein plausibler Grund. Dafür ist der Betrag doch schlicht und einfach zu klein.

    Journalismus und PR Seite an Seite zu unterrichten finde ich nach wie vor sehr problematisch, die ZHAW macht das ja auch. Sowas nützt der PR-Seite durchaus, aber hilft es auch dem Journalismus, der ja kritisch und unabhängig sein soll? Ich glaube nicht.

  3. Daniel:

    Zum Mobiliar gehören unter andrem zwei TV-Studios und zwei Radio-Studios. Da muss das MAZ wohl mehr als einmal mit dem Zügelwagen fahren. Die Radio- und Fernsehstudios sind auf Niveau Lokalsender. Vier solche zu Zügeln oder neu zu bauen geht locker in den siebenstelligen Bereich.
    Schüler, Lehrer und Bibliothek sind da die kleineren Probleme.

    Mich beschäftigt das Thema auch schon länger.

    Wenn mann bedenkt, dass das MAZ im Monat über 100’000 Franken für Dozierende und fast 40’000 Franken für die Miete zahlt, kann man über die knapp 4’000 im Monat sicher hinwegsehen.
    (Zahlen aus dem MAZ-Jahresbericht).

  4. Silvio:

    So, wie sich das MAZ wegen dieser 50’000 aufführt, passt es bestens in die Aargauer Pampa.

  5. Warum erscheint dieser Text am 24. Oktober? Seit mehr als einem halben Jahr wird über die Streichung des Luzerner Beitrags und über einen Wegzug des MAZ debattiert: TA und NZZ berichteten schon im März darüber. Auch ein Blog sollte wenigstens halbwegs aktuell sein.

    Und man sollte auch als Blogger inhaltlich stringent argumentieren. Das MAZ kann seine Ausbildung logischerweise nicht billiger anbieten, wenn die ohnehin magere kantonale Unterstützung ganz wegfällt. Der Vorwurf der «Erpressung» mutet reichlich gesucht an.

    Was mich auch stört an diesem Text: Die Argumente des MAZ werden mit keinem Wort erwähnt. Bei einer Debatte, die seit über einem halben Jahr läuft, wäre es ein leichtes gewesen, solche Argumente zu recherchieren. Stattdessen wird gegen das MAZ Stimmung gemacht. Fast möchte man sagen: Typisch Blogger (wenn man nicht inzwischen selber einer wäre).

  6. @AndreasGossweiler Ich finde deine Seitenhiebe (ob hier oder auf Twitter) gegen jegliche Person, mit der du je eine Meinungsverschiedenheit hattest, nur noch sehr anstrengen und bemühend. Zeitungen auf Papier sind supi und (manche/r) Journalist/in noch superer.

    That said: In welcher Zeitung fand denn die grosse MAZ-Debatte genau statt, und warum soll das hier nicht nochmals aufgewärmt werden?

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