Sommerlektüre

Vor bald drei Jahren hat Kollege Fred David hier die damals neue news CaféBar beschrieben, die dem «St.Galler Tagblatt» gehört und als Ort zum Zeitungslesen ganz ok ist. Momentan ist das Lokal, wo «Kommunikation und Genuss sich treffen» allerdings fast zwei Monate geschlossen, weil es ein «Fresh-up» erhält ─ so ist das halt im schönen neuen Gastro- und Medienbusiness. Der Ort, an den ich mich in St.Gallen gerne zum Zeitunglesen zurückziehe, erhält hingegen hoffentlich noch lange kein «Fresh-up»:

Das Café Zentrum am Marktplatz (s. dazu auch «Der Gastgeber, der seine Gäste fordert», «Saiten» 3/12; PDF). Ernst Vogel, ein ehemaliger Kellner in der Spitzen-Hotellerie, hat sich hier vor vielen Jahren selbständig gemacht und führt das Café als Ein-Mann-Betrieb. Das Publikum im Café Zentrum verfügt über mehr Lebenserfahrung als jenes in der news CaféBar und deshalb auch über mehr Zeit. Vogel investiert jährlich 15’000 Franken in Zeitungs- und Zeitschriftenabos. Er weiss beispielsweise, was seine Gäste nicht lesen und was sie doch lesen sollten. Einem bekennenden Minarett-Gegner schenkte er das «NZZ-Folio» über «Die jungen Araber»: «Das interessiert Sie!» Mir legte er Dani Rysers «Magazin»-Feature über Paul Rechsteiner hin («Der Mann, der die Rechten knackte»), allerdings mit der Bemerkung: «Das kennen Sie vermutlich schon.»

Die «Weltwoche» würde mir Ernst Vogel nie zum Kaffee servieren. Er lächelt nur verständnisvoll, wenn ich in ihr blättere.

In den Diskussionen, die im Café Zentrum unter den Gästen ─ und moderiert von Cafétier Ernst Vogel ─ fast ohne Unterbruch stattfinden, spielt die «Weltwoche» aber sehr wohl eine Rolle. Zwischendurch mitlauschend vertiefe ich mich in das Blatt, das sichtlich versucht, anders zu sein, als ich denke. Mit der Nummer zum 1. August ist das fast gelungen: Hans Erni gestaltet das Titelblatt und wird zum Auftakt gleich eingemeindet: «Hans Erni und die Weltwoche – hier verbindet sich der Geist des Unbequemen und des Nonkonformistischen.»

Der Griff zum Wochenblatt hat sich alleine schon wegen des Essays von Adolf Muschg gelohnt: «Die verlorene Geschichte – meine Schweiz in fünf Kapiteln» (online nicht frei zugänglich). Muschg zitiert darin Gottfried Keller, der schon im Fähnlein der sieben Aufrechten eine Zeit habe kommen sehen,

«wo in unserem Lande, wie anderwärts, sich grosse Massen Geldes zusammenhängen, ohne auf richtige Weise erarbeitet und erspart worden zu sein; dann wird es gelten, dem Teufel die Zähne zu weisen; dann wird es sich zeigen, ob der Faden und die Farbe gut sind an unserem Fahnentuch!»

Was sich laut Muschg aber wirklich zeigte:

«Die neue Weltwirtschaft hatte der Politik die Zähne gezogen und durch ein künstliches Gebiss ersetzt, das zu jedem guten Geschäft grinsen lernte. Und was den Teufel betraf, so versteckte er sich nirgends besser als im Fahnentuch und verkleidete Seelenkauf als Landesinteresse.»

Lesenswert ist vieles in dieser Ausgabe: etwa auch das Gespräch mit Thomas Maissen (online nicht frei zugänglich), der gegen die «Geschichtspolitik à la SVP» argumentiert und die EU als erfolgreiche Friedensordnung und als rechtsstaatliche Ordnung mit Defekten verteidigt.

Das Interview mit Thomas Hürlimann (online nicht frei zugänglich) kommt dem näher, was man wohl als «Weltwoche»-Linie vermutet:

«Inzwischen zeigt sich ja, dass Europas Zukunft ein elend zusammengekrachtes Gebilde ist wie die Sowjetunion. Zudem arbeiten Soziologen im Auftrag des EU-Zentralkomitees ein neues Menschenbild aus. Der Eurotyp hat antirassistisch, areligiös, linksliberal, multikulti, öko und Nichtraucher zu sein und darf im Maximum 75 Kilo haben. Ganze Brigaden von Richtern bereiten sich geifernd darauf vor, dieses Menschenbild demnächst durchzusetzen. Die mögen uns Schweizer nicht. Wir mögen sie nicht…».

Das klingt rebellisch. Aber es ist ziemlich paranoid.

Vollends auf «Weltwoche»-Editorial-Linie liegt schliesslich der Beitrag über «Die Subversiven» (online nicht frei zugänglich): Gemeint sind der Unternehmer und Avalon-Staatsgründer Daniel Model, der Financier Titto Tettamanti und der Bankier Konrad Hummler. Laut «Weltwoche» hoffen die drei Männer auf «eine Renaissance von Freiheit und Eigenverantwortung». Freiheit ist ein schönes Wort. Aber müsste es nicht immer wieder von neuem definiert werden? Entsteht Freiheit nicht dort, wo sie unter Gleichberechtigten ausgehandelt wird? Der Freiheitsbegriff des modernen Neo-Liberalismus trägt mit seiner Staats- und partikularen Demokratiefeindlichkeit hingegen Züge eines Neo-Feudalismus. Die «Weltwoche» verhält sich manchmal wie dessen Hofblatt. Ich neige zur Vermutung, sie sei nicht nur eine konservative Zeitung, sondern ein weitreichendes Projekt zur Erringung der intellektuellen Lufthoheit.

Rudolf Strahm sieht in seinem «Weltwoche»-Beitrag (online nicht frei zugänglich) allerdings nicht schwarz:

«Die Schweizer Politik ist mühsam, ja, aber sie ist nicht erstarrt. Was heute fehlt, ist der Konkordanzwille. Die Reformen kommen langsam voran, manchmal zu langsam. Aber Langsamkeit wirkt nicht zerstörerisch, sondern stabilisierend.»

Das Café Zentrum, wo ich all das lese, ist ebenfalls ein Ort der Langsamkeit, mit einem philosophischen Cafétier, dessen Konkordanzwille mit Sicherheit grösser ist als jener der «Weltwoche». «Die Schweiz braucht nicht weniger Polarisierung, sondern mehr. Der Ruf nach Mässigung und Anstand ist scheinheilig», verkündigte Chefredaktor Köppel im vergangenen Jahr.

Ich glaube nicht, dass ihm darin viele Leserinnen und Leser folgen, nicht einmal die treusten im Café Zentrum. Denn wer die Schweiz gewinnen will, muss die Rechtschaffenen gewinnen. Als Projekt ist die «Weltwoche» deshalb vermutlich bereits gescheitert ─ auch wenn manche ihrer Beiträge nicht nur auf-, sondern tatsächlich anregend sind.

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

9 Bemerkungen zu «Sommerlektüre»

  1. Fred David:

    @) Hanspeter Spörri, danke, dass du meinen Text ausgegraben hast. Ich schäme mich ein bisschen. Obwohl es gerade mal drei Jahre her sind, würde ich nicht mehr mit dem gleichen Enthusiasmus drauflosschreiben, obwohl ich noch immer an die Elite-Idee glaube und mich freimütig dazu bekenne.

    Aber in diesen drei Jahren haben sich international die Printzahlen (ich meine die echten, nicht die getürkten) dermassen verschlechtert, wie ich es in der kurzen Zeit nicht für möglich hielt. Ich habe mir angewöhnt , in Qualitätsblättern die Anzeigenseiten (manchmal reicht der Singular) zu zählen. Ich bin erschreckend schnell durch.

    Nochmal drei, vier, fünf Jahre und ich weiss nicht, wo wir dann stehen werden. Dann sind solche Oasen, wie von dir beschrieben, wirklich exotische Ausflugsziele, die man seinen Kindern und Enkeln zeigt: So hat man früher mal etc. etc.

    Kürzlich in Holland hat mich ein Werber in ein heftiges Gespräch verwickelt, wollte mir ein Abo der besten holländischen Tageszeitung – NRC Handelsblad – verkaufen, wirklich eine moderne, attraktive, prima gemachte Zeitung. Das Abo kostet rein gar nix mehr. Für ein halbes Jahr hätte ich nur die reinen Zustellkosten zahlen müssen.

    Das ist Schlussverkauf.

    Ich denke, jetzt wird’s wirklich ernst.

    ps. Der von dir zitierte Thomas Hürlimann sollte sich lieber weiteren wunderbaren Erzählungen widmen. Politische und ökonomische Zusammenhänge sind wirklich nicht sein Thema…

  2. Fred David:

    ….nur ein Beispiel, um deutlich zu machen, wie weit das korrumpierende Anbiedern inzwischen schon geht. Das sind alarmierende Zerfallserscheinungen eines ernstzunehmenden Journalismus. Die Erosion ist, verdeckt, in vollem Gang.

    Der Chefredaktor der „Südostschweiz“ scheint der Einzige Schweizer Chefredaktor zu sein, den das beunruhigt. Und der hochlöbliche Presserat, der gern mit grossem Eifer prüft , ob irgendein Journalist auch ja bei der Gegenpartei angerufen hat, liest der auch mal den „Walliser Boten“? Da müsste doch eine scharfe Reaktion kommen!
    http://www.suedostschweiz.ch/community/blogs/ausverkauf-des-journalismus

  3. Fred David:

    …und diesen Link noch von infosperber.ch, damit man den Zusammenhang nicht verliert…
    http://www.infosperber.ch/Artikel/Medien/Peter-Studer-im-Radio-DRS-4-Der-krasseste-Fall

  4. Fred David:

    …man könnte sich als Sommerlektüre ja auch mal der Frage widmen, ob die direkte Demokratie zwangsläufig zur Verkindung eines einstmals volljährigen Landes führen muss*):

    http://www.20min.ch/finance/news/story/-Wehrt-euch-endlich–ihr-Hasenfuesse–11801344

    *) …um Himmelswillen, als Glosse natürlich! Notfalls als Satire, sofern man das kann, wobei zugegebenermassen die Unterscheidung , was Realität, was Satire sei, immer schwieriger wird.

  5. Skepdicker:

    @ Fred David: Man kann sich auch fragen, ob der Euronationalismus (1) Möchtegern-Philosophen-Könige (2) zu einer Erhöhung der Suizidrate in Griechenland um 40% (3), zu Jugendarbeitslosigkeit jenseits der 50% (4), zu Rassismus (5) und Hass zwischen Nord- und Südeuropa (6) geführt hat. Dieser Euronationalismus funktioniert nach dem Motto (7): „Wir beschliessen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein grosses Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“ Dieses Motto wird sekundiert durch den systematischen Bruch europäischen Rechts, wenn es die Philosophen-Könige für nötig halten: Artikel 125 des Lissabon-Vertrages (No-Bailout-Klausel), Artikel 126 des AEU-Vertrages (Maastricht-Kriterien) und Artikel 123 des AEU-Vertrages (Verbot des Aufkaufs von Staatsanleihen durch die EZB). Und wenn es doch Geschrei gibt, dann werden die Schreier als Reaktionäre diffamiert, auch wenn das Geschrei fundiert ist – und viel Übel von Europa abwenden könnte (8).

    (1): http://www.zeit.de/2003/24/Europa/seite-2
    (2): siehe K. Popper, „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“
    (3): http://www.n-tv.de/wirtschaft/Suizidrate-in-Griechenland-steigt-article5036496.html
    (4): http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/arbeitslosigkeit-jeder-zweite-jugendliche-in-griechenland-ohne-job-a-827189.html
    (5): http://www.bild.de/politik/ausland/griechenland/totschlag-auf-offener-strasse-25651136.bild.html
    (6): http://www.washingtonpost.com/blogs/blogpost/post/angela-merkel-depicted-as-nazi-in-greece-as-anti-german-sentiment-grows/2012/02/10/gIQASbZP4Q_blog.html
    (7): http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-15317086.html
    (8):http://www.abc.net.au/money/vault/extras/extra5.htm, http://www.amazon.de/Euro–Klage-Warum-W%C3%A4hrungsunion-scheitern/dp/3499223953/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1346056237&sr=8-1, http://web.mit.edu/krugman/www/euronote.html

  6. Fred David:

    @) Skepdicker: Claro kann man. Man kann auch eine Europa-Diskussion vom Zaum brechen (Zaum brechen= Zügel schiessen und Ross durchgehen lassen), wie Sie das hier tun. Nichts dagegen. Mach ich auch gelegentlich.

    Wie ich Sie verstehe, ist Europa von einer anonymen Clique in Geiselhaft genommen worden. Sie will diesen Kontinent mit aller Gewalt zugrunde richten, was ich bisher nicht wusste.

    Was Sie allerdings ausblenden: CH ist Teil Europas und mit der EU engstens liiert, ohne formell Mitglied zu sein. Wir sind auf Gedeih und Verderb an das Schicksal Europas gebunden, nur schon deswegen, weil wir mitten drin liegen wie der nährstoffreiche Kuhfladen auf der Alp oder wie der Föifliber im selbigen (je nach Standpunkt) und weil wir eben keine Off-Shore-Insel im Stillen Ozean sind, obwohl wir das liebendgern sein möchten, nicht zuletzt des besseren Wetters wegen.

    Schon von dieser Ausgangslage her müsste man sich mit Europa und mit unserer künftigen Rolle darin gründlich auseinandersetzen.

    Sie haben vollkommen Recht: Ein ernsthafter, intelligenter Europa-Diskurs mit allem Drum und Dran – aber wirklich mit allem – und vor allem: mit langem Atem – wäre sehr zu begrüssen.

    Aber, sorry, Schweizer Medien halte ich dafür auch im Ansatz nicht mehr in der Lage.

  7. Fred David:

    Wir sind ja von den Fundstücken der Sommerlektüre ausgegangen. Es gibt diese schon, aber meistens irgendwo in Nebengärtli. Man muss sie sich mit grosser Geduld zusammensuchen. Zum Beispiel hier:

    http://www.sonntagonline.ch/blog/609/

    oder der Facebook- Eintrag von Viktor Parma hier:

    Bei der NZZ fällt der Groschen pfennigweise, aber er fällt. Heute erwähnt erstmals auch sie den für die Schweiz brisanten Punkt der am 17. Juli beschlossenen Neuauslegung der OECD-Standards für die Steueramtshilfe – vier Wochen nach meinen Hinweisen in der SoZ und eine Woche nach der WOZ. Der neue OECD-Standard strebe, schreibt die NZZ plötzlich wie nebenher, „im Grundsatz den Informationsaustausch über alle «voraussichtlich relevanten Tatbestände» an und überlässt das Urteil über die voraussichtliche Relevanz dem anfragenden Staat – und damit nicht dem angefragten Land, was künftig einige Bedeutung erhalten könnte“. Das kann – oder könnte – man auch anders sagen: Die Steueroase Schweiz ist erledigt, und der Preis, den das Land für das jahrzehntelange Treiben seines Finanzsektors zahlt, ist ein nie dagewesener Souveränitätsverlust.
    Gefährdete Steuerflüchtlinge – NZZ.ch, 24.08.2012
    http://www.nzz.ch/aktuell/wirtschaft/wirtschaftsnachrichten/gefaehrdete-steuerfluechtlinge-1.17515974?fb_action_ids=3916247903667&fb_action_types=og.recommends&fb_source=aggregation&fb_aggregation_id=288381481237582

    Keine Nebensächlichkeiten, die hier abgehandelt werden. Aber sie stossen kaum auf Beachtung.

  8. Skepdicker:

    @ Fred David: Nein, Europa wurde nicht von einer anonymen Clique in Geiselhaft genommen. Europa wurde von wohlmeinenden Politikern, die aus tiefstem Herzen daran glaubten, sie täten das Beste für die Bevölkerung Europas, in eine ökonomische und soziale Katastrophe geführt. Sie taten dies in vielen Fällen gegen den Willen der Bevölkerung und gegen den Rat von Fachexperten. Aber es ging schliesslich ums grosse Ganze – wie immer, wenn Grösse, Stolz, Flagge, Nation oder Kontinent wichtiger sind als Individuen (wo gehobelt wird, fallen halt Späne!).

    Wer auf die Auswüchse der direkten Demokratie hinweist, darf die Augen nicht vor den Auswüchsen der parlamentarischen Demokratie verschliessen: In Deutschland hatte die Bevölkerung die Wahl zwischen einem Ja zur Euro-Einführung (CDU/CSU, FDP) und einem Ja zur Euro-Einführung (SPD, Grüne). In Griechenland konnte die Bevölkerung zwischen einem Ja zu Schengen/Dublin (Nea Dimokratia) und einem Ja zu Schengen/Dublin (PASOK) wählen. Europäer, welche die EU grundsätzlich für eine tolle Sache halten, aber einzelne Elemente, neue Verträge oder Erweiterungen dezidiert ablehnen, haben de facto keine Wahl. Weil die angeblich so aufgeklärten Europa-Eliten in Anlehnung an George W. Bush implizit sagten: „Either you are with us, or you are with the NPD, Front National and Lega.“ Im Kaufleuten-Journalismus heisst es abgewandelt: „Either you are with us, or you are with the AUNS.“

    Lieber Fred David, in direkten Demokratien gilt wie in parlamentarischen Demokratien Meinungsfreiheit. Ein SVP-naher Professor kann wohl Vergeltungsmassnahmen gegen Deutschland fordern und damit in Leserkommentaren Anhänger finden. Die Erfahrung zeigt freilich, dass eine Initiative zur Gotthard-Sperrung für deutsche Camions vom Volk ziemlich sicher abgeschmettert würde.

    Natürlich gibt es in direkten Demokratien immer wieder Volksentscheide, die von der Verliererseite beklagt bzw. Diskussionen, die von der sozio-kulturellen Elite als „Verkindlichung“ interpretiert werden. Als „störend“ empfundene Debatten gibt es aber auch in parlamentarischen Demokratien, wie der Fall Sarrazin beweist (bis die Realität nicht mehr geleugnet werden konnte, wurde auch die Euro-Diskussion als „störend“ empfunden).
    Und nicht zuletzt lässt sich der track record der direkten Demokratie sehen: Bistumsartikel, Minarett- und Jesuitenverbot und Frauenstimmrecht erst ab 1971 sehen neben Soldatenfriedhöfen, Hatz auf Ausländer, öffentlichen Selbstverbrennungen, 23% Arbeitslosigkeit etc. eigentlich gar nicht so schlecht aus.

    „Verkindlicht“ ist nicht die direkte Demokratie. „Verkindlicht“ sind die tonangebenden Journalisten, die bei jeder vermeintlich oder tatsächlich blödsinnigen Idee, die in der Öffentlichkeit auftaucht, fordern, dass die direkte Demokratie aus Furcht vor dem Tod Suizid begeht.

  9. Fred David:

    @Skepdicker: Ich würde gern und mit Verve auf die Europa-Diskussion hier einsteigen, aber ein Medienforum ist der falsche Ort. Mit Leuten wie Ihnen kann man argumentieren, auch wenn man völlig konträrer Meinung ist. Beide Seiten haben was davon.

    Warum gibt es in CH keinen ernstzunehmenden Blog, kein Internet-Forum oder ähnliches, die sich um dieses für die Schweiz existenzielle Thema in erwachsener Manier kümmert, professionell dokumentiert, diskutiert, streitet, beobachtet, hinterfragt? Weitestgehend unabhängig natürlich. Gilt übrigens auch für ein paar andere Mega-Themen; ich meine jetzt nicht die Click-Sammler auf den Hopplahopp-Newsseiten.

    Natürlich könnten Medienhäuser sowas im Prinzip, aber sie schaffen es inhaltlich nicht mehr. Sie kriegen so etwas nicht mehr auf die Beine, weil sie fast ausnahmslos auf der populistischen Welle schwimmen und fachlich unterdotiert sind. Sie wissen nicht mehr, wie so etwas geht. Sie können es nicht mehr, selbst wenn sie wollten. Und wer sich selbst als „Entertainment Company“ versteht (Ringier-CEO Marc Walder) schon gar nicht. Es ist immerhin das grösste Medienhaus dieses kleinen Landes.

    ps. Ich bin so frei, einen Finanzprofessor, der oben genannte „Vorschläge“ macht, einen unpolitischen Armleuchter zu nennen.

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