Herr S. ist zu fett

Fett ist er geworden, in die Jahre ist er gekommen, selbstzufrieden, besserwisserisch, wankelmütig kommt er mir vor. Ein vergnüglicher Zeitgenosse ist er zurzeit jedenfalls nicht. Es mag täuschen, aber er war früher besser informiert, deutlich besser, obwohl er heute alle möglichen Nachrichtenquellen frei zur Verfügung hat. Ob er sie nutzt, ist zweifelhaft. Er neigt zu emotionalen Entscheiden aus dem hohlen Bauch heraus. Risiken verabscheut er. Lieber klammert er sich ans Altbewährte.

Damit ist er in den letzten Jahrzehnten sehr gut über die Runden gekommen. Abgesehen von seiner häufig schlechten Laune geht es ihm insgesamt prima, obwohl er selber das ganz anders sieht. Er leidet am Harpagon-Syndrom (= Wahn, dauernd bestohlen zu werden). Seine Nachbarn schielen gelegentlich etwas neidisch herüber, wenn er so breitbackig da hockt, vertieft ins unverständliche Selbstgespräch. So richtig beliebt ist er in der Nachbarschaft nicht. Er gilt als leicht schrullig, aber man respektiert ihn und lässt ihn machen.

30 Grad um die eigene Achse

So kommt er mir vor, der träge gewordene Schweizer Souverän, der über alles letztgültig entscheiden will, von der Trottoirerweiterung bis zu hochkomplexen Staatsverträgen. Aber er vernachlässigt immer öfter seine Pflichten. Der Herr lässt sich gehen, ist häufig sprunghaft, missgelaunt und eben: schlecht informiert. Selbst Parlamentswahlen kümmern ihn peripher. Sein wachsendes Desinteresse ist nicht allein seine Schuld. Man kann nicht erwarten, dass er seine Zeitungslektüre 30 Grad um die Achse dreht (s. dazu hier), um zu verstehen, worüber und über wen er da gerade entscheidet.

Aber es gibt keinen Zweifel: Der Souverän ist vom wachsenden Entscheidungsdruck massiv überfordert. Er ist abgespannt, müde, und eigentlich möchte er am liebsten alles an einen stellvertretenden Führer delegieren.

Das kommt nicht gut.

Kein rohes Ei

Man muss ein ernstes Wort mit ihm reden, ihn nicht wie ein rohes Ei behandeln, sondern gelegentlich auch mal anbrüllen: So nicht, Herr Souverän! Reissen Sie sich gefälligst zusammen.

Das können nur die Medien. Aber wie?

Den Ermatteten zu informieren ist anspruchsvoll. Er langweilt sich schnell. Die Medien stossen an ihre Grenzen, insbesondere, wenn es um komplexe Themen und Zusammenhänge geht: EU, Schweizer Franken, Finanzkrise, Globalisierung und ähnliches.

History – aber richtig verstanden!

Ich hätte da eine Idee, besonders für Sonntagszeitungen, Wochenendausgaben und natürlich für das recht lustlos dahinblubbernde Schweizer Fernsehen: Geschichte, spannend als journalistisch aufgemotzte Geschichten erzählt, könnte den Herrn Souverän interessieren. Aber kein abgestandener Schmock, sondern Geschichte mit Bezug zur Aktualität. Ein total vernachlässigtes Genre. Dabei sind Geschichtsdokus auf vielen deutschsprachigen TV-Kanälen (ausser SF), ebenso die «Spiegel»-Extension «Geschichte» und ähnliche Angebote ein beachtlicher Publikumserfolg. Die Leute wollen nicht dauernd nur mit Aktualitäten, Newsli und synthetischen Interviews beschmissen werden.

Beispiel: Die meisten Schweizer haben nur eine äusserst vage Ahnung, wie ihr Land zu dem wurde, was es ist. Sie glauben, es sei immer so gewesen. Aber bloss keine Morgartensaga! Weg damit!

1847: Die Schweiz ist aus einem kurzen, aber heftigen Bürgerkrieg hervorgegangen (86 Tote, 401 Verwundete; 6’179’626,55 Fr. Kosten). Ohne diesen Bruderkrieg wäre das Land unter die Nachbarn aufgeteilt worden. Todsicher.

Wie ist das alles entstanden?

Unter enormen Mühsalen und keineswegs gradlinig. Acht Kantone lehnten den Betritt zur Schweiz rundweg ab (SZ, ZG, VS, UR, OW, NW, TI, AI) – darunter Kantone, die sich heute gern als die grössten Patrioten gebärden. Sieben Kantone korrigierten nach und nach kleinlaut ihren historischen Irrtum. Die Appenzeller haben nie ja gesagt, sind daher bis heute keine echten Schweizer, nur Eidgenossen. Sagt das denen mal jemand? Sie stimmten lediglich «hönnedöri» (hintenrum) 1874 der neuen Verfassung klammheimlich zu, mit 36 Jahren Verspätung und ziemlich unlustig. Schöne Patrioten!

Al Kaida ticinese

Im Tessin gab es ein Terroristennetzwerk gegen das radikale Regime: Al Kaida ticinese. Aufstände! Todesstrafen! Verbannungen! Die ersten Bundesanleihen wurden nur schwach gezeichnet. Niemand traute dem neuen Staatsgebilde. Erst ausländische Investoren retteten die junge Schweiz vor dem finanziellen Kollaps. Sooo lange ist das ja noch nicht her. Ganze Landstriche waren verarmt, Gemeinden entledigten sich ihrer Sozialhilfeempfänger zu Tausenden mit Deportationen nach Latein- und Nordamerika. Die politischen und ideologischen Gegensätze blieben schroff. Man musste Wege suchen, Institutionen und Abstimmungsverfahren entwickeln, um ordentlich miteinander umzugehen.

Währungsunion mit Griechenland

Die gemeinsame Währung war viele Jahre heftigst umstritten. Der Franken galt als schäpprige Valuta. 62 Jahre lang war die Schweiz Mitglied der Lateinischen Münzunion mit Frankreich, Belgien, Italien – und Griechenland. Deren Gold- und Silbermünzen galten bis 1927 als offizielles Zahlungsmittel in der Schweiz. Die Nationalbank ist gerade einmal 104 Jahre alt.1936 musste der Franken um 30 Prozent abgewertet werden, 1945 bis 1975 war der Franken fest an den US-Dollar gekoppelt.

Tausend spannende Geschichten …

… aber kaum je richtig erzählt, sicherlich nie als spannende journalistische Stories. Brachliegende Wochenendlektüre mit Aktualitätsbezug. Die Schweiz Mitte des 19. Jahrhunderts war die Mini-EU des 20. Jahrhunderts, mit den gleichen Geburtswehen. Es gab Regionen, etwa das Tessin, rückständiger als das Kosovo. Die Tessiner waren die Kosovaren der Schweiz, Innerhödler die Landtürken aus Hinteranatolien. Die Unterschiede waren riesig. Reichere Kantone musste im eigenen Interesse vom Reichtum abgeben, damit andere nicht absackten und alle in den Abgrund rissen.

Irgendwie kennt man das. Ein Steinbruch voller spannender Stories, die eine neue Dimension öffnen können. Man muss allerdings Pickel und Hacke zur Hand nehmen. Der Souverän, der faule, wird den Schweiss der Fleissigen zu danken wissen.

Herr S. braucht einen medialen Tritt in den Hintern!

Fred David ist seit 40 Jahren Journalist (u.a. «Spiegel»-Redaktor, Auslandkorrespondent der «Weltwoche», Chefredaktor von «Cash»). Er lebt heute als freier Autor in St. Gallen. Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Fred David | Kategorie: Mediensatz

20 Bemerkungen zu «Herr S. ist zu fett»

  1. «Ein Steinbruch voller spannender Stories, die eine neue Dimension öffnen können»: Tatsächlich! Vieles in diesem Text klingt erstaunlich und erfrischend. Aus jedem Abschnitt könnte man eine spannende Zeitungsseite machen. An die Arbeit, Fred! Es braucht dringend ein Gegengewicht zu Onkel Rogers Märchenstunden (O-Ton Köppel: «Tell, der John Wayne der Urschweiz» usw).

    «62 Jahre lang war die Schweiz Mitglied der Lateinischen Münzunion mit F, B, I – und Griechenland»: Super Pointe! :-)

    «Ohne diesen Bruderkrieg wäre das Land unter die Nachbarn aufgeteilt worden»: Auch das ist eine spannende These, die ich so noch nirgends gelesen habe. Schade, dass es nicht so weit kam. Die 80 Toten und 5 Mio Ausgaben für den Sonderbundkrieg haben sich nicht gelohnt. Wenn wir, wie das auch Gaddafi intelligenterweise vorschlug, Deutschland beitreten würden, hätten wir statt einem verschlafenen Nest eine lebendige Metropole als Hauptstadt (Ronnie Grob würde mir in diesem Punkt sicher zustimmen). Das alleine wäre schon ein guter Grund. Die Romands mögen uns sowieso nicht, und das Tessin als Anhängsel macht keinen grossen Sinn. (Martin Hitz, bitte nicht weiterlesen) Die Bündner könnten selber entscheiden, ob sie Österreich oder Italien beitreten möchten.

  2. @Bobby California: Die Bündner holen sich das Veltlin zurück und gründen einen eigenen Staat. Ha!

  3. Lukas Egli:

    @ Fred David: Das habe ich (gern) gelesen – bis zum WOZ-Link. Leider ein denkbar schlechter Zeuge für eine bessere Medienlandschaft. Wurde der angegriffene Politologe Michael Hermann mit den Vorwürfen konfrontiert? Wollte er sich nicht äussern? Man weiss es nicht. Das ist erstaunlich. Immerhin gerät in der kleinen Skandal-Story unsere gesamte Demokratie in Gefahr. Ich würde sagen: Polit- und/oder Recherche-Journalismus, Lektion 1 – Note: ungenügend. Damit sind wir von einer medialen Erweckung eines Ermatteten noch sehr, sehr weit entfernt.

  4. Andreas Stricker:

    Was soll denn so falsch sein an dem WOZ-Artikel? Die vom Tagi publizierte Grafik war schlicht falsch. Wenn die Fakten so klar auf dem Tisch liegen, kann man nachfragen, muss aber nicht. Hauptsache die WOZ hat wieder mal was publiziert, was andere schlicht verschlafen oder nicht mal gemerkt hätten – vielleicht sogar inklusive dem Tagi selber.

    Gratulation an Fred David zu dieser überaus lesenswerten Analyse.

  5. Lukas Egli:

    @ Andreas Stricker: «Hauptsache der/die hat wieder einmal…» ist natürlich immer ein super Argument, vor allem wenn die Dinge so total glasklar liegen. Vielleicht konsultieren Sie dennoch gelegentlich einen Pressekodex oder setzen sich mit dem Grundsatz des rechtlichen Gehörs auseinander. Hat irgendwas mit Fairness und journalistischen Standards zu tun oder so.

  6. Andreas Stricker:

    @Lukas Egli: Man kann jetzt zugegebenerweise darüber streiten, ob dem WOZ-Artikel ein gewisser Formfehler unterliegt, der für den Wahrheitsgehalt jedoch irrelevant ist. Interessant finde ich, dass Sie dieser kleine allfällige Formfehler viel mehr aufzuregen scheint als der doch massive und folgenreiche Lapsus des Tagi und seiner Politologen (die ja durchaus auch selber die Möglichkeit gehabt hätten, ihren Fehler rechtzeitig selber richtigzustellen). Nicht nur für die direkt Betroffenen (Politiker, interessierte Wähler), sondern auch für die demokratische Meinungsbildung ganz allgemein ist es aber ausgesprochen wichtig, dass hier jemand für Aufklärung sorgt. In diesem Sinne danke auch an die WOZ fürs publik Machen.

  7. Lukas Egli:

    @ Andreas Stricker: Wissen Sie, warum ich (und ca. 7,8 Mio potenzielle Leser in der Schweiz) die WOZ nicht lesen? Weil die offenbar das Einmaleins nicht beherrschen. Würde Michael Hermann damit an den Presserat gelangen, eine Beschwerde wäre der WOZ sicher – egal, ob der erhobene Vorwurf richtig war oder nicht (ich weiss das aus Erfahrung). Falls sich die WOZ also als Retterin der Demokratie aufspielen will, muss sie mehr bieten als solche Amateur-Primeure, die mehr an Propaganda erinnern, denn an seriösen Journalismus. Aber vielleicht haben die ja kein Telefon… Und für den Fall dass Sie, Herr Stricker, mehr über den Fall erfahren wollen, als das, was Sie schon zu wissen glauben, hier stehts: http://www.kleinreport.ch/news/michael-hermann-bei-politkarten-gibt-es-keine-objektive-wahrheit-66848.html

  8. Markus Schär:

    weil es hier leider keinen Like-Button gibt:

    gut gebrüllt und alles gesagt, Egli!

  9. Fred David:

    Vielleicht meldet sich ja mal der Politologe Michael Hermann, und sagt uns hier, was seine Sache ist. Und dann sagt der WOZ-Autor, was seine Sache ist.

    Vielleicht sind wir dann alle schlauer.

    Wenn schon die technischen Möglichkeiten da sind, benutzen Sie sie doch, meine Herren.

    Medienspiegel.ch eignet sich zu einem gepflegten Schlagabtausch vor interessiertem Publikum an relativ neutralem Ort.

    The floor is yours.

    (sorry, Martin Hitz, du bist der Hausherr, ist dein floor, den ich hier grosszügig für ein womöglich interessantes Duell „missbrauche“)

  10. Fred David:

    Da das Duell wegen sonnig-herbstlichem Wetter offenbar ausfällt, hier ein paar Zitate von Prof. Hermann aus dem „Kleinreport“ (s.oben):

    «Die Diskussion ist interessant. Ich finde es richtig, dass meine Arbeit hinterfragt wird. Bei Politkarten gibt es nun mal keine objektive Wahrheit»

    „Der Begriff liberal kann unterschiedlich ausgelegt werden“

    „Die Distanzen auf der Achse links/rechts wären eigentlich grösser als auf der Achse liberal/konservativ“

    „Politkarten und Ratings sind Denkerweiterungen und nicht Denkprothesen“

    Mir sagt das: Diese Diagramme geben interessante Denkanstösse, aber sie sind doch sehr relativ zu nehmen, spielerisch mit wissenschaftlichem Hintergrund.

    Auch mir ist unverständlich, warum die WOZ diese Auseinandersetzung nicht selber geführt hat. Es geht ja nicht gleich „um die Rettung der Demokratie“, aber interessant ist dieser Hintergrund schon. Von beiden Seiten.

    By the way: Medienwissenschaftler! Wie wärs denn mal mit solchen Diagrammen zu Medien oder einzelnen Medienschaffenden? Mit aller gebotenenen Relativierung, versteht sich.

  11. «Da das Duell wegen sonnig-herbstlichem Wetter offenbar ausfällt»
    Das Duell fällt nicht aus, sondern findet offenbar in der nächsten WoZ statt:

    @mhermann «@Wochenzeitung bin gerne für eine Replik zu haben in der nächsten Ausgabe zum „richtigen“ Dreh in der Politlandschaft» 21 Sep

    @Wochenzeitung «@mhermann_ Selbstverständlich… Bitte mailen sie an inland@woz.ch, damit wir die Details klären können…» 22 Sep

  12. Andreas Stricker:

    @ Lukas Egli und Markus Schär: Die Frage ist ja primär mal die: Wer ausser der WOZ hat es sonst geschrieben bzw. überhaupt gemerkt? Spüre ich da etwa einen leisen Konkurrenzneid heraus…? Der Artikel mag im genannten Punkt einen handwerklichen Mangel haben, was aber nichts am Informationsgehalt ändert.

    Wenn ich die Zeit für sowas hätte, würde ich jetzt mal Tagi, NZZ, 20 Minuten, Weltwoche & Co nach Artikeln durchforsten, bei denen nicht alle Zitierten „angemessen“ um Stellungnahme nachgefragt wurden oder gemessen an http://www.presserat.ch/12710.htm andere „handwerkliche Fehler“ enthalten. Ich bin sicher man könnte nur damit locker einen eigenen Blog füllen.

  13. «Ich bin sicher, man könnte nur damit locker einen eigenen Blog füllen»: Selbstverständlich könnte man das locker machen, und erst noch mit geringem Aufwand. Es würde genügen, die Urteile des Presserats zu überfliegen. Stichwort: «Anhörung bei schweren Vorwürfen». Damit befasst sich der Presserat sehr oft. Ein paar Müsterchen:

    «Zudem habe hm-hm vor der Veröffentlichung des Berichts lediglich hm-hm angehört.»

    «Und zu zentralen Unterstellungen sei weder hm-hm noch hm-hm angehört worden.»

    «Zudem habe hm-hm die Beschwerdeführerin in ihrer Möglichkeit beraubt, sich zu den Behauptungen seiner Informanten zu äussern.»

    EInige der Sünder sind so renommiert, dass es sich verbietet, von einem Anfängerfehler zu sprechen (obwohl es eigentlich ein Anfängerfehler ist). Ob die WoZ Hermann zwingend hätte anhören müssen, ist für mich aber nicht ganz klar. Vorsichtshalber hätte ich es wahrscheinlich gemacht.

  14. Fred David:

    Danke für den Input. So kommt eins zum andern. Es ist offensichtlich ein Thema, auf das sich die Branche einlassen sollte, und die WoZ spielt wieder auf Vorteil; sie hat uns ja erst drauf gebracht.

  15. Zurück am Computer nehme ich gerne Stellung. Die WOZ gibt mir in der nächsten Ausgabe angemessen Platz, das Ganze aus meiner Perspektive zu schildern. So gesehen kann ich gut damit leben, dass ich nicht gefragt wurde.
    Was ich ein bisschen befremdlich finde, ist die Art der Argumentation. Die Kritik wird nicht inhaltlich unterlegt, sondern sie wird mit dem altbekannten rhetorischen Kniff des «argumentum ad verecundiam» (dem Beweis durch Ehrfurcht) begründet. Es wird die Autorität der Politikwissenschaft ins Feld geführt, um mich (der ich noch nicht mal Politologe bin!) eines Fehlers zu bezichtigen. Damit wird suggeriert, dass es genau eine richtige und objektive Umsetzung der politischen Landschaft gibt.
    Was jedoch fehlt ist die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Dimensionen. Bei der von mir verwendeten Version des politischen Raums sind auf der vertikalen Achse nicht nur gesellschafts-, sondern auch wirtschaftsliberale Themen abgebildet. Bei den in der Politologie verwendeten Darstellungen wird die Vertikale meist als reine Gesellschaftsdimension operationalisiert, entsprechend «liberaler» ist dort die Linke. So einfach ist das.
    Kritische Zeitungsberichte finde ich gut, denn sie helfen das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass es sich hier um soziale Konstrukte handelt. Noch besser wäre es, wenn sie die Kritik auf inhaltlichen Argumenten abstellen würden.

  16. Fred David:

    @)Herr Hermann, danke für Ihre Antwort. Ich verstehe es so, dass die Definition der Begriffe „liberal“ und „Liberalismus“, da äusserst schwammig, schwierig ist.

    Da müssten eigentlich unsere Berufsliberalen ran. Aber die drücken sich drum, weil sie wissen, dass Wirtschafts- bez. Marktliberalismus (im Grund eine kaschierende Umschreibung von persönlichem Egoismus, der, so die gängige Definition, mit seinem Erfolg letztlich dem Ganzen wieder nützen soll) etwas völlig anderes ist als Liberalismus im gesellschaftspolitischen Sinn.

    Insofern drückt die Unschärfe bei diesem Punkt in den Diagrammen die bewusst offen gelassene Unschärfe in der politischen Diskussion aus.

    Liberalismus à discrétion führt überall zur Verwirrung: ein gesellschaftliches Phänomen. In der Schweiz gipfeln solche Definitionen zwangsläufig in Fragen wie: Ist es liberal, eine Grossbank mit Steuergeldern zu retten? Ist es liberal, den Frankenkurs mit staatlichen Eingriffen zu regulieren? usw. usw.

  17. Yves Wegelin:

    Aus Freude an der offenen Auseinandersetzung und an der ebenso demokratischen Reaktion von Michael Hermann auf die Kritik, antworte ich gerne. Das im Artikel verwendete Wort «falsch» bedeutet nicht, dass es sich in der Karte um einen handwerklichen Fehler handelt. Ob ein solcher vorliegt oder nicht, kann ich nicht beurteilen, da ich die Methode von Michael Hermanns Analyse nicht kenne und man bei der Konstruktion einer solchen Karte, insbesondere bei der Ausrichtung bzw. Definition der beiden Dimensionen, tatsächlich einen grossen Spielraum besitzt.

    Was ich jedoch feststelle, ist: Die Grünen werden als konservativer dargestellt als die SVP.

    Nun kann Michael Hermann argumentieren, dass seine Liberal-Konservativ-Dimension nicht nur gesellschaftspolitische, sondern auch wirtschaftliche Fragen umfasst. Nur: Es ist ja gerade die Links-Rechts-Dimension, die über die wirtschaftlichen Positionen Aufschluss geben sollte. Ich sehe keine stichhaltige Begründung dafür, einige wirtschaftliche Aspekte in die Liberal-Konservativ-Dimension zu integrieren. Die Unterscheidung politischer Positionen anhand einerseits wirtschaftlicher und andererseits gesellschaftspolitischer Fragen ist nicht nur in der Politikwissenschaft üblich: Sie spiegelt sich in jeder philosophisch-politischen Theoriedebatte der Moderne.

    Und noch viel wichtiger: Sie entspricht dem allgemeinen Verständnis und dem Gebrauch in der breiten Bevölkerung.

    Wenn Michael Hermann dieses allgemeine Verständnis schon beiseite schiebt, dann wäre es das Mindeste, die beiden Dimensionen an einer prominenten Stelle explizit zu definieren. Dies wird jedoch einzig an einem Ort im Fliesstext getan, mit dem Hinweis, die Dimension (liberal-konservativ) lasse sich als «Öffnungs- bzw. Modernisierungsachse» interpretieren. Nebenbei: Inmitten einer historischen Wirtschaftskrise irgendwelche (nicht deklarierten) wirtschaftsliberalen Positionen als «offen» bzw. «modern» zu interpretieren ist reine Ideologie.)

    Wenn mir zwei potenziell grün wählende Menschen unabhäng voneinander erzählen, sie würden nun – nachdem sie die Karte von Michael Hermann gesehen hätten – vielleicht trotzdem nicht die Grünen wählen, weil sie Konservative nicht mögen, finde ich das nicht nur problematisch – ich bleibe dabei: Solche Politlandkarten, die in den auflagenstärksten Zeitungen der Schweiz publiziert werden, kratzen an der Demokratie.

  18. @michael hermann, schön dass sie online unterwegs sind und sich nicht zu schade sind auch mal in einem kommentar stellung zu nehmen. schade, ist das keine gewohnheit unter schweizer journalisten.

    @fred david. schon mal crowdfundingplattformen wie http://www.spot.us/ ausprobiert. wäre wahrscheinlich seit langem wieder einmal bereit, geld für online content auszugeben ;) ideen wären ja genug vorhanden. und sinn macht eine finanzierung im vorherein durch den „konsumenten“ sowieso vielmehr aus meiner sicht (http://adrianoesch.wordpress.com/2011/05/30/uber-copyright-in-der-digitalen-welt/)

  19. PS: hab grad eine deutsche plattform entdeckt. http://mediafunders.net/projekt/ – loooos! ;)

  20. Fred David:

    …und das wollte ich zum oben erwähnten Duell dann doch noch nachtragen http://www.woz.ch/artikel/inhalt/2011/nr41/Kultur%20/%20Wissen/21266.html

    Ich finde, solche Auseinandersetzungen sollten sich auch grössere Medien leisten. Man ist danach klüger als zuvor.

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