Ein wahrer Freund

Ein Grinsen auf den Stockzähnen kann sich nicht verkneifen, wer die wieder neu losgetretene Medienqualitätsdebatte auf dem Medienspiegel verfolgt. Der Eifer, mit dem gestritten wird, und den Professor Kurt Imhof mit seinen Repliken so gern bewirtschaftet, ist phänomenal. Mit der Präzision eines Quarzuhrwerks befeuert der Professor mit seinem Jahrbuch die Journalistenempörung nun immer im Herbst.

Wie ich aus einer früheren Episode dieses Streits weiss, muss gut aufpassen, wer sich mit dem Professor anlegt. Wie im Märchen vom Hasen und vom Igel ist er mit seinen K.O.-Argumenten immer schon da, bevor man selber mit seiner Kritik angehechelt kommt. Für mich endete die Episode dmals so, dass mein Name im Internet-Gedächtnis auf ewig mit einem wenig schmeichelhaften Begriff verknüpft ist. Man kann das gern ausprobieren: einfach «Rudeljournalismus» googeln.

Ich verneige mich vor so viel professoraler Chuzpe im Umgang mit den sonst so flinken Verlegern, Journalisten und Bloggern. Und ich ziehe meinen Hut vor der Leistung Imhofs, die Qualitätsdiskussion in ungeahnte Tiefen und in die Breite der medialen Selbstkasteiung zu führen wie eben hier im Medienspiegel. Nicht (mehr) im Traum fällt mir ein, Grundlagen, Methoden, Ergebnisse und pessimistische Schlussfolgerungen dieses Opus magnum wissenschaftlicher Medienkritik auch nur andeutungsweise anzuzweifeln. In Sachen Tipp- und Druckfehler verzichten wir Vertreter des Tagesjournalismus ohnehin besser darauf, den ersten Stein aus dem Glashaus zu werfen.

Schliesslich wissen wir es alle auch längst, manche aus schmerzhafter Erfahrung mit Entlassungswellen: Um die Medien ist es schlecht bestellt, hundsmiserabel. Dass jüngst die Leserzahlen in der Tagespresse laut den Werbemittelforschern wieder einmal gestiegen sind, ist kein Trost. Denn die selben Forscher haben umgekehrt auch einen praktisch durchgehenden Auflageschwund festgestellt.

Angesichts des Malaise wünscht man sich einen wie Professor Kurt Imhof zum Freund. Einer, der die (schlimme) Situation so umfassend und glasklar analysiert – denkt man sich – wird sicher auch wirksame und weitreichende Vorschläge dafür haben, wie wir aus dem Tief wieder herauskommen.

Gern ziehe ich für die Lösungsuche nicht einfach die generellen Feststellungen des Jahrbuchs heran, sondern die darin inbegriffene Vertiefungsstudie «Monopol der Schweizerischen Depeschenagentur». Hier monieren Imhof und seine Mitarbeiter unter anderem, dass Redaktionen nicht immer jede Meldung der Depeschenagentur mit dem Kürzel SDA versehen. Beim «Blick» soll dieses «qualitätsdefizitäre» Vorgehen sage und schreibe 100 Prozent betragen. Nun wird den meisten Journalisten einleuchten, dass Quellen- und/oder Autorentransparenz Qualitätsmerkmale sein können, die dazu noch den Vorteil haben, dass sie ziemlich einfach messbar sind. (Full disclosure: Beim «Tages-Anzeiger» kommen Imhof und Co. auf bedenkliche 38 Prozent «qualitätsdefizitärer» Übernahmen von Agenturtexten.)

So weit, so plausibel. Aber bedeutet das umgekehrt, dass die Qualität der Schweizer Presse sich schlagartig in neue Höhen schwingt, sobald «Blick«, «Südostschweiz» und «Tagi» lammfromm überall «SDA» dazuschreiben, wo es hingehört? Liest jemand deswegen die Zeitungen mit mehr Gewinn und steigen die Auflagen wieder in alte Höhen? Und versachlicht sich dadurch der politische Diskurs so, wie es sich Imhof wünscht?

Das Beispiel ist weniger weit hergeholt, als es zunächst scheint. Der geschätzte Kollege Rainer Stadler zielt in der «NZZ» in eine ähnliche Richtung, wenn er Imhofs pauschale Kritik an der Übernahme von PR-Texten damit relativiert, dass eine «neutrale Weiterverbreitung von Informationen […] nicht unmittelbar mit unkritischem Journalismus gleichgesetzt werden» darf. Und gleiches gilt auch für andere Kritikpunkte Imhofs: personalisierte, emotionale, auf Konflikte zugespitzte und mit «Softnews» aufgemischte Berichterstattung ist nicht automatisch schlechter Journalismus und der Tod der Demokratie.

Fairerweise muss hier noch erwähnt werden, dass Imhof sehr wohl auch Lösungen anbietet, etwa hier im Medienspiegel: Medienkompetenz als Schulfach, Eliminiation der Gratiskultur, Subventionierung durch Staat und Zivilgesellschaft. Wer in seinem Jahrbuch blättert, muss ausserdem zum Schluss kommen, dass Imhof tatsächlich glaubt, mit dem Einstampfen der «Weltwoche» wäre für die Medienqualität schon viel getan. Bis allerdings solche Holzhammer-Rezepte greifen, dürfte das Totenglöcklein der letzten Schweizer Tageszeitung längst geläutet haben.

Bei allem Respekt für Imhofs redliches Bemühen: Man wünscht sich als Journalist und Mitleidender in der Medienkrise einen wissenschaftlichen Medienkritiker, der mit seiner Kritik weniger die Empörung der Kritisierten bewirtschaftet, als seinen Forscherehrgeiz darauf richtet, konkret und sofort nutzbares Wissen darüber zu schaffen, wie wir mit welcher Art von inhaltlich und formal gutem Journalismus wieder mehr Menschen erreichen. Dann wäre uns Kurt Imhof ein wahrer Freund.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

9 Bemerkungen zu «Ein wahrer Freund»

  1. Fred David:

    …und diesen Text darf man auch noch nachtragen: Was Chefs in den Zeitungen zu lesen wünschen (NZZ)

    Da kommt doch eine ganze Menge an konstruktiver Kritik und Selbstkritik zusammen.

    Ich möchte gern mal wissen, ob das in Journalistenschulen bez. -seminaren ankommt, ob und wie darüber diskutiert wird. Vielleicht mischt sich aus diesem Kreis hier mal jemand ein?

    ps.Nichts gegen das Monopolmedium sda, aber wenn Medien sich dazu durchringen, die Agenturquellen präziser anzugeben, animiert das automatisch Journalisten zu mehr Eigeninitiative und -leistung. Kein Medium möchte als reiner Agenturverwerter dastehen. Die sda könnte ruhig aus eigenem Interesse mehr Druck bei einschlägigen Redaktionen machen und auf Quellenschutz pochen. Ist für alle heilsam.

  2. Dieser Kommentar irritiert mich aus drei Gründen:
    Erstens wird die Qualitätsdebatte mit der Frage nach der Möglichkeit von Umsätzen verbunden. Tatsächlich studiert die Imhof-Studie auch die Frage, wie viele Menschen sich informieren über Medien. Aber die Frage nach der Qualität und die Frage nach Auflagen oder Leserzahlen sind grundsätzlich zwei verschiedene.

    Zweitens verstehe ich nicht, weshalb ein Professor »ein Freund« sein muss, der erklärt, wie gute und rentable Zeitungen gemacht werden. Das ist nicht die Aufgabe von Wissenschaft. Das ins Lächerliche gehende SDA-Beispiel ist doch gar nicht so doof: Ich als Leser finde, die Qualität von Zeitungen würde steigen, wenn überall eine korrekte Quelle angegeben wird und ich mich nicht andauernd wundern muss, warum ich in verschiedenen Zeitungen dieselben Texte lese.

    Und drittens gründet das Argument, dass die Kriterien von Imhof nicht in der Lage sind, die Qualität von Medien zu messen, auf Ausnahmen: Ja, es kann sein, dass emotionales, polarisierendes Infotainment qualitativ nicht schlechter ist als trockene Berichterstattung. Und es kann auch sein, dass es sich anbietet, einen PR-Text unverändert zu übernehmen, nachdem er kritisch geprüft worden ist. Aber daraus die Regel abzuleiten, dass diese Formen journalistischer Arbeit nicht eine Qualitätseinbusse bedeuten, ist logisch nicht statthaft.

  3. Esther Kamber:

    Schnelle Lösungen gibt es keine, aber Ansätze zur Problemerkennung und -lösung. Perspektiven aus dem fög
    Es braucht eine soziale Problem(an)erkennung sowie fachliche und öffentliche Auseinandersetzung, damit der Informationsjournalismus wieder mehr Geltung erhält.
    Aber Problemdiskussionen sind spärlich, politisch-gesellschaftliche Lösungssuchen sind ebenso wenig in Sicht wie eine problemlösende Selbststeuerung der Medien(-branche) und bestehende medienpolitische Steuerungselemente sind blind für den crossmedialen Wandel.
    Immerhin, uns Wissenschaft Betreibenden fallen Probleme auf und auch Ideen zu Lösungsansätzen haben wir http://medienwoche.ch/2011/09/19/medien-jenseits-von-markt-und-staat/ immer wieder http://www.bakom.admin.ch/themen/radio_tv/01153/01156/03479/index.html?lang=de, auch auf Anstoss der Politik.
    Die Problemdiskussion muss geführt werden hart, aber redlich. Aber auch hier hapert es noch, wenigstens bei einer weitverbreiteten Newssite, wie wir zu spüren bekamen. Allerdings kann sich die Diskussion nicht auf eine Expertenplattform beschränken, hier braucht es die breite medienvermittelte Öffentlichkeit.
    Wir versuchen die Qualität öffentlicher Kommunikation gut begründet fassbar und vergleichbar zu machen, die öffentliche Diskussion anzustossen und nehmen ernsthafte Kritik auch ernst. Wir sind alle gefordert, aber vor allem auch die Journalismus Betreibenden, ihr lebt (noch) von der öffentliche Diskussion und ihr moderiert sie.

  4. Roland Zbinden:

    Mein Kommentar hierzu ist der Folgende:

    Ja, die Medien betreiben Klienteljournalismus, je nach Werbebudget,grenzen neue Bewegungen und Parteien aus, ja schweigen diese sogar tot. Damit leisten sie dem Parteienkartell der Alt-Parteien massiv Vorschub und handeln gegen ihre eigenen Standesregeln!!
    Und die Tagi-Mafia ist hier in vorderster Front
    Bitte Info-Kopie an Hr. Coninx weiterleiten!

  5. Ein bemerkenswerter Beitrag von Edgar Schuler. Die Presse als 4.Gewalt hat auch gegenüber dem akademischen Betrieb kritische Distanz zu wahren. Journalisten müssen vermehrt Selbstdenker im Dienst des Lesers sein wollen, dies müssen sie meist gegen Redaktion und Verlag erreichen. Der Dienst an der Wahrheit ist eine Dienstleistung, die der Leser stets honorieren wird. Aber Journalisten, die sich nur noch als Mikrofonträger und Stichwortgeber für akademische „Talking Heads“ verstehen, welche selber sich nicht mehr als Diener der Wahrheiit (Pro-fessoren)sondern als schelmische Clowns und Kolumnisten mit Fussnoten inszenieren, deren Hauptsorge es ist nicht als „drop-outs“ aus der Peer-group zu fallen. Dass ein „Philippe Wampfler“ hier die Partei dieses Gesinnungsmainstreams ergreift ist nicht weiter verwunderlich, auch er schwimmt dort wo die Schwarmwärme vermutet wird.
    Derzeit haben wir einen erbärmlichen, leidenschaftslosen Journalismus und leider auch eine pitoyable akademische Begleitung desselben. Man muss nicht ein Busenfreund von Peter Wälty sein: aber eine Steuergeldfinanzierte akademische Wahrheitfindung, die derart schlampige Fehler produziert, wie er Gelegenheit fand nachzuweisen, diskreditiert sich selber fundamental. Wenn ein Professor nur noch davon lebt, dass er die SVP und die Weltwoche von vornherein undiskutabel findet, dann ist er eine Fehlbesetzung und dient nicht mehr der Aufklärung sondern ist ein Gesinnungsmullah.
    In einer Metzgerei im Niederdorf, wo man auch essen und Zeitungen lesen kann, liegt neu auch die „Aargauerzeitung“ auf: die Meinungsvielfalt lebt durchaus noch. Das Hauptproblem des Schweizer Journalismus ist die dürftige geistige Möblierung vieler Journi-Hirne die durch einen saturierten Zynismus kaschiert wird.

  6. Was interessiert mich eine Quellenangabe „SDA“? Habe ich als Leser etwas davon?
    Ich will _richtige_ Quellenangaben! Für jede Behauptung in einem journalistischen Text soll die Quelle angegeben werden. OK, auf Papier ist der Platz beschränkt – aber online gibts eigentlich keinen Grund, Quellen nicht zu erwähnen (ausser bei berechtigtem Quellenschutz).

  7. Lukas Egli:

    Weil hier immer noch ein „Like“-Button fehlt: Danke, Giorgio Girardet!

  8. Spannend, Verve wie Inhalte. Jedoch: Weder würde ich jemals für das „Einstampfen der Weltwoche“ eintreten (wie das Edgar Schuler erwähnt) noch finde ich SVP und Weltwoche undiskutabel (Girardet). Das Gegenteil ist richtig.
    Und: Der Bashing-Eindruck den die vertiefte Auseinandersetzung mit den Medien bei vielen Journalisten hinterlässt ist nicht gut. Gebasht sind die genug! Da hat Edgar Schuler recht. Der pädagogische Gehalt des Jahrbuches (auch gegenüber Publikum und Politik) lässt sich tatsächlich noch verbessern.

  9. Thomas Läubli:

    @Giorgio Girardet:
    Die Presse als 4.Gewalt hat auch gegenüber dem akademischen Betrieb kritische Distanz zu wahren.
    So weit, so gut! Der heutige Journalismus beschränkt sich allerdings darauf, den „akademischen Betrieb“ (inkl. seriöse Kulturschaffende) überhaupt nur zur Sprache zu bringen, wenn man ihn kritisieren oder blossstellen kann.

    Dass ein „Philippe Wampfler“ hier die Partei dieses Gesinnungsmainstreams ergreift ist nicht weiter verwunderlich, auch er schwimmt dort wo die Schwarmwärme vermutet wird.
    Herr Wampfler hat klar 3 Punkte aufgelistet, über die man diskutieren kann (und denen ich nur zustimmen kann). Sie hingegen beschränken sich auf Polemiken mit irgendwelchen leeren Schlagworten von „Mainstream“ bis „Gesinnungsmullah“. Das ist genau jene Schreibart, die zugunsten der Qualität klar anzulehnen ist, egal, ob sie gerade vom Blick oder von einem SVP-Parteiblatt formuliert wird.

    Man muss nicht ein Busenfreund von Peter Wälty sein: aber eine Steuergeldfinanzierte akademische Wahrheitfindung, die derart schlampige Fehler produziert, wie er Gelegenheit fand nachzuweisen, diskreditiert sich selber fundamental.
    Sie diskreditieren sich dadurch, dass sie hier Legendenbildung betreiben, indem sie längst zur Sprache gebrachte Korrekturen wie die folgenden hier ignorieren:

    http://www.medienspiegel.ch/archives/002948.html
    http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Kritik-der-Kritik/story/14198479

Bemerkung anbringen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *