Beta-Journalismus

«Yesss!» twitterte Medienspiegler Hitz gestern, nachdem «persoenlich.com» gemeldet hatte, die neue iPad-App des «Tages-Anzeigers» biete künftig ein E-Paper, eine PDF-Ausgabe der Printausgabe, an. Ich sah ihn vor mir, wie er triumphierend die Faust hochriss – er hat es ja tatsächlich immer schon gesagt: Was soll dieses Web-Paper-Zeug, dieser Verschnitt von Printausgabe und aktualisierten Online-Inhalten? Zumal man ja dann in der Regel das nicht findet, was man gerade lesen möchte, und seien es die Todesanzeigen.

Mit dieser Einschätzung macht man sich bei den sogenannten Internetaffinen nicht besonders beliebt, aber sie ist schwer zu widerlegen. Die kostenpflichtige, abends aktualisierte iPad-App des «Tages-Anzeigers» war offensichtlich ein Flop. Das kostenpflichtige E-Paper der «NZZ» dagegen ist mit etwa 10’000 Downloads pro Tag seit längerem ein schöner Erfolg.

Woran das liegt, ist klar: Noch immer ist es eine der grossen Leistungen der gedruckten Zeitung, dass sie ihren Leserinnen und Lesern täglich in kompakter, abgeschlossener Form liefert, was sie für berichtens- und bedenkenswert hält. Sie gewichtet durch Layout, Umfang und Gestaltung der Beiträge. Das ist der Trumpf, den sie auch als PDF-Version ausspielen kann. Darauf hat auch der CEO des «Economist» in einem brillanten Referat hingewiesen. Ob auf Papier oder auf dem Tablet: Der «Economist» wird im «Lean-Back»-Modus gelesen, wie gross angelegte Leserbefragungen ergeben haben. Die Social-Media-Funktionen – Liken, Sharen, Commenten – werden da kaum genutzt. Die Leute wollen einfach in Ruhe ein intelligentes Magazin lesen.

Online-Auftritte funktionieren anders. Onlinejournalisten brauchen besondere Fähigkeiten und Tugenden, denn Onlineleser haben besondere Erwartungen und Interessen. Am Bildschirm befinden sie sich im «Lean-Forward»-Modus, wie der «Economist»-CEO es nennt. Sie brauchen ein anderes Angebot als wenn sie zurückgelehnt lesen, sie wollen sich einmischen, sie teilen, sie teilen sich mit, sie sind Teil einer engagierten Gemeinschaft. Darum hat Peter Hogenkamp, der Digitalchef der NZZ-Mediengruppe, die neue «NZZ»-Website als Betaversion öffentlich gemacht und den CEO von Linked In zitiert:

«If you’re not embarassed by the first version of your product, you’ve launched too late.»

Diese Maxime für Software-Entwickler sollten sich Onlinejournalisten allerdings nicht zu eigen machen. Sie müssen kreativ sein, die Möglichkeiten ihres vielseitigen Mediums ausloten, neue Erzählformen erfinden und Darstellungsmöglichkeiten ausprobieren. Sie dürfen alles ─ Beta-Journalisten dürfen sie aber nicht sein. Auch sie müssen sich an der Verbindlichkeit ihrer Texte messen lassen, selbst wenn sich online alles unkompliziert korrigieren lässt: Der Journalist sollte alles daran setzen, Bugs zu vermeiden, statt sie fixen zu müssen.

Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ Folio».

von Daniel Weber | Kategorie: Mediensatz

4 Bemerkungen zu «Beta-Journalismus»

  1. Peter Hogenkamp:

    Ich mach mir einen Reminder für Mai 2017: Daniel Weber auf Webpaper vs. E-Paper ansprechen. Ich hab keine Ahnung, wo wir dann stehen werden. Aber Amara’s Law spielt immer und überall.

  2. Martin Hitz:

    Ist notiert.

  3. Peter Hogenkamp:

    Da sich der Jahrestag bald nähert: https://webpaper.nzz.ch/

    *Das Webpaper ist jetzt im E-Paper integriert*
    Das Webpaper wurde am 3. Mai 2017 eingestellt und durch das neue E-Paper mit zusätzlichen Funktionen ersetzt.

    Tja. Ich zitiere in solchen Zusammenhängen gern Amaras Law (http://www.pcmag.com/encyclopedia/term/37701/amara-s-law), und ich bin weiterhin überzeugt, irgendwann gibt es kein E-Paper mehr, weil es die zugrunde liegende Metapher der gedruckten Zeitung nicht mehr gibt – aber fünf Jahre waren offenbar viel zu kurz. Schauen wir in 50 Jahren nochmal.

  4. Martin Hitz:

    50 Jahre (oder vielleicht auch nur 25) kommen m.E. eher hin. Und: Webpaper ist ok, ich bleibe aber beim ePaper.

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