Albania, goood!

Der Flieger ist voll, allerdings nicht unbedingt mit Touristen. Wer nach Tirana fliegt, hat entweder einen unverkennbaren Süd-Einschlag, arbeitet in der Entwicklungszusammenarbeit, oder versucht sich im Import-Export-Business. So steigen denn doch drei Touristen, eine Familie aus der Schweiz, am Rinas International Airport aus. Dem einzigen Flughafen der Welt, der nach einer seelig Gesprochenen benannt ist: Nënë Tereza, besser bekannt als Mutter Teresa, jene kontroverse Figur mit albanischen Wurzeln. Auf jeden Fall aber steht, wer Albanien besucht, unter einem guten Stern: Die einstige Diktatur darf sich heute das Land mit der wohl höchsten Dichte an ausgedienten Mercedes nennen – vor den Limousinen mit dem Stern gibt es kein Entrinnen.

So in etwa könnte eine Reisereportage oder gar ein Feature im Auslandteil von Print- oder elektronischen Medien beginnen. Könnte. Denn Berichte aus dem westlichen Balkan sind etwa so selten (geworden) wie twitternde Chefredaktoren – es gibt sie, aber meistens reduziert auf die Reproduktion von Clichéevorstellungen.

An den Reisehinweisen der Diplomatie dürfte es kaum liegen. Die versprechen nämlich einiges an Action.

So meint etwa die Eidgenossenschaft:

«Albanien ist eine junge Demokratie. Die Wirtschaft und Infrastruktur entwickeln sich langsam. Am 21. Januar 2011 kam es in Tirana bei Demonstrationen zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die Todesopfer und Verletzte forderten. Mit weiteren Demonstrationen muss gerechnet werden. Bei Reisen nach Albanien ist eine gute Vorbereitung unerlässlich. Es ist von Vorteil, über eine lokale Kontaktperson zu verfügen. Meiden Sie Kundgebungen jeder Art, denn Ausschreitungen sind möglich.»

Auch die Kolleginnen und Kollegen der benachbarten Alpenrepublik («Das österreichische Aussenministerium – Weltweit für Sie da») halten «Besondere Hinweise» parat:

«Das auf den Straßen Albaniens vorherrschende Fahrverhalten ist im Allgemeinen aufgrund einer höheren Risikobereitschaft der Straßenverkehrsteilnehmer mit demjenigen in Österreich nicht vergleichbar. Umsichtiges Verhalten im nahezu ungeregelten Straßenverkehr ist daher dringend angeraten.»

Nicht ganz so eng sehen es die Deutschen Diplomaten:

«Für Albanien besteht derzeit kein landesspezifischer Sicherheitshinweis.»

Allein diese unterschiedlichen Betrachtungsweisen könnten einiges an journalistischem Aufbereitungspotenzial parat halten – und wenn’s nur die Feststellung ist, dass es seit über anderthalb Jahren keinerlei Zwischenfälle mehr gab und der Verkehr in etwa so gesundheitsgefährdend ist wie das Überqueren des Hirschengrabens in Bern.

Kriminalität? «The crime rate in Albania is low compared to more industrialized countries.» Zu diesem Schluss kommt die Universität San Diego in einer auf Interpol-Daten basierenden Vergleichsstudie. Na also.

Subjektive Einschätzung: Das Nachtleben in Tirana kann locker mithalten mit dem Angebot der Stadt an der Limmat – von den jungen und junggebliebenen männlichen und weiblichen Augenweiden ganz zu schweigen.

Oder, wenn denn tatsächlich Bedarf bestehen sollte: Auch für den Schweiz-Bezug wäre gesorgt. Nein, nicht bloss auf dem Fussballfeld (wobei: Ihr Reporter war in Durres im selben «Tropical Resort» einquartiert, in dem sich die albanische Nati – eher mässig erfolgreich – aufs Schweiz-Spiel vorbereitet hatte). Der Schweiz-Bezug steht hoch oben auf einem Hügel, zehn Minuten Richtung Flughafen vom Stadtzentrum entfernt. Ein palastähnliches Casinò ist am Entstehen, denn fürstlich soll in der albanischen Kapitale ums Geld gespielt werden. Als Bauherr fungiere «der Pacolli aus dem Kosovo», ist zu vernehmen. Nun, eigentlich ist wohl «der Pacolli aus der Schweiz» gemeint, Behgjet Pacolli, um die 60 Jahre alt und mit Schweizer Pass ausgerüstet. Seine in Lugano beheimatete Firma Mabetex hatte es in den 90er Jahren dank der Renovation des Kreml zu einiger Beachtung gebracht – wobei sich dann bekanntlich im Nachgang auch die Genfer Justiz für mutmassliche Schmierereien interessierte, das Verfahren wegen Verdachts auf Geldwäscherei allerdings wieder einstellte.

Ebendieser Pacolli, dessen Familie nach wie vor im Tessin logiert, wurde in Tirana nicht bloss mit einem Ehrendoktor-Titel beglückt, sondern sein Unternehmen plant gemäss eigenen Angaben auch ein feines neues Parlamentsgebäude in Tirana. Dass ein kurzer Blick ins Internet den Dr. h.c. mit eher unfeinen Machenschaften und Persönlichkeiten in Verbindung bringt, wäre durchaus ein paar vertiefende journalistische (Nach-)Fragen wert, ist es doch immer wieder interessant, den Blick in die (heikle) Vergangenheit schweifen zu lassen, wenn es um künftige (Bau-)Projekte geht.

Und wenn’s denn gar um the bigger picture gehen sollte, könnte ein Blick auf die Investitionen aus Qatar und Saudi Arabien in Albanien angebracht sein, werden doch mehrere grosse Tourismusprojekte im Süden des Landes von islamischen Geldinstituten finanziert. Ausländische Direktinvestitionen sind in den letzten zwei Jahren förmlich explodiert. Fern ab westlicher Aufmerksamkeit traf sich Albaniens Präsident Bujar Nishani Ende September etwa mit dem Emir von Qatar, Sheik Hamad Bin Khalifa Al-Thani, bekanntlich einer der umtriebigsten movers and shakers der arabischen Welt. Steht zwar nicht zwingend alles in den Broschüren und entspricht nicht unbedingt dem westlichen Bild der muslimisch geprägten Welt. Wer aber durchs Land reist, wird schon auf den einen oder anderen Hinweis stossen, wie sich dieser Teil des Westbalkans rasch und grundlegend verändert.

Aber eben, (Reise-)Reportagen über Destinationen fernab der touristischen Trampelpfade haben es schwer bei den Chefredaktoren.

Albania, goood!

André Marty war die letzten 25 Jahre als Journalist für Tages- und Wochenzeitungen sowie als Auslandkorrespondent, Krisenreporter und Moderator für das Schweizer Fernsehen tätig. Im April 2012 wechselte er ins Aussendepartement (EDA), um bei der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) die Kommunikationsarbeit zu übernehmen. Hier gibt er seinen persönlichen Standpunkt wieder.

von André Marty | Kategorie: Mediensatz

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