Dauerkrise

Wer in Medienunternehmen arbeitet, muss sich damit abfinden, dass permanent Ausnahmezustand herrscht, eine Dauerkrise, unterbrochen nur von kurzen Phasen der Euphorie und Überhitzung. «Aufgrund der Ertragseinbussen im Anzeigenmarkt hat die Geschäftsleitung des Geschäftsbereichs Medien Zürich beschlossen, in ihrem Bereich ein Sparprogramm auszulösen, welches in den nächsten zwei Wochen konkretisiert und quantifiziert werden soll.»

Wie vertraut doch dieser Satz klingt! Mehrmals hielt ich solche Schreiben in der Hand, ein paarmal formulierte ich nach Verwaltungsratssitzungen selbst Vergleichbares. Das hier zitierte Beispiel ist aktuell:

«Wie bereits anlässlich der Mitarbeiterinformation von Mitte März dargelegt, liegt die Geschäftsentwicklung im Geschäftsbereich Medien Zürich/NZZ im laufenden Jahr deutlich hinter den vorgesehenen Ertragszielen zurück. Betroffen ist in erster Linie der Print-Anzeigenmarkt, wo insbesondere im Bereich der Stellen- und Finanzanzeigen erhebliche Einbussen gegenüber Vorjahr und Budget zu verzeichnen sind. Mittlerweile hat sich diese Situation weiter akzentuiert, weshalb sich die Geschäftsleitung gezwungen sieht, ein Sparprogramm auszulösen und für das laufende Jahr eine neue Kostengewichtung vorzunehmen. […]»

Die Begründung ist so banal wie schlüssig: Wenn die Einnahmen sinken, müssen die Kosten reduziert werden. Typisch ist auch, dass nur wage angedeutet wird, was nun passieren wird, denn es herrscht in solchen Momenten Ratlosigkeit. Die Betroffenen beklagen lauthals das Fehlen einer «Strategie, die diesen Namen verdient», das Management tut so, als ob es den einzuschlagenden Weg genau kenne und simuliert Entschlossenheit und Führungsstärke – es ist eine Tragikomödie. Niemand weiss, wohin die Reise geht. Klar ist nur, dass sich die Marktlage verändert.

Der Markt! Berichte, Reportagen, Analysen, News kann man, wenn man will (ich will aber eigentlich nicht), als Handelsware sehen. In diesem Markt hat sich die Position der Produzierenden, der Computerknechte, der Newsroomsklavinnen und erst recht der freien Textfabrikanten in den letzten Jahren verschlechtert. Es scheint ein Überangebot zu bestehen.

Schriftsteller und Unternehmer Rolf Dobelli hat das tiefe Einkommen der meisten Vertreter unseres Berufsstandes in eine schlüssige Argumentationskette eingebaut: Der Konsum von News, schrieb er (PDF) vor einigen Monaten im «Schweizer Monat», sei für die Konsumierenden kein Wettbewerbsvorteil, sondern ein Wettbewerbsnachteil, denn falls der Newskonsum die Lesenden tatsächlich weiterbrächte, stünden die Journalisten an der Spitze der Einkommenspyramide. «Tun sie aber nicht, im Gegenteil. Wir wissen nicht, was Leute erfolgreich macht – die Anhäufung von Newshäppchen gehört sicher nicht dazu.» Die Ablenkung durch News verhindere neue Ideen, schreibt Dobelli, News machten uns passiv, hemmten unser Denken, die Beschäftigung mit ihnen sei deshalb Zeitverschwendung.

Gilt das auch für die «NZZ», mein Leibblatt, auf das ich nie verzichten würde, auch wenn es mich hin und wieder ärgert?

Ja, eben erst hat es mich wieder geärgert, und zwar mit «Gentlemen’s Report» (s. dazu auch hier). Ich gebe es zu: ich bin nicht ganz frei von Eitelkeit. Als «NZZ»-Leser bilde ich mir nämlich ein, ich verstünde es, das Leben zu geniessen, ohne am Lifestyle-Gängelband geführt zu werden. Und ich glaube, das geht vielen «NZZ»-Leserinnen und Lesern ähnlich. Wir, wage ich jetzt einmal zu behaupten, wir sind eher Puristen, vertragen zwar eine gegensätzliche politische Meinung, werden aber ärgerlich, wenn man uns für dumm verkauft. Auch auf die «Equity»-Beilage würde ich gerne verzichten. Deren beste Texte müssten im Wirtschaftsteil Platz finden. Der Rest, so glaube ich, verschafft mir keinen Wettbewerbsvorteil und lenkt mich von Wichtigerem ab.

Finanzieren diese Beilagen wenigstens die Zeitung? Die Zeiten der Quersubventionierung seien vorbei, beschied man mir einst. Jedes einzelne Produkt müsse für sich rentieren. Das wird wohl heute bei allen Medienkonzernen so gehandhabt. Dieser Grundsatz vernebelt aber vielleicht den Blick für das Ganze, für das, was die Lesenden wahrnehmen, für den Titel, dem sie Vertrauen und Sympathie entgegenbringen – oder von dem sie sich nach und nach, in einem langsamen Prozess, abwenden.

Als Medienkritiker weiss man nie genau, ob man in den Kulturpessimismus abdriftet, wenn man Zeitgeistiges kritisiert. Vielleicht ist mein Unverständnis gegenüber dem, was die «NZZ» in letzter Zeit an neuen Ideen für zusätzliche Inseraterückseiten entwickelte, nur eine Alterserscheinung. Schon das Stil-Magazin der «NZZ am Sonntag» empfinde ich als Zumutung – und als das Gegenteil von dem, was ich mir aus dem Hause NZZ wünsche: Stil. Eine Marketing-Weisheit lautet doch, man solle einen guten Brand nie verwässern.

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

2 Bemerkungen zu «Dauerkrise»

  1. „Die Zeiten der Quersubventionierung seien vorbei, beschied man mir einst. Jedes einzelne Produkt müsse für sich rentieren.“
    Das mag aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll sein, wenn die einzelnen Produkte klar voneinander getrennt sind. Bei den erwähnten NZZ-BEILAGEN „Z die schönsten Seiten“, „Equity“ und „Gentlemen’s Report“ ist dies aber nicht der Fall. Diese sind der NZZ und/oder der NZZamSonntag beigelegt und somit direkt vom Erfolg der Zeitungen abhängig. Verlieren diese nämlich an Lesern, werden die stilvollen Beilagen kaum mehr so grosses Interesse bei Werbepartnern wecken. Und die Zeitungen verlieren natürlich Leser, wenn sie diesen weniger „Inhalte“ anbieten. Also, irgendwie hoffe ich als NZZ-Leser, der diese Zeitung ihres Kerninhalts :) wegen abonniert hat, dass die Beilage mit dem ominösen Titel „Z“ doch auch für mich irgendwelche schöne Seiten hat – und zwar in Form von quersubventionierten Artikeln und Reportagen im Hauptblatt.

  2. Mike:

    Equity stirbt, der Stil vermutlich auch:

    ‚Die Geschäftsleitung unter CEO Albert Polo Stäheli will den Rotstift unter anderem bei der NZZ-Beilage «Equity» ansetzen, wie mehrere voneinander unabhängige Quellen bestätigen. Der erst im Februar 2012 eingeführte Anlage-Service rechnet sich nicht. Das NZZ-Wirtschaftsressort war dafür aufgestockt worden.‘

    ‘Noch verärgerter über die Resultate des Mallorca-Trips sind aber die Leute bei der «NZZ am Sonntag». Diese soll ihren erst im 2011 eingeführten Stilbund abspecken oder ganz streichen. Eine informell für das zehnjährige Jubiläum der Zeitung zugesagte Budgeterhöhung von wenigen Hunderttausend Franken für eine Kinderseite und einen ausgebauten Hintergrundteil soll ebenso wenig bewilligt werden.’

    http://www.tagesanzeiger.ch/ipad/schweiz/Sparrunde-und-Machtkampf-bei-der-NZZ-/story/22890432

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