Genug gezwitschert

Anstatt Medienschelte hier zur Abwechslung mal eine Empfehlung. Dafür müssen Sie allerdings Ihren Computer verlassen und ins Kino gehen – wir rechnen hier das alte, überholte Lichtspieltheater einfach auch zu den neuen Social Media. Ohnehin empfehle ich einen Dokumentarfilm, und diese Gattung liegt den (medialen) Realitäten ja näher als den Traumschlössern aus Hollywood.

Überdies versöhnt mich dieser Film mit einem Stachel, der mir im Fleisch steckt, seit mir dieser Blog aufgenötigt wurde. Denn noch immer staune ich über das unendliche menschliche Mitteilungsbedürfnis und frage mich fast tagtäglich, was all diese Blogs und Facebook-Einträge und Twitter-Nachrichten und überhaupt das ganze Gezwitscher im Äther bezwecken und bewirken sollen, das immer mehr Leute immer häufiger in immer zahlreicheren Weltecken in die immer schnellere Internetwelt hinaus posaunen. Wer soll das alles lesen, aufnehmen, verarbeiten? Ob andere das auch so oft vor sich hinstöhnen? Oder nur die Dinosaurier aus der alten Zeitungs-, Radio- und Fernsehwelt, die ein – einigermassen – überschaubares Netz an News, Informationen, Hintergrund und Einschätzungen über ein – einigermassen – überschaubares Verbreitungsgebiet spannten für einen – einigermassen – überschaubaren Kreis von Leserinnen, Zuschauern, Hörerinnen?

Natürlich, auch als Zeitungsjournalistin habe ich mich regelmässig gefragt: Für wen schreibe ich hier eigentlich? Es waren aber eher Seufzer der Entnervtheit, wenn ich mich schwertat mit einem Text. Heute kommt mir die Frage viel existentieller vor. Womöglich, weil ich sie im Rentenalter nicht mehr mit dem existentiellen Broterwerb beantworten muss. Sicher aber, weil jeder Text in den Strudeln der neuen Medienflut sofort untergehen muss. Ich weiss, was man mir entgegnen wird: Dass zum Beispiel der arabische Frühling ohne Blogs, Facebook und Twitter nicht stattgefunden hätte. Hätte er nicht? Und werden Blogs, Facebook und Twitter den arabischen Frühling daran hindern, zum islamistischen Winter zu gefrieren? Es schaut nicht danach aus.

Und, wo bleibt jetzt dieser Dokumentarfilm?! Also: Die Spreu vom Weizen respektive das endlose Geschwätz von der dringlichen Kommunikation trennt «Forbidden Voices». Die Schweizer Regisseurin Barbara Miller und ihr Kameramann Peter Indergand porträtieren darin drei beeindruckende Frauen – aus Kuba, China und dem Iran –, die unter Gefahr für Leib und Leben gegen die Regimes anbloggen, die ihnen die Stimme verbieten wollen. Oder wie die Iranerin Farnaz Seifi, die dies bis zu ihrer Flucht nach Deutschland, in die Sicherheit einer westlichen Demokratie, getan hat. Unter den dreien ist sie diejenige, die am akutesten gefährdet war. «Im Iran», sagte sie der «WoZ», «ist jede Bewegung im Internet eine Anstrengung und jeder Klick wohlüberlegt». Ein Satz, den man allen ins Facebook schreiben möchte, die das Internet mit der Farbwahl ihrer Socken oder den Spassbildern vom Komasaufen verstopfen.

Farnaz Seifis Fall ist auch aufschlussreich, was das revolutionäre Potenzial der Social Media beziehungsweise die arabischen Demokratieversuche betrifft: Was seit 1979 aus der iranischen Revolution gegen den Pfauenthron geworden ist, könnte in den Maghreb-Staaten bald in ähnlich verbrecherische Islamismus-Diktaturen münden (der weiblichen Hälfte ihrer Bevölkerung droht ohnehin, auch bei eher gemässigten islamischen Politikentwicklungen, die Gefahr neuer, alter Unterdrückung. Das allerdings wird von westlichen Beobachtern kaum je zur Kenntnis genommen, wie das Beispiel der Türkei zeigt).

Doch auch mit den mutigen Schreiberinnen aus Kuba und China, Yoani Sanchez und Zeng Jinyan, möchte man nicht tauschen. Beide durften der Einladung ans Dokfilmfestival Nyon, wo der Film Uraufführung feierte, selbstverständlich nicht folgen. Aber beide sind bis zu einem gewissen Grad geschützt durch die Bekanntheit, die sie sich im Internet erkämpft haben und die dieser Film nun fördert. Er ist selbst unter teilweise riskanten Drehumständen entstanden und gerade darum eine besonders überzeugende Hommage an diese – und viele andere – unspektakulären Heldinnen, die an vorderster Front gegen Repression und Unterdrückung kämpfen. Ohne Revolutionsattitüde, ohne Vermummung, ohne Waffen und ohne Terror. Einfach mit unglaublicher Zivilcourage. Und im nüchternen Wissen darum, dass Frauen allzuoft, wenn «demokratische Siege» errungen sind, in den Parlamenten und Regierungen gleich wieder leer ausgehen.

Also, liebe Medienspiegel-BesucherInnen, raus aus dem Internet und rein ins Kino. Und wenn Sie die Diktatoren, gegen die in «Forbidden Voices» gekämpft wird, gerne noch zur satirischen Lachnummer degradiert sehen möchten, dann schliessen Sie gleich einen weiteren Kinobesuch an: Zu «The Dictator», einer bösen Komödie des schwarzhumorigen Briten Sacha Baron Cohen (alias «Borat» alias «Brüno»). Er nimmt aber nicht nur Gross- und Kleindiktatoren islamistischer Provenienz aufs Korn, sondern auch den Umgang des Westens mit ihnen und ihren Ideologien (zum Beispiel den Kulturrelativismus von blauäugigen Multikulti-Aktivistinnen, die für den in New York gestrandeten obersten Wortführer von Rassismus und Sexismus ihr ganzes, liebes Integrationsarsenal aufbieten – und ihn dabei fast zum Veganer machen).

Pia Horlacher war Film- und Kulturredaktorin beim Schweizer Fernsehen, bei der «NZZ» und bei der «NZZ am Sonntag». Als Mitglied des Presserats befasst sie sich auch mit Medienfragen.

von Pia Horlacher | Kategorie: Mediensatz

2 Bemerkungen zu «Genug gezwitschert»

  1. Weder das „Netz an News, Informationen, Hintergrund und Einschätzungen“ noch das Verbreitungsgebiet, noch der „Kreis von Leserinnen, Zuschauern, Hörerinnen“ war jemals wirklich überschaubar.

    – Bei den Quellen wird und wurde schon immer eine (willkürliche) Auswahl vorgenommen.
    – Das Verbreitungsgebiet war noch nie abzuschätzen. Auch früher schon wurden Inhalte geteilt, mit der digitalen Kopie ist das heute halt viel simpler.
    – Die Leser sind heute eher bekannter als früher. Website-Betreiber können, wenn sie wollen, minutiös Aufschluss erhalten über die Herkunft und die Tätigkeiten ihrer Besucher.

    Und jeder Text geht in den Strudeln der neuen Medienflut sofort unter? Nein, Inhalte, die viele Leser beschäftigen, werden geteilt und erreichen so eine Vielzahl der Leser, die sie vor den neuen technischen Möglichkeiten erreicht hätten.

  2. Mara Meier:

    Frau Horlacher, es ist nicht das erste Mal, dass Sie es schaffen, eine Antifeministin vital für Frauenthemen zu interesseren. Dafür danke ich Ihnen herzlich. Ich schätze Ihre klugen Beiträge sehr. Alles Gute!

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