Der beste Leser

Es gibt gute und schlechte Leser. Wir Journalisten müssen wahrscheinlich meist mit letzteren Vorlieb nehmen. Mit denen, die unsere Texte überfliegen, schnöd überblättern oder flüchtig anklicken. Manchmal haben wir aber auch gute Leser. Und der vielleicht beste Leser der Schweiz hat letzte Woche an der MItgliederversammlung der Konferenz der Schweizer Chefredaktoren ein Referat gehalten:

Peter von Matt, emeritierter Professor für Germanistik an der Universität Zürich, Autor von literaturwissenschaftlichen Büchern, die ein breites Publikum fanden. Von Matt, der scharfsinnig-subtile Deuter sprachlicher Kunstwerke, ist auch ein regelmässiger und aufmerksamer Medienkonsument; er hört Radio, sieht fern, schaut bei Google News vorbei, wenn er am Computer sitzt, liest auf Papier den «Tages-Anzeiger», die «NZZ» und das Feuilleton der «FAZ».

Der Vortrag war der Zeit gewidmet, den Geschwindigkeitskonflikten, der Erfahrung von Beschleunigung, die jede Generation aufs Neue beklagt. (Von Matt zitierte listig Sätze von Goethe, die heute hätten geschrieben werden können.) «Sind Sie Herren oder Sklaven der Zeit?» fragte von Matt die Chefredaktoren. Zwischen den verschiedenen Medien machte er keinen Unterschied. Seine Diagnose trifft alle gleich: Die Darstellung der «kurzen, schrillen Prozesse», die in den Medien so viel Raum bekommen, verdeckt die langsam ablaufenden Prozesse, die viel bedeutsamer und folgenreicher sind. Als Beispiele erwähnte von Matt das langsame Auseinanderdriften von Selbstbild und Fremdbild der Schweiz und die zunehmende Entfremdung zwischen Deutschschweiz und Westschweiz. Und der eine und andere Chefredaktor hat sich vielleicht eine mentale Notiz gemacht, als von Matt daran erinnerte, dass sich die grosse Flüchtlingsdebatte des Nationalrates vom September 1942 im kommenden Herbst zum 70. Mal jährt und er gespannt sei, wie man das reflektieren werde.

Solche Leser wünschen wir uns doch alle. Darum müssen wir uns um sie bemühen. In einem Gespräch im «Folio» zum Thema «Zeitung» sagte von Matt 2009: «Die Zeitung ist für mich eine Art Sparringpartner für meine Auseinandersetzung mit der Gegenwart, mit meiner Welt.»

Und er warf den Medien vor, sie hätten «Angst, die Leute zu überfordern». Diese Angst zu überwinden, daran sollten wir Journalisten arbeiten, wenn wir ernstzunehmende Sparringpartner sein wollen.

Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ Folio».

von Daniel Weber | Kategorie: Mediensatz

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