Kleine Publikumsbeschimpfung

Ein Link vom deutschen «Bildblog» gibt 1000 bis 2000 zusätzliche User, freute sich der Medienspiegler. Na ja. Bei der Bloggerin hielt sich die Freude in Grenzen. Falls die deutschen User repräsentiert werden durch die Schreiber, die den Weg auf meinen letzten «Mediensatz» gefunden haben, dann muss ich leider sagen: Lieber ein paar User weniger, aber dafür solche, die richtig lesen können. Und ja, auch schreiben.

Was ist denn das für ein Kauderwelsch, das uns da ohne Punkt und Komma entgegenschlägt? Was für ein Gedankenwirrwarr? Und alles anonym?! «Huch», wer sind denn diese «edlen Heronen», die gleich «Volksverhetzung» wittern, wenn von (islamistischen und andern) Gefahren für die Meinungsfreiheit und Pressevielfalt die Rede ist?

Ist das die erste Jungmänner-Generation von funktionalen Analphabeten, die das digitale Zeitalter hervorgebracht hat? Ebenso namen- wie geschichtslos? Die Digital Natives, die angeblich im weltweiten Netz zuhause sind, aber nie über die Landesgrenzen hinausschauen? Die kein Problem wahrnehmen, wenn es nicht vor der eigenen Haustür liegt? Die noch nie gehört haben von Salman Rushdie, den Bücherverbrennungen in England, den Anschlägen auf Buchläden, Rushdies bedrohten Übersetzern und Verlegern in aller Welt, seinen beiden ermordeten Fürsprechern aus der islamischen Gemeinschaft in Belgien, dem erstochenen japanischen Übersetzer, den 37 Menschen, die bei einem Anschlag auf den türkischen Übersetzer ums Leben kamen? Die noch nie gehört haben von Theo van Gogh, von Ayaan Hirsi Ali, von Kurt Westergaard und seinen dänischen Kollegen, von den französischen Satirikern von «Charlie Hebdo»? Nicht einmal vom iranischen Rapper Shahin Najafi, den die Fatwa schliesslich auch in Deutschland erreichte?

Sind das die Folgen der Informationsflut, mit denen die Kinder des Internets gross geworden sind? Die Unfähigkeit, Ereignisse in Relationen zu setzen? Eine Gewichtung zu setzen zwischen einem Hassmail und einer Todes-Fatwa? Zwischen einer Karikatur und einer Exekution? Zwischen einem bösen Leserbrief und einem Brandanschlag auf ein Redaktionsbüro? Zwischen Protest mit «Schweinegedärm» und Protest mit Bomben, Gewehren und Granaten? Die die ideologischen Gemeinsamkeiten von Neonazis und Islamisten nicht sehen können (geschweige denn eine Ahnung haben von den historischen Verbindungen zwischen Hitler und den damaligen Muslimbrüdern).

Aber es sind ja nicht nur die Kinder des Internets. Auch die «erwachsenen» Medien demonstrieren immer wieder ähnliche Denk- und Sprachmuster der Verharmlosung und des Mangels an Gewichtung. Gerade wieder: Ein idiotisches Video von einer Handvoll religiöser Fundamentalisten aus dem einen Lager löst eine mörderische Reaktion von Abertausenden von religiösen Fundamentalisten aus dem andern Lager aus. Es folgen Attentate, Brandschatzungen, Plünderungen und Hetzjagden mit Dutzenden von Todesopfern in der islamischen Welt. Und natürlich sofort eine Todes-Fatwa für die Videomacher. Ihr Verbrechen: Verspottung von religiösen Gefühlen.

Nach den ersten Todesopfern (dem amerikanischen Botschafter in Libyen und drei seiner Mitarbeiter) in Benghasi schrieb die «NZZ» am 12. September, dass auch auf den Internetseiten eine hitzige Debatte stattfinde «mit einem breiten Spektrum von Meinungen: Sie reichten von Lob für die ‹Helden von Benghasi› bis zu Empörung über eine unzivilisierte Art, Unmut auszudrücken.» – Eine unzivilisierte Art, Unmut auszudrücken? Waren die Bücherverbrennungen der Nazis also eine zivilisierte Art, Unmut auszudrücken? Bevor sie zur unzivilisierten der Menschenvergasung griffen? Und das «breite Meinungsspektrum», das uns die Wahl lässt zwischen den Optionen «Mörder als Helden» und «Ermordete als unumgängliche Kollateralschäden des Unmuts»? Ein Hohn, dem wir allzu oft auch in westlichen Debatten zum Thema Satire, religiöse Gefühle etc. begegnen.

Mein Ärger über solchen und ähnlichen Sprachgebrauch ist riesig. Über die Euphemismen, die keinen Unterschied zwischen Leichen und Beleidigungen mehr machen und die Verantwortung verwedeln. Über die Schindluderei, die mit Worten wie «Respekt» und «Provokation» getrieben wird.

Frauen aus allen patriarchalischen Kulturen und Religionen kennen diese Begriffsverdrehungen seit Jahrhunderten bestens: «Provokation» wird definiert als Einladung zu Gewalt und Vergewaltigung (selbst schuld, ihr Rock war zu kurz, der Schleier zu offen, das Verhalten zu frech). «Respekt» als Forderung nach Gehorsam, Unterwürfigkeit und Anerkennung der Besitz- und Machtverhältnisse (ich bin Dein Herr und Meister, also schuldest Du mir Respekt; die Frau gehört mir, also schuldest Du ihr Respekt; die Machtansprüche dieser Religion bestimmen wir, also haltet Euch gefälligst daran, sonst sind wir tödlich beleidigt). Gäben Frauen weltweit ihrem Unmut über die gewaltbesessenen Machos aus aller Herren Länder und allen patriarchalischen Religionen den gleichen Ausdruck wie die Islamisten, ich sage Euch, die Welt würde in Schutt und Asche liegen.

Und wage es ja niemand, diesen Text mit irgendwelchen Verschwörungs-Blogs in Deutschland zu verlinken. Die Jungs dort sollen zuerst mal «Emma» abonnieren. Und dann gleich auf der Website noch Alice Schwarzers Kolumne über den «Arabischen Winter und die Folgen für Deutschland» anklicken.

Pia Horlacher war Film- und Kulturredaktorin beim Schweizer Fernsehen, bei der «NZZ» und bei der «NZZ am Sonntag». Als Mitglied des Presserats befasst sie sich auch mit Medienfragen.

von Pia Horlacher | Kategorie: Mediensatz

6 Bemerkungen zu «Kleine Publikumsbeschimpfung»

  1. Rolf Wyler:

    Frau Horlacher, ein Vorschlag zur Güte: Ihre Kolumnen gehören auf tote Baumstämme, aber nicht ins Netz. Das müsste viel, viel kürzer, viel überzeugender und vielleicht auch lustiger sein, um vor den beschimpften Horden bestehen zu können.

  2. Mara Meier:

    Pia Horlachers Publikumsbeschimpfung: fulminant und engagiert. Haben wir etwas anderes erwartet?

    Danke.

    Wurde dieser Text auch mit dem deutschen „Bildblog“ verlinkt? Können die Dichter und Denker, die in ihrem ganzen Leben noch nie einen Text zu Ende gelesen haben oder, wenn, dann kursiv, Ihren Text lesen – wenn auch (wieder) nicht verstehen? Hoffe nicht. Ich würde ansonsten nicht mehr hierhin zurückfinden wollen, die Kommentarspalte wird implodieren vor Dummheit. Und Sie wissen ja: Es gibt nur eine Sache, die in Friedenszeiten hässlicher ist als falsche Fingernägel.

    „Gäben Frauen weltweit ihrem Unmut über die gewaltbesessenen Machos aus aller Herren Länder und allen patriarchalischen Religionen den gleichen Ausdruck wie die Islamisten, ich sage Euch, die Welt würde in Schutt und Asche liegen.“

    Nicht alle Frauen – und schon gar nicht weltweit – empfinden Unmut über „gewaltbesessene Machos“ (= Männer). Viele, sagen wir: Millionen wären sehr erstaunt über dieses Label, nicht nur, weil es (in gewissen Weltgegenden und in gewissen Köpfen) die Idee von Aufklärung nicht gibt.

    Für die vergleichsweise kleine Gruppe der Westlerinnen unverständlich: Viele Frauen vermissen diese Aufklärung (, die auch ihren Preis hat), nicht und empfinden sich nicht als unterprivilegiert. Wir sollten den Kampf um Gleichberechtigung den betroffenen Frauen überlassen, falls sie ihn denn wünschen.

    Wir sollten nicht unsere abendländischen Werte anderen missionarisch überstülpen, Werte, die hier, zumal wenn sie christlich fundiert sind (oder einfach kenntlich gemacht, mit Wurzeln versehen), gerne in den Dreck gezogen werden, gleichzeitig als aufgeplusterte menschenrechtliche Wertfreiheit wie ein Schwert gegen andere Kulturen gerichtet werden, vor allem, wenn dort das Rationale das Religiöse (das Poetische) noch nicht so geringschätzig behandelt wie bei uns.

    Will der Westen – kurz vor dem eigenen Kollaps – die edlen wilden Frauen, die mit der Gewaltbereitschaft ihrer Männer so gar nichts zu tun haben, teilweise gegen ihren Willen retten? Vielleicht entreissen wir ihnen gleichzeitig (kollateral) ihre Heimat? Da hier viele aus Ignoranz oder modischen Gründen auf die eigene Heimat und historische Zugehörigkeiten spucken, halten wir das für das geringere Übel. Der eigene kulturelle Masochismus wird zum heldischen Eintreten für das Andere.

    Unangenehm, (sagen wir: muslimische) Frauen nicht einfach als Opfer anzunehmen. Opfer-Täter-Systeme sind viel komplizierter, und ich bitte, das nicht auf die primitive Vergewaltigung-weil-Minirock-Stufe herabzubrechen.

    Sind die Frauen, die nicht kämpfen, allesamt sozialisationsgeschädigt, nichts anderes gewöhnt, ab Geburt durch Schläge und Gehirnwäsche gebrochen oder dann charakterlumpenhafte Mittäterinnen, Nachtschattengewächse der übelsten Sorte?

    Es gibt sie schlicht nicht, „die Frauen“. Sie sind Angehörige von Milieus, von Gruppen, Stämmen, Schichten, Klassen, arm, wohlhabend, mittelständisch, versklavt, gebildet, unterdrückt, Analphabetinnen, (un)abhängig, haben einen starken oder einen schwachen Charakter.

    Ich gebe weiter zu bedenken, dass F r a u e n diese hirnverbrannten Islamisten erziehen und hätscheln. Die Rolle der M ü t t e r, ihre spezifische Macht, auch ihr Missbrauchspotential sollte grossflächig untersucht werden.

    Dann: Die Gewalt der Islamisten und Islamistinnen und der „gewaltbereiten Machos“ richtet sich gegen Frauen u n d Männer, sie richtet sich gegen Kinder. Sie richtet sich gegen Menschen. Sie ist schrecklich, sie ist unerträglich.

    Die Psychoanalyse spricht von Selbsthass. Vielleicht ist es wahr, aber kein Trost.

    Die Bilder aus Syrien lassen uns nicht mehr ruhig schlafen.

  3. Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass die Verlinkung durch Ronnie Grob die Zugriffzahlen auf das verlinkte Blog massiv erhöht, wenn auch nur kurzfristig. Ich glaube, jeder Blogger wünscht sich hohe Leserzahlen. Die meisten Blogger schaffen das nicht und schreiben jahrelang vor sich hin, ohne ein grösseres Publikum ausserhalb der Bloggerszene zu erreichen. Dass die Qualität der Kommentare gemischt ist, weiss auch jeder Blogger und jede Bloggerin. Mit der Kommentarmoderation kann man qualitativ unbefriedigende Kommentare ganz einfach und bequem redigieren oder wegputzen. Einige dümmliche Kommentare sind aus meiner Sicht noch kein zwingender Grund für eine Publikumsbeschimpfung. Ich fand die Kommentare der vielen deutschen Leserinnen und Leser, die mir Ronnie Grob vorbeischickte, eigentlich qualitativ relativ hochstehend. Auf meine spasseshalber erstellte Liste der 50 Gründe, die für Papiermedien sprechen (was meine Antwort auf Peter Hogenkamps Aufruf war, Gründe gegen Papier zu nennen), antwortete eine andere Bloggerin, indem sie meine Liste Punkt für Punkt widerlegte in ihrem Blog. Das fand ich grossartig.

    Das Thema Religion ist, naja, halt heikel und gut geeignet, um ideologische Süppchen verschiedener Art zu kochen. Zweifellos waren nicht alle Kommentare, die Pia Horlacher im Juli erhielt, inhaltlich sehr hochstehend, um es freundlich auszudrücken. Es gab aber auch Kommentatoren, die sich ernsthaft mit Pia Horlachers Text auseinander gesetzt hatten, aber zu anderen Schlüssen kamen als die Autorin. Auch das muss nicht zwingend mit einer Publikumsbeschimpfung quittiert werden. Das Internet lebt auch vom Zusammenprall unterschiedlicher Meinungen. Solange die Meinungen sachlich vorgetragen werden, sehe ich darin kein Problem, sondern eine Bereicherung. Und für die Verwendung von Pseudonymen im Internet gibt es gute Gründe.

    Persönlich bin ich auch nicht in allen Punkten mit Pia Horlachers Analyse der religiös motivierten oder religiös gefärbten Konflikte einverstanden. Ich bin auch gegen die Beschönigung von Gewalt. Jedoch finde ich, der Begriff der Meinungsfreiheit wird manchmal überstrapaziert. Meinungsfreiheit beinhaltet auch die Verantwortung, mit der Freiheit auf eine konstruktive Art umzugehen. Die Mohammed-Karikaturen, die bei Muslimen Empörung ausgelöst haben, waren grösstenteils einfältig, nicht lustig und banal. Ich weiss nicht, ob es sich lohnt, mit solchen Zeichnungen böses Blut zu erzeugen. Provokation ist manchmal ein wirksames Mittel und manchmal auch kontraproduktiv. Beim Thema Religion gibt es auf beiden Seiten zuviele Scharfmacher, die sich gegenseitig brauchen, um Polemik zu erzeugen. Es greift zu kurz, dabei nur auf die Meinungsfreiheit zu verweisen.

  4. In den SciLogs wird die Problematik von gedanklich und sprachlich verwirrten Kommentierenden immer wieder diskutiert, lesenswert ist z.B. dieser Beitrag von Anatol Stefanowitsch: http://www.scilogs.de/wblogs/blog/sprachlog/kultur/2012-08-13/ringen-um-verstaendnis

  5. Hannes Hofstetter:

    @ Mara Meier:

    „Die Bilder aus Syrien lassen uns nicht mehr ruhig schlafen“. – Wie ich doch diese Verallgemeinerungen schätze (auch immer wieder schön: „Die Schweiz trauert!“, „Die Welt schaut weg!“ und Artverwandtes).

    Weil ich gerne selber darüber entscheide, was mich wie beschäftigt, halte ich zuhanden der „Welt“ fest: Die Bilder aus Syrien haben auf meinen Schlaf nicht den geringsten Einfluss.

  6. Mara Meier:

    Herr Hofstetter, Sie sind der Beweis, dass prächtig schlafen nicht davor schützt, mit dem linken Fuss aufzustehen.

    Ich gebe Ihnen Recht und korrigiere: Mich lassen die Vorfälle in Syrien nicht mehr ruhig schlafen.

    Im Rahmen meiner Tätigkeit für ein Hilfswerk hatte ich Kontakt zu Gefolterten aus Syrien und dem Irak; die Begegnungen waren prägend.

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