Zurück zum Kerngeschäft

Medienwissenschaftler sprechen von beginnender Korruption, Journalisten regen sich über Kollegen auf, Presserats-Vertreter sind empört: Wieder einmal rückt sich die Branche ins rechte Licht, indem Journalisten PR-Texte für fremde Firmen schreiben, sich für den Besuch einer Pressekonferenz bezahlen lassen oder für 550 Franken Politiker-Porträts schreiben. Nicht minder abenteuerlich ist das Engagement des Fussballantionaltrainers als Botschafter und Weiss-Was-Noch für den Ringier-Verlag.

Eingetrichtert wird es jedem Praktikanten: Journalisten sind unbestechlich. Ich kann mich erinnern, dass mein damaliger Chefredaktor vor 30 Jahren einen Kollegen fristlos vor die Türe stellte, weil dieser für eine gute Story Geld angenommen hatte. Jede Redaktion, die sich halbwegs Ernst nimmt, stellt ein paar einfache Regeln auf, wie mit Geschenken umzugehen ist (die leider von gutmeinenden Zeitgenossen immer wieder als Zeichen der Anerkennung auf Journalisten losgelassen werden). Selbst bei der damals kleinen «Bündner Zeitung» war geregelt, dass Geldgeschenke verboten und Naturalien nur in geringem Umfang gestattet sind (ein, zwei Flaschen Wein als Richtschnur). In Zweifelsfällen wendete man sich an den Chefredaktor.

Man kann nun über die Gründe rätseln, weshalb jetzt innerhalb weniger Tage gleich vier Fälle bekannt wurden, wo diese goldene Journalistenregel mit Füssen getreten wurde. Publizistikwissenschaftler Vinzenz Wyss meint auf Tages-Anzeiger-online, es sei die schlechte Bezahlung, welche Journalisten dazu verleite, andernorts nach Geldquellen zu suchen. Das scheint mir eine sehr abenteuerliche These zu sein. Denn erstens sind Journalisten in diesem Land nach wie vor recht gut bezahlt. Die Redaktionsbudgets haben sich nach dem Luxus der Neunzigerjahre bloss wieder dem Normalmass genähert. Zweitens handelt es sich bei den meisten der bekannt gewordenen Fälle nicht um Aktionen von Journalisten, sondern um ganz offizielle Angebote der Verlage für Zusatzdienstleistungen der Redaktionen. Im Falle der Geldcouverts wurden diese den Journalisten zugesteckt, diese verhielten sich also passiv (und die meisten lehnten das Geld ab).

Man muss daher davon ausgehen, dass es sich mehr um eine Verluderung der Sitten und weniger um Überlebensübungen unterbezahlter Schreiber handelt. Bei sinkenden Werbe- und Abo-Einnahmen ist die Versuchung gross, journalistische Leistungen zu verkaufen und diese Diensleistung als behelfsmässiges drittes Standbein ins Angebotsportfolio zu übernehmen. Hier sind primär die Verlage in der Verantwortung, welche sich bewusst sein müssen, dass das Aufbrechen journalistischer Regeln im Endeffekt kontraproduktiv wird, selbst wenn Journalisten willfährig mitmachen. Wenn die Medien sich ihre Glaubwürdigkeit nicht mehr sichern können, werden Inserateerträge und Einnahmen aus dem Abogeschäft zusätzlich geschwächt. Denn die Leser sind nicht blöd, und im Gegensatz zu einer weitverbreiteten Ansicht sind auch Werbeauftraggeber überhaupt nicht interessiert an käuflichen Medien. Sie wollen dort inserieren, wo ihre Botschaft am meisten Beachtung findet. Und dies wird nur in einem anerkannten, interessanten und unabhängigen Medium der Fall sein.

Also: Kehrt zurück zu eurem Kerngeschäft, Verlage und Redaktionen, und beschädigt nicht den Ruf einer ganzen Branche mit hirnlosen Ideen!

Andrea Masüger ist CEO der Südostschweiz Medien.

von Andrea Masüger | Kategorie: Mediensatz

2 Bemerkungen zu «Zurück zum Kerngeschäft»

  1. Es freut mich, dass ich für einmal Ihrer Meinung bin, Herr Masüger. Festangestellte Journalisten verdienen in der Schweiz einen Lohn, denen es ihnen grundsätzlich erlaubt, unbestechlich zu sein. Es muss sich also um, wie von Ihnen konstatiert, „eine Verluderung der Sitten“ handeln.

    Die Chefredakteure und Verlagsbosse täten gut daran, von oben Druck zu machen, dass diese Sitten eben nicht verludern. Wenn aber keine Sanktionen folgen, auf was auch immer sich Journalisten erlauben, dann wird das Problem grösser und nicht kleiner. Glauben Sie mir, einem Journalist, der sich in der einen oder anderen Form bestechlich zeigt, ist es herzlich egal, welche „Code of Conducts“ sich seine Vorgesetzten und die Verbandsheinis ausgedacht haben.

    Tatsächlich aber läuft es doch ganz anders in vielen Redaktionen: Der Druck zur „Kooperation“ mit Werbepartnern und anderen „Freunden“ findet von oben nach unten statt. Es sind eher die Journalisten, die sich dafür wehren müssen, keine Konzessionen einzugehen, und das gegen die Vorstellungen der Chefredaktoren und Verlagsverantwortlichen.

  2. Fred David:

    Abgesehen davon, dass die Schweiz allmählich zur Räuberhöhle verkommt, hier zur Illustration ein Bericht, wie die Dinge hierzulande so laufen. Da sind Schweizer Medien nun wirklich in ihrem ursprünglcihen „Kerngeschäft“ gefordert. Zu diesen Vorgängen muss nun definitiv mehr kommen, und zwar an harter Recherche:

    http://www.tagesanzeiger.ch//schweiz/standard/Borer-und-das-Projekt-Gotthard/story/12952729?fb_action_ids=4034999268223&fb_action_types=og.likes&fb_source=timeline_og&action_object_map={%224034999268223%22%3A506489742697126}&action_type_map={%224034999268223%22%3A%22og.likes%22}&action_ref_map=[]

    Das dazugehörige Dokument samt Namen gibt’s hier:

    http://www.aktuell.ru/russland/hintergrund_information/dokumentation_kampagnen_konzept_gegen_schweizer_geldwaesche_50.html

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