Zur Konkurrenz verdammt

Medienschaffende, die nur noch Exklusivitäten und «Breaking News» nachrennen, sind neben den Copypaste-Journalisten die zweite Spezies in unserer Branche, die sich wie Fruchtfliegen auf faulen Äpfeln vermehrt. Es ist der Markt, der die beiden Gattungen produziert: Während die Copypaster billig und willig sind und die Konsumenten mit immer neuen Neuigkeiten überfluten, sollen die News-Rechercheure diesen Fluten das Schäumkrönchen aufsetzen. Sie werden in den Fabrikanlagen des modernen Medienbetriebs hochgezüchtet, um die Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit ihrer jeweiligen Publikationen sicherzustellen. Das neue Mantra auf den Redaktionen lautet: Wir schreiben Geschichten, die nur bei uns zu lesen sind.

Im verschärften Medienwettbewerb haben auch die Tageszeitungen auf diesen Modus umgeschwenkt. Und es ist ja auch durchaus erfreulich, dass inzwischen auch beim «Tages-Anzeiger» oder bei der «Aargauer Zeitung» (wieder) recherchiert wird. Ja selbst die einst betuliche «NZZ» macht neuerdings mit Recherchen auf sich aufmerksam. Nur leider geschieht dies vor allem aus der Intention heraus, aus Wettbewerbsgründen eigene Akzente setzen zu wollen, statt aus der Haltung, dem wirklich Wichtigen zu Aufmerksamkeit zu verhelfen. Nicht alles, was neu ist, ist auch wichtig.

Diese Wettbewerbsmechanismen schaden dem Journalismus, der sich der Aufklärung verpflichtet. Journalisten werden zu übersteigertem Konkurrenzdenken verdammt, was wiederum zu einer gesellschaftspolitisch höchst problematischen Entwicklung führt: der immer stärker spürbaren Fragmentierung wichtiger Informationen.

Beispiel gefällig? Mitte September deckte die «Rundschau» des Schweizer Fernsehens in einem Beitrag Ungeheuerliches auf: Schweizer Energiekonzerne wie Axpo und NOK sollen tonnenweise ausgebranntes Uran via Sellafield und La Hague zur Wiederaufbereitung in höchst umstrittene Atom-Anlagen in Russland geschickt haben. Die Atomkraftwerke Leibstadt, Beznau und Gösgen, so zeigten die Recherchen weiter, beziehen Brennstoffe nicht nur aus den bereits vor einem Jahr als problematisch identifizierten russischen Orten Mayak und Elektrostal, sondern auch aus der Anlage Tomsk-7 im sibirischen Seversk.

Das Atom-Kombinat Seversk liegt in einem militärischen Sperrgebiet, und auch dort lagern radioaktive Altstoffe aus der Schweiz. Die 10’000 Einwohner zählende Stadt ist stark radioaktiv verseucht, wie eine Studie aus dem Jahr 2008 zeigt, an der auch das Schweizer Paul-Scherrer-Institut (PSI) beteiligt war. Das Ergebnis der Studie: Die Plutonium-Kontamination ist ähnlich hoch wie in Tschernobyl — der Grossteil der Emissionen stammt aus dem normalen Fabrikbetrieb. Tausende Kubikmeter radioaktiv verseuchten Wassers werden dort einfach in den Boden gepumpt. Die «Rundschau» hat vor Ort recherchiert und schockierende Bilder zurückgebracht: Kinder mit riesigen Wasserköpfen, ein Kalb, das mit zwei Köpfen geboren wurde. Beides sind typische Folgen von radioaktiver Verseuchung.

Das alles ist auch ein politischer Skandal: Die rot-grün regierten Städte Zürich und Bern sind über ihre Energiewerke am AKW Gösgen beteiligt und tragen, wie ein Professor in Seversk im «Rundschau»-Beitrag sagt, «eine Mitverantwortung für das Elend in dieser Region». Die Regierungen aber ziehen sich aus der Affäre, indem sie sich auf die von den Schweizer Energiebetreibern verbreitete Behauptung stützen, die russischen Anlagen seien umweltzertifiziert — was, wie die «Rundschau» ebenfalls enthüllte, nicht stimmt.

Nun ist es ja nicht so, dass in der Schweiz alle paar Tage Skandale dieser Grössenordnung aufgedeckt werden. Skandale, in die Regierungen ebenso verwickelt sind wie halbstaatliche Stromkonzerne. Skandale, die den angeblich «sauberen Atomstrom» als dreiste Lüge entlarven.

Aber was passiert? Keine Zeitung, ja nicht einmal die Schweizerische Depeschenagentur SDA nahm die Recherchen der «Rundschau» auf — obwohl das Schweizer Fernsehen eine Medienmitteilung verschickt hatte. Kein Journalist hat weiter recherchiert und die Verantwortlichen im Namen der Öffentlichkeit mit bohrenden Fragen eingedeckt. Stattdessen: das grosse Schweigen. Der «Tages-Anzeiger» publizierte diese Woche lieber eine Hintergrundseite zur Schönheit von Politikern — eine Geschichte, die abgelutschter ist als die Zitzen der Kuh, die in Seversk ein Kalb mit zwei Köpfen geboren hat.

Jede neue Luxus-Uhr bekommt ihre halbe Seite in den Stil-Beilagen einer jeden Zeitung. Vor der Lancierung jedes Apple-Gadgets rätseln Heerscharen von Journalisten über alle Verlagsgrenzen hinweg wochenlang an den technischen Spezifikationen herum. Aber das wirklich Wichtige wird offenbar dem Konkurrenzdenken geopfert. Das neue Mantra auf den Redaktionen lautet: Was andere hatten, bringen wir nicht mehr. Anders ist das grosse Schweigen nicht zu erklären.

Auf der Strecke bleibt die journalistische Aufklärung.

Christof Moser ist Bundeshauskorrespondent und Medienkritiker der Zeitung «Der Sonntag» und Redaktionsleitungsmitglied der unabhängigen Informationsplattform «Infosperber».

von Christof Moser | Kategorie: Mediensatz

13 Bemerkungen zu «Zur Konkurrenz verdammt»

  1. Guter und wichtiger Text. Im gleichen Zug könnte man die Schweizer Redaktionen auch mal wieder aufrufen, die Konkurrenz ganz direkt zu verlinken, wenn sie gute Arbeit geleistet hat. Denn in einem etwas grösseren Kontext betrachtet ist die Konkurrenz nichts anderes als eine Mitstreiterin in der Wahrheitsfindung. People come back to places that send them away. Eine neue Erkenntnis ist das eigentlich schon lange nicht mehr.

  2. Da gibt es nicht viel hinzu zu fügen, ausser: Danke für den Beitrag.

  3. Schöner Beitrag. Nur: Was ist bitte die Alternative zum gescholtenen Wettbewerb. Das Informationsmonopol?

  4. glasenberg:

    @christof: und warum hast du über das laut eigener aussage wichtigsteste schweizer buch des jahres („rohstoffhandel – das gefährlichste geschäft der schweiz“) nichts im „sonntag“ gebracht? vielleicht weil bereits die „sonntagszeitung“ gross darüber berichtete?

  5. „Das neue Mantra auf den Redaktionen lautet: Was andere hatten, bringen wir nicht mehr.“

    Wirklich? Ich habe das Gefühl, jeden Tag lese und höre ich ständig Geschichten, die tags zuvor bei „10vor10“, der „Rundschau“ und anderen TV-Sendungen als Primeur gesendet wurden. Jüngstes Beispiel: der Fleisch-„Skandal“ aus dem „Kassensturz“.

    Ich glaube deshalb, das Mantra lautet: „Was andere hatten, bringen wir nur, wenn wir es einfach nacherzählen und weiterziehen können.“ Scheinbar komplizierten und unangenehmen Recherchen geht man lieber aus dem Weg. Ich tippe deshalb eher auf journalistische Faulheit als Konkurrenzdenken.

  6. Patrick Künzle:

    Ich teile die Meinung von Christof Moser. Und würde mir wünschen, dass wir Journalisten uns immer wieder diesen einen Satz aus seinem Text zu Herzen nehmen: „Nicht alles, was neu ist, ist auch wichtig.“

  7. Christof Moser:

    @Stephan Russ-Mohl: Nein, die Alternative ist selbstverständlich nicht ein Informationsmonopol. Wie David Bauer schön geschrieben hat: Die Konkurrenten sind Mitstreiter in der Wahrheitsfindung. Das zu Herzen nehmen reicht. @Glasenberg (wer immer du bist): Nein, das war nicht der Grund. Ich hatte in der derzeitigen Vorwahl-Phase schlicht keine Zeit für eigene Recherchen in diesem Themengebiet. @Christoph Brunner: Dem Faulheit-Aspekt widme ich dann eine meiner nächsten Kolumnen.

  8. ras.:

    Die Rundschau war bei diesem Thema keineswegs ein alleinstehender Berichterstatter. Die NZZ beispielsweise hat bereits ein Jahr früher zweimal über die Problemorte in Russland und die Zusammenhänge mit der Schweiz berichtet (10.9.10, 20.11.2010). Andere Medien berichteten wohl auch. Meines Wissens waren der Auslöser der Informationen Recherchen von Greenpeace. Das von Christof Moser gewählte Beispiel ist also nicht gerade ein gutes Beispiel.

  9. Christof Moser:

    @ras.: Erwähnte NZZ-Beiträge habe ich gesehen, im selben Zeitraum berichteten auch andere Medien, richtig, aber bitte: Es gibt Weiterungen in diesem Fall, die damals von der Axpo versprochene Transparenz wurde von der russischen Seite abgeblockt und steckt seither fest, und es gibt die ganzen politischen Dimensionen dieser Fälle. Bei dieser Brisanz ist für mich der Hinweis auf Artikel, die vor bald einem Jahr publiziert wurden, nicht ganz nachvollziehbar.

  10. dsc.:

    Es ist sehr sinnvoll, dass z.B. die SDA nicht jede Medienmitteilung des Staatsfernsehens aufnimmt. Kürzlich wurde etwa auf diesem Weg ein vermeintlicher Primeur verbreitet, wonach der Bund die KEV (die Ökostromförderung) ändern will – nun, über die vermeintlich neue Sache berichten verschiedene Tageszeitungen bereits seit über einem Jahr. Auch die SDA berichtete schon oft darüber. Das nur nebenbei, hat auch etwas mit Energie zu tun…

    Ich entnehme Ihrer Wortwahl eine Empörung. Ich kann Sie beruhigen: die Sache mit den Uran-Kreisläufen ist schon seit einigen Jahren im Parlament traktandiert. Bei der Argumentation verweisen die Parlamentarier auf die Berichterstattung „guter alter“ Printmedien (http://www.parlament.ch/d/suche/seiten/geschaefte.aspx?gesch_id=20094048).

    Die problematische Umweltzertifizierung wurde übrigens vor allem von Greenpeace aufgedeckt! Angefangen vor einigen Jahren, jenen Experten gebührt Respekt und Dank…

    Ich finde es gut, wenn wir Journalisten nicht auf jeden vermeintlich neuen Skandal aufspringen, sondern jeder für sich – unabhängig vom ja sonst viel kritisierten Herdentrieb – entscheidet, was neu und wichtig ist und was eher bekannt und z.B. bei Gelegenheit wieder mal in einem Hintergrundartikel zu beleuchten ist. Es wäre übrigens auch interessant, die Umweltschäden aus der Uranverarbeitung mit den ökologischen Schäden anderer Rohstoffprozesse gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern zu vergleichen.

    Das Resultat dieser täglichen Selektionsprozesse ist jedenfalls die Medienvielfalt.

  11. Christof:

    @dcs: Merci für die Ausführungen, Herr Scruzzi. Mein Plädoyer gegen übersteigertes Konkurrenzdenken war keineswegs dahingehend zu verstehen, dass die SDA jede Meldung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens aufnehmen sollte. Es ging mir auch nicht darum, die Qualität von SF besonders hervorzuheben (dafür ist sie leider oft auch einfach zu schlecht, trotz den SRG-Eigenlobhudeleien) – dass es sich bei oben erwähntem Beispiel um eine SF-Recherche handelt, ist Zufall. Ich hätte auch andere Beispiele nennen können, die länger zurück liegen und von Printredaktionen stammten, in denen die gleichen Mechanismen funktionierten. Auch ist mir bewusst, dass die Urankreisläufe im Parlament ein Thema sind und wir es Greenpeace zu verdanken haben, dass wir erste Fakten kennen. Trotzdem: Mich dünkt, das Ausmass des „vermeintlichen“ Skandals, wie Sie es nennen, hätte nicht nur eine mediale Begleitung der daraus resultierenden politischen Folgerungen verdient, sondern auch ein ausführliches Ausleuchten der jahrelangen Vertuschungen und Schwindeleien. Dafür braucht es nicht den galoppierenden Herdentrieb, ein paar harte Nachfrager genügen. Und ja, hier schwingt etwas Empörung mit – ich finde, wir Journalisten sollten uns nicht die weitherum verbreitete Reaktion auf solche Enthüllungen angewöhnen: Shit happens sagen – und vergessen.

  12. mre:

    Treffende Kritik. Dumm nur, dass ausgerechnet die Zeitung „Sonntag“ das Ganze auf die Spitze treibt.

  13. Christof Moser:

    @mre(wer immer sie sind): Ich kann nur für die politische Berichterstattung sprechen: Fragen Sie mal in Bundesämtern und bei Politikern, welche Zeitung das übersteigerte Konkurrenzdenken auf die Spitze treibt. Sie werden zu einem anderen Resultat kommen.

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