Die dapd-Blase ist geplatzt

Von Balz Bruppacher

Die deutsche Nachrichtenagentur dapd hat in Berlin Insolvenz angemeldet. Sie erklärt sich also für zahlungsunfähig. Damit platzt eine der übelsten Blasen der letzten Jahre im sogenannt seriösen Mediengeschäft. Lehrreich sind in dieser unglaublichen Geschichte die Spuren, die die Finanzakrobaten hinter dem Firmenkürzel dapd vor bald drei Jahren in der Schweiz hinterlassen haben.

Völlig überrascht und perplex reagierte die Medienwelt in Deutschland auf den Insolvenzantrag, zum Beispiel hier («Taz») oder hier («meedia»). Tatsächlich reibt man sich die Augen, schienen die beiden dapd-Eigentümer Martin Vorderwülbecke und Peter Löw doch nur einen Weg zu kennen, nach vorn. Und auf ihrem atemberaubenden Expansionskurs keine Kosten zu scheuen.

Im Kampf mit Marktführer dpa um die Lufthoheit in Deutschland stampften sie letztes Jahr einen Sportdienst aus dem Boden − eine aufwendige und organisatorisch anspruchsvolle Sache (wehe man melde im Resultatdienst über den unterklassigen Fussball 1:0 statt 0:1!). Dieses Jahr folgte der Schritt nach Frankreich. Die dapd-Eigentümer übernahmen via eine Tochterfirma den französischsprachigen Dienst der US-Nachrichtenagentur Associated Press (AP) und sagten der französischen Agence France Presse (afp) den Kampf auf deren Heimmarkt an. Vor drei Jahren hatten Vorderwülbecke und Löw schon den deutschsprachigen AP-Dienst samt Lizenzrechten erworben und damit den Grundstein für ein umfassendes Nachrichtenangebot in Deutschland gelegt. Zuvor waren sie bloss Komplementäranbieter. Ihre Agentur ddp – so der Name bis zur Übernahme des AP-Geschäfts – hatte keine verlässlichen Nachrichten aus dem Ausland.

Nicht einmal zwei Wochen sind es her, seit dapd die Gründung einer neuen Tochtergesellschaft bekanntgab, die sich unter dem Namen «Spot on news» ausschliesslich dem Promi-Klatsch widmen wollte. Prominenz spielte auch im Selbstverständnis und der Öffentlichkeitsarbeit von dapd stets eine wichtige Rolle. Persönlichkeiten wie Otto Schily wurden dazu bewogen, in einen Beirat einzusitzen, dessen Aufgabe es war, die Unabhängigkeit der journalistischen Berichterstattung zu garantieren. Am 13. September gaben sich noch 300 Persönlichkeiten in einer neuen dapd-Lounge in Berlin die Ehre. Die guten Beziehungen der Medien-Jungunternehmer reichen gar bis in den Vatikan.

Ihr Geld haben Vorderwülbecke und Löw im Private-Equity-Geschäft gemacht. Also mit der Übernahme, dem Aufpeppen und dem gewinnbringenden Weiterverkauf von Firmen. «Veranstaltungen um primär Geld zu verdienen, sind Nachrichtenagenturen nicht. Dazu habe ich eine Chemie- oder Schraubenfabrik», sagte Vorderwülbecke Anfang 2012 gegenüber dem Branchendienst «meedia». Und weiter: «Wir engagieren uns bei dapd im Sinne des Gemeinwohls.» Im gleichen Interview behauptete der dapd-Miteigentümer zur finanziellen Lage der dapd-Gruppe: «Wir sind schuldenfrei und seit 2008 profitabel […]».

Bei allem Staunen über den raschen Absturz: Anschauungsunterricht über die Motive der dapd-Eigentümer bot bereits ihr kurzes Gastspiel von Anfang 2010 in der Schweiz. Sieben Wochen nach der Übernahme des deutschsprachigen Schweizer AP-Dienstes zogen sie sich in Heuschrecken-Manier wieder zurück. Entgegen den grossmäuligen Versprechen gegenüber Kunden und Beschäftigten, man fahre auch in der Schweiz eine Expansionsstrategie. Mangelnde Erfolgsaussichten machten Vorderwülbecke und Löw plötzlich geltend. Sie hatten aber vor allem einen lukrativen Deal mit der Schweizerischen Depeschenagentur (sda) in der Tasche. Rund 12 Millionen Franken – so zumindest der durch eine Indiskretion bekanntgewordene Vorvertrag – kassierten die dapd Eigentümer für die Weitergabe der AP-Lizenz an die sda und für die sofortige Einstellung des Schweizer Dienstes. Die sda sicherte sich das Monopol in der Deutschschweiz; Vorderwülbecke und Löw konnten mit den sda-Geldern die Lizenzzahlungen für den Bezug des englischsprachigen AP-Dienstes refinanzieren.

Eingefädelt wurde der Deal von langer Hand. AP stimmte vorab der Weitergabe der Lizenz in der Schweiz zu und liess die Belegschaft wider besseres Wissen im Glauben, die neuen Eigentümer seien am Ausbau der Aktivitäten in der Schweiz interessiert. Die Player auf Schweizer Seite – darunter die sda-Grossaktionäre Tamedia/Edipresse, NZZ und SRG – handelten ohne Konsultation ihrer publizistischen Verantwortlichen. Die unschöne Eliminierung der Konkurrenz wird seither tunlichst verschwiegen und ist auch jetzt beim dapd-Aus kein Thema für die Schweizer Medien. Vielleicht lüftet die Wettbewerbskommission Weko den Mantel des Schweigens etwas; das Verfahren gegen die sda ist nach wie vor im Gang.

Für die sda dürfte der dapd-Kollaps verschmerzbar sein. Sie verliert möglicherweise eine Quelle von Auslandnachrichten, könnte aber im Gegenzug Lizenzzahlungen sparen. Die Konkurrenz im Inland ist und bleibt weg. Grössere Probleme könnte sich AP einhandeln. Die mit Verlusten kämpfende Weltagentur muss um die Lizenzeinnahmen aus Deutschland und Frankreich bangen. Den dapd-Eigentümern ist zuzutrauen, dass sie den Schaden in Grenzen halten. In Deutschland wird schon darüber spekuliert, dass Vorderwülbecke und Löw am Ende profitieren könnten.

Balz Bruppacher war als Chefredaktor des Anfang 2010 eingestellten Schweizer AP-Dienstes tätig.

von Balz Bruppacher | Kategorie: Sparschwein

8 Bemerkungen zu «Die dapd-Blase ist geplatzt»

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  2. ras.:

    Ja klar, nun ist wohl auch noch die SDA daran schuld, dass DAPD in Deutschland schlapp machte. Wenn die böse SDA den Deal mit DAPD nicht eingegangen wäre, dann hätte es bis jetzt eine Schweizer Konkurrenz noch gegeben. Bis jetzt. Dann hätte die damalige Belegschaft einfach jetzt ein Jobproblem gehabt. Die Vorgänge in Deutschland zeigen doch einfach das: Sogar in diesem grossen Land sind Geschäfte mit News schwierig, sogar für solche, die angeblich edle Gönner sind. Entsprechend ist eben in der Schweiz ein „natürliches“ Agenturen-Monopol schwer vermeidbar. Es ist nicht so, dass die hiesigen Medien hier etwas verschwiegen hätten. Das kann man nur meinen, wenn man die Welt aus der Perspektive eines Froschs anschaut.

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  4. Balz Bruppacher:

    @ ras. Danke für den Frosch! Die Vogelperspektive mag ja angenehmer sein, weil einem unschöne Einzelheiten erspart bleiben. Ich bleibe aber dabei, dass der seinerzeitige Deal zwischen den dapd-Eigentümern und der sda abgesehen von den unappetitlichen Details ein medienpolitisch problematisches Monopol schuf. A propos „natürliches“ Agenturen-Monopol: Vor 2010 gab es während eines halben Jahrhunderts Konkurrenz auf dem Inlandmarkt. Was mich stört: Führende Verleger und die SRG haben als sda-Grossaktionäre zusammen mit den clever rechnenden dapd-Eigentümern dafür gesorgt, dass die Konkurrenz abgeklemmt wurde. Diesen Vorgang möchten die Beteiligten am liebsten vergessen machen. Schuld am dapd-Debakel ist sicher nicht die sda. Das habe ich auch nicht behauptet. An was ich erinnern wollte und was in der jetzigen Berichterstattung fehlt oder verschwiegen wurde: Schon die Ereignisse in der Schweiz hatten vor Augen geführt, um was für Leute es sich bei den dapd-Eigentümern handelte.

  5. Anke Bergmann:

    Erst lesen, dann denken, dann schreiben, lieber Herr ras. Nirgends in diesem Text heisst es, dass die sda schuld ist am Niedergang der DAPD. Der Text reflektiert nur die Tatsache, dass die sda gutes Schweizer Mediengeld 2 fragwuerdigen Investoren nachgeworfen hat, die nun in Deutschland der DAPD trotz andersweitiger Versprechen den Stecker rausgezogen haben. Und dass sich die sda mit diesem Handel gleich auch noch die lokale Konkurrenz vom Halse geschafft hat. Die DAPD-Investoren haben sich auf den AP-Kauf eingelassen im Wissen darum, dass sie den Schweizer Dienst rasch versilbern konnten. Angesichts der mit marktwirtschaftlichen Kriterien nicht zu begruendenden 12 Millionen Franken fuer diesen Deal darf man zumindest darueber spekulieren, ob diese Investoren nicht den Finger ganz von diesem Deal gelassen haetten, wenn die sda nicht so rasch und breitwillig ihr Checkbuch gezueckt haette. Dies ist, wie gesagt blosse Spekulation. Aber auch diese Spekulation ist mindestens so angebracht wie die Beschimpfung eines Journalisten, der unter anderem fuer sein Lebenswerk mit dem Zuericher Journalistenpreis ausgezeichnet wurde.

  6. ras.:

    @A Bergmann Cool down.
    @ B Bruppacher. Die Konkurrenz in der Schweiz war immer prekär bis subventioniert. Abgesehen davon: Zugegeben, die „Monopolsituation“ hat ihre skurrilen Seiten, gerade in Zusammenhang mit den Besitzern.

  7. christoph j. walther:

    Der im Erstartikel am Schluss verlinkte FTD-Artikel beschreibt, was wirklich läuft. Nachdem viel eingekauft wurde, war es unter deutschem Normalrecht wohl schwierig, rasch zu schlanken Strukturen zu kommen. Das wird nun unter dem Insolvenzrecht einfacher möglich. Relevant sind dabei diese Zitate: „Wir brauchen eine harte Sanierung“ und: „Wir werden uns auch mit der Personalstruktur beschäftigen müssen.“ Ist das einmal geschafft, wird der nächste Schritt auch schon angetönt: Dann sind die Unternehmen attraktiv genug, dass weitere Investoren einzusteigen bereit sind. DAPD ist so gesehen keineswegs am Ende, sondern bereitet sich auf den zunehmend härteren Konkurrenzkampf vor. Man kann gespannt sein, wie’s weiter geht…

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