Laizistische Kreuzzügler

«Darf man Gegner des Islam sein?», fragte Frank A. Meyer kürzlich im «Blick»: «Der Islam ist eine Religion. Wie die christliche. Darf man Gegner der christlichen Religion sein, ihr gar feindlich gegenüberstehen? Selbstverständlich darf man das», schreibt Meyer: «Gegen die Religion, die seit je und immer wieder der Bemäntelung irdischer Absichten und irdischer Herrschaft dient, wurde die freie Gesellschaft erkämpft. Eine Gesellschaft, die sich hütet vor religiösem Einfluss, die deshalb säkular und laizistisch verfasst ist: unsere offene Gesellschaft.» In diesen Sätzen stimmt fast alles. Es hat sich allerdings ein falscher Klang eingeschlichen.

Mir scheint, Frank A. Meyer nehme für sich in Anspruch, die Grenzen der Offenheit der offenen Gesellschaft abstecken zu können: «Der Islam ist eine Religion, die weder Reformation noch Aufklärung kennt, deshalb auch keinen säkularen und laizistischen Staat, keine religionsneutrale Demokratie, keine offene Gesellschaft. Nirgends in der islamisch beherrschten Welt konnten sich die freiheitlichen Grundwerte durchsetzen. Wir stellen es erschüttert fest.»

Und jetzt? Was sollen wir damit anfangen? Uns einem publizistisch-laizistischen Kreuzzug anschliessen? Islam-Gegner werden? Nach den Minaretten auch noch die Moscheen verbieten?

Statt erschüttert zu sein würden wir besser einen Blick in die Geschichte werfen. Der belesene Frank A. Meyer wäre dazu in der Lage. Und er wäre auch klug genug, um nicht apodiktisch urteilen zu müssen. Mit etwas gutem Willen könnte er zur Einsicht gelangen, dass die oben zitierten Sätze zwar nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig sind. Der Islam durchlebte einst eine Phase, in der er dem Abendland in Sachen Wissenschaft, Aufklärung und Toleranz weit voraus war. Das ist zwar schon lange her, aber auch heute gibt es Autorinnen und Autoren, die zur islamischen Kultur und Religion gehören, aber in keiner Weise fundamentalistisch sind, sondern sich um kulturellen Austausch, um Verständigung und Aufklärung bemühen. Und auch heute lebende Muslime, denen wir im Alltag oder auf Reisen begegnen, sind in der Regel freundliche Menschen wie du und ich, weder frömmer noch fanatischer als Durchschnittsschweizer. Aber vermutlich ebenso verletzlich.

Frank A. Meyer befindet sich mit seinem Freund-Feind-Denken in guter intellektueller Gesellschaft. Pia Horlacher etwa schrieb vor kurzem hier im Medienspiegel über islamistische und andere Gefahren für die Meinungsfreiheit, über Fatwas, Bücherverbrennungen und Morde, über ideologische Gemeinsamkeiten von Neonazis und Islamisten so, als ob das der Islam sei, der ganze Islam. Die Verlinkung auf eine Kolumne von Alice Schwarzer verstärkte diesen Eindruck.

Die Menschen haben laut Schwarzer Angst, als «islamfeindlich», «fremdenfeindlich», «rassistisch» stigmatisiert zu werden: «Das sind die geistigen Waffen, mit denen die agitierenden Islamisten hierzulande kämpfen. Damit bedrohen sie nicht nur kritische Deutsche, sondern schüchtern auch die nicht fundamentalistische Mehrheit ihrer eigenen Community ein.» Das kommt davon, wenn man zu oft in Talkshows sitzt: Man starrt nur noch auf die Extreme und wird selber extrem.

Horlacher und Schwarzer stützen sich auf Fakten und Belege. Aber sie argumentieren ähnlich wie islamische Kommentatoren, welche die Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds in Deutschland oder Breiviks Manifest und sein Massaker als Zeichen der wachsenden Islamfeindlichkeit des Westens oder gar als Kriegshandlungen interpretieren.

Ist das, was wir gegenwärtig erleben, ein neuer kalter Krieg? Das würde die Undifferenziertheiten erklären. Im Krieg konstruiert man sich einen moralisch und kulturell unterlegenen Gegner, um ihn ohne schlechtes Gewissen bekämpfen und vernichten zu können. Das passiert auch in der modernen Talkshow- und Feuilleton-Publizistik: Im Ringen um die kostbare Aufmerksamkeit hat man für oder gegen etwas anzutreten, wählt sich deshalb seine Gegner in deren extremster Form. Dadurch geraten wir in ausweglose Auseinandersetzungen. In ihnen gibt es kein Bemühen um gegenseitiges Verständnis und keine Versöhnung mehr, weil es nur noch um das Überleben der eigenen Werte zu gehen scheint. Alle Beteiligten machen dabei die für sie erschütternde, aber zugleich erfreuliche Erfahrung, dass sich ihre Gegner immer mehr dem von ihnen gezeichneten Feindbild angleichen. Ihr Kampf bekommt so einen Sinn.

Von fundamentalistischen Islamisten geht eine Bedrohung aus, das ist nicht zu bestreiten. Die Undifferenziertheit, zu der sich auch helle Köpfe verleiten lassen, und die Tendenz des Feuilletons zu Rundumschlägen sind jedoch die grössere Gefahr «für unsere offene Gesellschaft». Gleich dem Fundamentalismus kanalisiert dies unser Denken und verwandelt uns in Kreuzzügler, die nach Problemen statt nach Lösungen suchen.

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

3 Bemerkungen zu «Laizistische Kreuzzügler»

  1. Christa Baumgartner:

    was gibt es denn zu differenzieren? Religion ist nicht das Thema, sondern Kriminalität: Mord-Drohung, tatsächliche Morde, Missachtung der Rechte anderer. Dagegen ist das „Überleben der eigenen Werte“ nicht der Rede wert.

  2. Ganz nebenbei bemerkt: Auch Japan und Indien erlebten weder eine Reformation noch eine Phase der Aufklärung. Beide Länder schlagen sich trotzdem ganz manierlich, weit jenseits von Despotie und institutionalisierter Intoleranz. Was der Herr Meyer dort betreibt, ist die Absolutsetzung eines europäisch-westlichen Sonderwegs. Damit ist dies auch nur eine weitere Form, sich überlegen zu fühlen …

  3. Pingback: Kirche heute, 12. Oktober 2012 « Moment Mal

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