Wir Schmuddelkinder

Grosse Frage: Was ist die Aufgabe der Journalisten? Triviale Antwort von Joseph Epstein, einem amerikanischen Schriftsteller und, ja, Journalisten: «Der Job des Journalisten ─ jedes Journalisten ─ ist es zu spionieren und zu schnüffeln, Dinge herauszufinden, die andere Leute aus verschiedenen Gründen lieber nicht preisgeben würden.» Zwar wühlen auch «gewöhnliche» Menschen in anderer Leute Angelegenheiten, schreibt Epstein weiter. Aber im Gegensatz zu diesen werden Journalisten dafür bezahlt. Das macht sie in Epsteins Augen zu «News-Nutten».

Da kann man, muss man natürlich entrüstet sagen: Der Mann liegt falsch. Er will einfach ─ typisch oberflächlicher Causeur ─ mit einer billigen Pointe auf unsereiner Kosten punkten. Vielleicht, hoffen wir, geht das mit den Nutten schon ein bisschen weit. In einem wichtigen Punkt hat Epstein aber recht: Es geht im Journalismus, der über die Verlautbarungs-, Berichterstattungs- und Gefälligkeitspublizistik hinausgeht, einzig und allein darum, Dinge öffentlich zu machen, die andere Leute lieber im Verborgenen halten würden.

Höhepunkte des Journalismus sind nie fulminant geschriebene Reportagen, kühn verästelte Leitartikel oder brillante Essays, sondern schnörkellose News, die Unerhörtes ans Licht und Mächtige zu Fall bringen. Typisch dafür: Die Skandale um Armeechef Nef und Bundesratskandidat Zuppiger. Zentral an diesen Fällen (im doppelten Sinn des Wortes) war nicht die hehre Recherche, kunstgerecht nach «Watergate-Regel» erarbeitet, sondern die pure, von Medienethikern unbelastete Lust daran, Gerüchten und Zugetragenem auf den Grund zu gehen.

In den dunklen Seiten der Macht zu wühlen und den Dreck ans Licht zu bringen, hat folgerichtig immer etwas Schmuddeliges an sich. Schon Wolf Schneider hat in seinem Journalismuslehrbuch-Klassiker geschrieben, dass man als Reporter seine gute Kinderstube besser vergisst. Anderseits braucht man sich nicht darüber zu grämen, dass der eigene Berufsstand im öffentlichen moralischen Urteil jeweils in der untersten Schublade landet, zusammen mit den Politikern. Im Gegenteil: Die Aufgabe des Journalisten macht es für ihn zur Pflicht, die Grenzen der guten Sitten und des Anstands auch einmal zu unterschreiten. Wirklich gute Journalisten sind also vielleicht keine Nutten, aber sie sind die Schmuddelkinder der Gesellschaft.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

2 Bemerkungen zu «Wir Schmuddelkinder»

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