Presserats-Tautologie

Es wird nicht mehr lange dauern, bis das Bundesgericht eine Millionenklage gegen einen Internet-Betreiber gutheisst, auf dessen Internetseite eine monströse rassistische Beleidigung oder sonst eine Ungeheuerlichkeit in Form eines «user generated content» erschienen ist. Kein Mensch weiss, wie man sich wirkungsvoll gegen ein solches Horrorszenario schützen kann. Es gilt das Prinzip, «es wird schon gutgehen». Wer genug Geld zur Verfügung hat, kann der Gefahr mit einer Spezialtruppe von Internet-Redaktoren begegnen, die alle Einträge blitzschnell prüft und notfalls innert Sekunden aus dem Netz wirft.

Redaktionen, die den Umgang mit notorischen Stänkerern, Besserwissern und Beleidigern regulieren möchten, werden aber vom Presserat zurückgepfiffen. So hat dieser jüngst gegen die Redaktion der «Südostschweiz» entschieden, als diese einen penetrant rechthaberischen Online-Kommentator, der unablässig zu jeder Schattierung der Weltlage seinen Senf abgibt (man nennt solche Minutenschriftsteller «Trolle») mit einer Publikationssperre belegte. Das Presserats-Urteil fiel aber irgendwie tautologisch aus, denn es lautet im übersetzten Klartext: Man darf den Mann nicht sperren, aber man muss ihn auch nicht publizieren. Was in der Praxis auf dasselbe hinausläuft, den Presserat aber den Anschein wahren lässt, weiterhin auf dem Pfad der Pressefreiheit zu wandern.

Vor wenigen Jahren führte ein ähnlicher Fall der «Südostschweiz» zu einem ebenso skurrilen Presserats-Urteil: Als die Zeitung einem Kulturschaffenden die Leserbriefspalten verweigerte, der die Redaktion fortgesetzt mit Unflätigkeiten bewarf und sie offen des Faschismus bezichtigte, fand das der Presserat medienethisch höchst fragwürdig. Man dürfe einem solchen Manne keinesfalls brieflich ein Publikationsverbot auferlegen, aber man dürfe seine Ergüsse durchaus regelmässig in den Papierkorb werfen.

Damals zumindest erhob der Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» seine Stimme für die Kollegen in Chur und fragte, wie weit sich überhaupt ein privates Medium Publikationsvorschriften irgendwelcher Gremien gefallen lassen müsse. Die Diskussion versandete dann aber schnell. Das jüngste Presseratsurteil zeigt nun aber, dass sich eine Tendenz einnistet, den privatwirtschaftlich organisierten Print- und Online-Medien ähnliche Vorgaben zuzumuten, wie sie die konzessionierten Radio- und TV-Sender einzuhalten haben.

Selbst der liberale Medienredaktor der «NZZ» verweist darauf, wie problematisch es sein könnte, wenn die «Südostschweiz» angesichts ihrer starken Stellung in der Region einzelne Meinungen auf Internetforen nicht mehr zulassen würde. Er blendet dabei aus, dass es nicht um einen normalen, offenen und geordneten Diskurs geht, sondern um querulatorische Dauernerverei, welche die anderen Leser systematisch von solchen Plattformen vertreibt (solche Reaktionen bekommt die Redaktion oft zu hören, so im Sinne von «wann stoppt ihr endlich diesen Herrn X?!»).

Besonders frappierend an der Kritik ist aber, dass die «Wahrung der Publikationsfreiheit» rein deklamatorischen und kosmetischen Charakter hat, indem den Redaktionen nur das Verbieten verboten wird, nicht hingegen das Nicht-Publizieren.

Der Presserat entwickelt sich leider schleichend zu einem leicht anachronistischen Organ zur Wahrung einer Medienfreiheit, die in den Siebzigerjahren steckengeblieben ist. Eine solche muss im Netz anders aussehen als in einer in Bezug auf Qualität viel stärker regulier- und kontrollierbaren Zeitung. Statt dass sich der Presserat um jene kümmert, die überhaupt keine Regeln einhalten, verärgert und düpiert er Verlage, welche diese mediumsgerecht anwenden wollen.

Andrea Masüger ist CEO der Südostschweiz Medien.

von Andrea Masüger | Kategorie: Mediensatz

5 Bemerkungen zu «Presserats-Tautologie»

  1. Wie dieser schrecklich mächtige Presserat diese bitterarmen, fast schon hilflosen Verlage gängelt, das ist schon furchtbar! Herr Masüger, im Ernst, seien Sie doch nicht so verärgert.

    Der Presserats-Entscheid wirkt auch auf mich weltfremd. Es sei dem Entscheidungsgremium eine Weiterbildung in Sachen Web-Kommentare empfohlen, ein Besuch in der Freischaltzentrale eines grösseren Medienhauses könnte eine ganz andere Argumentation erwirken – wer spricht eine Einladung aus?

    Einerseits bin ich der Meinung, dass jeder Medienbesitzer, wie jede andere Firma auch, das Hausrecht hat. Er muss Gäste, die wiederholt gegen die (existierende?) Hausordnung verstossen, nicht akzeptieren. Andererseits scheint mir das Aussprechen eines generellen Publikationsverbots auch etwas pathetisch, oder täusche ich mich da? Ich will gerne zugeben, dass ich mir in diesem Punkt nicht sicher und gerne bereit bin, meine Meinung gegebenfalls zu ändern. Aber wenn wir uns an Niklaus Meienberg und an den „Tages-Anzeiger“ erinnern, frage ich: War das nicht recht idiotisch, so rückblickend?

    Und eine kleine Hilfe noch: Der liberale Medienredaktor der NZZ ist vielleicht ja genau darum liberal, weil er grundsätzlich für die Publikationsfreiheit einsteht. Liest man Ihre Zeilen, Herr Masüger, könnte man fast darauf kommen, es sei liberal, Meinungsäusserungen zu unterdrücken.

  2. Andreas Stricker:

    Ich finde den Presserat ja eine wichtige Institution, die mehrheitlich richtige Entscheidungen trifft. Doch dieser hier ist ja nun mehr als weltfremd.

    Ich selber wünschte mir eine viel rigorosere Kontrolle der Kommentare. Ein Grund, warum ich den Tagi online nur noch selten lese, ist, dass mir zwangsläufig irgendwelche Troll-Kommentare ins Auge springen, sobald ich versehentlich etwas zu weit nach unten scrolle. Kommentarseiten sollten grundsätzlich erst per Link auf einer zusätzlichen Seite zu lesen sein. Und Kommentarseiten, die nicht moderiert werden (und zwar rigoros!) haben ohnehin keinen publizistischen Mehrwert mehr.

  3. Thomas Läubli:

    Querulanten und Dauernerverei gibt es – wie ras. in seinem letzten Kommentar anmerkt – auch in bestimmten Medien. Ein solches Beispiel ist die Weltwoche, die mit Troll-Artikeln gegen Homosexuelle, Roma, Muslime u.a. Dauerhetze betreibt. (Herr Köppel hat in einem Fernsehauftritt mal selber behauptet, er befinde sich „im Krieg“, was sehr gut zum Thema seiner Lizentiatsarbeit passt.) Aber solche Hetze ist allgemein in anderen Medien salonfähig geworden. Die Kommentarforen sind nach Vorbild der rechtskonservativen Gutmenschen zur Arena geworden, in der man sich gegenseitig zerfleischen kann. Wer hier philanthropisch glaubt, so fänden mehr Diskussionen statt und dies als Fortschritt bezüglich Demokratisierung lobt, hat eine rosa Brille aufgesetzt. Das Internet sorgt bloss dafür, dass bei jedem Thema die Nicht-Spezialisten in der Mehrheit sind (sog. „Schwarmdummheit“). Wo z.B. Steuergelder für einen Spezialbereich in Frage gestellt werden, behält die Empörung die Oberhand. Dies ist ganz im Sinne der rechtsbürgerlichen Kahlschläger, die so ihre Macht ausbauen.

    Der Entscheid des Pressrats ist so gesehen nur folgerichtig: Die Geister, die man rief, wird man nicht mehr los. Der jahrelange Kampf gegen die Politische Korrektheit und die Normen des Anstands rächt sich jetzt, indem man sich nicht mehr auf einen Sitten-Kodex berufen kann, ohne eine Empörung der „Freunde der Freiheit“ hervorzurufen. Um dieses Problem zu lösen, sollte man entweder die Kommentarfunktionen wieder dichtmachen oder dann radikal alles zulassen, was als Meinungsäusserungsfreiheit ohne Gesetzeskonflikte durchgeht. Der heillose Widerspruch zwischen dem, was sich Journalisten heute alles erlauben, und dem, was an Leserkommentaren regelmässig zensuriert wird (z.B. Kritik an Journalisten), lässt sich sonst nicht lösen und führt zu aufgestauten Aggressionen, die sich unliebsam entladen können.

  4. @Andrea Masüger: Werden die Kommentare in Ihren Onlinemedien betreut, das heisst gibt es mehr als das Löschen von unerwünschten Kommentaren? Meine Erfahrung zeigt, dass Diskussionsforen nicht funktionieren, wenn keine aktiv beteiligten Moderatoren und Stammbenutzer die gewünschte Kultur vorleben … und ja, Trolle muss man ignorieren oder sperren, daran führt auf Dauer leider kein Weg vorbei.

    Abgesehen davon: Der Presserat sollte nicht überschätzt werden, nicht jeder Entscheid ist gleich sinnvoll und wertvoll … und könnte es sich lohnen, den Presserat etwas progressiver und pragmatischer zu besetzen.

  5. ras.:

    Rationale Organisationen zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihre Entscheide auf Grund von belegbaren Fakten treffen. Die „Südostschweiz“ konnte ihre Troll-Vorwürfe nicht belegen. Der Presserat konnte ihr darum nicht einfach blind glauben. Das wäre irrational gewesen. Ferner gibt es immer wieder Situationen, wo liberale Prinzipien – hier die unternehmerische Freiheit bzw. die Bewegungsfreiheit des Einzelnen – in Konflikt geraten. Da enthält ein entsprechender Entscheid immer einen dezisionistischen Anteil. Jedes Urteil ist endlich. Ferner: Im Presserat sitzen nicht irgendwelche verknöcherte alte Männer, sondern Männer und Frauen, die im journalistischen Berufsleben stehen und somit wissen, was derzeit in Redaktionen vor sich geht. Und schliesslich: Ethikgremien sind von Natur aus keine Revolutionsgarden. Sie wurden geschaffen, um bewährte Werte in einer sich ändernden Welt zu verteidigen. Das ist richtig so. Der Preis dafür ist, dass ein Ethikgremium ab und an etwas allzu konservativ Veränderungen beurteilen mag. Viel lieber das als irgendein Wischiwaschi-Verein, der einfach das absegnet, was gerade geschieht. Dann wäre es besser, wenn die Medienbranche ein PR-Büro gründen würde.

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