Herr Köppel ist düpiert

Das Medienecho ist ganz nach Roger Köppels Geschmack. Gegen die «Weltwoche» hagelt es Anzeigen aus halb Europa wegen eines rassistischen Covers. Nicht das erste, aber das erste welches justiziabel sein dürfte. Auch in der Schweiz.

Über den Artikel selbst gibt es nicht viel zu sagen: Ein Zusammenschrieb aus SMD-Archiv und Google-Recherche, angereichert mit ein paar knackigen Polizei-Zitaten. Alles in allem ein «ganz normaler» Artikel aus dem «Weltwoche»-Kochbuch für Instant-Paranoia.

Täuscht mein Eindruck oder haben Schweizer Zeitungen dazu nicht wirklich etwas beizutragen? Die Reaktionen im Inland beschränkten sich zunächst auf das Rapportieren der Reaktionen aus dem Ausland. Ausnahme: Die «WoZ» und die Onlinedienste «Infosperber» und «Medienwoche». Eine etwas breitere Debatte schiene mir durchaus angebracht.

Gewünscht hätte man sich ein paar klare Stellungnahmen. Vorzugsweise im Stile eines Robert Misik in der Berliner «Tageszeitung» («taz»): Wütend im Ton, aber sachlich in der Diagnose ─ mit klarer Ansage: Bis hierhin und nicht weiter.

Man kann über die Antirassismus-Strafnorm durchaus geteilter Meinung sein. Persönlich wäre es mir auch nach wie vor lieber, die Gesellschaft als ganzes (und nicht die Gerichte) würden sich um zivilisatorische Zerfallserscheinungen wie Ausgrenzung, Rassenwahn, Homophobie und dergleichen kümmern.

Was Roger Köppel und sein Stellvertretender Chefredaktor Philipp Gut nämlich noch nicht gemerkt haben: Niemand will über den «Weltwoche»-Artikel reden. Es geht nicht um einen Fall «Romas in der Schweiz» sondern höchstens um den Fall «Rassismus in der Weltwoche» und allenfalls darum, welchen Anteil die «Weltwoche» am fremdenfeindlichen Klima der letzten Jahre für sich verbuchen darf.

Seit bald einem Jahrzehnt hetzt Köppels «Weltwoche» geschichtsblind gegen jegliche ihr nicht genehme Randgruppe. Politische Gegner werden zur Gefahr für das Land hochstilisiert, oder es wird versucht, Begriffe wie «Neger» salonfähig zu machen. Was ihr leider gelungen ist. Erstaunlich düpiert reagiert man jetzt auf Anzeigen aus halb Europa. Wenn die Aussenwahrnehmung (Hetzer, Brandstifter) nicht mehr mit der Selbstwahrnehmung übereinstimmt, wird es kompliziert. Weshalb selbsternannte Tabubrecher und Meinungsfreiheitsmärtyrer auch teure Anwälte brauchen: Um unliebsame Kritiker in spiessbürgerlicher Manier zu verklagen.

Ugugu ist u.a. als Blattmacher in der «Journischredderei» tätig.

von Ugugu | Kategorie: Mediensatz

16 Bemerkungen zu «Herr Köppel ist düpiert»

  1. Genug:

    Ich glaube über dieses Cover wurde genug debattiert. Der Zweck des Bildes war Aufmerksamkeit zu erregen. Das hat es erreicht. Eine weitere Debatte erübrigt sich. Neue Leser wird die Weltwoche damit kaum gewonnen haben. Der Schaden, den das Bild angerichtet hat, bleibt also überschaubar. Zumal es zweifelhaft ist, ob am Titelbild irgendetwas „justiziabel“ ist.

    Nebenbei, einer der vernünftigsten Kommentare zur ganzen Geschichte fand sich gestern in der NZZ. Da steht eigentlich alles drin, was gesagt werden muss.
    http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/medien/therapieohne-wirkung_1.16475529.html

    Dass sich die übrigen Medien Themen wie Rassismus, Ausgrenzung, Migration etc. vernünftiger und tiefschürfender annehmen sollten, ist unbestritten. Statt ihre Energie und Mittel tatsächlich in eine differenzierte Berichterstattung zu diesen komplexen Problemen oder Scheinproblemen zu stecken, debattieren sie lieber die Schwierigkeit heute Mann und/oder Frau zu sein oder investieren in neue Lifestylebeilagen. Erstaunt da der Leserschwund?

  2. Ich bewundere Rainer Stadler um seine Sanftmut. Ehrlich. Und teile im übrigen weite Teile seiner Analyse. Das ganze aber als reine „Provokation“ abzutun, halte ich jedoch für eine Verharmlosung.

  3. Tom Weber:

    Dieser Herr Misik ist der Autor, der seinen Artikel mit lächerlichmachenden Kommentaren über das Aussehen von Roger Köppel beginnt, richtig? Na, da steigt meine Erwartungshaltung an den ganzen Rest natürlich gleich ins Unermessliche. – Journalisten aller Welt, wenn Ihr nicht wollt, dass die Weltwoche tut, was sie tut, dann geht IHR bitte hin und recherchiert IHR offen, kritisch und tabufrei drängende Probleme unserer Zeit, zu denen auch krininelle Vereinigungen aus anderen Ländern und statistisch belegbar mit der Tendenz zu bestimmten Volksgruppen gehören. Dann muss das nicht immer Köppel in einer Weise tun, die euch nicht schmeckt. Aber solange sich Medienschaffende nur mit anderen Medienschaffenden beschäftigen, fühle ich mich als Leser veräppelt.

  4. Fred David:

    @) Tom Weber: Ach dieses Gerede, niemand wage das zu sagen, das müsse immer der traurige Held, Herr K., erledigen, gesponsert vom noch traurigeren Helden , Herr B., der gleichfalls behauptet, er sei der einzige, der die „wahren Probleme“ luut und dütlich ausspricht. Dieses Jammer-Argument lässt sich mit x-Beispielen immer wieder von neuem widerlegen. Man ist dieser Herren und ihrer Absurditäten gründlich müde.

  5. @TomWeber Noch nie hier gesehen. Huhu. Nochmals: Es geht hier nicht in erster Linie um den Weltwoche-Artikel. Frage: Kann man von einem erwachsenen Mann, der sich gerne als Agent Provocateur inszeniert (gegenwärtig auch noch als Twitteropfer) anständigerweise eine Entschuldigung erwarten, nachdem er eine ganze Bevölkerungsgruppe rassistisch in den Dreck gezogen hat?

  6. Genug:

    Natürlich ist das Gerede vom aufmüpfigen Investigativjournalisten K. ein nervtötender Mythos – wenn man ihn nicht einfach ignoriert. Wie viele Leute lesen das Revolverblatt? Wenige, zumindest nicht beunruhigend viele, gerade wenn man die Leserschaft mit der Wählerschaft der Partei Bs vergleicht…
    Wer diskutiert auf Twitter hauptsächlich über Ks Provoaktionen? Journis und ein paar andere Vorlaute. Es ist ein einfaches Bashing, nicht dass die Kritik an Stil, Tenor und Inhalt der Weltwocheartikel unberechtigt wäre, aber es ist ein geschenkter Sieg für jeden Kritiker. K lächelt glücklich in seinem Unternehmerhauptsitz über die roten Köpfe, die zwar in der Schweiz keine anständige Medienkritik (ausserhalb einiger weniger Foren, der Medienspiegel und ein paar weitere von der Öffentlichkeit unbeachtete Blogs zählen dazu, zudem noch ras‘ Medienseite) zustande bringen, sich gerne jovial auf die Schultern klopfen, und ihre Energien im Kampf gegen programmatischen Irrsinn verschwenden.
    Wie soll man denn einem starrsinnigen Provokateur begegnen, dessen Programm derart widersinnig ist, dass es selbst in einem Land mit einer doch relativ grossen potentiellen Leserschaft an Nationalkonservativen nur von einer Randgruppe wirklich ernstgenommen wird? Ignoriert ihn, verdammt nochmal.
    Steckt eure schreiberische Kraft in eigene Recherchen, ausgefeilte, facettenreiche Artikel, die erfahrbar machen, wie komplex Migration, um nur ein Beispiel zu nennen, heute wirklich ist.

  7. @Genug: Ich finde, du siehst das etwas zu optimistisch. Der programmatische Widersinn wird doch längst (bzw. demnächst) umgesetzt: Minarettinitiative, Ausschaffungsinitiative, Verschärfung der Verschärfung der Verschärfung im Ausländerrecht etc. pp. All das lässt sich leider weder ausblenden noch einfach so ignorieren. Vielleicht müsste man auch mal die Stammplatzgarantie von der „Arena“ über „Radio1“ bis zu „TeleZüri“ neu aushandeln.

  8. michèle meyer:

    beschämend wie herr k sich nun an frau berg festbeisst und wiederholt das bild der gründlichen deutschen zelebriert, während die schweizer halt ach so frei und skeptisch sind. dabei übergeht er geflisseblich die kritik die ihm in der schweiz entgegen steht. passt weder ins welt-bild noch ins editorial. dabei wärs nicht so schwer: hinzustehen und sich zuentschuldigen, mein ich. etwas mehr format, selbstreflexion und anstand, dafür weniger hetze. nur die kann und will er nicht lassen. darum stürmt er weiter. unerträglich.

  9. Pingback: Roger Köppel Reloaded | Journalistenschredder

  10. Tom Weber:

    Ja, wenn der Fred David findet, das Gejammer sei unberechtigt, dann kann man dem nichts entgegenhalten, gar keine Frage. Derweil suche ich tagtäglich die anderen Medien erfolglos nach einer ernsthaften, nicht von der Schere im Kopf zurechtgestutzten Auseinandersetzung mit schwierigen gesellschaftlichen Fragen ab. Ich finde dort nur Dauer-Empörer, die bei jeder Schlagzeile und jedem Titelbild sofort „scharf kritisieren“, 3.Welt-Vergleiche ziehen und Sanktionen fordern.

  11. Tom Weber:

    Die „3.Welt-Vergleiche“ sind selbstredend „3.Reich-Vergleiche“. Wunderschöner Vertipper, nicht? Irgendwie.

  12. @TomWeber Nichts gegen sauber recherchierte Artikel. Sie dürfen sogar etwas polemisch formuliert sein, selbst wenn es um heikle Themen geht. Nur läuft der Hase meist anders: Die grösste Partei im Land lanciert das Stichwort und die Weltwoche liefert die passend gemachte Story dazu.

    Als etwas heuchlerisch aber empfinde ich langsam die fast schon institutionalisierte Empörung über passende oder unpassende Nazivergleiche. Viele WeWo-Cover der letzten Jahre flirten, genauso wie viele SVP-Plakate der letzten Jahre, relativ eindeutig mit Naziästhetik. Ruft einer Nazi, empören sich alle. Normal ist das nicht. Man könnte sich ja auch mal überlegen, warum früher niemand Nazi gerufen hat?

    Ich dachte bislang nämlich, das Verurteilen von Rassismen jeglicher Art und der Respekt vor dem politischen Gegner gehöre zum demokratischen Grundkonsens.

  13. Und noch ein Nachtrag zu Köppels Ausweichmanöver. Mal abgesehen vom (mindestens) antideutsche Ressentiments bedienenden offenen Brief Köppels an Sibylle Berg: Haben eigentlich Schweizer Dichter und Denker in der Angelegenheit auch etwas zu vermelden?

  14. michèle meyer:

    sieht gar nicht danach aus, als würde sich irgendeinEr mit namen aus politik oder literatur und kunst aus dem fenster lehnen.
    beschämend.
    einzig die präsidentin der EKR hat schon mal den kniefall geprobt, und das während der laufenden abklärungen. http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Den-WeltwocheArtikel-finde-ich-als-solchen-in-Ordnung/story/24020926
    dafür legt die weltwoche nach und zeigt kontinuität in ihrer hetze, in der 3.ausgabe in folge, lässt sie dieses mal ungenannte polizisten zu worte kommen, welche behaupten, die roma-kinder seien nicht nur opfer sondern auch täter.

  15. Thomas Läubli:

    Wenn die Weltwoche nun behauptet, dass Roma-Kinder (wie das auf dem Cover abgebildete) selber Täter sind, entlarvt sie sich selber. Wenn Kinder schon durch und durch böse sein sollen, zeigt das nämlich sehr deutlich, dass eine rassistische Zuschreibung ausdrücklich intendiert ist. Die Macher der Weltwoche können sich nun nicht mehr hinter der Pressefreiheit verstecken. Diese sollte auch nur (analog zur Kunstfreiheit) dann geschützt werden, wenn guter Journalismus vorliegt. Das ist hier offensichtlich nicht der Fall.

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