«So einfach ist das»

Da hat der Altmeister seinen Gegnern eine schöne Steilvorlage geliefert. «Das neue Handbuch des Journalismus und des Online-Journalismus» erdreistet sich Wolf Schneider die Neuauflage seines Standardwerks zu nennen (Rowohlt 2012). Welch ein Affront für dünnhäutige Netzaktivisten! «Die beiden älteren Herren aus der Muppetshow», gehört noch zu den freundlicheren Bezeichnungen, die die Empörten für Schneider und seinen Ko-Autor Paul-Josef Raue finden.

Was haben die beiden älteren Herren falsch gemacht? Dass sie in einem Buch von über 450 Seiten nur gerade gut 20 Seiten dem Online-Journalismus widmen, mag irritieren. Aber ihre Begründung erscheint mir stichhaltig: «Den Online-Journalismus dagegen behandeln wir als blosse Spielart des klassischen Handwerks – nur dadurch unterschieden, dass auf dem Bildschirm noch ungeduldiger gelesen wird als in der Zeitung; die letzte Zeile eines Textes erreichen die wenigsten.» Das heisst ja nur, dass ein guter Journalist online noch besser sein muss, wenn er seine Leser bei der Stange halten will.

In der täglichen Praxis ist es noch nicht so weit. Der Ungeduld der Online-Leser entspricht zu oft die Atemlosigkeit der Online-Journalisten. Dem Tempodiktat unterworfen, passieren ihnen mehr Fehler als den Kollegen vom Print, die eine oft komfortable Deadline und ein Korrektorat haben. Aber einen grundsätzlichen Qualitätsunterschied gibt es nicht, und den haben Schneider/Raue auch nicht behauptet.

Der eingangs zitierte Christian Jakubetz ist, wie er in seinem Verriss schreibt, ebenfalls Ko-Autor eines Lehrbuchs. «Universalcode. Journalismus im digitalen Zeitalter» heisst es und preist sich als «der neue Standard der Journalismus-Lehre» an. Ich habe (online) flüchtig darin gelesen und bin gleich im Vorwort von Heribert Prantl auf zwei Sätze gestossen, die von Wolf Schneider stammen könnten: «Es gibt guten und es gibt schlechten Journalismus, in allen Medien. So einfach ist das.» Was hingegen Jakubetz selber über das «crossmediale Arbeiten als Quintessenz des modernen Journalismus» schreibt, kann man getrost überblättern. Natürlich wäre es schön, alles zu können: Schreiben, fotografieren, Video und Audio. Und natürlich kann das keiner, aber Optionen zu haben «ist das, was crossmediales Arbeiten ausmacht». Und natürlich führen die crossmedialen Optionen zu einem neuen Verständnis des Journalismus, der heute «Prozessjournalismus» heisst, weil er nicht länger ein «Produktionsprozess» ist, sondern ein fortlaufender «Kommunikationsprozess».

Uff, da flüchtet man doch sofort zu Wolf Schneider, der im Unterschied zu seinen Kritikern so schreibt, dass man ihn gern liest. Wer sein «Handbuch» nicht kaufen mag, kann im «Folio» seine monatliche Kolumne lesen, «Frisches Deutsch in 12 Lektionen» – empfehlenswert für Journalisten und Online-Journalisten.

Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ Folio».

von Daniel Weber | Kategorie: Mediensatz

14 Bemerkungen zu ««So einfach ist das»»

  1. Hanspeter Spörri:

    Ja, so einfach ist das! Merci!

  2. Thomas Läubli:

    Wer Online-Kommentare studiert hat, weiss, dass die meisten Kommentatoren den Artikel gar nicht lesen, sondern aufgrund des Titels und der Überschrift einfach auch ihren Senf zum Thema geben wollen. Damit ist es tatsächlich so einfach, wie es “die beiden älteren Herren aus der Muppetshow” darstellen. Um das zu sehen, muss man gar nicht viele Blogs lesen oder Tumblr-Bildchen anschauen, denn solche Selbstdarstellungen von Kermits und Miss Piggies werden höchstens von engen Freunden quergelesen, pardon, rezipiert, damit man sich gegenseitig aufmunternde Kommentare machen kann.

  3. Wenn es nur einen Journalismus gibt (eine Haltung, die ich teile): Wieso teilt denn das Autorenteam schon im Titel des Buchs in Journalismus und Onlinejournalismus auf? Das widerspricht ja der eigenen Erkenntnis.

    Ich finde: Jemand, der Blogs nur ausgedruckt liest (blog-cj.de), sollte sich vielleicht besser nicht dazu äussern (Hyperlinks zum Beispiel können in der ausgedruckten Form ja gar nicht nachvollzogen werden). Und wer in der Kritik an seiner Arbeit “vermutlich” einen Racheakt sieht (meedia.de), ist schon arg dünnhäutig. Zitat Wolf Schneider: “Es gibt eine Clique von Altlinken, die mich seit Jahrzehnten nicht leiden können, dann gibt es die Durchgefallenen bei der Henri-Nannen-Journalistenschule. Harald Schmidt reitet ja in lockerer Folge darauf rum, dass er bei mir durchgefallen ist. Auch Professoren der Linguistik und Publizistik wollen sich an mir rächen.” Man könnte sich ja alternativ auch ernsthaft mit der Kritik auseinandersetzen.

    Ja, die Kollegen vom Print haben “eine oft komfortable Deadline und ein Korrektorat”. Schön für die, kann ich da als Onliner nur sagen.

  4. Lieber Daniel Weber,

    Sie haben mal flüchtig in “Universalcode” gelesen, sind dann zu der Auffassung gekommen, dass das ja alles hübsch wäre, wenn man es denn könnte, um dann wieder zu Schneider zu flüchten?

    Hübsch, wie einfach Sie sich das machen. Aber halt, das war ja Ihr Credo: So einfach ist das.

    Na dann.

    Beste Grüße, auch an Ihren Kolumnisten

    Christian Jakubetz

  5. Debatte nicht verfolgen und dann darüber schreiben. So einfach ist das. Dünnhäutige Netzaktivisten? Gab es vielleicht auch welche. Aber vor allem Journalisten zeigten sich irritiert und enttäuscht, ob der zweifelhaften Leistung ihres Altmeisters. Zitate zu verkürzen und die Aussage in ihr Gegenteil zu verkehren, geht ja nun mal gar nicht in einem Journalismus-Lehrbuch.

  6. Daniel Weber:

    @Lieber Christian Jakubetz
    So einfach ist das – das ist Heribert Prantls Fazit, das ich zustimmend zitiere. Dass ich mich vor Ihnen zu Wolf Schneider flüchte, hat einen einfachen Grund: Das Wort “Prozesse”, das Sie in Ihrem Text auf drei Zeilen dreimal unterbringen, kommt bei ihm nicht vor. Allenfalls im Singular, wenn er Kafka zitiert. Den zu lesen jedem angehenden Journalisten empfohlen sei. Er lernt dabei mehr, als in Ihrem Standardwerk “Universalcode”.

  7. Sie haben nach eigener Aussage “flüchtig” ins Buch reingelesen und erlauben sich ein derart rigoroses Urteil, Herr Chefredaktor?

    Böse, wenn ich das nicht nehme?

    Gute Besserung,

    Ihr Christian Jakubetz

  8. Wolf Schneider ist vor allem ein guter Buchverkäufer. Deutsch für dies und Deutsch für das. Fünftrillionste Auflage Copy & Paste. Mehr als 32 Worte mag ich für diese selbstgerechte Person gar nicht vergeuden.

  9. Mara Meier:

    Zuerst: Bei mir stehen in Reih und Glied die Wolf-Schneider-Titel: “Deutsch für Profis”, “Deutsch für junge Profis”, “Deutsch für Kenner”, “Wörter machen Leute”, “Deutsch fürs Leben”.//Ein bisserl Staub drauf, wie ich beim Herausnehmen sehe. Aber: Alle gern gelesen. Die Redundanz sehe ich ihm nach, dem Meister. Auch den Purismus, der die Sprache nicht als Trampel und Verschwenderin, als Übertreibende und Unökonomische anerkennt. Sie streckt dem Wolf die Zunge raus; ihm ists egal. Der Journalist, nicht der Literat, nicht die Poetin, der Journalist muss wissen: Dä Siäch hät recht. Darum sparet Euch das neue Werk, aber lest den Rest. Denn: Dä Siäch hät recht. – So einfach ist das.

    Dann: Universalcode? So wie “Universalgrammatik”? Krass. Da greift einer nach den Sternen. Und hat es trotzdem nötig, anderen “gute Besserung” zu wünschen. Ich bin beruhigt: ein Mensch.

    Zuletzt: Das Läubli-P.S. zum Sonntag:

    “Wer Online-Kommentare studiert hat (…)”

    Kann ich nach dem Studium der “Kommentare” (lic. com) dann bei Prof. Dr. Online Läubli weitermachen und auch noch Ed.D (Doctor of Education) werden? Cool.

  10. @Mara Meier: Ich glaube, da liegt ein Missverständnis vor. Es geht in der Kritik an dem Buch keineswegs um die Auffassung Schneiders zur deutschen Sprache. Es geht um seine und Raues Einlassungen zum Thema Onlinejournalismus/Neue Medien. Ich halte sie für unzulässig pauschalisiert und in weiten Teilen schlichtweg für falsch.

    Der Titel “Universalcode” soll übrigens zum einen eine Anspielung sein auf einen Begriff aus der digitalen Welt und zum anderen auf die Anforderung an Journalisten, möglichst vielseitig und universal arbeiten zu können. Ob sie das wirklich können (sollen), steht dann wieder auf einem anderen Blatt.

  11. Mara Meier:

    Mon cher Christian Jakobetz, dass Sie als Polemiker unterhaltsam sind, haben Sie bewiesen. Recht witzig, Ihre Kanonaden drüben.

    Danke für Ihre Antwort hier.

    Christian, Sie geben vor, ein Missverständnis aufzuklären. Es gehe “keineswegs um die Auffassung Schneiders zur deutschen Sprache”. – Geht es doch! Denn Schneiders Auffassung zur (deutschen) Sprache ist ja nichts anderes als eine saubere Denkschule. Nicht nur solid: klassisch. Seine Einlassungen haben deshalb immer gute Gründe. Niemand, auch kein trendiges Denkkonsortium mit universellem Anspruch, kann die alte Garde, die schimmle, mit zwei unerhaltsamen Rülpsern wegwischen. Aber Sie dürfen natürlich gerne genervt sein. Mühsam, wenn ein Schneider, Jahrgang 1925 (!), nicht aufgibt – und noch recht bekommt. – Mist!

    Das Leben ist manchmal hart.

    Sie widersprechen mir nicht: Text ist auch online Anfang und Ende. Bilder, bewegt oder nicht, Ton, sie flehen uns an, über sie so zu reden, auf dass sie relevant werden. Bei der heutigen Bilderflut kann ich sonst gleich spülen.

    Eine Audiospur einbauen, drei Links, zwei Bilder dazupappen, Videos runterladen, *bastelbastel* *schieb* *arrangier*; das kann jeder Netzhalbstarke. Isch scho luschtig, garniert, klar doch. Manchmal unverzichtbar. Unverzichtbare Quellenarbeit. Auch klar. Aber um zu sehen, wie das geht, schaue ich lieber gleich im Netz nach und nicht im Buch, das veraltet ist, wenn die Tinte noch nicht auf dem Papier klebt. Ich spreche mit ein paar angefressenen Jugendlichen. Rick-zack, und ich habe den neusten Schrei auf meinem langweiligen Blog. Vor lauter Schnipselarbeit habe ich total vergessen zu denken. Sieht voll geil aus, sagt dann mein Kollege – und liest weiter die Süddeutsche oder klickt auf den Medienspiegel.

    Sie beschwören einen Generationenkonflikt herauf, den es nicht gibt. Niemand legt in Uster Feuer.

    Schönen Tag!

  12. Also, nochmal *seufz*: Nein, es geht nicht um einen Konflikt, schon gar nicht um einen der Generationen. Es geht auch nicht darum, jemanden wegwischen zu wollen. Es geht um Kritik an einem Buch. Und an jemanden, der sein ganzes Leben lang im Kritisieren und Austeilen mindestens sehr munter war. Mir ist diese ganze Aufregung ein wenig schleierhaft: Ausgerechnet Schneider, der sein ganzes Leben lang mit einer gewissen Geringschätzung über Andersdenkende gesprochen hat, steht jetzt unter Artenschutz? Und ja, es stört mich sehr, wenn jemand zugibt, nur flüchtig in Universalcode gelesen zu haben, um dann zu sagen, das könne man alles vergessen. Ein Buch kritisieren, das man gar nicht gelesen hat, du liebe Zeit – ist es das, was ihr von Schneider gelernt habt?

    >>Eine Audiospur einbauen, drei Links, zwei Bilder dazupappen, Videos runterladen, *bastelbastel* *schieb* *arrangier*; das kann jeder Netzhalbstarke.

    Echt? Wenn ich mir die Ergebnisse so ansehe, die in vielen Onlineredaktionen abgeliefert werden. Leider ist aber auch das (“Das kann jeder Halbstarke”) eine Haltung, die in der analogen Welt weit verbreitet ist. Leider übrigens auch bei 20jährigen, insofern läuft der Graben nicht durch irgendwelche Generationen, sondern durch Haltungen.

    In Uster würde ich angesichts meines Schweizer Wohnorts aber auch nicht Feuer legen wollen, da gebe ich Ihnen recht.

    Und natürlich: Ebenfalls einen schönen Tag!

  13. Mara Meier:

    Um mich noch ein bisschen aufzuspielen, lieber Christian Jakubetz, ein Link zum Abschied *doppelseufz*

    http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D16530.php

  14. Daniel Weber:

    Wer die Debatte in aller Ausführlichkeit haben möchte: http://www.stefan-niggemeier.de/blog/wolf-schneider-hat-jehova-gesagt/

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