Ein meritorisches Gut?

(Update, 6. November 2011: Eine ausführliche Version dieses Textes wurde am 3. November 2011 im «Tages-Anzeiger» sowie auf der Website von Avenir Suisse publiziert.)

Weshalb gilt das Angebot des Schweizer Fernsehens, ob «Musikantenstadl», Quizshow oder Match der Champions League, als Service public, den künftig sogar zwangsweise bezahlen muss, wer nie Fernsehen schaut? Die SRG und ihre Verteidiger operieren mit einem absoluten Killerargument, weil es sich auf alles und jedes anwenden lässt: Sie sprechen im Zusammenhang mit dem Angebot der öffentlich-rechtlichen Anstalten gerne von einem meritorischen Gut.

In der Ökonomie versteht man darunter ein Gut, das auf dem Markt ohne Subventionierung nicht in der gewünschten Menge angeboten würde. Gäbe es also ohne SRG mit Zwangsgebühren nur publizistischen Einheitsbrei, der die Mehrheit mit ihren fragwürdigen Vorlieben abfüttert, schlecht recherchiert und ideologisch verzerrt? Und gäbe es nur billigsten Boulevard ohne Tiefgang?

Bei der Information ist es offensichtlich, dass nicht nur der Service public das gefragte Gut bietet: Alltäglich konsumieren wir auch schwachen Journalismus im Fernsehen und guten in den Printmedien, die ohne Staatshilfe im Markt bestehen. Dazu kommt, dass seriöse Information bei weitem nicht das wichtigste Angebot der SRG darstellt. Unterhaltung und Sport machen mehr als die Hälfte des Programms von SF aus. Und das sind Sendungen, die auch Private anbieten, vielleicht zu höheren Tarifen als öffentlich-rechtliche Anbieter — aber Service public ist das wohl nicht.

Dank der Digitalisierung finden sich heute auch genügend Angebote selbst für winzige Minderheiten, sei es bei Information, Unterhaltung oder Sport. Diese Entwicklung, die wohl noch lange weiter gehen wird, erfordert eine grundsätzliche Überprüfung des Service-public-Gedankens bei den alten und den neuen elektronischen Medien. Denn es gibt eigentlich kaum einen Bereich der Wirtschaft, in dem es so wichtig ist, dass Private — natürlich im Rahmen einer staatlichen Ordnung — Produktion und Verbreitung übernehmen, wie bei den Medien. Es wäre, so provokativ das tönen mag, eigentlich weniger tragisch, wenn der Staat Nescafé oder Möbel produzierte, als wenn er beim Erstellen und Verteilen von politischer Information mitmischt. Information ist ein zu wichtiges Gut, als dass man es dem Staat überlassen dürfte.

Gerhard Schwarz ist Direktor von Avenir Suisse.

(Beim vorliegenden Text handelt es sich um einen Auszug aus einem Referat, das der Autor am diesjährigen Kongress des Verbands Schweizer Medien — aka Verlegerverband — gehalten hat. Der Text erscheint in den nächsten Tagen auch auf der Website von Avenir Suisse sowie im Informationsbulletin «avenir aktuell».)

von Gerhard Schwarz | Kategorie: Mediensatz

9 Bemerkungen zu «Ein meritorisches Gut?»

  1. Thomas Läubli:

    Das Killerargument wird von Gerhard Schwarz benutzt: Er diskrediert das Recht auf seriöse Information, indem er im ersten Satz Beispiele von Entertainment aufzählt. So kann er natürlich den schwachen Journalismus im Fernsehen dem guten in den Printmedien gegenüberstellen, um das Kind mit dem Bade auszuschütten. Faktisch ist es heute so, dass die Printmedien mehrheitlich nur noch Infotainment & Product Placement bieten. Umso wichtiger ist ein staatlicher Ausgleich dazu, damit der Staatsbürger nicht vollends durch den Newspeak der Wirtschaft zum (im übrigen ökonomisch veralteten) Modell des homo oeconomicus zwangserzogen wird. Freiheit vor Ideologie!

  2. Eine Debatte über den Service public ist sicher wünschenswert und trägt letztlich zur Medienqualität in der Schweiz bei – dabei muss auch Kritik an der SRG und natürlich an einzelnen Sendungen möglich sein.

    Erstens sollten aber auch Kritiker der SRG – und von Public Service Rundfunk im allgemeinen – doch eingestehen, dass wir hier nicht von Staatsrundfunk reden und niemand dafür ist „dem Staat die Information zu überlassen“. Schliesslich sind die Schweiz und andere Länder mit einem öffentlichen Rundfunk keine diktatorischen oder autoritären Staaten. Öffentliches Radio und Fernsehen werden – zum Glück – nicht von der Verwaltung produziert, sondern von unabhängigen Organisationen.

    Zweitens ist es problematisch, Service public nur über bestimmte Inhalte zu definieren. Die Organisation, welche die Inhalte produziert, spielt schliesslich auch eine zentrale Rolle. Werden die Inhalte nur mit Blick auf Quote und Gewinnmaximierung produziert, geht es also um den Verkauf eines möglichst kauffreudigen und kaufkräftigen Publikums an die Werbewirtschaft? Oder sollen die Programme auch dem öffentlichen Interesse dienen (wie man dieses auch immer definiert)?

    Und drittens halte ich, wenn wir schon markttheoretisch an die Sache herangehen, eine Gleichsetzung von Rundfunk und Presse für problematisch. Natürlich gibt es auch Printmedien die – marktfinanziert – guten Journalismus bieten (ob das auch künftig ohne Staatshilfe der Fall sein wird, steht auf einem anderen Blatt – ist aber auch ein anderes Thema). Aber wie viele Privatfernsehsender bieten Kultur, Information, Politikberichterstattung, eigenproduzierte Schweizer Filme? Solche Sendungen auf dem Markt, zumal in einem mehrsprachigen Kleinstaat, zu finanzieren, ist äusserst schwierig. Das wird auch die Digitalisierung nicht lösen. Zudem erreichen Pay-TV-Spartensender auch nicht die ganze Bevölkerung, was aber genau die Aufgabe des Service public ist.

  3. zunächst finde ich es gut, dass hier der avenir-suisse-chef seine position darstellt. so besteht zumindest eine kleine chance, dass er auch die antworten liest.

    mein erster subjektiver eindruck: wer das produkt medien mit dem produkt nespresso-kapsel vergleicht, hat etwas wesentliches nicht begriffen. dieses etwas hat etwas mit politischer kultur zu tun. herr schwarz schreibt explizit von der wirtschaft als DEN player im mediensektor, ohne klar zu sagen, welche wirtschaft er meint. in meiner optik sollten sich medien nicht nur um die wirtschaft kümmern, sondern um das grosse ganze. ein grosser medienkonzern in der schweiz hat sich vom journalismus ja bereits mehr oder weniger abgemeldet. solange ich damit rechenen muss, dass das andere konzerne auch tun werden, ist mir die finanzierung einer srg immer noch lieber.

    die 20% ernsthaften kontent, den die srg liefert, ist der preis allemal wert. tageszeitungen mit qualitätskontent gibt es in der deutschschweiz eh kaum eine hand voll und deren lokalteile fliegen weitgehend auf minderer qualitativer flughöhe.

    ganz zu schweigen von den sog. elektronischen lokalmedien wie lokalradios und lokalfernsehen. mit wenigen ausnahmen senden diese sender vorwiegend sachen, die mit staatstragender medienvielfalt nur wenig zu tun haben. um das mal etwas provokativ zu sagen.

    ich bin auch für eine starke private konkurrenz zur srg, keine frage. aber den privaten ist im zuge des medienwandels bisher, d.h. in den letzten 10 jahren, nicht viel mehr eingefallen, als die srg zu bashen und ihre veralteten geschäftsmodelle mit neuen gesetzen zu retten. böse gesagt: sie haben sich auf ihren fetten gewinnen aus der vor-internetz-ära ausgeruht und die entwicklung verschlafen, jetzt suchen sie ihr heil in der quasiabschaffung der öffentlich rechtlichen und in kruden forderungen à la leistungsschutzrecht.

    kurz und gut: solange die privaten nicht imstande sind, eine glaubwürdige medienvielfalt hochzuziehen, braucht es eine starke srg. ich bin überzeugt, dass das volk dies auch bestätigt, falls es zur entsprechenden gretchenfrage kommen wird.

    wie die privaten verleger sonst noch so mit öffentlich bezahltem wissen umgehen, kann man auch hier nachlesen:
    http://www.freitag.de/wissen/1139-geld-oder-wissen

  4. Die ewige Mär vom Staatsrundfunk.
    Upps, da muss wohl der Avenir Suisse Chef noch mal ein bisschen Hausaufgaben machen. Es ist oft nicht so einfach, wie es für ehemalige Journalisten den Anschein macht: Die SRG ist kein Staatsbetrieb, auch wenn z.B. eine Weltwoche das immer wieder in die Welt posaunt. Mit Verlaub, einen Staatsrundfunk wollte und will niemmand in der Schweiz. Weil aber Journalismus eben wichtiger ist als Instant Kaffee, kann es uns nicht gleichgültig sein, wer ihn unter welchen Bedingungen produziert. Der Wunsch nach einer öffentlichen Kontrolle ist da wohl nachvollziehbar. Dass mann – davon ausgehend- öffentlich über die Frage nachdenken soll, was dieser Service public zu leisten hat, ist ja wohl klar. Tut man ja auch. Damit ist aber nicht der Freipass verbunden, einfach unterkomplex zu kolportieren, die SRG sei ein Staatsbetrieb. Vom neuen Chef Avenir Suissse sollte man mehr erwarten können, auch wenn er mal ein Journalist einer Zeitung war.

  5. Hanspeter Spörri:

    In Erinnerung ist mir noch, dass Gerhard Schwarz eine klare Aussage machte, als er die NZZ verliess: «Mir fehlen die Perspektiven für einen beseelten Journalismus.» So wurde er jedenfalls in der ZEIT zitiert. Die NZZ stand damals unter extremem Spardruck und gab sich die Struktur eines gewöhnlichen Unternehmens mit einem CEO an der Spitze. Widerspricht er sich jetzt? Mit Blick auf die Medienlandschaft Italiens oder der USA kann man schon zur Auffassung gelangen, dass beseelter Journalismus ein meritorisches Gut ist – ganz sicher bei den elektronischen Medien.

  6. Lukas Egli:

    Aber dann, Herr Spörri, müsste dringend jemand am Leutschenbach eine Seele überbringen gehen. Das neuste, superlativisch angepriesene Gefäss des SF wird von einem ins Alter gekommenen Plappermaul aus Privat-Radio/TV bestritten. Beseelter Journalismus? Ich weiss nicht. Eher musikantenstadelsche Talkshow. Nachwuchsförderung? Fehlanzeige!

  7. Hanspeter Spörri:

    @Lukas Egli – Ich ärgere mich ja auch hin und wieder über Biederes, Anbiederndes, Anmassendes, Einseitiges oder Grossspuriges beim Schweizer Fernsehen. Insgesamt aber sind die Sendungen in meiner Wahrnehmung informativer, verlässlicher, ausgewogener, professioneller, als es einzelne Stellungnahmen in Printmedien vermuten lassen. Die SRG-Kritik ist meines Erachtens oft pauschalisierend und zudem widersprüchlich: einerseits werden sinkende Einschaltquoten moniert, anderseits wird kritisiert, das Fernsehen orientiere sich allzu sehr nur an den Einschaltquoten.

  8. Skepdicker:

    Wenn es meritorische Güter tatsächlich gibt (was nicht unumstritten ist), dann ist das Schielen auf die Einschaltquote völlig verkehrt. Es gibt viele gute Gründe, die SRG zu kritisieren. Man kann ihr aber nicht angeblich zu tiefe Einschaltquoten um die Ohren hauen und gleichzeitig eine Fokussierung auf den Kern des Service Public fordern. Das ist logisch widersprüchlich.

    Ein meritorisches Gut wird ja gerade dadurch definiert, dass die angeblich angemessene Nachfrage ausbleibt. Folglich müsste es Aufgabe der SRG sein, primär meritorische Güter anzubieten. Dies würde zwar zu tiefen Einschaltquoten führen, würde aus rationaler Sicht aber den Service Public der SRG legitimieren.
    Programme mit hohen Einschaltquoten, die nicht als meritorische Güter gelten können, könnten hingegen ohne Probleme auch von Privaten angeboten werden. Fussball, Formel 1, Hollywood-Filme und US-Serien sind mit Sicherheit keine meritorischen Güter – und generieren dank grosser Nachfrage grosse Einnahmen.

    PS @ Thomas Läubli: Statt über die Schiene „öffentliches Gut“ Subventionen für Ihre Branche zu fordern, satteln Sie doch lieber auf „meritorisches Gut“ um. Ich glaube aus philosophischen Gründen zwar nicht an die Existenz meritorischer Güter – geht man jedoch von deren Existenz aus, dann wäre Avantgarde-Musik wohl ein Schulbuch-Beispiel dafür. ;-)

  9. Thomas Läubli:

    @Skepdicker: Widersprüchlich sind Sie. Ich kann Ihnen absolut zustimmen, dass Entertainment besser den Privaten überlassen werden soll (also Fussball, Formel 1, U-Musik und US-Serien). Das einzige, was ich an Schwarzens Argumentation kritisiert habe, ist der Übergang von den Beispielen des Entertainment zur Information per se. (Infotainment haben wir in den Tageszeitungen und auf den Privatsendern schon genug.) Und das ist schon rein logisch ein non sequitur.

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