Der Blocher-Somm-Reflex

Vergangene Woche geisterte das Gerücht herum, «Basler Zeitung»-Schriftleiter Markus Somm solle Co-Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» werden, was Letzterer dementierte, was aber nichts heisst. Trotzdem: seltsames Gerücht. Noch seltsamer waren einzig die Reaktionen darauf.

Das Gerücht, Somm verlasse den Rhein in Richtung Sihl, ist deshalb ein seltsames Gerücht, weil a) mit Somms Weggang bei der «Basler Zeitung» die aufwendigste Leservertreibung der jüngeren Schweizer Pressegeschichte ein jähes Ende fände und die Lügen von Christoph Blocher, die seinen politischen Niedergang einleiteten, in keinem Verhältnis zum publizistischen Ertrag stehen würden. Und weil b) die geschwächte «Basler Zeitung» dann in die Hände von Tamedia fallen könnte, was nicht nur Papa und Tochter Blocher nicht goutieren würden.

Mit dem Namen Somm läuft es in der Medienbranche ja etwa so, wie es mit dem Namen Blocher während beinahe zwei Jahrzehnten in der Politik gelaufen ist: fällt der Name, wird er mit Hysterie quittiert. So auch letzte Woche, als das Gerücht von Somms möglichem Wechsel zum «Tages-Anzeiger» via «Infosperber» den Weg in die Öffentlichkeit fand. Nun ist es mit der Hysterie ja so eine Sache. Sie verstellt den Blick auf das Wesentliche. Und das Wesentliche sind in Politik wie in Zeitungen die Inhalte.

Gegen Blocher hat die vereinigte Linke im Land unter Mobilisierung aller Kräfte 20 Jahre lang angekämpft; sie hat ihn ─ zu Recht ─ aus dem Bundesrat gekippt. Aber was hat es genützt? In der kommenden Herbstsession dürfte der Ständerat das härteste Asylgesetz aller Zeiten beschliessen. Die Linke war so damit beschäftigt, gegen Blocher zu sein, dass sie ihre eigenen Inhalte vernachlässigt hat. Und wer füllt jetzt das Vakuum? Eben.

In Basel schien man daraus gelernt zu haben. Statt endlos gegen Somm zu kämpfen, kümmerte man sich um eigene Inhalte. Mit der «TagesWoche» entstand politische Gegenpublizistik, aus dem Aargau werden die baselstädtischen Leser mit der «bz Basel» umworben, und «Der Sonntag» hat Basler Seiten lanciert. Basel ist der mit Abstand spannendste Medienplatz im ganzen Land geworden. Hat dafür eigentlich Somm und Co. schon einmal jemand gedankt?

In Zürich scheint die Basler Lernkurve eher noch einem Schleuderparcour zu entsprechen. Die Reaktionen auf das Somm-Gerücht lasen sich, als würde mit Somm der Journalismus untergehen. Der Journalismus geht aber nicht mit Somm unter, sondern zum Beispiel mit Ringier, das den Ausverkauf des Journalismus vorantreibt, als gäbe es kein Morgen mehr.

Und dann sind da ja noch die Inhalte:

Nein, das sind nicht Schlagzeilen aus Somms rechter «Basler Zeitung», sondern vom angeblich linksliberalen «Tages-Anzeiger». Die Liste liesse sich übrigens beliebig verlängern.

Und was genau würde Somm in Zürich jetzt schlimmer machen?

Christof Moser ist Bundeshauskorrespondent und Medienkritiker der Zeitung «Der Sonntag» sowie Redaktionsleitungsmitglied der unabhängigen Informationsplattform «Infosperber».

von Christof Moser | Kategorie: Mediensatz

5 Bemerkungen zu «Der Blocher-Somm-Reflex»

  1. Fred David:

    Interessanter Kommentar. Gibt es zur Basler „Tageswoche“ zuverlässige Zahlen?

    ps. Die Provinz regt sich erfreulich, und mitunter sogar frech: z.B. „Südostschweiz“ , „Aargauer Zeitung“/“Sonntag“. Wird Zeit, dass man dem eingefahrenen Tsüri-Journalismus etwas Feuer unterm breitgesessenen Hintern macht…aber vielleicht zählt das auch zur Kategorie „Stammreflexe“?

  2. Fred David:

    Einfach mal so als Ergänzung. Hat mit dem Thema oben zu tun. Vielleicht sollte medienspiegel.ch eine Rubrik einrichten: „Die täglich kleine Korruption“. Man kommt sonst gar nicht mehr mit und verliert allmählich den Überblick über unser empfängliches Gewerbe. Die grosse Korruption wird separat behandelt.

    http://m.sonntagonline.ch/ipad/articleView.htm?article=bGluZTJfTkFUX2xpbmUyLTAyXzA5XzIwMTJfU29ubnRhZ19SZWRha3Rpb25fdjFfOTgyMjY1

  3. Fred David:

    Aus der beliebten Rubrik: „Unsere tägliche kleine Korruption“, heute:

    http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/SawirisLeute-bezahlen-Urner-Journalisten-fuer-PRTexte/story/19312601

    Besonders geeignet zum Abheften ist der Satz des Chefredaktors: „Wir handhaben das verantwortungsvoll.“

  4. Fred David:

    Offenbar wirkt die Rubrik „Unsere tägliche kleine Korruption“ anregend:

    http://www.aargauerzeitung.ch/aargau/kanton-aargau/presserat-prueft-verkauf-von-kandidatenportraets-in-lokalzeitung-125129229

    Wiederum zum Abheften eine Chefredaktoren-Weisheit als Erklärung für unwirksame „Empfängnisverhütung“ in der Branche: Man achte bei der Korruption auf „Ausgeglichenheit“, was heisst, man sei allen gegenüber in etwa gleich korrupt, wodurch sich alles wieder ausgleicht.

  5. Fred David:

    …es gibt ja auch Chefredaktoren, aber wenige offenbar, jedenfalls melden sie sich nicht zu Worr, die begriffen haben, dass es nicht drum geht, ob 500 CHF oder 1500 CHF oder wieviel auch immer im Kuverli waren, und die verstanden haben, dass sich die Spirale rasant weiterdreht und immer grössere Kreise zieht, bei Gebern und Nehmern, wenn Chefs diese Spielchen augenzwinkernd tolerieren, oder gar formell genehmigen: „es tun’s doch alle“ , „wir sind doch alle keine Heiligen“ , „wir haben doch alle auch schon mal“ u.ä. Ausreden:
    http://www.suedostschweiz.ch/community/blogs/journalisten-im-sonderangebot

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