Plädoyer für Abrüstung

Laut einer ersten Reaktion von Ringier-Sprecher Edi Estermann hat es sich um eine «normale Berichterstattung» gehandelt. Später einigte man sich beim «Blick» offenbar darauf, das eigene Tun als «hart aber fair» zu bezeichnen. Peter Studer, der Mann mit Augenmass bei medienethischen Themen, hat laut «Tageswoche» mit der Bezeichnung «Petarden-Trottel» wenig Mühe, solange der junge Mann und dessen Angehörige nicht identifiziert werden können: «Nach der Lektüre muss ich sagen: Der ungenannte junge Mann ist in der Tat ein Trottel.»

Selbstverständlich hat man nach der Lektüre der «Blick»-Texte diesen Eindruck. Dies ist ihre Hauptthese. Vor dem niederen Boulevard-Gericht wird Entlastendes nur vorgetragen, um den Human-Touch-Faktor zu erhöhen. Das Verdikt fällt sofort: An den Pranger! Und tatsächlich ist der junge Mann identifizierbar geworden. «Blick»-Sport-Chef Felix Bingesser rechtfertigt das gegenüber der «Tageswoche»: «Wenn wir die Fans aus der Anonymität herausziehen, schaffen wir eine Öffentlichkeit, die abschreckend wirken kann.»

Ich gebe es gerne zu: Bei solchen Rechtfertigungen packt mich das Grauen. Da werde ich zum Kulturpessimisten und zweifle an unserer Aufgeklärtheit.

Wer schon einmal mit Skandalen irgendwelcher Art zu tun hatte, weiss: Je mehr man über die Geschichte in Erfahrung bringt, desto schwieriger wird es, ein eindeutiges Urteil zu fällen. Jüngeren Kolleginnen und Kollegen gab man auf den Redaktionen deshalb manchmal den Rat, ihre Geschichte nicht kaputt zu recherchieren. Bei manchen Themen mag das angehen. Aber nicht, wenn es um Schuldzuweisung geht, wenn Leute an die Öffentlichkeit gezerrt werden, die darauf nicht vorbereitet sind.

Als Journalisten sind wir keine Richter, sondern Berichterstatter. Wir haben zwar das Privileg, unserem Ärger auch einmal öffentlich Luft zu verschaffen. Aber wir tragen Verantwortung, haben sozusagen eine Fürsorgepflicht für diejenigen, deren Bild oder Name wir in die Öffentlichkeit tragen. Und wir hätten auch die Pflicht, Zusammenhänge und Hintergründe aufzuzeigen. Das ist das Gegenteil von dem, was der «Blick» im Petardenfall getan hat. Er präsentierte eine simple Geschichte und einen Sündenbock, gibt vor, damit seine gesellschaftliche Wächterfunktion wahrgenommen zu haben. Das ist geheuchelt.

Mich stört insbesondere die Selbstgerechtigkeit dieser Form des Journalismus, der überhebliche und anklägerische Tonfall. Was als Tatsache veröffentlicht wird, ist nur eine Schilderung aus begrenztem Blickwinkel. Die Geschichte des Mannes, dem die Petarde in der Hand explodierte, ist vielleicht ganz anders, als wir nach der «Blick»-Lektüre vermuten – und mit Sicherheit komplizierter.

Auch Boulevardmedien sollten Zurückhaltung üben statt aufzuhetzen. Eine veraltete Ansicht? Eher ist doch diese Art des Boulevardjournalismus veraltet – finsteres Medienmittelalter.

Ich plädiere dafür, sprachlich abzurüsten. Denn es sind schon wir Medienleute, die im Lande den Ton vorgeben, die Diskussionskultur prägen. Wir gelten als die Starken. Unsere Worte haben eine grosse Zerstörungskraft. Wenn man sich gegen uns mit toten Fischen, hilflosen Drohungen und einem Gegenpranger wehrt, ist das zwar ebenfalls zu verurteilen. Fair ist es nicht, denn wir stehen ja unter Erfolgsdruck, müssen Auflage und Klickrate erhöhen, sind gestresste Angestellte, tragen nur eine Teilverantwortung. Aber vielleicht soll es abschreckend wirken.

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

Siehe dazu auch:

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

7 Bemerkungen zu «Plädoyer für Abrüstung»

  1. Die ganze Petarden-Kampagne steht tatsächlich in keinem Verhältnis. Während um die Ecke eine Weltwirtschaftskrise grüsst und Armeewaffen nach wie vor für Familienmassaker sorgen, läuft der Blick journalistisch Amok. Wegen einem 1-August-Böller.

  2. Thomas Läubli:

    Mal von den Morddrohungen abgesehen (falls die nicht von Ringier Entertainment zur Ergötzung der Leser erfunden wurden), halte ich die Plakate für eine Parodie vom Feinsten. Den Urhebern ist es auf subtile Weise gelungen, den Boulevard-Methoden einen Spiegel vorzuhalten. Mit den angegriffenen Journalisten Mitleid zu empfinden, fällt mir (und auch vielen Kommentatoren im TA-Newsnetz) schwer.

  3. Fred David:

    Mit dem meisten einverstanden. Aber: Man sollte auch das Publikum, das angeblich so arg- und harmlose, nur an Qualität, Fairness, möglichst positiven Nachrichten, an tief recherchierten Hintergründen und Ursachen interessierte, nicht einfach aus seiner Verantwortung entlassen.

    Es zahlt ja für diesen erkennbaren Schrott und die Auflage wird mit dieser Art Entertainment zumindest stabilisiert.

    Die Macher machen sowas nur, wenn sie gewiss sind, dass sie es verkaufen können. Und wenn die nicht kleine Klientel da ist, die den Schrott abnimmt, wird er eben weiter produziert, mit immer ein paar noch schärferen Kanten.

    Das Publikum ist nicht so harmlos, wehleidig und empfindsam, wie es gern tut. Es mag den Pranger. Der war schon im Mittelalter ein Publikumsmagnet. Das ist keine Rechtfertigung für diese Art Volksbelustigung. Aber doch eine mögliche Erklärung.

    Wer sein Unternehmen offiziell als Entertainmentcompany deklariert, der liefert eben Entertainment. Es ist kein Journalismus mehr. Warum ist das Erstaunen darüber so gross?

  4. Fred David:

    …übrigens mochte das Publikum auch im Mittelalter schon öffentliche Hinrichtungen. Das waren Volksfeste, das war Entertainment. Wenn man sich so umguckt, ist unsere Zivilisation in ihren Grundbedürfnissen nicht so wahnsinnig viel weiter fortgeschritten. Das ist kein Kulturpessimismus, sondern eine relativ nüchterne Beobachtung.

    Man kann das ja auch noch weiterziehen: Ein Berlusconi ist über fast ein Jahrzehnt lang von einer Mehrheit der Italiener bewusst an der Macht gehalten worden undsoweiter undsoweiter. Seine Show gefiel. Aber vielleicht kommen wir da jetzt von toten Fischen in Briefkästen auf ein etwas zu weites Feld…

  5. Hanspeter Spörri:

    Berlusconi war ja reiner Boulevard: Ablenkung, Scheinlösungen, ein aufgeblasenes Nichts. Und nun will ihn in Italien niemand mehr gewählt haben… Berlusconi hat das Publikum mit Hilfe seiner Schwachsinn-Medien korrumpiert. Das geht anscheinend.

  6. Fred David:

    … ja eben : Wähler und das Medienpublikum sollen nicht so tun, als seien sie so unschuldig an der Entwicklung. Sie wählen doch die Politiker, denen sie jetzt vorwerfen unfähig zu sein und sie halten Parteien an der Macht, die die Sitten verrohen.

    Sie jammern über fehlende Qualität der Medien und bezahlen für Schrott freiwillig und ungezwungen enorme Summen. Ja, dann bekommen sie’s eben, die Scheinheiligen!

    ps. … ich fühle mich da von mir durchaus auch selber partiell angesprochen….

  7. Thomas Läubli:

    Ich halte das Argument, das Publikum wolle das und das, auch nicht mehr für so zwingend. Man kann sich an etwas gewöhnen, weil man entweder nichts anderes kennt (z.B. Jugendliche, die mit dem Internet aufwachsen) oder man macht die sanfte Revolution einer Zeitung mit (z.B. Weltwochen-oder BaZ-Leser, die aus Trägheit den neuen ruppigen & faktenfreien Stil einer Zeitung halt einfach „mitmachen“, oder die „Verflachung“ des Fernsehens, sofern es jemals weniger flach war). Fazit: Die Verantwortung liegt primär immer noch bei den Journalisten, und das gilt nicht nur für Journalisten (z.B. auch für alle herkunfts- und produktions-verschleiernden Waren in den Kaufhäusern).

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