Verkehrte Welt

Eine gute Woche ist es her, dass Ringier sich bei Carl Hirschmann für «teilweise unzutreffende Vorwürfe […], die sich auf Behauptungen anonymer Informanten stützten oder in der Weitergabe blosser Gerüchte bestanden» sowie für die «Intensität» der Berichterstattung entschuldigen musste. Aber es kommt noch besser: Der glamouröse Millionenerbe soll für die Ringier-Erzeugnisse auch noch zum Untouchable werden, wie die «NZZ» berichtete:

«Überdies unterlässt Ringier künftig Berichte über Hirschmann. Eine Ausnahme wäre nur möglich bei ausserordentlichen Ereignissen von öffentlicher Bedeutung, und selbst dann hätten sich die Ringier-Publikationen aufs Faktische zu beschränken.»

Damit sich solche Kollateralschäden nicht wiederholen, macht sich Ringier nun offenbar daran, populäre Objekte der Berichterstattung unter Vertrag zu nehmen, um sie in die eigenen Redaktionen «einzubetten» – so etwa Ottmar Hitzfeld, seines Zeichens amtierender Trainer der Schweizer Fusballnationalmannschaft (Medienmitteilung):

«Die Ringier AG hat mit dem Trainer der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft, Ottmar Hitzfeld, 63, einen mehrjährigen Zusammenarbeitsvertrag abgeschlossen. […] Die Kooperation zwischen Ottmar Hitzfeld und der Ringier AG beinhaltet kommunikative und repräsentative Auftritte für Ringier sowie eine redaktionelle Zusammenarbeit, dies auch für die Blick-Gruppe.»

Ringier-Konzernsprecher Edi Estermann gegenüber «persoenlich.com» dazu:

«Selbstverständlich werden die Ringier-Titel nach wie vor vollkommen unabhängig über die Leistungen der Fussball-Nationalmannschaft berichten. Alles andere können sich unsere Sport-Redaktionen gar nicht leisten.»

Etwas anders sieht dies «Südostschweiz»-Chefredaktor David Sieber:

«[Mit der Verpflichtung Hitzfelds] sichert sich der Konzern nicht nur einen grossen Namen im Fussballgeschäft, sondern kauft sich gleich eine ganze Fussball-Nationalmannschaft. Diese wird künftig medial nach Ringiers Pfeife tanzen. Das exklusive Zugangsrecht sichert den konzerneigenen Medien einen Informationsvorsprung. Der Preis, den die Journalisten zu bezahlen haben, ist allerdings hoch: Sie geben ihre Unabhängigkeit auf. Noch dem grössten Grottenkick der Nati müssen sie fortan positive Aspekte abgewinnen.

Umgekehrt ist Hitzfeld nun auf Gedeih und Verderb an Ringier gekettet. Er hat seine Seele verkauft. Für einen Fan ist das mindestens so unerträglich wie für einen Journalisten Ringiers Verrat an dessen Berufsstand.»

Aber hey, was soll’s! Der «Walliser Bote» ist sich ja auch nicht zu schade, seine «Autoren und Redaktoren» in einem Inserat (PDF) als Verfasser von Werbemitteln anzupreisen – «[e]twa für Geschäftsberichte oder Bücher, Reportagen, Broschüren oder PR.» Und selbst die «NZZ» arbeitet bei der Ausbildung von Wirtschaftsjournalisten bzw. Lobbyisten (PDF) inzwischen mit dem Interessenverband Economiesuisse zusammen. (Auf welcher Seite der Wirtschaftsvolontär wohl bei diesem Gespräch mit dem abtretenden Economiesuisse-Chef Gerold Bührer Platz genommen hat bzw. hätte?)

Zum ganzen Kuddelmuddel siehe auch:

von Martin Hitz | Kategorie: Sparschwein

2 Bemerkungen zu «Verkehrte Welt»

  1. Rick Gerber:

    Passt nicht ganz, aber näherungsweise und ist ein schöner Lichtblick:
    http://www.20min.ch/finance/news/story/-Da-hockst-du-mit-nassem-Fuedli-und-wartest–20342850

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