Papa, die woar’s!

Im Filmklassiker «Der Dritte Mann» gibt es eine berühmte Szene (wobei darin fast alle Szenen berühmt sind): Eben ist ein Mann aus dem Fenster gestürzt (worden), auf der Strasse vor dem Tatort steht eine aufgewühlte Menschenmenge, unter ihnen Protagonist Joseph Cotton, der vor kurzem noch mit dem Mordopfer gesprochen hat. Da entdeckt ihn ein kleiner Bub ─ der einzige, der ihn zuvor mit dem Opfer gesehen hat. Aufgeregt, mit grossen runden Augen, zupft der Kleine am Ärmel seines Vaters: «Papa, der woar’s!» schreit er, «Papa, der woar’s», immer lauter und eindringlicher, «Papa, der Mann dort woar’s!» Bis der Papa und die Menge ihn und seinen Zeigefinger wahrnehmen …

Leute, die war’s, sagt Philip Hildebrand. Mein dummes Frauchen ─ die wusste leider nichts von unserem internen Verhaltenskodex! Habe sie aber per E-Mail gleich zünftig gescholten, damit das nicht wieder vorkommt. Ganz genau so hat er es natürlich nicht gesagt, an der Pressekonferenz letzten Donnerstag. Herr Hildebrands Worte waren gewählter. Die Frage, wie denn seine Frau dazu komme, ohne sein Wissen von seinem persönlichen Konto fast eine halbe Million Franken abzuheben, um damit Dollars zu kaufen, stand zu diesem Zeitpunkt ja noch immer bemerkenswerterweise leise im sonst schwer aufgewühlten medialen Raum. Eher mit einem wohlwollenden echten Fragezeichen als drei verblüfften Wie-bitte-?!!!-Ausrufzeichen.

An der Pressekonferenz letzten Donnerstag sagte der oberste Nationalbanker es so ─ und die nonverbale Kommunikation war dabei fast interessanter als die Wortwahl: Sie hätten eben spät geheiratet, seine Ehe sei … langes Suchen nach Worten … er wolle es so sagen, seine Frau sei eben «eine starke Persönlichkeit». Die Reaktion im Saal: kumpelhaftes Schmunzeln, Tonlage «kennen-wir-doch-wir-haben-unsere-Weiber-auch-nicht-immer-im-Griff». Das Lachen liess Hildebrands krisenfestes Gesicht kurz aufstrahlen.

Was sagt uns diese Szene? Erstens: Dass die elektronischen Medien ein paar Dinge besser können als die Printmedien. Zum Beispiel authentischer alle jene Zwischentöne einfangen, die der eingeübten «Authentizität» und «vollständigen Transparenz» von geölten Kommunikations-Posen ein paar Kratzer verpassen. Auf dem Zeitungsbild sehen sie ja alle immer aus wie gestanzte Schablonen aus dem Katalog der Kommunikationsprofis, die Hildebrands, Wulffs und von Guttenbergs ─ gestählt in Gel-Gewittern, wasserfest und mit eingebautem Schwitzschutz.

Zweitens: Dass Männer in hohen Positionen jetzt endlich auch über ihre Frauen stolpern. Und zwar nicht nur über ihre Sexgespielinnen, das gab’s schon früher, sondern über erfolgreiche Hedgefondsbankerinnen von der Wallstreet und international vernetzte Kunsthändlerinnen von der Zürcher Bahnhofstrasse. Wo unsere Mütter eben noch das Milchbüchlein mit dem ihnen zugeteilten Haushaltsgeld führen durften, jonglieren ihre Töchter heute auf den globalen Finanzmärkten mit Millionen. Oder verkaufen schwerreichen Scheichs in Dubai Kunstwerke (na gut, die schauen auf den Fotos eher aus wie Dekorationsobjekte für den Harem, Rudolph-das-rotnasige-Rentier in Gold und Diamanten, aber es geht hier nicht um Kunst, sondern ums Prinzip). Und im Prinzip haben die Frauen es geschafft. Sie dürfen sein und handeln wie die Männer. Mit oder ohne Prinzipien.

Drittens: Wir müssen den Begriff «starke Persönlichkeit» für Frauen also neu definieren. Ich zum Beispiel habe mich fälschlicherweise lange für ausreichend stark gehalten, um knapp mein eigenes Bankkonto zu meistern (und bitte, ich habe noch die Zeit erlebt, wo Ehefrauen keines haben durften). Und jetzt? Ich Schwächling habe noch nie ohne Absprache eine halbe Million vom Konto meines Mannes abgezügelt. Aber das wird sich ändern. Ich will nun auch eine starke Persönlichkeit werden! Klar, ich werde die Relationen anpassen; schliesslich ist ein für einen Banker kaum nennenswerter Währungsgewinn von 70’000 Franken für die Mehrheit der Schweizerinnen ein Jahreseinkommen.

Für, sagen wir mal, 10’000 abgestaubte Franken werde ich dann allerdings nicht nur per E-Mail was zu hören bekommen, sondern direkt ins Gesicht (wir können uns ja nicht aus dem Weg gehen, in mal hier einer verkauften, mal dort einer neu gekauften Wohnung, und für die Yacht, auf der ich mich davonstehlen könnte, reicht der Betrag auch nicht). Dass ich mich dem ehelichen Zorn direkt stellen muss, zählt dafür aber wohl doppelt für die erworbene Charakterstärke. Und bevor mein Mann mich erwürgen kann, krächze ich nach dem ethisch-moralischen Verhaltensreglement, an das ich mich gar nicht halten konnte, weil mein Mann das entweder nie selbst gebastelt oder dann immer geheim gehalten hat.

Und viertens zeigt uns die Szene, dass die paar wenigen Frauen in hohen Positionen, die bis jetzt über ihre Männer stolpern konnten (durften), dies loyaler gehandhabt haben. «Papa, der woar’s», hat Frau Kopp zum Beispiel nie gesagt. Doch die versammelten Medien hätten das auch nicht so lustig gefunden. Cherchez la femme aber läuft immer gut. Und wenn man sie gefunden hat, kann man wieder dem Zeigefinger nachschauen, der nach Herrliberg weist: Papa Blocher woar’s! Komplott läuft auch immer.

Pia Horlacher war Film- und Kulturredaktorin beim Schweizer Fernsehen, bei der «NZZ» und bei der «NZZ am Sonntag». Als Mitglied des Presserats befasst sie sich auch mit Medienfragen.

von Pia Horlacher | Kategorie: Mediensatz

10 Bemerkungen zu «Papa, die woar’s!»

  1. Thomas Läubli:

    Pia Horlacher disqualifiziert sich selber als Mitglied des Presserats, wenn sie sich dem inquisitorischen Gehabe der Mainstream-Medien anschliesst und dies dazu noch in einem ironisierenden Ton, der hier fehl am Platze ist. Wir haben in diesem Land mafiöse Strukturen. Eine aggressive, rechtskonservative Minderheit beherrscht die Medien. Es wäre jetzt dringend an der Tagesordnung, dass die Medien ihre Interessenbindungen und politischen Verbandelungen offenlegen. Nicht nur die Weltwoche und die BaZ, auch Tamedia und die NZZ sind von der Unterwanderung selbsternannter Eliten betroffen. Man kann in der Schweiz staatliche Ämter nicht mehr ausüben, ohne dass man ständig angegriffen wird. Nicht nur Blocher sollte als Nationalrat zurücktreten. Es ist jetzt an der Zeit, dass bei den Medien ausgemistet wird und die Köppels, Supinos, Somms, Hummlers, Spillmanns, Strehles etc. mit ihren Verbindungen zum rechtskonservativen Filz endlich durch intelligentere Führungskräfte, die sich nicht auf Scheingefechte kaprizieren, ersetzt werden.

  2. pak:

    Ein..äh, wie soll ich das sagen…starker Text!

  3. In vino veritas:

    @Thomas Läubli:

    „Eine aggressive, rechtskonservative Minderheit beherrscht die Medien.“

    Wie bitte??!! Alle Medien ausser die Weltwoche und ein paar ausländische Finanzblätter haben diesen Skandal unter den Teppich gekehrt. Bis dies auch für sie nicht mehr haltbar war. Wer beherrscht hier was?

    Ausserdem: Was bitte sehr sollen Medien in solchen Fällen sein, wenn nicht aggressiv? Etwa handzahm? Würden Sie dies auch verlangen, wenn gegen SVP-Exponenten ermittelt würde?

    Gegen mehr Transparenz bezüglich Interessenbindungen ist nichts einzuwenden. Vermutlich stehen den privatwirtschaftsnahen Beratungsmandaten auf der rechten Seite aber mindestens so viele staats- und ngo-nahe Beratungsmandate auf der linken Seite gegenüber.

    P.S. Es hat nichts direkt mit Ihrem Kommentar zu tun, aber ich finde es schon eigenartig, wie sich ausgerechnet Bürger, Politiker und Medien aus dem linken politischen Spektrum in der Causa Hildebrand für jemanden einsetzen, der ganz offensichtlich eine gravierende moralische und allem Anschein nach auch juristisch relevante Verfehlung begangen hat, der zig Millionen von Franken besitzt, fast eine Million Franken pro Jahr verdient und trotzdem kaum Steuern bezahlt und seine „starke“ Frau vorschiebt, wenn es um den schwarzen Peter geht. Man sieht: Auch die Linke ist vor politischem Opportunismus und Filz keineswegs gefeit.

  4. Thomas Läubli:

    Ein..äh, wie soll ich das sagen…starker Text!
    Danke für die Blumen!

    Ausserdem: Was bitte sehr sollen Medien in solchen Fällen sein, wenn nicht aggressiv? Etwa handzahm? Würden Sie dies auch verlangen, wenn gegen SVP-Exponenten ermittelt würde?
    Ich habe mich auch dagegen ausgesprochen, wie man die Causa Zuppiger breitgetreten hat, wie Sie hier unschwer nachlesen können:
    bazonline.ch/kultur/diverses/-Urs-Paul-Engeler-ist-Journalist-des-Jahres/story/19591417

    aber ich finde es schon eigenartig, wie sich ausgerechnet Bürger, Politiker und Medien aus dem linken politischen Spektrum in der Causa Hildebrand für jemanden einsetzen, der ganz offensichtlich eine gravierende moralische und allem Anschein nach auch juristisch relevante Verfehlung begangen
    Sie treten ins Fettnäpfchen. Wer von links (und wollen Sie mich dazuzählen?) hat sich bei Kenntnis der relevanten Fakten für Herrn Hildebrand eingesetzt? Es geht hier einzig und allein darum, wie die Sache in den Medien dargestellt wurde, wer von der SVP über einen direkten Draht zu den Medien verfügt, verfilzt ist (Unabhängigkeit der Medien?), ob sich die Medien sogar bestechen lassen (wofür es Indizien gibt) und warum Pia Horlacher als Mitglied des Presserates es für nötig hält, die Blocher-Hysterie noch zu verteidigen.

    Ich finde, der Presserat macht sich mit einer Person, die ihre Misogynie (= Neid über erfolgreiche Frauen) unverhohlen zur Schau stellt und mit ihrem Artikel offenbart, dass ihr nicht an Objektivität gelegen ist, unglaubwürdig. Frau Horlacher sollte die Konsequenzen ziehen und zurücktreten.

    Heute abend wurde Christoph Mörgeli als Quotenaffe in den «Club» eingeladen. Welche Qualifikationen hat er als Medizinhistoriker, um mitzureden? Er ist weder aus der Medienszene (Thema) noch versteht er etwas vom Bankgeschäft. Geradesogut hätte man Adolf Muschg zur Causa Hildebrand einladen können und dieser hätte vermutlich sogar Gescheiteres dazu sagen können. Das sagt uns einiges über den Zustand der Schweizer Medien.

  5. Ach, der Film „Der dritte Mann“ ist ja ein Klassiker und dürfte sogar ziemlich gut zu dieser seltsam moralisch vertrackten Finanztransaktionsangelegenheit passen. Heute würde nicht mehr Harry Lime im Riesenrad über die Moral von Verbrechen philosophieren, sondern Frau Hildebrand. Was ihr da wohl einfallen würde?

    „Schauen’S, ich und mein Mann, wir sind doch reich, was wollen’S denn mit den läppischen paar tausend Franken, das ist doch nur eine Spielerei.“

    Wer übernimmt jetzt den Part von Holly Martins?

  6. pak:

    @Thomas Läubli: Sorry, die Blumen gingen an eine andere Adresse: Mein Kompliment galt der Kolumne von Pia Horlacher. Muss mich wohl nächstes mal klarer ausdrücken.

  7. Thomas Läubli:

    @pak: Das hab ich schon gecheckt. Ich nutze nichtssagende Beiträge zur Diskussion gerne, um sie zu verballhornen…

    Die Medienkritik schläft. Tamedia unterstützt die Agenda von Christoph Blocher und der SVP bereits jetzt mit den nächsten Anwürfen.
    Der TA von heute titelt: «Widmer-Schlumpf irritiert Bundesratskollegen» (und doppelt auf der Seite 1 nach). Darunter und rechts davon geht es darum, was „Blocher fordert“ und was „die SVP fordert“.
    20minuten bringt die Schlagzeilen, dass Hildebrand eine fette Abgangsentschädigung erhält, um ihn beim Volk unbeliebt zu machen. (Die NZZ dagegen stellt fest, dass für Hildebrand keine Abgangsentschädigung vorgesehen ist.) TA online verbessert 20minuten um 22:20 Uhr und präzisiert, dass Hildebrand zwar keine Abgangsentschädigung erhält, aber ein weiteres Jahresgehalt.

    Es stehen nach wie vor nur unbewiesene Behauptungen im Raum und ein Mitglied des Presserates entblödet sich nicht, auf der Welle der Gerüchte mitzureiten. Was sagt uns das alles? Ich kann das auch. Wie wärs, wenn wir mal das Ehepaar Ringier befragen würden, welches Insider-Wissen sie im Schlafzimmer austauschen? Wie wärs, wenn wir mal nachfragten, ob Pietro Supino sich aus Liebe in eine Verlegerfamilie eingeheiratet hat oder ob es sich um eine Scheinehe handelt? Wie wärs?

  8. Thomas Läubli:

    Ein weiteres Paar, das man kritisch durchleuchten sollte, besteht aus Sacha Wigdorovits und Ingrid Deltenre. Der eine hat mit der Lancierung von Gratiszeitungen den Niedergang des Qualitätsjournalismus eingeleitet und tritt als dezidierter Gegner von Kunstprojekten («Salle modulable») in Erscheinung, die andere hat unser Staatsfernsehen vorsätzlich abgehalftert, so dass man nun die Abschaffung der TV-Gebühren fordern kann. Es bleibt der Verdacht, dass der rechtskonservative Filz die Schweiz im Würgegriff der Mafia mit Hauptstadt Herrliberg hält. Würde man hier mal alle Beziehungen offenlegen (aber das traut sich ja keiner – die Leute leiden offenbar alle am Stockholm-Syndrom), würde Ungeheuerliches zutage treten.

    Der rechtskonservative Filz hat die Eingriffe der Nationalbank in seine Geschäfte nicht goutiert. Der rechtskonservative Filz musste daher den Präsidenten in einem Rachefeldzug abschiessen, ohne dass dieser die Grenze der Legalität geritzt hätte. Nur Pia Horlacher schreibt stattdessen über den armen, wehrlosen Blocher. Will der Presserat seine Credibility bewahren, muss er Frau Horlacher jetzt zum Rücktritt bewegen.

  9. Josef Kotton:

    Frau Horlacher, ich glaubte mal gehört zu haben, dass Sie jahrzehntelang Filme besprochen haben. Stimmt das wirklich? Und wenn ja, haben Sie sie besprochen oder auch geschaut? Sie sollten den Dritten Mann dringend wieder mal anschauen. Denn mit ihrem missglückten Vergleich beschädigen Sie diesen Film. Der rotznasige, ja widerwärtige «Der woars»-Bengel ist nämlich kein lustiges generisches Petz-Beispiel, das frau sich rasch für ihre SNB-Kolumne zurechtbiegen kann, sondern eine Anklage des österreichischen Mitläufer- und Denunziantentums. Es geht um die Gesinnung des Ausgrenzens, Anschwärzens und Auslieferns, man kann es auch Faschismus nennen. Ein kleines Kind ist imprägniert vom Nazigeist und hat noch nicht gemerkt, dass der Krieg vorbei ist. Das ist das Drama dieser Sequenz.
    So. Und wenn Sie jetzt den Bengel, der eben nur vermeintlich passt, weglassen, was passiert dann mit ihrer Kolumne? Ich finde, sie schwankt mehr als die Kabine im Prater-Rad.

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