Lieber Lukas

Zuerst einmal: Gratulation! «Wie ich Werbung für den Gripen machte» ist ein wichtiges Stück Journalismus. Einer der seltenen, tieferen Einblicke in das gut geölte Räderwerk, das PR und Journalismus verzahnt, als gäbe es keinen Unterschied. Wie sich in der Geschichte die Kollaborateure einer korrumpierten öffentlichen Meinung freundschaftlich die Hände reichen: lehrbuchhaft. Alle aufgereiht wie Perlen am Schnürchen: der raffinierte PR-Profi, der willfährige Chefredaktor, der naive Journalist. Dafür gibt es nur eine Kategorie: Lesebefehl!

Das Beste an deiner Selbstanzeige: der Zeitpunkt der Publikation. Man könnte dir vorwerfen, du hättest deine Geschichte etwas zu lange verschwiegen, zumindest so lange, bis du bei einem Konkurrenzverlag untergekommen bist. Das ist Whistleblower-Bashing. Eine falsche Suche nach falschen Motiven.

Selbst wenn du die Geschichte aus Rache an Ringier geschrieben hast, wie du auf Facebook implizierst: das Thema ist virulent, der Zeitpunkt könnte nicht perfekter sein. Wir erinnern uns alle noch gerne an den PR-Profi, der im Tamedia-«Magazin», der AZ und anderen Regionalzeitungen Wallis-Werbung platzieren konnte. Und wie könnten wir je die Beistelltischchen-Promo von Finn Canonica vergessen! Spätestens seit jetzt diese Woche auch noch PR-Mauscheleien in der «NZZ»-Sportredaktion aufgeflogen sind, kann keiner mehr ernsthaft behaupten, wir redeten hier über ein Ringier-Problem.

Es stimmt zwar, dass Ringier in atemberaubendem Tempo den Ausverkauf der journalistischen Glaubwürdigkeit vorantreibt, so systematisch und konsequent wie kein anderes Verlagshaus in der Schweiz. Die Koinzidenz der verlagsübergreifenden Kaskade von PR-Vorfällen in Redaktionen macht deinen Text aber zu einem Arschtritt für jeden in der Branche, der aus Gründen der persönlichen Positionssicherung oder einfach aus purer Gleichgültigkeit verwedelt und verdrängt, dass es sich zwischen PR und Journalismus verhält wie zwischen Mähdrescher und Strohhalm. Dem letzten Strohhalm, übrigens: Der PR-Einfluss auf den Journalismus ist nämlich das einzige Problem, das der marktradikal kalkulierende Tamedia-Verleger Pietro Supino in seiner publizistischen Grundsatzerklärung als Problem für den Journalismus in einer freien Gesellschaft anerkennt. Und obwohl der grösste Verleger im Land elegant seine Mitverantwortung für den desolaten Zustand des Journalismus ausblendet, sich deshalb kaum betroffen fühlen wird und damit auch nicht seine Manager: Dieser Tritt in den Hintern, Lukas, der gefällt mir!

Wir führen hier eine Qualitätsdebatte, die wir bald nicht mehr führen müssen, weil Qualität ohne Überreste von Glaubwürdigkeit für den Journalismus wertlos ist. Es lohnt sich also, sich mit deiner Geschichte zu beschäftigen. Das tue ich hiermit, und ich tue es durchaus mit Wut im Bauch: auf jene, die auf deine Selbstentlarvung mit einem Achselzucken reagieren, die sagen: «Das ist nicht überraschend», «das wissen wir doch längst», «so ist es halt». Oder eben: «Ein Ringier-Problem!». Die Opportunisten, Bequemen und Zyniker unter uns Journalisten sind längst auch selber zu einer ernsten Bedrohung geworden für die aufgeklärte Gesellschaft, der wir von Berufes wegen ohne Relativierungen verpflichtet sind.

Und ja, Lukas: meine Wut betrifft auch dich.

Ein Journalist, der sich selber bezichtigt, PR gemacht zu haben: grosses Kino! Würdest du dich in deinem Text nicht als Naivling positionieren, müsste man dir unterstellen, du hättest einkalkuliert, dafür Applaus zu ernten. Mit deinem Outing surfst du auf dem Wellenkamm des Zeitgeists. Transparenz liegt im Trend. Die deutsche TAZ hat kürzlich eine ganze Seite mit PR-Outings von Journalisten gefüllt und vermarktet. Transparenz ist ein Gütesiegel geworden, spätestens seit Wikileaks auch ein Handelsgut. Und sie ist billig, wenn sie Lesern erst Jahre später nachgeliefert wird. Nutzloser Kitsch, höchstens zur Selbstvermarktung zu gebrauchen. Nein, das werfe ich dir nicht vor.

Aber hey, verdammt: Du hast deinen Job nicht gemacht! Einfachste Prinzipien missachtet, deine Pflichten verletzt. Pflichten, die untrennbar mit den verfassungsmässig verbrieften Rechten verbunden sind, deinen Beruf ausüben zu können. Du spielst vor dem Hintergrund eines Milliarden-Deals, in dem es um Politik und Waffen geht, um Geschäfte und Gegengeschäfte, mit einem Kampfjet wie ein kleiner Bub mit seinem Lego-Raumschiff? Come on!

In diesem Schattenspiel der gekauften Interessen hast du dir selber die Rolle des naiven Journalisten zugeschrieben. Es ist zu deinen Gunsten, dir diese Rolle nicht ganz abzunehmen. Man mag nicht glauben, dass die Erfüllung eines Bubentraums ausreicht, um deine Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber zu korrumpieren. Aber du lässt ja zum Glück durchschimmern, dass du wusstest, was du tust. Du verteidigst dein Tun in deinem Text ja sogar und fragst: «Wer hätte da Nein sagen können?» Frei nach Walter de Gregorio, dem die zweifelhafte Ehre zukommt, diese Verteidigungs-Strategie für PR-Aktivitäten von Journalisten eingeführt zu haben, indem er steil behauptete: Wir sind doch alle korrupt.

Aber mal ehrlich: Das ist zu einfach. Man muss sich in der Branche nicht lange umhören, um Journalisten zu finden, die zu diesem PR-Auftrag für den Gripen Nein gesagt haben. Man hat also Nein sagen können. Mich interessiert: Warum hast DU nicht Nein gesagt?

Es mutet seltsam an, wie unbeteiligt du dich in deinen Schilderungen gibst. Wie du deine individuelle Entscheidung dem System anlastest, das nichts weiter als die Summe individueller Entscheidungen ist, also auch deiner Entscheidungen. Im Zeitalter der Transparenz reicht es nicht mehr zu sagen: Aber der andere macht es ja auch!

Natürlich ist es bitter, dass Journalisten wie Jürg Wildberger, einst eine Kapazität im Recherchejournalismus, ihren gut bezahlten Dienst für die Öffentlichkeit gegen hochbezahlte Lobby-Interessen tauschen – wie so viele, die einmal Hoffnungsträger waren in unserer Branche, in der bald nicht nur jeder Rappen zählt, sondern auch jeder übrig gebliebene Journalist. Klar kannst du anklagen, dass Vollblutjournalisten wie Hannes Britschgi für 9000 Franken ihre journalistische Seele verkaufen, weil sie dankbar sind für jede Winwin-Situation. Und klar ist es bezeichnend für den Medienbetrieb, dass Britschgi strahlend im «Sonntalk» sitzen kann, ohne dass er auf diese Geschichte angesprochen wird. Und sich Wildberger so oder so die Hände reiben kann. Aber was ist mit dir und deiner Verantwortung? Wo bleibst du im entscheidenden Moment in deiner Geschichte?

Im Journalismus sind Perlen am Schnürchen Perlen vor die Säue.

Mit kollegialen Grüssen,
Christof

Christof Moser ist Bundeshauskorrespondent und Medienkritiker der Zeitung «Der Sonntag» und Redaktionsleitungsmitglied der unabhängigen Informationsplattform «Infosperber».

von Christof Moser | Kategorie: Mediensatz

36 Bemerkungen zu «Lieber Lukas»

  1. Lukas Egli:

    Christof, zwei Anmerkungen:

    – Ich habe nicht lange gewartet, um diese Anekdote zu erzählen. Ich habe einfach zwei Jahre lang keinen gefunden, der sie publizieren wollte. Denn: Wer will schon gegen Ringier? Du? Insofern war dein Medienspiegel-Link auf deinem Facebook-Profil falsch: Hansi Voigt, Chefredaktor von 20 Minuten Online, war der erste, der den Mut hatte, diese Insider-Story zu bringen. Es hätte dich einen Anruf gekostet, diese für einen Medienkritiker womöglich wichtige Information zu bekommen.

    – Hast du deinen Ex-Chef Hannes Britschgi konfrontiert (meine telefonischen und schriftlichen Vorstösse – der erste im Mitte Dezember 2009, der letzte im Mitte Februar 2011 – sind leider unbeantwortet geblieben)? Hast du bei deinem ehemaligen Arbeitgeber Michael Ringier nachgefragt, ob es eigentlich in seinem Sinn ist, dass ein Chefredaktor redaktionelle Inhalte freier Mitarbeiter (Britschgi hat nicht «seine Seele» verkauft, sondern meine Zeilen) für Image-Broschüren der Rüstungsindustrie zur Verfügung stellt? Hast du als Medienkritiker im «Sonntag» die Frage aufgeworfen, ob ein solcher, verdienter Ex-Chefredaktor als Ausbildner des Ringier-Nachwuchses tragbar ist?

    «Aber hey, verdammt: Du hast deinen Job nicht gemacht! Einfachste Prinzipien missachtet, deine Pflichten verletzt.»

  2. Thomas:

    Das ist genau der Punkt: Wir Leser können keinem von Euch trauen. Schade.

  3. Martin Hitz:

    @Lukas zur Klärung: Christof hat in seiner Kolumne ursprünglich auf den Ersterscheinungsort des Artikels auf „20 Minuten Online“ verwiesen. Den Link habe ich aus purer Pageview-Bolzerei Link ausgewechselt.

  4. philipp meier:

    @thomas: word!

    deshalb hacken sie letztendlich dann doch am liebsten aufeinander rum, statt tabula rasa zu machen. die gripen-story ist die spitze des eisberges. hier wird jedoch so getan, als ob es die ausnahme der regel sei.

    aber vielleicht braucht es zuerst die selbstzerfleischung, damit der journalismus (der heisst dann wohl irgendwie ganz anders) wie phönix aus der pr-asche aufsteigen kann.

    eines muss ich dem text von christof zugute halten: aus traditioneller journalistischer sicht strotzt er nur so von hyperlinks (nennt es von mir aus «quellentransparenz»;). hier können wir phönix erahnen…

  5. Ich möchte Lukas und Christof für ihre Beiträge danken, und auch Martin Hitz und Hansi Voigt, die Plattformen dafür geliefert haben. Mich freut vor allem, dass nun, 2011, endlich solche Diskussionen unter Schweizer Journalisten öffentlich geführt werden. Wem Journalismus ein Anliegen ist, kommt nicht drum rum, immer wieder neu zu diskutieren, was Journalismus ist – und was Werbung, an die jemand das Etikett „Journalismus“ gehängt hat.

    Ich möchte einfach mal behaupten, dass längst nicht alle Geschichten erzählt sind. Wenn ich Lukas richtig verstanden habe, war es nicht leicht, einen Schweizer Redaktor zu finden, der eine solche Story überhaupt publiziert. Eine Mauer des Schweigens? Und das unter Journalisten, die dazu da sind, Öffentlichkeit zu schaffen? Wer auch etwas zu erzählen hat, sollte dem Beispiel von Lukas folgen.

    Und diesen Satz von Christof möchte ich gerne aufhängen und einrahmen:

    Die Opportunisten, Bequemen und Zyniker unter uns Journalisten sind längst auch selber zu einer ernsten Bedrohung geworden für die aufgeklärte Gesellschaft, der wir von Berufes wegen ohne Relativierungen verpflichtet sind.“

    Vielleicht sollte sich jeder in unserem Business fragen, auf welcher Seite er eigentlich steht. Ich freue mich, davon zu erfahren.

  6. Klaus:

    „PR-Profi“ ?
    Wieso immer noch so ehrfurchtsvolle Titel und offensichtlichen Respekt vor solchen … Reklamefuzzis?

  7. Fred David:

    Ich möchte mal die PR-Branche etwas in Schutzhaft nehmen. Auf ihren Websites machen sie ja kein Geheimnis, wozu sie da sind: „Themenmanagement“, „beste Kontakte in der Schweizer Medienszene“ usw. Themenmanagement bedeutet : Wir können Themen nach Ihrem Gusto in die Medien drücken und wir können sie auf Wunsch auch wieder verschwinden lassen, dank unserer intimen Kenntnisse und Kontakte in eben dieser Szene. Die Schweiz ist ja nun wirklich sehr klein, und Medien-Tsüri ist noch viel kleiner (wobei es sich insgesamt natürlich nicht um ein geografisch lokalisierbares Phänomen handelt). Ist natürlich nicht ganz billig, so etwas, weil die Rädchen dieses sehr speziellen Getriebes schon ordentlich geschmiert sein wollen, sonst drehen sie nicht richtig.

    PR ist eine Dienstleistung, die viel Geld kostet. Das ist ein Geschäft und dagegen ist nichts zu sagen. Nun sind PR-Agenturen nur ausführende Organe. Sie haben Auftraggeber, häufig seriöse Unternehmen, die mit keinem Schmuddel in Verbindung gebracht werden wollen. Den Schmuddel lagern sie aus und zahlen dafür eben einen Haufen Geld.

    Das Ziel sollten nicht die PR-Agenturen sein, sondern deren Auftraggeber, die, natürlich, von nichts wissen. Aber man kann durchaus dafür sorgen, dass auch sie (und viele andere) immer mehr davon wissen.

    ps. Lebt der Presserat eigentlich noch?

  8. Pingback: Eigentlich gibt es sie schon, die Zukunft des Journalismus « … Kaffee bei mir?

  9. Christof:

    Ich möchte mich dem Dank von @Ronnie anschliessen, was den Mut aller Beteiligten zur Transparenz angeht, @Philipp möchte ich sagen, dass er mit dem Quatsch von Rumhacken aufhören soll, niemand hackt auf niemandem herum, es geht um eine Debatte, die dringendst nötig ist und bei der jeder einzelne Journalist nie vergessen darf, dass nur seine höchst persönliche Unkorrumpierbarkeit entscheidend ist in diesem Trauerspiel. Und @Lukas: Ich habe einen Blog-Beitrag geschrieben zur Debatten-Eröffnung, die journalistische Aufarbeitung des Falls mit den Verantwortlichen in den höheren Chargen muss jetzt folgen – und nicht nur von mir oder den anderen üblichen Verdächtigen. Diese Vorgänge gehen ALLE etwas an, die sich zu Recht als Journalisten bezeichnen (wollen).

  10. Hanspeter Spörri:

    Die elementaren journalistischen Berufsregeln reichen vollkommen aus, um sich der PR-Maschinerie zu erwehren: Nach allen Seiten Distanz halten, keine Geschenke annehmen, Quellen prüfen und in den Texten Quellentransparenz herstellen, Adjektive sparsam einsetzen, sauber zitieren, Gegenpositionen darstellen, PR-Aktionen als PR-Aktionen bezeichnen – und vor allem: sich nicht überschätzen, die eigene Rolle kennen: Journalisten sind keine Testpiloten. Ist doch nicht so schwer?

  11. Fredy:

    Hallo Saubermänner, bitte aufhören mit der Heuchelei. Let’s face it: ein Grossteil aller journalistischen Inhalte ist PR-induziert, und davon wiederum der grösste Teil nicht entsprechend gekennzeichnet. Das aufgeklärte Publikum weiss das, alle anderen wollen/sollen es nicht wissen. Es kommt immer darauf an, was man aus dem Rohstoff macht. Warum nicht auch ein Testflug.

  12. Christof:

    Aber jetzt, @Lukas, nochmals: In all deinen Äusserungen zum Fall als Reaktion auf meinen Brief an dich finde ich immer noch keine Antwort auf die entscheidende Frage: Warum hast DU nicht Nein gesagt?

    Zu deinen zwei Bemerkungen: Ich halte es im Gegensatz zu dir für keine «Anekdote», die du in deinem 20min-Beitrag schilderst, sondern einen schwerwiegenden Fall – für alle Beteiligten. Und: Ich habe dir einen offenen Brief geschrieben, keinen journalistischen Artikel verfasst. Es gab überhaupt keinen Grund, Britschgi oder Wildberger dafür anzurufen. Mich interessiert zuallererst einmal deine Rolle und dein Rollenverständnis.

    Inzwischen habe ich aber mit Britschgi gesprochen, in Bern, am Rande der SVP-Wirren. Und ihm gesagt, dass ich sein Verhalten in diesem Fall hoch problematisch finde. Was er natürlich nicht so sieht. Zu deiner Rolle sagt er, du hättest den Fall nur publiziert, weil du für die PR-Verwendung deines Gripen-Flugs Honorarforderungen hattest, die er nicht erfüllt habe. So ein bisschen tönst du ja in deinem Artikel auch an, dass du kein Geld erhalten hast. Und jetzt frage ich dich: Hast du als bezahlter Journalist, der PR gemacht hat (von mir aus unbeabsichtigt und aus purer Naivität) dafür dann auch noch ein Honorar verlangt?

    Das wäre ja noch schöner!

    Danke für die Antworten und Klarstellungen.

  13. Joël Widmer:

    Liebe Kollegen

    Dieses Gripen-Bekenntnis, der lobende Zuspruch und der Versuch, daraus eine grosse PR-Journalismus-Debatte zu machen, seinen mir allesamt reichlich heuchlerisch. Eins vorneweg: Die in den vergangenen Jahren in Wirtschaft und Politik stetig gewachsenen PR-Stellen und -Bugets sind für den Journalismus eine grosse Herausforderung und Gefahr. Aber dieser Gripen-Artikel von Lukas scheint mir ein denkbar schlechtes Beispiel dafür. Erstens halte ich SoBli-Leserinnen und -Leser nicht für völlig dumm. Dass man nicht in einem modernen Kampfjet mitfliegen kann, ohne dass dies der Hersteller oder die eigene Armee ermöglicht und finanziert, ist wohl offensichtlich. Zweitens traue ich den Lesern gar zu, dass Sie den Link zum schon damals geplanten Kampfjetkauf der Schweizer Armee gemacht haben. Das entbindet den Journalist und die Zeitung natürlich nicht, diese Fakten im Artikel transparent zu machen. Wenn jetzt Lukas in seinem Bekenntnis aber suggeriert, er habe erst nach dem Ausflug nach Schweden Kontakt mit den PR-Beratern um Wildberger gehabt und erst danach durch ein Telefonat des PR-Beraters erkannt, dass da vielleicht ein wirtschaftliches Interesse hinter seinem Abenteuertrip stand, kann ich das nicht glauben. Mir scheint, da hat einer der guten Bekenntnis-Geschichte Willen seine Erinnerung etwas selektiv bemüht. Zudem schreiben wir bei den Kampfjet-PR-Büros lediglich über die gut sichtbare Kulisse des Milliardendeals. Die Honorare für Schmid, Heller und Egle sind wohl Peanuts im Vergleich zu den Schmiergeldzahlungen, welche diese Jet-Verkäufe auf aller Welt begleiten. Sollten wir nicht viel lieber nach den versteckten Millionen-Provisionen an Beamte und Politikern forschen, statt plumpe heuchlerische PR-Bekenntnisse zu beklatschen?

  14. Thomas Läubli:

    Hallo Saubermänner, bitte aufhören mit der Heuchelei. Let’s face it: ein Grossteil aller journalistischen Inhalte ist PR-induziert

    Das ist mithin ein Grund, warum ich der These zuneige, dass auch in der Schweiz die Pressefreiheit ausgedient hat…

  15. Lukas Egli:

    Sag mal, Christof, was würdest du machen, wenn du als freier Journalist merken würdest, dass dein Auftraggeber deine Arbeit einem Rüstungskonzern zur Verfügung stellt – gratis und ohne dich zu fragen? Dass er nicht nur arschkalt deine Urheberrechte missachtet, sondern deine redaktionelle Arbeit für PR zweckentfremdet?

    Du würdest vielleicht zu einem medienrechtskundigen Anwalt im Seefeld gehen und deinen Fall schildern. Weisst du, was er mir geraten hat? Gegen Britschgi/Ringier, du? Besser nicht. Dann würdest du vielleicht zu einer Zeitung gehen, deinen Fall schildern. Weisst du, was sie mir geraten haben? Gegen Britschgi/Ringier, wir? Besser nicht. Dann würdest du vielleicht noch mit dem Journalistenverband sprechen. Hahaha.

    Du kannst dich darauf verlassen, dass ich Geld verlangt habe. So weit kommt es noch, dass sich ein schwedischer Milliardenkonzern via Schweizer Medienhaus kostenlos meine Zeilen aneignen kann!

    Viel Spass beim Ausschlachten dieser schäbigen Haltung! Aber vielleicht beachtest du dabei die Chronologie: Auftrag für Reportage für «Sonntagsblick Magazin», Abdruck im «Sonntagsblick Magazin» ohne Hinweis auf Einladung von Saab, Missbrauch des Texts zu PR-Zwecken in Image-Broschüre.

    «Ringier, gib mir meine Buchstaben zurück!», lautete mein Post auf Facebook, als ich Hannes‘ Verrat an meiner Arbeit bemerkte. Wollen wir wetten, dass der Leiter der Ringier-Journalistenschule ohne Makel aus dieser Affäre kommen wird?

    Und, gell, wenn du noch von mir – und nicht von deinem Ex-Chef Hannes – erfahren willst, warum ich diese Geschichte geschrieben habe: you got my number.

  16. Christof:

    @Lukas: Wichtiger Punkt von dir: Du konntest dich nicht wehren. Alle haben dir abgeraten, gegen Ringier vorzugehen, nachdem du dich missbraucht fühltest wegen der PR-Weiterverwendung deines Artikels. Das ist ein wichtiger, weiterer Einblick ins Mediensystem. Man muss dir aber dabei etwas abnehmen: dass du so naiv warst und nicht gemerkt hast, dass du PR machst mit deinem Testflug. Und etwas vorwerfen: dass du den Text so geschrieben hast, dass er der zuständigen PR-Firma so gefallen hat, dass sie ihn als Nachdruck haben wollten. Schon ein Hinweis auf den Schmiergeldskandal um die Jet-Beschaffung in Österreich (oder anderswo) – und ihre Lust auf eine Broschüre wäre klein gewesen.

    Du fragst mich, was ich gemacht hätte? Ein Riesentheater. Als Angestellter (wenn die Broschüre tatsächlich kommt): kündigen! Die Integrität ist mein Kapital, etwas anderes habe ich ja nicht. Was ich sicher nicht gemacht hätte: Geld verlangen. Damit machst du dich ja erst käuflich. Das heisst ja: Hätten sie dich bezahlt, hättest du die Outing-Geschichte nicht geschrieben!?

    Die schäbige Haltung der Gegenseite, so wie du sie siehst, sehe ich aber auch, absolut. Let’s phone.

  17. Lukas lieber:

    Es ist befremdlich wie mimosenhaft viele Blogger und Journalisten bei Kritik reagieren. Da man dafür bezahlt wird, sollte man im Kommentar-Bereich immer de-eskalieren, gutwillig interpretieren und die Intention des Gegenüber mitbedenken. Vielleicht ist er ein unbelehrbarer Fanboi oder bezahlter Poster. Oft aber auch nicht und als geübter Schreiber kann man mit wenigen Worten oft die Situation oder auch nur beide Seiten klärend darlegen wenn auch das Problem vielleicht oft auch nicht wirklich lösen.

    Wenn er „Böse“ ist, weil er mit dem Flugzeug fliegt, ist dann nicht auch jeder „böse“ der Interviews mit Lady Gaga oder anderen Prominenten macht die z.B. nicht über ihre Scheidung reden wollen. Auf Presse-Konferenzen muss man über die Firma oder Partei-Wahlergebnisse oder die letzten Fußballspiele reden. Aber nicht über das Privatleben oder die letzten Koks-Eskapaden oder unehelichen Abkömmlinge seiner Aufsichts-Rats-Kollegen, seiner Fußballspieler oder Fraktions-Abgeordneten. Man akzeptiert also Keep-Out-Themen, berichtet über Windows8-Vorstellungen oder Videospiele, die man noch gar nicht nutzen kann. Auch fliegt man nicht mit dem Flieger oder Panzer selber Kampfeinsätze oder fährt mit der Eisenbahn im Zugführerstand als Chef durch die Schweiz und testet das Vollbrems-Verhalten und Neigungsneigung bei voller Fahrt durch Kurven.
    Ab wo ist man gekauft ? Wie macht man es richtig ? Was darf man und was nicht.

    Das nicht-Mitdenken und dummes Nachplappern bei z.b. bei der Darstellung von Wirtschaftsthemen oder unkritisches Berichten über Politiker-„Ideen“ zerstört inzwischen ganze Volkswirtschaften und wirkt auch nicht viel anders als und ist auch ähnlich einzustufen wie die wegschauende problemleugnende Jubelpresse in Diktaturen. Für Kritik wird man in Diktaturen abgeholt oder rausgemobbed oder soll sonstwie schikaniert werden wie neulich in England herauskam. Da unterscheiden sich Machthaber nur in der Methodik.

    Wenn ich nicht in Abmahnistan wohnen würde, hätte ich längst einen unverbindlichen Presserat2 (bzw. Bildblog2+) aufgebaut wo man offensichtliche Fehler (auch anonym) online melden kann. Es gibt zwei Gruppen die separat voten bzw. mit 1-2 Sätzen kommentieren: Zuerst die mit Presseausweis. Wenn genug die Kritik korrekt halten, wird sie veröffentlicht und die normalen User/Besucher dürfen als separate Gruppe auch voten.
    Leser könnten sich dann z.B. überlegen anzurufen und nachzufragen ob der Testbericht von einem gestellten oder gekauften Auto stammt weil das im Artikel wohl vergessen wurde, aber in Regel 0815 der PresseStatuten steht die man am Telefon dann (ggf. auch verkürzt) vorliest. Dann schreibt man es demnächst dazu um nicht mehr genervt zu sein.
    Dauernde Konditionierung. Der Schwarm kritisiert, wo die Rechtschreibfehler und Schlampereien am meisten sind. Wie Schmeissfliegen wo man dann auch sieht, wo „die K…e frisch am dampfen ist“. Beim Autofahren funktioniert diese Konditionierung ja auch. Da schminkt sich auch keiner mitten auf der Kreuzung (zu Fuß oder im Auto) und blockiert den Verkehr. Viele Redakteure lernen aber anscheinend gar nichts aus Foren-Feedback und wiederholen schlechtes Verhalten immer wieder.

    Auch nichts kompliziertes ob Reagans Steuerpolitik gut oder schlecht war wird zur Kritik gestellt. Aber durch ständiges Erinnern und Anlernen der Basics und ständiges Feedback bei Fehlern wird das ermüdete Agentur-Copy-Paster-Gehirn doch wachsam wie ein Katze und fängt vielleicht endlich mal an, dauerhaft mitzudenken oder auch Erklärungen liefern, Logikfehler vermeiden. Das hilft vorerst nicht, wenn Politiker sich rächen können. Aber vielleicht berichtet man dann mal weniger vom Politiker und mehr anderes. Die Wasserwaagen-Luftblase braucht nicht viel, um sich zu drehen. Allerdings ist die Opposition wie seit dem Mauerfall 10-20 mal in diversen Ländern gesehen, auch nicht wirklich besser und weniger klüngelistisch. Wenn einer anders über dieselben Themen berichtet als die anderen, und seine Artikel mehr Nährwert als die der Phrasendrescher-CopyPaster haben, lesen die Leute womöglich lieber den gehaltvolleren Schreiber. news.google macht es möglich und google+ realisiert es vielleicht. Denn bei Technik- und Wirtschafts-Themen wollen die Leute nicht ihre politische Ideologie bestätigt sehen sondern die bestmögliche Wahrheit. Momentan fehlen die Belohnungssysteme dafür, so das Journalisten lieber stressfreien Bratwurst-Freibier-Journalismus wie Horst Schlämmer abliefern. google+ könnte vielleicht zumindest das Publikum für gute Artikel liefern. In schlechten Artikeln finden sich in den Kommentaren dann hoffentlich Hinweise auf Denkfehler oder bessere Artikel. Die Masse läuft am Buffet auch zu den guten Sachen. Das kann Populismus oder wenig interessant sein wie die hunderttausenden von-und-zu-Guttenberg-Facebook-„Fans“ oder aber auch etwas gutes. Es ist googles Entscheidung wie gut es wird.

    Der qualitativen und inhaltlichen „Erosion“ der Berichterstattung ist momentan wenig entgegenzusetzen. Vielleicht bringt google+ Leben in die müde Truppe. Bis dahin gehört aber vielleicht auch „alles“ den Chinesen.

  18. Elise Hampel:

    ist das schlimm? in der letzten ausgabe der „NZZ am Sonntag“ durfte wirtschaftsredakteur sebastian bräuer dank der schweizer uhrenfirma oris mit einem kampfjet nach paris fliegen. der zweiseitige pr-bericht erschien im „stil“-bund.

  19. Lukas Egli:

    Ich fasse kurz zusammen (dann halte ich die Klappe):

    – Am Montag machte 10vor10 publik, dass Peter Jegen, Stv. Sportchef der «NZZ», PR für den Präsidenten des Zürcher Rennsportvereins und mutmasslichen Millionenbetrüger Martin Gloor gemacht hat (Redaktion eines Lebenslaufs, Programmheft für den Verein, Gefälligkeitsvideo). Der Fall wurde von mehreren Medien aufgenommen, bereits am Dienstag kassierte Jegen von Chefredaktor Markus Spillmann öffentlich einen Verweis wegen Verletzung journalistischer Sorgfaltspflichten (http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/NZZJournalist-hat-sich-vergaloppiert/story/10747285).

    – Am Samstag zuvor machte 20 Minuten Online publik (http://www.20min.ch/news/kreuz_und_quer/story/27071760), dass Hannes Britschgi während seiner Zeit als Chefredaktor des «Sonntagsblick» PR für den schwedischen Milliardenkonzern Saab Aerospace gemacht hat (Image-Broschüre für Gripen während Kampfjet-Evaluation des VBS). Der Fall wurde von keinem Medium aufgenommen, Britschgi wird unbehelligt die Ringier-Journalistenschule weiterführen.

    Funktioniert doch bestens, Amigos!

  20. Fred David:

    @) Lukas Egli, der Einwand ist berechtigt: Der Kollege Hannes Britschgi sollte uns hier seine Sicht der Dinge mitteilen. Das könnte die durchaus wichtige Debatte weiterbringen.

  21. Fred David:

    …und vielleicht schaltet sich ja auch Jürg Wildberger ein. So schweigsam ist er von Natur aus ja nun auch wieder nicht. Medienspiegel.ch eignet sich für einen fairen Schlagabtausch, von dem letztlich alle was haben.

  22. Christof:

    @Lukas: Was du schreibst, haben wir begriffen. Dass der Fall noch journalistisch aufgearbeitet werden muss, auch. Aber dass du ebenfalls ein Amigo warst in diesem Schattenspiel – dieser Einsicht scheinst du dich zu verweigern.

    Die Verantwortung als Journalist fängt doch nicht erst dort an, nachträglich über dubiose Vorgänge zu berichten, über die man schweigen würde, hätte man Geld erhalten. Das ist Käuflichkeit in Reinkultur.

    @Joël: Ich wüsste nicht, was am „Versuch, daraus einen grossen PR-Journalismus-Debatte“ zu machen, „heuchlerisch“ sein soll. Oder erinnerst du dich an den letzten Journalisten, der mit einem PR-Outing eine Debatte angestossen hat? Überdies: Im Text wurden auch noch ein paar andere aufgeflogene PR-Gschichtli erwähnt, die gerade aktuell sind.

  23. Pingback: Erstaunlich naiv, diese Journalisten? • bestechung, journalismus, medien, pr, unabhängigkeit, zickenkrieg • Der LeuMund.ch

  24. Martin:

    Aus der aktuellen «Weltwoche»:

    «Die altehrwürdige NZZ stand in den letzten Wochen in der Kritik, weil einer ihrer Redaktoren gleichzeitig die Medienarbeit für den festgenommenen Financier und Rennpferdebesitzer Martin Gloor machte und im Blatt über ihn berichtete. Die NZZ sah sich zu einer öffentlichen Stellungnahme gezwungen. Im Feuilleton sind ähnliche Fälle journalistischer Kumpanei anzutreffen. Vorletzten Montag berichtete Literaturredaktor Roman Bucheli ausführlich über eine Lesereise in China – und verschwieg dabei, dass er nicht als Journalist, sondern als bezahlter Referent an einer von der Pro Helvetia mit 20 000 Franken unterstützten Reise teilnahm. Für NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann ist das kein Problem: «Er [Bucheli] hat dort als Fachperson gesprochen, nicht im ‹Auftrag› von Pro Helvetia für Pro Helvetia. Dass Bucheli aus dieser Reise auch ein Stück für die NZZ deriviert, ist aus meiner Sicht weder problematisch noch sonst anstössig, im Gegenteil.» Im Juni erschien ein weiterer auffälliger Artikel, diesmal über das Istituto Svizzero di Roma und dessen Direktor Christoph Riedweg («Schöne Aussichten»). Was nicht im Artikel stand: Nicht nur war der Autor Axel Christoph Gampp zur Anfertigung des Artikels mehrere Tage mit seiner Frau unentgeltlich zu Gast am Istituto. Als dessen wissenschaftliches Mitglied lebte und arbeitete er zwei Jahre in dem wunderbaren Gebäude. Mit Christoph Riedweg hat er zudem schon zusammengearbeitet. Über ihn schreibt Gampp denn auch des Lobes voll, er, Riedweg, habe «in den letzten Jahren mehr erreicht als [irgendjemand] zuvor in der 62-jährigen Geschichte des Instituts». Hat da jemand Beziehungskorruption gesagt? (rb)»

  25. philipp meier:

    ach je…; solche beispiele gibt es doch in jedem blatt noch und noch….; und ganz bestimmt und im besonderen auch bei der weltwoche….:)

    was mich extrem irritiert: ständig werden einzelfälle behandelt, stricke für ix und ypsilon geknüpft, bitt- und bussgänge gefordert. die weltwoche zeigt auf die NZZ, das 20 minuten auf ringier und so weiter und so fort. aber weit und breit ist keine grundsätzliche selbstkritik auszumachen! auch in diesem kommentarthreat geht niemand auf die stimmen ein, die auf die grundsätzliche krise des journalismus hinweisen (und da bin ich nicht der einzige…;)

    nirgends findet sich die einsicht, dass es grundsätzlich ein glaubwürdigkeitsproblem gibt. und, statt energie in die neuerfindung des berufsstandes zu stecken, werden die alten werte hochgehalten…, ohne zu merken, dass die spitze der wurzel des übels in diesen alten werten steckt…

  26. Philipp Meier > Es ist nicht nötig, den Berufsstand neu zu erfinden. Es genügt, die bestehenden Regeln zu beachten. Diese Regeln sind vielleicht alt, aber deshalb nicht schlecht und schon gar nicht «die wurzel des übels».

    In den «Rechten und Pflichten der Journalisten» steht unter anderem:
    «9) Sie nehmen weder Vorteile noch Versprechungen an, die geeignet sind, ihre berufliche Unabhängigkeit und die Äusserung ihrer persönlichen Meinung einzuschränken.» Voilà.

  27. philipp meier:

    ein schönes beispiel, agossweiler
    leider wird jedoch viel zu oft unterlassen, einen medialen beitrag als subjektive darstellung zu deklarieren… (apropos … «die äusserung ihrer persönlichen meinung» …)

    nehmen wir punkt 1 aus besagten rechten und pflichten:

    1) Sie halten sich an die Wahrheit ohne Rücksicht auf die sich daraus für sie ergebenden Folgen und lassen sich vom Recht der Öffentlichkeit leiten, die Wahrheit zu erfahren.

    aha. wieso stimmt jeweils, wenn jemand über etwas berichtet wo ich bescheid weiss, das journalistisch verfasste nie mit meiner sicht der dinge zusammen? wer darf nun die wahrheit für sich pachten?

    ein anderes schönes beispiel (wo ich etwas bescheid weiss;): wenn ausländische medien über die schweiz berichten, dann strotzen diese beiträge meistens vor offensichtlichen fehlern (auch bei den seriösesten blättern und tv-stationen). umgekehrt wird dies bestimmt auch der fall sein…;)

    ein journalist muss heute doch nicht mal mehr das haus verlassen, um den unterschiedlichsten kommerziellen und ideologischen einflüssen ausgesetzt zu werden (bewusst und unbewusst). des weiteren ermöglicht das internet (zum grossen glück!:), dass jede und jeder seine ureigene wahrheit verbreiten kann…

    ein blinder, wer die krise nicht tiefer sitzen sieht…;)))

  28. Philipp Meier > «wieso stimmt jeweils, wenn jemand über etwas berichtet wo ich bescheid weiss, das journalistisch verfasste nie mit meiner sicht der dinge zusammen?»

    Das frage ich mich manchmal auch, wenn ich ein Interview mit Philipp Meier lese. Ich halte es zwar für denkbar, dass Silikonimplantate so etwas wie kapitalistische Burkas sind. Doch stimmte es nicht mit meiner Sicht der Dinge überein, als Sie den Niedergang der Zeitungen als «begrüssenswert» bezeichneten. Jä nu. Jeder Besucher eines Blasmusikkonzerts in Oberägeri erlebt Ähnliches, wenn der Lokalreporter am nächsten Tag das Konzert nicht so beschreibt, wie es der Konzertgänger empfunden hat. Das wäre noch kein Grund, um eine Krise auszurufen.

    Wenn man über die Krise reden will, muss man wirtschaftliche Entscheidungen ansprechen (zB die Kannibalisierung der seriösen Medien durch das Gratisangebot). Aber bei diesem Punkt wäre unsere Sicht der Dinge vermutlich nicht kongruent.

  29. philipp meier:

    yep. ich war selber positiv überrascht, dass eine subtraktionistische news-plattform meine rhetorischen saltos aufgegriffen und verbreitet hatte… (und: danke fürs mitturnen…)

    doch, darauf könnten wir uns sogar einigen: die krise kam durch das gratis-angebot.
    bei der frage, weshalb es so weit gekommen ist und welche schlüsse daraus zu ziehen sind, driften jedoch unsere haltungen möglicherweise wieder auseinander.
    meine meinung: es ist aktuell eine technologische revolution im gange, die unsere gesellschaft nachhaltig verändern wird (und wir stecken erst in den kinderschuhen des wandels…)

    die ersten opfer des rasanten technologischen wandels, der das gratis-angebot in der aktuellen dimension überhaupt ermöglichte, waren übrigens die schriftsetzer und danach irgendwann die musikindustrie. jetzt sind halt die verleger und journalisten dran. die dämme sind gebrochen. das ist der lauf der dinge. bei der etablierung des buchdrucks verloren viele mächtige ihre meinungshoheit. die geschichte wiederholt sich… (ohne dadurch in ein hohelied auf die neue technologie einzustimmen. ich mag naiv sein, aber so naiv dann doch nicht…;)

  30. Philipp Meier > Schön, dass wir uns in einem wichtigen Punkt einig sind. Es gibt aber einen anderen wichtigen Punkt, den Sie anders bewerten als ich. Sie schreiben: «bei der etablierung des buchdrucks verloren viele mächtige ihre meinungshoheit. die geschichte wiederholt sich…»
    Ich denke, dass das so nicht stimmt. Ich möchte das an einem Beispiel erklären: Sie machen eine tolle Ausstellung im Cabaret Voltaire. Wenn der Tages-Anzeiger darüber berichtet, erfahren es 500’000 Leserinnen und Leser. Wenn ich in meinem Blog darüber schreibe, lesen das 100 Leute. Was ist Ihnen lieber? Sie werden sagen: Wenn 5000 Blogger über Ihre Ausstellung berichten, lesen es gleich viele Leute, wie wenn der TA drüber schreibt. Aber das Problem ist, dass es nicht 5000 Kulturblogger gibt in Zürich. Damit will ich sagen: Wenn die traditionellen Medien darben, wird der Diskurs über politische und kulturelle Entwicklungen aufgesplittert in viele kleine Privatdiskurse. Es gibt dann keinen «Dorfbrunnen» mehr, an dem man sich treffen und quatschen kann. Es gibt dann bestenfalls 5000 dezentrale Brünneli, aber keinen zentralen Ort mehr, an dem eine Diskussion stattfindet. Ich stelle mir vor, dass das irgendwann auch für einen Museumsdirektor ein Problem wird.

  31. Martin:

    OT: Wie kann man sich von Kommentar-Benachrichtigungen eigentlich wieder abmelden? In den Kommentar-E-Mails fehlt eine Möglichkeit dazu.

  32. Martin Hitz:

    @Martin: Eine freundliche Anfrage an den Blogwart, und schon bist Du weg, was hiermit geschehen ist.

  33. philipp meier:

    @martin: stimmt. das kann man scheinbar nicht mehr rückgängig machen. kann mir vorstellen, dass das ärgerlich ist. deshalb werde ich nur noch einmal auf agossweiler antworten und dann das ganze ruhen lassen… (denn sein letzter kommentar zeigt, dass er so ziemlich der falscheste ist, um konstruktiv und kreativ neuen journalistischen arbeitsformaten und -weisen nachzuspüren…;)))

    @agossweiler:
    auf die schnelle (und als letztes;) ein paar rückfragen…
    1. täglich lesen 500’000 tagi-leser jeden artikel im kulturteil?
    2. strebe ich diese reichweite an, wenn in einem artikel nachweislich falsches drin steht?
    3. masse gleich qualität?
    4. ist bei einer verunreinigung eine dezentrale wasserversorgung nicht sinnvoller als ein einziger grosser brunnen?
    5. wie kann ich via zeitung einen interaktiven diskurs führen?
    6. wieso ist die trennung zwischen den schreibenden einerseits und den lesenden andererseits so wichtig?
    7. wieso sollte ich mich nur auf feuilletons und kulturblogs fokussieren?
    8. lassen sich im netz nicht im nu situativ und themenbezogen brunnen bauen, um welche sich die öffentlichkeit treffen und austauschen kann?
    9. klingt aus ihren zeilen nicht eben gerade die angst vor dem machtverlust?
    10. wieso sollte es ein museumsdirektor (ich bin keiner;) nicht schaffen, einen eigenen grossen brunnen zu bauen, um den z.b. kontrovers über kunstvermittlung diskutiert wird?
    11. wieso kann man die brunnengruppen, die sich im sinne von gegenöffentlichkeiten in bestimmten themenfeldern bilden, nicht als ein grosses heterogenes brunnensystem betrachtet werden?
    etc.pp.

    mich interessiert das auswählen, interpretieren, aufbereiten und vermitteln von informationen brennend. deshalb stürzte ich mich in diese diskussion. bei der letzten aufklärung waren die journalisten eine treibende kraft. bei der aktuellen aufklärung sind sie leider eher teil des problems als teil der lösung…;)

  34. Peter Trachsel:

    Noch ein Beispiel von entweder korruptem oder sehr schlechtem „Journalismus“, werte Kollegen:

    http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/unternehmen-und-konjunktur/Ich-muss-der-Firma-meinen-Stempel-aufdrcken-/story/21030761

    Da kann einer sagen „2011 ist ein sehr starkes Jahr für das Unternehmen. Bei den Drittquartalszahlen präsentierten wir zweistelliges Umsatz- und Gewinnwachstum.“ und weiter unten „Wir sind also Basel sehr, sehr verbunden.“ und es kommt keine einzige Frage zu den in Basel entlassenen und versetzten Wissenschaftlern. Obwohl sogar zwei Köpfe das Interview führten. Für die Basler Zeitung, wohlgemerkt. Kritische Fragen? Fehlanzeige!

    Stattdessen gibt man Joe Jimenez Gelegenheit um Gelegenheit, PR in eigener Sache für sich als Person und für Novartis zu machen. Sein unethischer, amerikanischer Führungsstil wird nicht hinterfragt, Zahlen und Behauptungen unwidersprochen als Wahrheit akzeptiert und abgedruckt.

    Auf solchen „Journalismus“ pfeife ich! Denn es ist kein Journalismus. Bachmann und Schindler werden dafür bestimmt auch nächstes Mal gerne zu einen Interviewtermin bei Novartis oder Jimenez eingeladen werden.

  35. Pingback: Der Gripen-Fall | Medienkritik Schweiz

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