Zeit zu lesen, Zeit zu schweigen

Die Online-Medien, so wird uns gesagt, sind für die schnelle Nachricht da, für die kurze Information. Die langsamen Printmedien vertiefen dann das Geschehen am Folgetag oder, im Falle von Wochenpublikationen, sogar noch später. Verleger und Verlagsfachleute sehen in dieser Arbeitsteilung bereits das Geschäftsmodell der Zukunft: Täglich kommen die News online, das Printprodukt erscheint noch ein- oder zweimal die Woche ─ als eine Art Printout, als Sonntagsblatt oder was auch immer (die Basler «Tageswoche» macht’s gegenwärtig vor).

Die letzte Woche hat mich gelehrt, dass ich am besten informiert bin, wenn ich weder kurze Information noch vertiefenden Hintergrund konsumiere. Ich hatte nämlich wahnsinnig viel Zeit, mich über Dinge zu informieren, die sonst zu kurz kommen; über Wissenschaft, Technik, Kultur; ich las endlich wieder einmal die Medienseite in der «NZZ» komplett durch und ich schaffte es auch, in Walter Wittmanns neustem Katastrophenbuch über das Inhaltsverzeichnis hinaus vorzustossen. Grund für diese Zeit-Insel war das tragische Busunglück im Wallis.

Als ich die erste Meldung via «20 Minuten online» dazu las, dachte ich, es hat jetzt keinen Sinn auf «Mehr…» zu klicken, denn es ist ja erst eine Flashmeldung und der Newsticker wird, wie immer in solchen Fällen, eine Aneinanderreihung von Nebensächlichkeiten enthalten bis hin zur Aufzählung der schlimmsten Carunglücke seit 1812.

Die «Tagesschau» brachte mich auch nicht weiter, ich erfuhr bloss, dass das Unglück überaus tragisch (was ich irgendwie innerlich schon geahnt hatte) und bisher alles noch völlig unklar sei. Dennoch wurden Dreiviertel der Sendedauer mit diesen allgemeinen Ungewissheits-News gefüllt.

Die Lektüre einiger Zeitungen am Folgetag war schnell abgeschlossen, denn trotz des mehrfachen Seitenangebotes wusste ich neben der Totenzahl und einigen weiteren Angaben auch jetzt nur, dass eine Untersuchung läuft. Zusatzinformationen über den Einsatz von Careteams, das Leiden von Eltern und Grosseltern, der Schock bei Rettungsteams und die Beileidsbezeugungen von Behörden waren Elemente von grosser Déja-vu-Kraft, denn dies alles ist immer in solchen Situationen da und schon dagewesen und hat in der jeweiligen detaillierten fallspezifischen Ausprägung nur eine demprimierend-voyeuristische Komponente, die mir keinerlei Informationen verschafft und auch sonst nicht weiterhilft, sondern mich nur auf eine sonderbare Weise an etwas teilhaben lässt, für das ich gar nicht als Teilnehmer vorgesehen bin.

In den folgenden Tagen habe ich die Zeitung mit einem Viertel des üblichen Zeitaufwandes gelesen. Es genügte ein Blick auf die Frontzusammenfassung um zu wissen, dass man noch nicht mehr weiss. Wer wann wo am Unfallort eingetroffen war und wer wann wo was dazu gesagt hatte, musste ich nicht zwingend wissen. Auch die Einschaltungen am Fernsehen, wo stotternde Reporter live darauf hinwiesen, dass soeben wieder ein Fahrzeug der Untersuchungsbehörden das Tunnelportal durchfahren hätte, konnte ich mir schenken.

Dann kam das Wochenende. Am Samstag das gespannte Warten auf die allgemeine Sonntagspresse ─ welche Headline würde nun die ultimative Erkenntnis zur Car-Katastrophe bringen? Für einmal schaffte es «Matin Dimanche» ─ und wurde dafür pausenlos in den Radionachrichten, auf allen Internetportalen und in der «Tagesschau» zitiert und schliesslich auch noch in der vereinigten Montagspresse drittverwertet: «ERMITTLER BEFRAGEN KINDER IN BELGIEN!» Tatsächlich wurden nun die Untersuchungen auch noch auf Belgien ausgeweitet, wer hätte das gedacht??? In einer Woche werden die Ermitter aus der Schweiz abreisen! Eine Woche Gelegenheit, Details zu den Reisevorbereitungen zu erfahren. Herr Müller, wie fühlen Sie sich, bevor Sie nach Belgien abfahren?

Da konnte ich die Medienseite in der «NZZ» ein zweites Mal vollständig durchlesen. Und siehe da: Wenigstens der Rainer Stadler tickt wie ich!

Andrea Masüger ist CEO der Südostschweiz Medien.

von Andrea Masüger | Kategorie: Mediensatz

7 Bemerkungen zu «Zeit zu lesen, Zeit zu schweigen»

  1. Erinnert etwas an den Witz vom Pfarrer, der seine moralische Empörung mit „Gopferdeckel, jetzt ist mir der Stumpen ins Bier gefallen“ unterbricht. Aber ich will nicht frotzeln. Vermutlich stecken wir einfach in einer Art Matrix. Bis jemand den Stecker zieht, können wir uns der Simulation von Journalismus nicht entziehen. Oder doch?

  2. Oliver:

    Eine Frage an all die Ex-Chefrredaktoren und alt Journalisten, die es jetzt auf einmal alle besser wissen: Wie hätte man denn dieses Thema abhandeln sollen? Mit einer Kurzmeldung auf Seite 11? Oder besser gleich totschweigen?

  3. Bernadette Zwicker:

    Hier scheint ein Ex-Junkie auf Abstinenz umgesattelt zu sein. Aber absolut einverstanden. Zeit für die „Forschung & Technik“ der NZZ zu haben, ist ein wahrer Genuss. Kürzlich neu entdeckt habe ich den „Schweizer Monat“, auf dessen Seiten überraschende Reflektion gepflegt wird.

  4. Fred David:

    Ja, @)Masüger hat schon recht, aber er hat sich jetzt ein zu naheliegendes Beispiel herausgesucht. Das macht ihm die Argumentation etwas zu leicht. Und das lassen wir ihm natürlich nicht einfach so durchgehen.

    Der „Sog“ (=Zwang) ist für Medien und Journalisten bei solchen Ereignissen nun mal da. Der verschwindet nicht einfach, wenn man weit hinten in der NZZ blättert.

    Man kann den – banalen – Schluss ziehen, dass man nicht alle Aufgeregtheiten mitmachen, nicht alle Selbstverständlichkeiten als braking news deklarieren muss (meine Lieblingsätze sind: „Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren“ oder „ein Care-Team ist vor Ort“), dass man eine Sondersendung nicht mit Leerstoff auswalzen muss, wenn es keine neuen Erkenntnisse/Bilder gibt – und das alles, ohne dabei einen einzigen Leser, Zuschauer, User vor den Kopf zu stossen.

    Aber dass man dann eben auf Zack sein muss, wenn es wirklich etwas zu berichten gibt.

    Das ist nicht so leicht. Es ist eine eine Frage von differenzierter Arbeitsökonomie. Wenn man Leute an solche Ereignisse schickt, müssen sie auch darüber berichten. Es sei denn, man habe einen Chefredaktor, der sagt: Du gehst sofort dahin, aber wir senden oder drucken nur, wenn du etwas bringst, was über die Agenturroutine hinausgeht. Und wenn du trotz ehrlicher Anstrengungen nichts Anständiges bringst, wirst du nicht als Schwachstromer verhöhnt. Dann ist es einfach so. Punkt.

    Daraus entstehen dann Geschichten, wie sie der „Blick“ gemacht hat – eine Doppelseite mit den Fotos der Kinder (nicht der Toten) oder ein weinender Vater, der – freiwillig und durchaus eindrücklich – seine Geschichte erzählt. Ich fand das guten, ungeheuchelten, sogar angemessenen Journalismus, bin damit hier aber wohl eher in der Minderheit.

  5. ras.:

    @Fred David: Klar muss sich jeder Betrieb fragen, wo er seine Ressourcen einsetzen will und wie er die eingesetzten Mittel amortisieren kann. Bei einem Ereignis wie dem aktuellen Unfall war allerdings vorhersehbar, dass da unmittelbar vor Ort wenige Infos zu holen sind. Ein Journalist wird wohl nicht so vermessen sein anzunehmen, er könne einen Verkehrsunfall besser analysieren als die technischen Spezialisten. Also gilt: abwarten und Tee trinken. – Was den „Blick“ betrifft: Da haben Sie Recht mit Ihren Differenzierungen.

  6. Fred David:

    Ja, @)ras einverstanden: Bei diesem Ereignis war dieses Aufgeregttun vor Ort sinnlos. Aber schon bei dem Vorfall in Frankreich ist es wieder anders: Woher kommt der Täter, was ist das für ein Umfeld, wo so etwas geschieht usw., darüber sagen Polizei und Staatsanwälte wenig. Da muss man schon selber hingucken, das ist anspruchsvoller Journalismus. Und da brauchts dann eben den Chefredaktor, der sagt: Du bleibst jetzt mal eine Woche da und treibst dich gefälligst nicht auf Medienkonferenzen herum.

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