Grosskampftag

Ein harter Tag: Rücktritt des einzigen noch verbliebenen SVP-Bundesrats aus Protest gegen die Ernennung von Eveline Widmer-Schlumpf zur Unesco-Botschafterin gegen die globale Erwärmung. Der Euroraum-Finanzministergipfel beschliesst die Abschaffung des Euro rückwirkend auf 2002. Der Higgs-Skandal fliegt auf: Das Gottesteilchen existiert doch nicht, sagen renommierte Forscher, die vor fünf Jahren wegen überzogener Spesenrechnungen aus dem Cern geworfen worden waren.

Der Zürcher Kantonsrat unterstützt mit 60 Stimmen (vorläufig) ein SVP-Postulat, das die Bewaffnung der Verkehrskadetten mit Minenwerfern für den Antiterrorismuskampf und gleichzeitig ein Koran-Verbot in allen öffentlichen Bibliotheken fordert. Und der Stadtrat beschliesst die stadtweit flächendeckende Einführung der ökologischen 2000-Watt-Einheitstagesgesamtschule, die dazu noch eine FDP-Sparmotion erfüllt, ein SP-Postulat für die Förderung der Vereinbarkeit von Schule und Vaterschaftsferien verwirklicht, und die Integration von Schülern aus bildungsfernen Familien mit Migrationshintergrund auf eine grundlegend neue Basis stellt.

Das alles hat die Redaktion an diesem Grosskampftag faktenreich, hintergründig und analytisch in den Griff gekriegt. Die Zeitung dreht die News klug weiter und kommentiert kompetent. Nach dem Bundesratsrücktritt wartet die Frontseite mit der kompletten Liste der fünfzehn möglichen Nachfolger auf; die Wahlchancen sind mit einem bis fünf Sternen bewertet. Der Kommentar des Inlandchefs weist in einer gleichermassen überraschenden wie eleganten Volte darauf hin, dass die SVP jetzt gut beraten wäre, eine SP-Frau des Wermuth-Flügels in den Bundesrat zu wählen.

Das Euro-Aus ist durch ein Interview mit dem St. Galler Finanzmarktspezialisten Prof. Olivier Scaillet hervorragend beleuchtet. Der gute Mann ist zwar nur zweite Wahl, aber an Angela Merkel war auf die Schnelle nicht heranzukommen. Und der Leitartikel des Chefredaktors schliesst messerscharf, dass Merkel, Hollande, Rajoy, Monti und Cameron jetzt gut beraten wären, schleunigst eine stabile Ersatzwährung, das Euromarkpfund, aus der Taufe zu heben.

Der Forschungsskandal ist in einer furiosen Analyse abgehandelt, in der der Wissenschaftsredaktor sagt, dass diese völlig abrupte und unvorhergesehene Wende eigentlich gar keine Überraschung ist. Im übrigen, kommentiert der Wissenschaftsredaktor, wären die Verantwortlichen des Cern gut beraten, endlich klare ethische Standards bei der Publikation von Forschungsdaten einzuführen.

Der Zürich-Teil aber schlägt alles: Er hat bereits mehrere Minenwerfermodelle auf ihre Verkehrskadettentauglichkeit hin geprüft und kommt zu einem vernichtenden Resultat. Er hat nachgezählt, dass es um exakt 345 Koranexemplare geht, die aus den Gestellen entfernt werden müssen. Und er hat nachgerechnet, dass das neue Schulmodell die Arbeitszeit der Lehrpersonen um 38 Minuten – pro Tag! – verlängert. Dazu empören sich in Kurzinterviews Georg Kreis, Pfarrer Sieber, Remo Largo, Roger Schawinski, Roger Köppel, Susi Gut und ein ewig gehänselter ehemaliger Mitschüler der Stadtpräsidentin über die eine oder andere Idee, die lokalpolitisch an diesem Tag so grosse Wellen schlug. Und der Lokalchef verknüpft in seinem Kommentar geschickt das Euro-Aus und das neue Schulmodell mit dem Bundesratsrücktritt und der Minenwerfer-Forderung. Das ganze lässt er in die Mahnung münden, der Stadt- und der Kantons- sowie der Bundes- und der Euroraum-Finanzministerrat wären gut beraten, irgendwie Vernunft walten zu lassen.

Es war ein harter Tag, es war ein Grosskampftag, es war ein guter Tag für den Journalismus.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

4 Bemerkungen zu «Grosskampftag»

  1. Mara Meier:

    Überraschend elegant vollführte Volten? Man sieht den Bürostuhl wiehern; der Satiriker lehnt sich zurück, grinst zufrieden.

    Wie auf der Tastatur messerscharfe Schlüsse gezogen werden! Es wird angetreten zu kommentieren. Nachzuzählen gibt es vieles. Es will gerechnet, geschickt verknüpft sein. Anmahnungen am Grosskampftag. Empörung. Statements, Namen. Alles im Kasten.

    Guter Rat im Zeilentakt. Reflex der Spezialeinheit für Sekundäres.

    Sehr gelungen, Herr Schuler.

  2. Fred David:

    „Reflex der Spezialeinheit für Sekundäres“. – Frau @Meier, Ihr Satz wird zu den Akten genommen! Zur gelegentlichen späteren Verwendung.

    Das Primäre bleibt weiterhin unter gesetzlich geschützter Verdunkelung. Auf den herrschenden Schweizer Journalismus ist Verlass, was das betrifft.

    Und, @Kollege Schuler, schreiben Sie doch so herzhaft von der Journalistenleber weg auch mal im Tagi. Sie finden ihre Leser schon, keine Angst. Oder, da Sie ja in führender Position sind: Lassen Sie so schreiben, falls das weniger Probleme gibt.

    „… wären gut beraten, Vernunft walten zu lassen…“ -Dieses obligatorische Résumé in staatstragenden Schweizer Journalistenkommentaren braucht darin nicht vorzukommen. Ehrlich nicht. Ihre Message, wenn auch verschlüsselt, ist rübergekommen.

    Wenden beginnen mit dem gedruckten Wort, nicht mit dem geschwätzten, um’s mal furchtbar pathetisch zu sagen. Holzmedien oder digital – völlig egal.

  3. Fred David:

    …und @) Martin Hitz, der „Daumen“ (wahlweise Smily) auf medienspiegel.ch wäre ein verdienstvolle Innovation, dann bräuchte man nicht so lange Belobigungen zu drechseln…

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