Starke Stimme

Ein paar Tage nachdem ich mit einem ehemaligen Kollegen einen Kaffee kuratiert und über die Zukunft unserer Branche spekuliert hatte, bekam ich etwas in die Hand, das der Medienspiegel merkwürdigerweise noch mit keinem Wort erwähnt hat. Der Blog, der die Irrungen und Wirrungen des Digitalen mit grosser Zuverlässigkeit und der gebotenen Nüchternheit rapportiert (Disclosure: Als Kolumnist werde ich Ende Jahr mit einer Original-Bünder-Nusstorte entlöhnt), mein Lieblings-Medienblog also, hat die Lancierung der «Reportagen» verschlafen.

Sechsmal jährlich will Daniel Puntas Bernet sein Magazin herausbringen (Disclosure: Er war Redaktor bei der «NZZ am Sonntag», aber wir haben uns nie kennengelernt). Doch «Magazin» ist eigentlich ein irreführender Begriff. «Reportagen» erscheint kleinformatig in einem festen Einband, ein gut in der Hand liegendes 130-seitiges Buch.

Warum ist dieses Début vermeldens- und bedenkenswert? Nicht weil es auf die Form der Reportage setzt – obwohl man darin hervorragende Beispiele für das Genre findet: Margrit Sprecher etwa bietet mit ihrem Text über Irland eine Glanzleistung, während Truman Capote («Tanger») auch schon besser in Form war. Nein, «Reportagen» ist ein Gewinn für unsere Presselandschaft, weil es selbstbewusst auf die Kraft guter Geschichten setzt – in gedruckter Form. Das ist wohltuend in Zeiten, in denen die Print-Apokalyptiker und App-Fetischisten nicht müde werden, die Content-Leier zu drehen.

«Reportagen» vertraut auf ein schnörkelloses Erscheinungsbild: Keine Fotografien, sparsam eingesetzte Illustrationen, eine eigens entworfene, sehr lesbare Schrift. Inserate sollen etwa einen Viertel der Einnahmen bringen, den Rest erhofft man sich vom Einzelverkauf im Buchhandel und am Kiosk sowie von den Abonnements (die Einzelnummer kostet 20 Franken). Daniel Puntas Bernet ist einer der fünf Aktionäre, die die Finanzierung von «Reportagen» für zwei Jahre garantieren. Es ist ihm zu wünschen, dass seine Zeitschrift abhebt und die Leser findet, die sie verdient – jenseits von Crowdsourcing und Social Networking. Denn Journalismus braucht nicht nur Zwitscherer, sondern auch starke Stimmen.

Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ Folio».

von Daniel Weber | Kategorie: Mediensatz

5 Bemerkungen zu «Starke Stimme»

  1. Samuel Burri:

    „einen Kaffee kuratiert“ – Sehr schön!

    Und auch sonst einverstanden. Ausser, dass zu guten Reportagen oft auch gute Bilder gehören.

  2. Javier Vázquez:

    Kann mich jemand darüber aufklären, wieso der durchschnittliche Journalist in der Schweiz alles Digitale grundsätzlich billig und verwerflich findet?

    Ich finde „Reportagen“ wunderbar und gerade mit dieser Publikation liesse sich zeigen, dass digital eben mehr als bloss eine Sammlung von Kurzmeldungen in einer farbigen App sein kann.

    Gut möglich (siehe http://www.medienspiegel.ch/archives/002961.html), dass Daniel Weber einfach entgangen ist, dass es die Welt der guten Geschichten auch auf „digital“ gibt:

    http://delivereads.com/
    http://longform.org/
    http://longreads.com/
    http://sendmeastory.com/

  3. Daniel Weber:

    @Javier Vazquez: Dass man auch digital gute Geschichten findet, ist mir natürlich nicht entgangen. Bemerkenswert finde ich „Reportagen“ eben, weil es quer zum Trend aufs Papier setzt und zeigt, wie gut das für den Leser funktioniert. Und dass die Journalisten bei „Reportagen“ gut bezahlt werden, finde ich übrigens auch erfreulich; zu viele Start-ups leben von Ausbeutung.

  4. Javier Vázquez:

    @Daniel Weber: Bemerkenswert finde ich „Reportagen“, weil es quer zum Trend „nur“ auf gute Geschichten setzt.

    Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte, da spielt das Medium meiner Meinung nach keine Rolle.

  5. Florian Rittmeyer:

    Apropos Nischenprodukte, die weiterhin auf Papier und Qualität setzen: Schweizer Monat…

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