Anonyme Stimmen

Im Journalismus kommt es vor, dass die Konkurrenz schneller ist. «NZZ»-Inlandchef René Zeller hat in seinem Blog genau das geschrieben, was ich hier hätte ausführen wollen: Er beschreibt eine Unsitte, die immer mehr um sich greift: das Zitieren von anonymen Quellen.

Es mag Geschichten geben, bei denen der Quellenschutz höher zu gewichten ist als die Quellentransparenz. Das ist wohl dann der Fall, wenn es um Handfestes geht, um Strafbares, um mafiöse Verstrickungen, kriminelle Machenschaften – oder jedenfalls um Fakten, die überprüfbar werden, wenn sie an die Öffentlichkeit gelangen. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch in der Causa Hildebrand der Fall.

Aber meistens geht es nur um Politik, wenn uns irgendjemand etwas ins Ohr flüstert und wir die Quelle dann als «Stimme aus dem Umfeld von …» bezeichnen. Ein Projekt soll torpediert, politische Gegner sollen abgeschossen werden. Wir bilden uns in der Regel etwas ein auf unsere journalistische Unabhängigkeit und Unbestechlichkeit, geben im Kollegenkreis gern den investigativen Journalisten, lassen uns für einen Scoop auch mal auszeichnen. Aber eigentlich hat uns nur jemand etwas gesteckt. Und wir geben das dann weiter, ungeprüft, oder scheingeprüft mit einer zweiten anonymen Quelle. Die wichtigste Information fehlt in unserer Geschichte: der Name des Informanten oder der Informantin. Dadurch schützen wir nicht nur diese Person, sondern auch uns selbst. Niemand erfährt, wie schluderig wir mit Quellen umgehen, wie leicht wir uns einspannen lassen für Kampagnen.

Das Anonyme prägt gegenwärtig die mediale Stimmung: Ich meine da nicht einmal in erster Linie die anonymen Quellen oder die anonymen Geldgeber der Redaktionen. Auch in die Sprache haben sich anonyme Wertungen eingeschlichen, die sich als Tatsachen tarnen:

    «Wird Eveline Widmer-Schlumpf es durch einen Winkelzug schaffen, nicht aus dem Bundesrat abgewählt zu werden, oder endet sie als Verwaltungsrats-Präsidentin eines mittelgrossen Elektrizitätswerks in der Surselva?»,

fragte der «Tages-Anzeiger» am 3. Januar letzten Jahres auf der Frontseite. Und selbstverständlich liess er sich am Ende des Jahres dazu verführen, die Trophäe, den Beweis des eigenen Scharfsinns, vorzuführen:

    «Widmer-Schlumpf verbleibt im Bundesrat. Indem sie sich zur Atomausstiegs-Befürworterin wandelte, gewann sie in der Fukushima-Turbulenz den benötigten Trumpf. – An der flinken Wende zeigt sich eine Manövrierfähigkeit hiesiger Machtträger, mit der in Zukunft vermehrt zu rechnen sein wird: In der beschleunigten Politikwelt garantiert nicht Prinzipientreue, sondern weltanschauliche Biegsamkeit das Überleben.»

Die Sätze hat ein Kollege formuliert, den ich sehr schätze, auch wegen seiner präzisen Sprache. Wäre ich dabei gewesen, hätte ich aber versucht, ihm die «weltanschauliche Biegsamkeit» auszureden. So, wie ich ihn vor Jahresfrist bereits hätte bitten wollen, auf den «Winkelzug» zu verzichten.

Besonders schlimm sind diese Unterstellungen ja nicht. Im Journalismus sind sie alltäglich geworden. Und vielleicht hat er ja recht und die Bündner Bundesrätin hat ihre Meinung zur Atomenergie wirklich nur geändert, um ihre Wahlchancen zu erhöhen. Aber er weiss es genau so wenig, wie ich das Gegenteil beweisen könnte. Er vermutet es nur.

Ich meine: wer so etwas öffentlich vermuten oder behaupten will, soll es in einem Kommentar tun. Und er soll es ausführlich begründen. «Ich habe nichts gegen Ihre Meinung. Sie dürfen sie haben. Aber Sie müssen sie so begründen, dass ich weiss, weshalb Sie sie haben.» Das hat mir vor vielen Jahren mein damaliger Chef gesagt. Ich finde heute noch, dass er recht hat. Für meinen Geschmack wird im Journalismus, wie er gegenwärtig praktiziert wird, zuviel drauf los gemeint. Aus meiner Sicht ist das eine Form sprachlicher Verluderung. Sie ist mitschuldig an der Stimmung im Land: wir meinen uns gegenseitig kaputt. Journalisten und Politiker unterstützten sich dabei nach Kräften.

Ich meine übrigens nicht, dass man nicht der Ansicht sein dürfe, Bundesrätin Widmer-Schlumpf sei biegsam. Aber man sollte wissen, was biegsam für ein Wort ist. Es ist ein abwertendes Adjektiv. Wer es einsetzt, sollte wissen, dass er zu einem journalistischen Winkelzug greift, eine Meinung als Tatsache tarnt, sich dadurch als biegsamer Journalist erweist und sich in den Dienst einer Meinung stellt, die er vielleicht nicht einmal selbst hat.

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

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