Die andere Seite

«Wieso macht me das?» Philipp Gut, stellvertretender Chefredaktor der «Weltwoche», fragt direkt, weshalb einer «auf die andere Seite» wechsle. Da stehe ich also neben meinem neuen Boss, den ich an eine Podiumsdiskussion begleite, und freue mich ob der fadegrad gestellten Frage just jenes Journalisten, der seit Jahren hart, aber fairerweise immer aus derselben Grundhaltung heraus auf meinen neuen Arbeitgeber, die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) des Aussendepartements (EDA), zielt.

«Die andere Seite». Wie fühlt es sich an, nach ein paar Wochen ausserhalb der öffentlich-rechtlichen Anstalt? Nun, die anfängliche Beobachtungsphase eines Newbies ist gewürzt mit (Vor-)Urteilen gegenüber den anderen in der Verwaltung, getreu den drei V ─ Verstaubt, Verschlafen, Vernachlässigbar. Das zumindest der ab und an zu hörende Kommentar aus der vier M- (Mir Mega Medie-Macher) Kollegenschaft. In der real existierenden Welt der Vermittler zwischen V und M präsentiert sich die Realität ─ wie so vieles ─ aber nicht bloss in Schwarz-Weiss-Tönen:

«Rio+20», der Weltgipfel von übernächster Woche, an dem nichts Geringeres als Pflöcke für die künftige ökonomische und ökologische Entwicklung der Welt eingeschlagen werden ─ oder eben nicht. Doch kaum ein Journalist, der sich wirklich auf dieses Thema einlassen kann ─ die Gestaltung der Zukunft steht nicht allzu prominent auf dem Radar der News-Gilde, obwohl für Schweizer Bevölkerung, Politik und Wirtschaft ziemlich viel auf dem Spiel steht. Und so laden die verschiedenen Bundesämter, die die offizielle Verhandlungsdelegation der Schweiz in Rio bilden, zu einem Hintergrund- und Informationsmorgen ein ─ wie gesagt, es geht um die Frage der Verteilung von Ressourcen und Wohlstand, es geht um Armutsbekämpfung; also um nichts anderes als die Frage, wie wir unsere Zukunft zu gestalten gedenken.

Wollen S‘ hören, wie das Feedback auf «der anderen Seite» ausgefallen ist?

Die Journalisten hätten ja gar keine relevanten Fragen gestellt, sagt ein irritierter Delegationsteilnehmer; ob denn distanziert-kritisches Hinterfragen nicht normal sei im Journalismus?

Irritation hüben und drüben, die der Neo-Kommunikationsmensch den Fachleuten damit zu erklären versucht, dass sich Journalismus 2012 nicht mehr primär durch hartnäckiges Hinterfragen auszeichne.

Oder dann die Nationalratsdebatte in der laufenden Session: 11,3 Milliarden Franken schwer sind die Rahmenkredite zur internationalen Zusammenarbeit, über die der Rat zu befinden hatte ─ 11,3 Milliarden Franken! Der Felssturz am Gotthard war indes gewichtiger, die Tragödie des erschlagenen Bauarbeiters attraktiver als das hierzulande nicht unumstrittene Engagement der Schweiz in Konfliktgebieten: Für das Deutschschweizer und Westschweizer Fernsehen war die Debatte nicht prioritär, dem «Tages-Anzeiger» und anderen Print-Ausgaben war sie 22 Agenturzeilen wert. Anders übrigens die Online- und Gratismedien: «Blick am Abend» besorgte sich auf der Website der DEZA vier Programm-Beispiele, um zu illustrieren, wo die Schweizer Gelder eingesetzt werden. Newsnet publizierte einen längeren, angereicherten Agentur-Artikel ─ und lancierte damit eine flotte Talkback-Runde. Von den traditionellen Print-Titeln verlagerte sich die Debatte ─ oder zumindest der Schlagabtausch ─ also im günstigsten Fall ins Netz.

Wollen S‘ hören, wie das Feedback auf «der anderen Seite» ausgefallen ist?

Ob sich denn die traditionellen Medien nicht mehr als vierte, distanziert-begleitende Macht im Staat verstünden, zeigte sich einer der Fachleute ob des Schweigens im deutlich gelichteten Blätterwald erstaunt. Themengewichtungen seien im Journalismus 2012 wohl tatsächlich nicht mehr primär mit Relevanz zu erklären, meinte der Neo-Kommunikationsmensch. Es gelte ─ so der Versuch der Einordnung getreu meiner Funktion als Brückenbauer ─ die heutigen Medienrealitäten und die damit einhergehenden Zufälligkeiten zu akzeptieren; gleichzeitig müssten wir uns aber auch klar darüber werden, was diese, zumindest partielle Oberflächlichkeit für Bundesstellen bedeute.

Dabei gäbe es trotz unterschiedlicher Aufgaben sehr wohl einiges an gemeinsam zu Hinterfragendem: Wie zum Beispiel lässt sich politische Kommunikation von Polit-Lobbyismus abgrenzen? Diese Schnittstelle anhand der Frage abzuarbeiten, wer denn nun über einen Bundeshaus-Badge verfüge ─ und damit Direkt-Lobbying betreibe ─ könnte etwas kurz greifen. Oder glaubt jemand ernsthaft, 2012 laufe die Themensetzung von Interessenvertretern auf diese Art und Weise? Ein Blick in die schon schier als eigenständige Mediengattung zu bezeichnenden Sonntags-Publikationen zeigt, wie Themensetzung nicht nur, aber auch funktioniert.

Und wenn allenfalls auf der Journalisten-Seite der sehr wohl vorhandenen Selbstreflexion die eine oder andere (Abgrenzungs-)Tat folgen würde? Vor einiger Zeit hatte ich mir erlaubt, in meinem Blog die lange Liste der Grenzgänger aufzuführen (nur schon wegen des Bildlis sollten Sie den Post kurz anklicken) ─ und die Liste schien kein Ende zu nehmen. Die Liste jener, die sich weder fürs Hüben noch fürs Drüben entscheiden mögen.

Da traf es sich gut, jüngst einem Lehrenden der Universität Zürich in Sachen «Was ist Journalismus 2012?» zuzuhören. Lassen wir das jene beantworten, über die auch berichtet wird, nämlich Politikerinnen und Politiker: 60 Prozent der Schweizer Legislativ-Politiker, also National- und Ständeräte, beschreiben ihr Verhältnis zu Journalisten in einer Umfrage als «harmonisch». Dazu im Gegenzug das Selbstbild der Medienschaffenden: 58 Prozent der Journalisten finden, sie hätten ein teils harmonisches, teils konflikthaltiges Verhältnis zu Politikern. Kommentar des Studiosus‘ zu diesem Umfragergebnis: Die Frage stelle sich damit kaum mehr, ob Journalisten «blaue Flecken vom Fight oder Knutschflecken von der innigen Umarmung» hätten.

Könnte es also sein, dass «me das macht», weil nicht immer, aber immer öfter «auf der anderen Seite» ein gewisser Spielraum besteht, tatsächlich Relevantes zu thematisieren und mitzugestalten?

Philipp Gut hat das längst begriffen. Aber er arbeitet eben auf der anderen Seite.

André Marty war die letzten 25 Jahre als Journalist für Tages- und Wochenzeitungen sowie als Auslandkorrespondent, Krisenreporter und Moderator für das Schweizer Fernsehen tätig. Im April 2012 wechselte er ins Aussendepartement (EDA), um bei der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) die Kommunikationsarbeit zu übernehmen. Hier gibt er seinen persönlichen Standpunkt wieder.

von André Marty | Kategorie: Mediensatz

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