Gefährliches Blaablaa

Sein Autorenkürzel klingt wie ein Laut der Ahnungslosigkeit, ein Buchstaben gewordenes Achselzucken: «Bö». Es gehört Thomas Benkö, Blattmacher beim «Blick am Abend», kurz «BlaA».

«Gekommen, um zu motzen», titelte das Ringier-Gratisblatt vergangene Woche. Ausgehend von einem selbstironisch-witzigen Text der «Tagesspiegel»-Autorin und Jelinek-Biografin Verena Mayer über das teure Leben in Zürich, übte sich «Bö» in billigstem Deutschen-Bashing. Hochmut auf tiefstem Niveau.

Das Problem der Wohnungsnot in Zürich, der überteuerten Mieten ─ «ausgelöst auch durch den Zuzug der Deutschen», schrieb «Bö» an die «liebe Frau Mayer». Das sehe nicht nur die SVP so, das sei längst «Common sense». Womit er in die unterste aller möglichen Schubladen der publizistischen Tätigkeit gegriffen hat: dem Ressentiments-Schüren ohne jede Einordnung. Der Dekonstruktion und Reduktion von Wirklichkeit auf das kleinste gemeinsame Vorurteil. Das ist Hetze.

Der «BlaA», als einzige Zeitung bei Ringier nicht unter deutscher Führung, gefällt sich seit jeher im Anfeuern des Nachbarschaftsstreits zwischen Deutschland und der Schweiz. «Der hässliche Deutsche» titelte das Blatt, als Peer Steinbrück mit der Kavallerie drohte. Als die deutsche «Bild»-Zeitung Strafanzeige gegen Bundesrätin Simonetta Sommaruga einreichte, lautete die Schlagzeile: «Die spinnen, die Deutschen». Am nächsten Tag druckte «Bild» den «BlaA»-Ausriss ab, und der «BlaA» wiederum den «Bild»-Ausriss mit dem «BlaA»-Ausriss. Eine selbstreferenzielle Spirale in den Abgrund boulevardesker Verantwortungslosigkeit.

Entsprechend sind die Gegenreaktionen, jüngst einmal mehr zu beobachten nach der Deutschen-Hetze von SVP-Nationalrätin Natalie Rickli: «Als Deutscher empfinde ich dieses ewige, nationalistische Genörgel eines von Minderwertigkeitskomplexen geplagten Volks nur noch als nervig. Rückzug: Grenzen in sämtliche Richtungen dicht – fertig. Lebt doch von Käse und Bergluft!» So artet die ebenso wichtige wie unvermeidbare Zuwanderungs-Debatte in einen brandgefährlichen nationalistisch-geprägten Schlagabtausch aus, der nicht weniger erschreckend ist, nur weil er sich gegen Deutsche und nicht andere Ausländer richtet.

Wäre Deutschenfeindlichkeit in der Schweiz nicht annähernd Mainstream, hätte der deutschenfeindliche Unterton des «BlaA»-Artikels gegen die «deutsche Journalistin» Verena Mayer ebenso Empörungswellen auslösen müssen wie das rassistische Roma-Cover der «Weltwoche». Journalistischer Pfusch war es sowieso: Mayer ist nicht Deutsche, sie ist Österreicherin. Das Ringier-Blatt sieht bereits Deutsche, wo gar keine sind. Deutsche Gespenster.

«Halbwissen ist heutzutage am wichtigsten», pries «Bö» just am Tag vor der Publikation des Pfusch-Artikels an einem Social-Media-Anlass seine journalistische Kompetenz, und weiter: «Man kann nicht immer alle Facts überprüfen.» Seine Copy-Paste-Qualitäten stellte er im Februar 2010 unter Beweis, als er ungefragt eine Satire («Der Grüezi-Krieg») aus der deutschen «taz» ins Blatt kopierte und Ringier damit kostspieligen Ärger einbrockte. Wie flexibel er mit Fakten umgeht, teilte er via Twitter mit: «Wenn Mayer für eine deutsche Zeitung aus deutscher Sicht schreibt, ist sie deutsche Journalistin. Punkt.»

Wäre sein auflagenstarkes Halbwissen nicht derart gefährlich, man könnte es getrost ignorieren. Als Bö-Blaablaa.

Christof Moser ist Bundeshauskorrespondent und Medienkritiker der Zeitung «Der Sonntag» und Redaktionsleitungsmitglied der unabhängigen Informationsplattform «Infosperber».

von Christof Moser | Kategorie: Mediensatz

23 Bemerkungen zu «Gefährliches Blaablaa»

  1. Mara Meier:

    Lieber Herr Moser, wenn das Deutschen-Bashing (an eine österreichische Adresse hahahaha) im Blick am Abend die Merkmale eines Bashing getragen hat, also so richtig schön billig und niveaulos war, wie Sie sagen: Warum diese atemlose, fürchterlich humorlose Aufregung? Ich hätte mir eine kühle, eine ironische und vergnügliche Vierteilung des Benkö-Textes gewünscht. – Jo nu.

  2. Fred David:

    Ich war gestern zufällig mal wieder im Landesmuseum. Die Auffrischung von längst Verdrängtem tat gut. Dort gibts nämlich eine kleine Abteilung über die fremdenfeindliche Schweiz in den sechziger und siebziger Jahren – die schwarzen „Schwarzenbach-Jahre“. Damals ging es gegen die „Tschinggen“.

    Auf dem Höhepunkt der Anti-„Tschinggen“-Welle des NR James Schwarzenbach („Ich habe nichts gegen Ausländer, aber…“) lebte 1 Mio Italiener in der Schweiz, ein grosser Teil als „Saisonier“. Sie durften 9 Monate bleiben, keine Familie bei sich haben, waren häufig miserabel untergebracht (eine meiner ersten Reportagen ging über so ein unglaubliches, lagerähnliches Etablissment mitten in der Stadt) und mussten dann mindestens für 3 Monate mit Sack und Pack raus. Wenn die Konjunktur gut lief, liess man sie wieder rein, falls nicht, blieben sie,“wo sie eigentlich hingehören“. So hielt man die Arbeitslosigkeit tief: regulierbares Ventil mit Menschen.

    Jetzt genügen schon 200 000 Deutsche, um der Welt mal wieder die hässliche Fratze, die wir Schweizer auch zeigen können, und in letzter Zeit wieder immer öfter, zu präsentieren. Aber die Deutschen lassen sich nicht so leicht „regulieren“, man braucht sie, wie damals die „Tschinggen“.

    @)Mara Meier, wenn irgendeine Frau Rickli sinngemäss sagt, für das Menschenmaterial dieser bestimmten Rasse brauchten wir jetzt auch wieder so ein Ventil, und zwar subito, kann ich @)Christof Moser schon verstehen, wenn er keine Lust auf Ironie hat, sondern fragt: Wo bleiben eigentlich die Aufheuler-Medien in diesem Land, die doch sonst gleich mit ihren sämtlichen Sirenen zur Stelle sind, wenn’s um Beistand für ausländische Steuerbetrüger geht?

    Mir stinkt dieses Scheinheiligtun allmählich auch, und zwar gewaltig! (Mara, das ist natürlich nicht gegen Sie gemünzt)

  3. :

    Lieber Christof Moser, als Halbösterreicher mit deutscher Grossmutter und ungarischem Nachnamen danke ich für die deutsch-österreichische Aufklärungsarbeit. Wenn du als recherchierender Journalist am genannten „Social-Media-Anlass“ (namens pokeRT) gewesen wärst, hättest du dich aus erster Hand bei mir informieren können. Halbwissen schlägt in diesem Fall Viertelwissen. Ausserdem haben wir obige Frau Mayer einen Tag vor erscheinen des Artikels um eine Stellungnahme gebeten – notabene auf ihre im Netz publizierte „@gmx.at“-Adresse. Sie hat sich nicht gemeldet.

    Vorher Mail schreiben. Klingelts?

  4. Mara Meier:

    Fred, ich widerspreche nicht. // Das Thema und dessen mediale Behandlung ist relevant, Ihr historischer Hinweis unterstreicht das; deshalb verlangt es IMHO nach der Pistole von Mr. Freeze. Wenn xenophobe Wichtigtuer in Eisblöcken herumstehen, homerisch verlacht, dann macht das so richtig böbö und tut das Mütchen tip-top kühlen. // Das sagt eine Total-Autochthone.

  5. @marameier: total-autochthone? homerisch verlacht? gehts noch kryptischer?

  6. Mara Meier:

    Total-Autochthone: Familie(n) seit hunderten Jahren von Lawinen und Problembären terrorisiert, vermutlich üppig inzestuös gestimmt, kein Spritzer ausserkantonales Blut. Wahrscheinlich macht das kryptisch, eine Degenerationserscheinung, verzeihen Sie, bugsierer!

    Homerisches Gelächter: bö-ses Auslachen, das etwas dauert. Tage?

    Schönen Abend!

  7. Christof Moser:

    Liebe @Mara Meier, danke für die anregende Kritik an der Kritik, ich bin tatsächlich eher humorlos, wenn es um ernste Themen geht, lasse mich aber gerne mal homeristisch inspirieren, wenn Sie mich auf einen entsprechenden Text von Ihnen hinweisen // Lieber @Bö, dein Migrationshintergrund ist mir nicht entgangen, hast du doch damit auf Twitter deinen flockig-fremdenfeindlichen Text legitimiert («Ich darf das!»). Ebenso weiss ich, dass du an die at-Adresse der Autorin geschrieben hast und damit auch wusstest, wo sie herkommt. Um so bedenklicher ja, dass du diesen Fakt mit dem beschriebenen Bö-Achselzucken beiseite geschoben hast, um das Bashing durchzuziehen. Wie es an jeder Journalistenschule angemahnt wird, habe ich dein bestes Argument dafür im Text aufgenommen («Wenn Mayer für eine deutsche Zeitung aus deutscher Sicht schreibt, ist sie deutsche Journalistin. Punkt.») Bleibt im Kern die Frage, um die es geht: Warum hetzt du? Wo bleibt deine Verantwortung? Da klingelts nicht bei mir, da schrillts.

  8. Fredy:

    Wenn Medienkritik derart humorlos, pedantisch und auf den Mann zielend daher kommt, dann scheint das Problem eher beim Absender zu liegen als beim Angeschossenen. Da muss ich @Mara Recht geben. Hand aufs Herz, Herr Moser: Waren Sie immer so sauber, wie Sie tun, bei all Ihrem Geschreibsel. Journalismus darf, ja sollte sogar, mitunter die Ideallinie verlassen, um die Leser mitzunehmen. @bö kann das definitiv besser als Sie.

  9. @marameier: danke. aber das hätte ich auch selber googeln können. ich meinte eigentlich: warum schreiben sie nicht so, dass es auch nichtlateiner verstehen?

  10. Rene Huber:

    Benkö ist ein Journi, wie es sie zu 1000 gibt, ohne Kanten, ohne Ecken, immer am Aufsaugen, was schon in der Luft liegt. Deutsch-Bashing macht sich halt gut, man kann so schon Klischees bedienen. Und das passt herrlich zu BlaA, bla, bla.

  11. Mara Meier:

    Lieber Christof Moser, Ihre Humorlosigkeit betr. des Benkö-Textes hat gute Gründe, die ich anerkenne. Da mein Ruf gleich ruiniert sein wird (ich kann nämlich keine inspirierende Textsammlung auf dem Netz vorweisen, bin weder Journalistin noch PR-Menschin, sondern eine einfache Leserin *sniff* – Ihr Aufruf war also ein brutaler Stich ins Soufflé)…also: Da mein Ruf jetzt ruiniert ist, darf ich hinzufügen, dass der „selbstironisch-witzige“ Text der Jelinek-Biographin auch sehr zu wünschen übrig lässt; er ist eine schlecht kaschierte oder gehobene Variante des Geiz-ist-Geil-Konzeptes (CHF 25/Std., wahrscheinlich noch brutto, sei zu hoch für eine Putzfrau? Hallo?). Mich hat das Nagnagnag etwa so amüsiert, wie wenn ich den Kehricht ins Stinkhäuschen schleppen muss. Aber das ist weder eine Zeile wert in einer Schweizer Zeitung, so gratis sie auch sei, noch gut als Vorwand für die modische Watscherei.

    Lieber bugsierer, war das jetzt Teutsch genug? Ich habe mir Mühe gegeben, stundenlang gedichtet. Ein paar Fremdwörter sind halt trotzdem noch zu finden, z.B. Benkö. – Bitte auf Twitter loben! Danke.

  12. Ninon:

    Ja, die lieben Kollegen.

    http://www.alpha-journalisten.de/alpha1/alpha1/alpha1/kollegen.html

    Christof Moser orte ich in der Kategorie «Inszenierer».
    Wobei mich amüsiert, wie viele gestandene Kollegen auf diese Inszenierungen hereinfallen.
    Und Bö ist offenbar der Volkstribun (ich kenne ihn nicht und lese den BlaA eher selten).

    Humorlosigkeit ist nicht eine Frage von ernsten Themen, sondern wie ernst man sich selber nimmt und wie rechthaberisch man ist. Christof Moser nimmt sich selber sehr ernst.

    Danke Mara und Fredy, sehe ich auch so.

  13. Mara Meier:

    Danke, Fredy & Ninon, dass Sie Manna auf mein Haupt regnen lassen. Freundliche Zustimmung, diese wunderbare Sättigungsbeilage, lässt sich jeder gern gefallen. Aber ich muss Sie – mich noch mehr – enttäuschen. Verdient habe ich von Ihnen Haue, denn ich rüge Herrn Mosers Anliegen nicht, nein, nein, ich finde, er hätte es mit den Mitteln der Ironie weit effektvoller, d.h. unterhaltsam, elegant und scharfsinnig herausheben und ins Allgemeine führen sollen – weit weg von Wut oder Ressentiment.

    Als in Journalisten-Zirkel nicht involvierte Leserin, die kreuz und quer herumfllitzt und alle paar Wochen hier hängen bleibt, fällt mir auf, wie vorsichtig Journalisten miteinander umgehen. Keine Angst: Ich verschone Sie mit der Krähenmetapher.

    Ich lese nicht nur im Netz (in Metagefässen, die sich selbst feiern) Interviews von Aufsteigern/jüngeren Schreibern mit Arrivierten/Mächtigen, dass sich mir die Fingernägel kräuseln.

    Arrivierte Schreiber und mächtige Unternehmen können sich vieles leisten, minderwertige Qualität (hypotaktisch aufgemotzt) produzieren oder drauflos protegieren bis zum Armageddon, kein Hahn kräht danach. Sicher wird hinterrücks abgelästert, wie in jeder Branche. Aber berechtigte Kollegenschelten, auch konkrete, zähe Debatten über Qualität (zentral: Gespräche über Sprache) sind selten zu lesen (über Sprache: nie), höchstens, wie ich glaube, aus strategisch kalkulierten Gründen, wenn der Gerügte schon im Sturzflug ist oder der Rügende tief genug im Sessel hockt.

    Auch werden Kollegen und Boulevard zu selten von anderen Journalisten zur Ordnung gerufen; es fehlt an Zivilcourage und Unabhängigkeit – und das in einer Branche, die sich als für die Zivilgesellschaft konstitutiv hält. Deshalb ist das, was Herr Moser hier macht, grundsympathisch – einfach nicht effizient.

  14. Thomas Läubli:

    Frau Meier, der Vorwurf von wegen Humorlosigkeit ist langsam abgelutscht. Erstens hat ein Kritiker nicht die Aufgabe, die Leute zum Lachen zu bringen. Zweitens darf niemand, der nicht Teil der Spassgesellschaft sein will, zum Lachen gezwungen werden – spätestens wenn es um Pädophile, Steueroasen oder Charles Taylor geht, ist man dann wieder seltsam ernst und fordert eine gewisse Haltung ein, ja, man schürt sogar gezielt Empörung. Wo welche Emotionen gefragt sind und wo nicht, entscheiden nicht Sie. Das ist immer noch dem einzelnen überlassen. Drittens kommt der Vorwurf der Humorlosigkeit immer dann, wenn Journalisten ihre unprofessionelle Haltung verteidigen wollen, dass heute alles erlaubt sei, um den Leser bei der Stange zu halten. Ich halte sogar meine Grosseltern, die den Blick abonniert haben und sich bei Gratis-„Zeitungen“ bedienen, noch für intelligent genug, dass sie merken, wenn man sie für dumm verkauft. Erst wenn das letzte Zeitungsabo gekündigt wurde, werden die Journalisten merken, dass man ohne Leser nicht im Vollrausch Party machen kann.

  15. ras.:

    Thomas Läubli, Sie sollten mal einen Club der Flagellanten gründen. Viel Spass!

  16. Mara Meier:

    Im Kleingedruckten des Think Tanks Deutschschweiz von Patty Boser, Mike Shiva & Thomas Läubli steht leider ausdrücklich, dass es den Vereins-Mitgliedern untersagt ist, Flagellanten-Clubs zu gründen (Konkurrenz-Verbot).

  17. Henri Ledergerber:

    Danke, Christof Moser, dass Sie diesen beschämenden Text hier aufgegriffen haben. Statt der MAZ-Pausenplatz-Diskussionen darüber, wer jetzt wen warum gefälligst nicht kritisieren darf, sollten wir festhalten, dass der Blick am Abend vielleicht nicht gerade volksverhetzend, ganz sicher aber manifest volksverdummend ist. Sehr schön sah man dies an den handselektierten Blaa-Castingopfern, die zu Herrn Benkös vollem Tempo-Tuch Stellung nehmen durften und im Brustton der Überzeugung verkündeten, Zürich sei im Fall überhaupt keine teure Stadt. Garniert mit dem Dumpfbacken-Evergreen «Wenns diesen Tütschen hier bei uns nicht passt, sollen sie halt heim.»
    Ich stimme Fred David zu, dass mit solchen hingeschluderten «Artikeln» eine gefährliche Seite des Schweizer Stierengrinds bedient wird. Und wenn man sich die Kommentarspalten im Newsnetz anschaut, das offiziell immer noch als wertiger gilt als der Blaa, kann einen vor diesen unheimlichen Patrioten fast schon grausen. Der Schweizer Irrglaube, alles zu dürfen, nichts zu müssen und in keiner Weise von «Ich habe nix gegen Ausländer, aber diese verdammten [Nationalität Ihrer Wahl]» abhängig zu sein, wird gefährlich stark.

  18. Thomas Läubli:

    @ras.: Insofern Sie meine Argumente für schlagend halten, kann ich Ihnen zustimmen. Schliesslich muss man Argumente im heutigen Journalismus mit der Lupe suchen. Ich warne allerdings davor, dass Ihre Phantasien allzusehr überborden. Dann würde ich Ihnen empfehlen, diese für sich zu behalten.

  19. Markus Schär:

    Heute stehen auf der Front des TA (endlich) die Sätze, auf die ich in dieser Debatte gewartet habe:

    Prof. Reiner Eichenberger: „Die SP hat ein Problem mit der Personenfreizügigkeit. Jahrelang hat sie die ungebremste Zuwanderung als gut bezeichnet, nun merkt sie, dass die starke Zuwanderung bei ihrer Wählerschaft nicht nur gut ankommt.“ Das heisst auf gut Züritüütsch: „Es hätt zvill Tüütschi“ – auch für viele Rote, Grüne und andere selbsternannte international Solidarische.

    Das bedeutet: Wir sollten die „ebenso wichtige wie unvermeidbare Zuwanderungs-Debatte“ (Christof Moser) wirklich führen, ohne Heuchelei und Hyperventilieren über „Deutschen-Hetze“, „Ressentiments-Schüren“ und „brandgefährlichen Nationalismus“, wenn Natalie Rickli wie unbedarft auch immer ausspricht, was ein Drittel der Schweizer denkt, oder wenn Thomas Benkö wie unbedarft auch immer (fand ich gar nicht, ich war beim Nachlesen eher über den Moserschen Furor erschüttert), einer Polemikerin entgegenhält, was sich auch in einschlägigen Studien von Avenir Suisse nachlesen lässt.

    Themenbezogene Interessen des Autors: Ich lebte 17 gute Jahre mit einer Deutschen zusammen. Ich lernte als Journalist vieleviele (nicht zu viele) Deutsche kennen – bei einem auf gefühlte fünf Dutzend lag ihr Arschloch-Koeffizient markant tiefer als jener der Einheimischen. (Ich stand allerdings, wie Christof Moser, mit meinen Themen nicht in Konkurrenz zu ihnen.) Und ich arbeite für eine Institution, die sich für die Personenfreizügigkeit einsetzt und die positiven Wirkungen der Einwanderung auf Wirtschaft und Sozialstaat aufzeigt (und wo ein Deutscher die Dossiers Einwanderung und Raumplanung betreut). Aber auch Avenir Suisse schreibt im Tätigkeitsbericht 2011: „In der Öffentlichkeit entbrannte die Diskussion über die Kehrseite des Erfolgs. Während im 20. Jahrhundert die Einwanderung zu einer Unterschichtung durch zumeist schlecht ausgebildete ‚Gastarbeiter‘ führte, treten die ’neuen Zuwanderer‘ in Konkurrenz mit dem Schweizer Mittelstand um Jobs, Positionen und Wohnraum.“ Oder populärer ausgedrückt – siehe oben.

  20. Fred David:

    @)Markus Schär: Gegen eine „erwachsene“ Zuwanderungsdebatte hat niemand etwas einzuwenden – im Gegenteil. Wohl jedoch gegen das hyperventilierende Gehabe, es wage ja niemand die Wahrheit zu sagen, drum müsse man jetzt endlich…. usw. usw.

    Als junger Journalist habe ich 6 (in Worten: sechs) „Volksinitiativen gegen die Überfremdung von Volk und Heimat“ hinter mich gebracht, mit allen zum Teil äusserst widerlichen Begleitgeräuschen. Diese Idotie muss ich nicht noch mal erleben.

    Von einem einigermassen intelligenten Volk kann man erwarten, dass es die gleichen Fehler nicht mehrfach hinter einander begeht. Und von den Medien erst recht.

    Zum Thema Rickli etc. schrieb David Sieber, Chefredaktor der „Südostschweiz“, einen bemerkenswerten Kommentar („Biederfrau und die Brandstifter“; lässt sich leider nicht verlinken). Diese Klarheit habe ich bei den grossen Medien aus Wörld Cläss Züri vermisst. Dort schleimt man gern einem angeblichen Volkswillen hinterher (ich sag’s jetzt mal bewusst drastisch).

    Zürich ist bei diesem Thema nicht der massgebende Taktgeber. In der Provinz ist man da gelassener, nicht zuletzt in CH-Ossi-Land, wo du ja auch herkommst und wo man mit den „Tütschen“, Oesterreichern und Liechtensteinern einen gelasseneren Umgang hat, weil sie unmittelbare Nachbarn sind. Sowas sollten Medien zur Kenntnis nehmen, reflektieren, thematisieren, und nicht einfach die Simpelmasche à la Rickli & Co. weiterstricken (u.a. TeleZüri steht für dieses einfache Strickmuster).

    Schon James Schwarzenbach hatte seinerzeit seine Basis in Zürich. Da muss schon was dran sein.

    Übrigens, ich habe nichts gegen Zürcher, aber… (Vorsicht: Ironie, aber schon mit einem ernsthaften Kern).

  21. Fred David:

    …übrigens hat Christof Moser auf Facebook auf einen interessanten Artikel in der „SonntagsZeitung“ verwiesen:

    „Meine Lieblingsgeschichte von heute steht in der SoZ: Fleissige Migrantenkinder sind brillante Lehrlinge. Erstmals zeigt eine Studie der Universität Freiburg, dass überdurchschnittlich viele gute Lehrlinge aus Migrantenfamilien stammen. Von den 757 besten Lehrabgängern in der Deutschschweiz waren rund 40 Prozent Migranten.“

    So kann man das Thema ja auch auf überraschende Art behandeln. Ganz ohne Rickli, Mörgeli & Cie. Nur nimmt es kaum jemand z.Kt. Aber die Medien können schon mehr, wenn sie wollen. Und auch intelligenter.

    Man muss sie nur hin und wieder mal in den bequem gewordenen Hintern treten…

  22. Non Swiss:

    @ Ninon: You made my day. Diese Journi-Beschreibungen sind wirklich köstlich.

    Christoph Mosers Kolumne ist intellektuell so anspruchslos wie jene Thomas Benkös, finde ich. Und was an dem Artikel in der SonntagsZeitung intelligent sein soll, erschliesst sich mir auch nicht.

    Dass jene Migrantenkinder, die eine Lehrstelle erhalten (nachdem sie eine Schnupperlehre gemacht haben, zahllose Bewerbungen schrieben, sich in Vorstellungsgesprächen bewährt und Tests absolviert haben), mit Begeisterung die Lehre machen und diese auch mit guten Noten abschliessen, genau so fleissig sind wie Schweizer Jugendliche, die eine Lehre mit guten Noten abschliessen, hat niemand je in Zweifel gezogen. Und dass italienische und deutsche Kinder – und aus diesen Ländern stammt der grösste Prozentsatz der Befragten mit MH – keine Probleme machen, dürfte ja auch bekannt sein. Guten Lehrlingen – egal aus welcher Nationalität – ist gemein, dass sie Eltern haben, denen gute Schulnoten sehr wichtig sind und die hohe Bildungserwartungen haben. Im Vergleich zu den einheimischen Berufsabsolventen sind Migranten aber nach wie vor am unteren Ende übervertreten.

    Einfach eine Studie zusammenzufassen, die ein engumschriebenes Thema behandelt, ohne sie in einen Zusammenhang zu stellen (nämlich die grosse Zahl an Jugendlichen, die nach neun Jahren in der Schweizer Schule noch immer nicht rechnen, schreiben und sich konzentrieren können und deshalb gar keine Lehre machen können), finde ich nicht intelligent.

    Ach, und noch was: Ist es eigentlich auch gefährlich, wenn Spanier sich über die Deutschenschwemme auf den Kanaren, auf Ibiza und auf Mallorca beklagen? Sind schwarze Namibier Rassisten, wenn sie sich über die vielen Deutschen beklagen? Ist das antideutsche Ressentiment der Griechen gefährlich?

    Und sind eigentlich jene, die finden es habe NICHT genügend Deutsche in der Schweiz, dieselben die niemals auf Mallorca in die Ferien reisen würden, weil es ihnen dort zu viele Deutsche hat und sie gerne an Orte reisen, wo sie es mit Einheimischen zu tun haben? Wobei Einheimische mit deutschem Migrationshintergrund für sie keine Einheimischen sind.

  23. Christof:

    Auf tendenziell verminderte Intelligenz schliesse ich vor allem bei anonymen Kommentaren, lieber @Non Swiss. Aber Sie haben recht: Ich habe mich über die Journi-Typologie des anderen anonymen Kommentators auch gekringelt vor Lachen.

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