Geschlechter-Debatten

Morgen, am 8. März, ist Internationaler Frauentag. Nicht dass man in den Medien viel davon merken würde. Das Jahr der Kartoffel 2008 wurde redaktionell wahrscheinlich besser betreut als jeder Frauentag seither. Sie meinen, das sei auch nicht mehr nötig? Schliesslich hätten die Frauen genug erreicht, und es sei jetzt im Gegenteil der Mann, der sich langsam wehren müsse?

Die männliche Wehleidigkeit wäre berechtigt, wenn das, was uns die Medien heute als Gender-Debatten verkaufen, mit Feminismus etwas zu tun hätte: Hat der Mann ausgedient? Ist der Softie gerade wieder in? Oder doch eher der tumbe Knackarsch, der weiss, was Frauen wollen? Sind Männer beziehungsgestört? Oder doch besser als ihr Ruf? Gibt’s nur in Hamburg bei der «Zeit» überall «Schmerzensmänner», die Bärte tragen und Gitarre spielen? Oder emigrieren die womöglich auch hierher?

Geführt werden solche Scharmützel an der Geschlechterfront von den Kindersoldaten auf den Lifestyle- und Trend-Redaktionen ─ die manchmal tatsächlich auch noch Gesellschafts-Redaktionen heissen. Sie finden sich mittlerweile in fast allen Zeitungen, und sowieso in den schier endlosen Beilagen und Magazinen zwischen «TA» und «Z», «GQ» und «SI», zwischen «InStyle» und «InTouch» und «OutOfMind» (der letzte Titel ist erfunden). Gewachsen sind sie auf dem Mist des bunten Konsum-Tralalas, mit dem immer mehr Chefredaktionen sich im Wettbewerb des Überflüssigen der Werbebranche andienen.

Klar, dass sich erwachsene Männer von diesem Geplapper zwischen Mars-Machos und Venus-Weibern, zwischen Superstars und Superdeppen oft, pardon, verarscht fühlen. Sie können sich damit trösten, dass es erwachsenen Frauen gleich geht ─ und ihnen um einiges mehr schadet. Denn es verstellt den Blick auf die wahren Kriegs- und Krisengebiete der Geschlechter.

Zum Beispiel: Unser Parlament muss soeben, vierzig Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechts, über Zwangsehen und Burka-Verbot diskutieren. Zum Beispiel: Europäische Spitäler sind immer öfters mit weiblichen Genitalverstümmelungen konfrontiert (weltweit sollen täglich 6000 Mädchen die Genitalien herausgeschnitten werden). Oder mit dem verzweifelten Ansinnen um Wiederherstellung des Jungfernhäutchens. Zum Beispiel: In Europa geschehen jährlich weit mehr Ehrenmorde als Morde durch Neonazis. Die einen füllen Medien, Gedenkmärsche und Sonntagspredigten (zurecht, wohlverstanden), die andern geschehen weitgehend im Dunkeln einer sich neu formierenden Frauenunterdrückung mitten unter uns (Experten gehen von einer Dunkelziffer von weltweit hunderttausend Ehrenmorden pro Jahr aus).

Und ein letztes Beispiel: In diesen Tagen müssen wir abstimmen über die Frage, ob wir hier in Zürich den grenzüberschreitenden Frauenhandel regulieren wollen, indem wir seine elendesten Opfer vom offenen Strassenstrich abzügeln in bürokratisch sauber gemanagte Verrichtungsboxen. Wie ist das möglich? Unter anderem auch, weil die Berichterstattung dazu sich weitgehend auf die verwaltungstechnische Argumentation der Politik beschränkt: Der freie Personenverkehr schwemmt Zuhälter aus dem Osten mit der Billigware Frau auf den Schweizer Strassenstrich und macht uns das einheimische Rotlicht-Milieu und die Wohnquartiere kaputt. Also lagern wir das Ganze in die Industriezone aus, wie immer bei der Stadt für unglaublich teures Geld, was wie immer die Spar-Parteien auf den Plan ruft. Dem Stimmvolk wird die Verwaltung des Frauenhandels schmackhaft gemacht als Schutz der betroffenen Mädchen und Frauen. Diese dürfen sich seit kurzem ja nicht mehr schon ab 16 Jahren, sondern erst ab 18 Jahren verkaufen ─ alles andere hätte den schönen Schein, dass sogar halbe Kinder als «selbständige Unternehmerinnen» und «Sexarbeiterinnen» freiwillig tätig seien, doch ein bisschen gestört.

Frauenhandel, würde man gerne wieder einmal nicht nur bei Terres des Femmes lesen, ist die moderne Form der Sklaverei ─ und neben dem Drogen- und Waffenhandel eine besonders einträgliche Schattenwirtschaft. In den globalisierten Sexmärkten lässt sich die Prostitution vom Frauenhandel nicht mehr trennen. Man kann ihr höchstens noch mit den Rassismen der früheren Sklavengesellschaften das Wort reden. Etwa so, wie das kürzlich im SF-«Club» zum Thema eine kirchliche Sozialarbeiterin ohne Widerspruch tun durfte: Wir können, meinte sie sinngemäss, unsere schweizerischen Mittelstandswerte nicht einfach als Massstab auf diese Frauen anlegen, sie seien halt anders als wir. Ja, auch die Sklaven waren einst zu ihrem Sklaventum geboren; sie wollten von ihren weissen Herren nur anständig gehalten werden, in warmen Hütten und mit genug Nahrung. Oder, auf heute übertragen, in sauberen Verrichtungsboxen, mit Waschgelegenheit und Beratungsbus, wohin sie sich auch mal vor ihren Aufsehern auf einen Grüntee flüchten können.

Man wird ein bisschen bitter bei diesem Niveau der gesellschaftspolitischen Diskussion, das die Medien fast kritiklos übernehmen. Und hofft, dass die Lifestyle-Journalisten wenigstens mal damit anfangen, Freier als uncool und out zu erklären ─ mit ein paar reinen Männer-Fotostrecken vom Sihlquai, ohne Nuttenchic, ohne High Heels und ohne Miniröcke (damit wirbt schon die Stadt für ihre Verrichtungsboxen). Und dann vielleicht mit einer Fotoreportage aus den Roma-Ghettos, wo die «selbständigen Unternehmerinnern» ihre smarten Businesspläne für ihre Karriere als «Sexarbeiterin» im Westen entwerfen. Als Einstieg empfehle ich den deutschen Dokumentarfilm «Der Weg der Wanderhuren»: Er zeigt, warum in Dortmund das politische Geschäftsmodell mit den Verrichtungsboxen ─ nennen wir es genauer: mit dem Ausverkauf der Menschenwürde ─ wieder abgebrochen werden musste. Unter anderem, weil die Zuhälter, Händler und Schlepper sich leider nicht an die Prämisse halten, dass es sie nicht gibt.

Pia Horlacher war Film- und Kulturredaktorin beim Schweizer Fernsehen, bei der «NZZ» und bei der «NZZ am Sonntag». Als Mitglied des Presserats befasst sie sich auch mit Medienfragen.

von Pia Horlacher | Kategorie: Mediensatz

14 Bemerkungen zu «Geschlechter-Debatten»

  1. Beatrice Glaus:

    Selten eine derart treffende Analyse zum Thema gelesen. Gratuliere!

  2. Christof Moser:

    Pia Horlacher – wie immer grossartig!

  3. Thomas Läubli:

    Passend zu den Geschlechter-Debatten das neue Elaborat der Weltwoche:
    http://www.weltwoche.ch/weiche/hinweisgesperrt.html?hidID=544283

    Hätte jemand etwa geschrieben, dass der Jude Beni Frenkel wegen seiner Hakennase eine Sexbesessenheit ausstrahlt und man ihm deshalb die Kinder wegnehmen müsse, wäre der Aufschrei gross. Wohlgemerkt, es geht hier nur um die diskriminierende Darstellung Homosexueller. (Dass im Begriff «Sex» drinsteckt, verleitet gewisse Leute regelmässig zu homophoben Phantasien.) Das Thema Adoption lässt sich auch sachlich angehen. Der verlinkte Artikel verstösst eindeutig gegen Punkt 8 der Erklärung der Pflichten der JournalistInnen und ist damit ein Fall für den Presserat.

  4. Mara:

    Passend dazu ist, dass die betroffenen Frauen auch nicht gefragt wurden, was sie denn von dem neuen Modell halten…

  5. Mit Pia Horlachers Befunden im ersten Teil (Lifestyle-Journalismus) bin ich einverstanden. Der zweite Teil des Texts hat mich nachdenklich gestimmt und motiviert, den Film «Der Weg der Wanderhuren» anzuschauen. Als ich den sehr gut gemachten Film anschaute, wurde ich noch nachdenklicher, kam aber zu anderen Schlüssen als Pia Horlacher. Der Abbruch der Dortmunder «Verrichtungsboxen» hat offenbar die Lage der Prostituierten nicht verbessert, sondern schlimmer gemacht, wie das Beispiel der Roma-Frau zeigt, die von einem Freier schwer verletzt wurde.

  6. Mara Meier:

    Danke, Pia Horlacher.

  7. efrain steinbach:

    naja. ganz recht, die verrichtungsboxen lösen das problem nicht und institutionalisieren prostitution sogar, was ich auch als falsches zeichen erachte.

    anyway, das problem der menschenwürde etc. löst sich nicht durch institutionalisierung, legalisierung oder repression. es ist auch keine frage von „lifestyle“, denn freier sind wohl eher nicht stolz auf ihr treiben. freier zu sein ist bestimmt nicht „cool“ und viele sind sich einer diffusen mitschuld am leid der prostituierten wohl gar bewusst. letzten endes ist die wurzel des problems vielmehr, dass es seit jeher einen überschuss an männlichem kopulationsbedürfnis gibt. evolutionär, wohl, aber nicht zwangsläufig genetisch.. aber was kann man tun? eine sexuelle revolution müsste es wohl sein. gender debatten bewegen sich langsam in diese richtung. das ist gut.

  8. Pingback: Gedanken zum Tag der Frau | Warum alles auch ganz anders sein könnte.

  9. integrated:

    Kriegs- und Krisengebiete der Geschlechter? Die erwähnten Beispiele sind schlimm, inakzeptabel, archaisch. Aber warum auf Europa beschränken? Mit Sicherheit wird weltweit ein Vielfaches dieser Gewalt von Männern an Frauen verübt. Was auch immer möglich und nötig ist, um diese – meist mit religiösem Hintergrund verübten – Schandtaten zu verhindern, muss getan werden. So weit, so einverstanden. Und jetzt? Als Schweizer mit etwas zurückliegendem Migrationshintergrund (mein italienischer Grossvater war Secondo) kann ich mich demnach entspannt zurücklehnen? Soweit ich weiss, finden diese Gewaltakte in unserem Lande äusserst selten statt. Die auf Konsum-Tralala-Mist gewachsenen, daher geplapperten Scharmützel der Kindersoldaten (Sprachwahl?) unter ihren sich andienenden Chefredaktionen sind offenbar, pardon, reine Verarschung? Wir haben also gar keine Gender-Probleme in der Schweiz. Gelobtes Land, einmal mehr.
    Zum letzten, auch in der Schweiz angesiedelten Problem der Prostitution: Beim Betrachten des Filmes „Der Weg der Wanderhuren“ entstehen intensive Emotionen: Betroffenheit, Berührtheit, Traurigkeit, aber auch Bewunderung.
    Wie Frau Horlacher allerdings zu diesem Satz kommt: „Unter anderem, weil die Zuhälter, Händler und Schlepper sich leider nicht an die Prämisse halten, dass es sie nicht gibt“ bleibt ein Rätsel. Von Schleppern, Händlern und Zuhältern ist im ganzen Film nicht ein einziges Mal die Rede. Es wird viel Elend gezeigt, von Frauen, wie von Männern. Dies auf ein „Kriegs- und Krisengebiet der Geschlechter“ zu reduzieren, empfinde ich als höchst zynisch.

  10. Nicole Meier:

    @Efrain Steinbach bezüglich Überschuss an männlichem Kopulationsbedürfnis. In der „NZZ am Sonntag“ hat Paartherapeut Klaus Heer etwas Interessantes gesagt:
    «Immer wieder höre ich eigenartige Sätze wie: ‹Ich bin halt auch nur ein Mann› oder ‹Ich muss regelmässig meinen Sack leeren.›» Viele Männer hätten das Gefühl, dass sie sexuell besonders bedürftig seien. Heer ist überzeugt, das das so nicht stimmt: «Männer brauchen nicht mehr Sex, sie wurden genital-zentrierter sozialisiert.»
    Voilà. „Genital-zentrierter sozialisiert“ bringts doch genau auf den Punkt. Und tausend Dank an Pia Horlacher für diese hervorragenden Zeilen!

  11. Nicole Meier:

    Nachtrag: Der das-dass-Fehler stammt aus der NZZaS, nicht von mir.

  12. Dipl.-Ing. Norbert Derksen:

    Was ist denn gewonnen, wenn jetzt auch noch die Frauen von der „gekrümmten Raumzeit“ schwafeln, wie ich es bereits an der Konstanzer Universität erleben mußte?

  13. peter herzog:

    auch wenn ich nicht ganz verstehe, was sie meinen herr derksen, sind frauen, die an der konstanzer universität von „‚gekrümmter raumzeit‘ schwafeln“ ein sicheres zeichen, dass frauen mittlerweile überhaupt an die universität dürfen. und das ist tatsächlich ein gewinn.
    auf alle anderen, nur zu vermutenden hintergründe ihres kommentars möchte hier wohl niemand genauer eingehen. man soll trolle nicht füttern, eigentlich. einen happen gibts hier halt jetzt doch.

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