Migrationsdebatte live aus unserem Schlafzimmer

«Kosovaren schlitzen Schweizer auf!» Der neue Slogan der SVP dringt gerade noch knapp zu mir durch. Immerhin laufen seit vier Wochen Kosovaren durch unser Schlafzimmer, als wär’s der Busbahnhof von Pristina. Ich sitze nämlich — nein, keine Sorge, leider nicht wieder auf einer einsamen Insel —, sondern auf einer wüsten Baustelle. Unser Haus hat gebrannt, jetzt müssen die Mietwohnungen totalsaniert werden.

Das heisst, wochenlang geben sich nicht nur Kosovaren die Klinke in die Hand, sondern auch Türken, Tamilen, Polen, Ungarn, Marokkaner, Schwarzafrikaner — you name them, we’ve got them. Es sind Brandreiniger, Wasserschadenreiniger, Maler, Bodenleger, Parkettleger, Fugenspritzer, Gerüstebauer, Teppichherausreisser, Wandverputzer und einige, von denen man nicht so genau weiss, was sie eigentlich tun (sie seien «nur temporär», erklären sie den Umstand). Sie sprechen Dutzende von Sprachen, es wuselt und tönt wie im Turm zu Babel. Und falls sie aus der Schweiz kommen, verstehen sie manchmal auch ein bisschen Schweizerdeutsch.

Viele kommen aber auch aus Deutschland, und einige scheinen kein Wort Hochdeutsch zu verstehen. Der Arbeitertrupp aus Deutschland wird, wie ich nach und nach erfahre (meine Fremdsprachen helfen mir wenig, wir verständigen uns mit Wortschnipseln und Zeichensprache), jeweils Sonntagnacht im Minibus über die Grenze gekarrt (in diesem Fall aus der Gegend von Dortmund, immerhin etwa sechshundert Kilometer entfernt). Am Montagmorgen um sieben stehen sie dann bei uns auf der (verbrannten) Matte und beginnen nach der langen Nachtfahrt ihr hartes Tagwerk. In Deutschland, sagen sie, hätten sie keine Arbeit, weil ihnen dort die Billigarbeiter aus dem Osten den Verdienst wegnähmen. Die im Osten hätten keine Arbeit, weil denen die Billigarbeiter aus Polen den Verdienst wegnähmen. Die in Polen … und so weiter.

Es sind nette, hilfsbereite Männer, auch wenn einige von ihrem jeweiligen Handwerk offensichtlich keine Ahnung haben. Sie sind dankbar, dass unsere Kaffeemaschine noch funktioniert und wir sie in den Pausen mit Koffein versorgen. Geduldig warten sie meine Nervenzusammenbrüche ab, wenn die Brandreiniger, schwarz vor Russ, noch das letzte Eckchen erneut verdrecken, das ich soeben dem Chaos als möglichen Schlafplatz für die kommende Nacht abgerungen habe.

Dass die Kosovaren uns, einen gebürtigen Aargauer, eine gebürtige Appenzellerin und beide eingekaufte Zürcher, demnächst aufschlitzen könnten, kommt mir keinen Moment in den Sinn. Es wäre zu diesem Zeitpunkt auch meine geringste Sorge. Aber ungefähr beim fünftausendsten Buch, das wir zusammen mit den Männern in die Reinigungskisten packen, kommt mir als Gewerkschafterin schon mal der Gedanke, ob in der Schweiz tatsächlich alle Arbeitslosen für solche Arbeiten überqualifiziert sind. Oder bloss dafür unterbezahlt werden. Und wann ich eigentlich zum letzten Mal etwas über Ursachen, Folgen und Strukturen der Personenfreizügigkeit gelesen habe, und nicht bloss über ihre Funktion als Wahlkampfthema.

Heute, wo wir das Schlimmste hinter uns haben, Radio, Fernseher und Computer wieder funktionieren und Zeitungen nicht nur als Unterlagen für schmutzige Arbeitsstiefel benutzt werden, frage ich mich einmal mehr, warum die Migrationsdebatte in unseren Medien praktisch ausschliesslich als ideologische, als Integrationsdebatte, geführt wird. SVP-Bashing im «linken Medien-Mainstream», Links-und-Nett-Bashing im rechten «anti-linken-Medien-Mainstream», ein bisschen Wahlkampf hier, ein bisschen Wahlkampf dort, und dazwischen die «Kosovaren, die Schweizer aufschlitzen» (und statistisch erhärtet tatsächlich einen so schlechten Ruf haben, dass nur noch die «Weltwoche» es wagt, ihren Kriminalitäts- und Sozialhilfequoten auf den Grund zu gehen).

Wo und wie oft aber wird der Migrations-Kreislauf thematisiert als Folge der neoliberalen Revolution, die so tut, als ob alle von offenen Grenzen profitieren würden? Und nicht vor allem die Profiteure einer Wirtschaftselite, die seit Jahren die Gewinne einstreicht und die Kosten vergesellschaftet? Wie viel billiger muss harte Arbeit werden, bis wir aufhören, immer noch ärmere Arbeitskräfte ins Land zu holen oder hereinzulassen? Oder die Produktion auszusiedeln in die billigsten, will heissen ärmsten Weltgegenden? Welch hohen wirtschaftlichen Profit für wie wenige und welch hohe gesellschaftspolitische Kosten für wie viele nehmen wir in Kauf, bis wir den Drohungen der Wirtschaft nicht mehr glauben, dass sie ohne Personenfreizügigkeit augenblicklich tot umfällt?

Warum akzeptieren die SP, die Gewerkschaften und die sogenannt linksliberalen Medien das europäische und globale Lohndumpingsystem, das sich vor unseren Augen abspielt, so widerspruchslos? Ihre Angst, mit dem politischen Gegner im gleichen Boot zu sitzen, wenn es darum ginge, die Migration zu regulieren, macht sie blind für die politischen Folgen ihrer Versäumnisse. Sie sind wie die Bischofskonferenz, die sich nach eigenen Aussagen vermehrt politisch äussern will und nun auf der billigen Empörung gegen einen billigen Slogan mitreitet: die «gotteslästerliche Menschenverachtung», als die sie den blöden SVP-Spruch geisselt, beginnt viel früher. Nämlich dort, wo wir so tun, als sei es gottgegeben, dass Kamele problemlos durchs Nadelöhr gehen, während weltweit Massen von Menschen mühsam zwischen Armutsgrenzen hin und her migrieren müssen.

Pia Horlacher war Film- und Kulturredaktorin beim Schweizer Fernsehen, bei der «NZZ» und bei der «NZZ am Sonntag». Als Mitglied des Presserats befasst sie sich auch mit Medienfragen.

von Pia Horlacher | Kategorie: Mediensatz

22 Bemerkungen zu «Migrationsdebatte live aus unserem Schlafzimmer»

  1. Ich kenne die Situation in Ihrer Wohnung nun wirklich nicht, Frau Horlacher, aber wenn die Arbeiter, die sie wieder wohnlich machen, aus Dortmund! herangekarrt werden, dann war irgendjemand in der vermutlich nicht ganz so kurzen Kette der Auftragsvergabe nicht bereit, einen für die Arbeit angemessenen Preis zu bezahlen.

    Wer spart oder geizig ist, nein, ich möchte das hier niemandem konkret unterstellen, muss auch mit den Konsequenzen der Billigarbeit rechnen. Mich erstaunt immer wieder, wie wenige Leute auch nur einen Gedanken an die Auswirkungen ihres Kaufverhaltens verschwenden. Denn Geiz ist nicht geil, wie ein Medienmarkt so penetrant und immer wieder behauptet. Geiz beutet auch aus. Und wenn nicht in der Schweiz, dann in Vietnam oder China.

    Vielleicht sollten wir alle, die Kapital einsetzen, das etwas bedachter tun. Denn Politik, das ist nicht nur das, was die Politiker tun, sondern auch das, was jeder selbst tut.

  2. Christof Moser:

    Grossartige Kolumne!

  3. Christa Baumgartner:

    intelligent, witzig, wahr. Dankschön.

  4. Peter Zweig:

    Gut geschrieben, Frau Horlacher, nur den Gewerkschaften zu unterstellen sie kämpften nicht gegen das Lohndumping ist eher absurd, korrekt ist dagegen, dass das Thema im tendenziell links-liberalen Tagesanzeiger kaum Platz findet. In der NZZ sowieso nicht. Es gibt eine Zeitung, die aber oft über Mindestlöhne etc. spricht: die http://www.workzeitung.ch/ Aber Mindestlöhne und gewerkschaftliche Forderungen werden ja von den Arbeitgebervertretern vehement und erfolgreich bekämpft. Sich erst jetzt der Folgen der PFZ bewusst zu sein finde ich blauäugig, und alles auf die PFZ zu schieben wie es die SVP macht, denn schon vor der PFZ waren solche Verhältnisse auf Baustellen Usus, Dank GATTs etc. — Dabei hat ATTAC in den 90ern darauf aufmerksam gemacht, doch die Arbeitgebervertreter haben sich schon in den 90ern durchgesetzt. Doch statt dass eine schlagkräftige Initiative für Mindestlöhne zustande kommt, schafft es das Arbeitgeberlager mit Ablenkungs-Manövern wie dem bedingungslosen Grundeinkommen die Linke zu spalten. Die Argumente für Lohndumping sind übrigens zahlreich, da ist die PFZ nur eines von vielen, gerade aktuell ist es, wenn ich mich nicht irre der starke Franken. Ich empfinde es deshalb als einen Angriff auf meine Intelligenz, wenn Frau Horlacher gegen die SP, Bischofskonfernz etc. wettert, aber nie das Wort Mindestlohn erwähnt, sondern indirekt der Weltwoche und der SVP recht gibt.

  5. Skepdicker:

    Eigentlich ist es ziemlich einfach:

    1. Der siamesische Zwilling der Hochpreisinsel ist die Hochlohninsel. Eine operative Trennung ist nur unter grössten Risiken möglich.

    2. Wenn sowohl die Löhne als auch die Preise je um 30 Prozent fallen, dann geht es jedem im Durchschnitt so gut wie zuvor. Allerdings mit dem positiven wirtschaftlichen Nebeneffekt, dass die Volkswirtschaft international wettbewerbsfähiger wird. (Nebenbemerkung: Löhne und Preise marschieren natürlich nur im Lehrbuch im Gleichschritt. Zuden ist dem Individuum der Durchschnitt egal.)

    3. Der unter Punkt 2 erwähnte Effekt war der Hauptstreitpunkt der rational argumentierenden Schweiz betreffend PFZ. Da Preise und Löhne im EU-Raum massiv unter dem CH-Niveau lagen, war sonnenklar, dass die Preise und Löhne unter Druck geraten würden. Die bürgerliche Mitte versprach sich davon einen positiven Netto-Effekt, die SVP einen negativen Netto-Effekt. Die emotional argumentierende Schweiz (Linke mit Ausnahme einiger Gewerkschafter) verzichtete weitgehend auf eine ökonomische Analyse und begnügte sich damit, dass Europhilie und Gegenposition zur SVP nie schaden könnten.

    4. Starke flankierende Massnahmen, hohe Mindestlöhne, strengere Produktestandards, ausgebauter Tierschutz und andere „Rosinenpickereien“, die dem Geist des EU-Binnenmarkts widersprechen, machen die wirtschaftliche Integration letztlich zu einer Alibi-Übung. Da könnte man getrost auf die Integration verzichten. Ziel des EU-Binnenmarktes war und ist explizit, dass der polnische Handwerker beim CH-Mieter billig den Boiler repariert – zum Vorteil beider. Die Nachteile für CH-Handwerker sind intendiert, sie sollen entweder billiger werden oder zugunsten der Polen vom Markt verschwinden. Nichts anderes verbirgt sich hinter abstrakten Begriffen wie „Handelsschaffung“, „Abbau der Hochpreisinsel“ oder „Konvergenz der Preisniveaus“.

    5. Die bürgerliche Mitte geht (wie die meisten Ökonomen) davon aus, dass der Netto-Effekt des EU-Binnenmarkts langfristig und im Schnitt für alle Staaten positiv ist. Es gibt einigermassen nachvollziehbare Gründe, an dieser „neoliberalen“ Wette zu zweifeln. Die Zweifler sollten aber genügend Intelligenz und Redlichkeit aufbringen, sich für immer von EU-Beitrittsgelüsten zu verabschieden. Denn der Kern der EU ist ihr Binnenmarkt – und daneben sieht die WTO noch vergleichsweise sozialdemokratisch aus.

  6. Skeptiker > «Ziel des EU-Binnenmarktes war und ist explizit, dass der polnische Handwerker beim CH-Mieter billig den Boiler repariert – zum Vorteil beider»: Dann finden Sie es also okay, wenn Billigarbeiter in der Nacht von Sonntag auf Montag mit Bussen in die Schweiz gekarrt werden? Von Ihrer Seite erstaunt mich nichts mehr. Sie sind offenbar bereit, jede Form von Sklavenarbeit und Ausbeutung zu rechtfertigen mit dem Hinweis auf einen wie immer gearteten «positiven Netto-Effekt». Leider vergessen Sie, dass der positive Effekt nur den Firmenbossen zugute kommt. Wie sich die Arbeiter fühlen, die die Nacht in einem Minibus verbringen müssen, ist Ihnen offenbar egal. Ihre Haltung ist bestenfalls herzlos, man könnte auch sagen: zynisch.

  7. Skepdicker:

    «Dann finden Sie es also okay, wenn Billigarbeiter in der Nacht von Sonntag auf Montag mit Bussen in die Schweiz gekarrt werden?»

    Wenn die Alternative für die Billigarbeiter Hartz IV oder ein noch tieferer Lohn sind: Ja, durchaus!

    Ich bestreite nicht, dass es Fälle von Ausbeutung gibt. Für die allermeisten ausländischen Billigarbeiter sind jedoch Entlöhnung sowie Arbeitsbedingungen in der Schweiz wesentlich vorteilhafter als in ihren Herkunftsländern. Fragen Sie doch einmal einen dieser angeblich unmündigen Sklaven, warum er sich in einen Bus mit Destination Schweiz verfrachten lässt. Wäre das nicht eine tolle Story für Sie?

    Gratistipp: Car-Parkplatz Schützenmatte in Bern.

    «Leider vergessen Sie, dass der positive Effekt nur den Firmenbossen zugute kommt.»

    Falsch. Der positive Effekt kommt den CH-Konsumenten zugute in Form von tieferen Preisen. Und natürlich den in die Schweiz gekarrten ausländischen Billigarbeitern, die in der Regel massiv mehr verdienen als ihre Allerbilligstarbeiter-Kollegen in Ostdeutschland, Polen oder Spanien.

    Wie sich die Arbeiter fühlen, die von Hartz IV oder lokalen Tiefstlöhnen leben müssen, ist Ihnen offenbar egal. Ihre Haltung ist bestenfalls herzlos, man könnte auch sagen: zynisch. Der Durchschnittslohn in Polen beträgt ca. 1’000 Euro, die Jugendarbeitslosigkeit über 40%.

  8. Skepdicker:

    Korrektur:
    Der Durchschnittslohn in Polen beträgt ca. 1’000 Euro, die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien über 40%.

  9. Eben das meinte ich mit Zynismus: Sie rechtfertigen scheussliche Zustände mit noch schlimmeren alternativen Zuständen. Eine Alternative ist nicht gut, weil sie weniger schlimm ist als ein anderer, noch schlimmerer Zustand. Lieber lasse ich mir «emotionales Argumentieren» unterstellen, als dass ich menschenunwürdige Zustände schönreden würde, so wie Sie das gerne tun.

    Noch etwas blenden Sie aus: Es gibt auch Leute, die von der hohen Arbeitslosigkeit in armen Ländern profitieren. Nämlich diejenigen, die die Leute ausbeuten, die mangels Job bereit sind, jeden Scheissjob (pardon) anzunehmen.

    Das Ziel muss sein, dass alle Menschen einen würdigen Job haben. Ich bin nicht bereit, mich damit abzufinden, dass Leute gezwungen sind, mit einem Bus von Dortmund nach Zürich zu fahren, weil sie keine andere Arbeit finden. Und Ihnen, Skeptiker, werfe ich vor, dass Sie das alles nicht stört. Sie könnten sich getrost «Zynicker» nennen.

  10. Skepdicker:

    «Sie rechtfertigen scheussliche Zustände mit noch schlimmeren alternativen Zuständen.»

    Völlig korrekt. Da ich der Pubertät entwachsen bin, verstehe ich unter Politik die Wahl der am wenigsten scheusslichen Alternative.

    «Es gibt auch Leute, die von der hohen Arbeitslosigkeit in armen Ländern profitieren.»

    Wieder völlig korrekt. Es wird immer Leute geben, die von Krankheit (Ärzte), Tod (Bestatter), Arbeitslosigkeit (RAV-Angestellte), Dummheit (Homöopathen) und Armut (Sozialarbeiter), schlechtem Wetter (Schirmhändler) profitieren. Ich bin nicht so optimistisch wie Sie, dass sich Krankheit, Tod, Arbeitslosigkeit, Dummheit, Armut und schlechtes Wetter innert nützlicher Frist weltweit ausmerzen lassen.
    Deshalb freut es mich, wenn die Medizin Krankheiten immer besser bekämpft, Bestatter Tote würdevoll bestatten oder polnische Arbeiter dank PFZ in der Schweiz 2’600 Euro statt 700 Euro verdienen.

    Die Ausmerzung der Jugendarbeitslosigkeit in Spanien und die Erhöhung des Durchschnittslohnes auf CH-Niveau in Polen überlasse ich indessen lieber Ihnen. Meine Einflussmöglichkeiten auf Spanien und Polen scheinen mir eher gering zu sein.

  11. Sketpiker > «Meine Einflussmöglichkeiten auf Spanien und Polen scheinen mir eher gering zu sein»: Meine auch. Aber im Unterschied zu Ihnen sind mir Sauereien und Grausamkeiten nicht egal – auch wenn ich nicht selbst davon betroffen bin.

    «Da ich der Pubertät entwachsen bin, verstehe ich unter Politik die Wahl der am wenigsten scheusslichen Alternative»: Ich habe wesentlich höhere Erwartungen an die Politik. Das Ziel der Politik muss sein, allen Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen – nicht nur den Privilegierten. Ich glaube nicht, dass das irgend etwas mit Pubertät zu tun hat. Genau so wenig hat übrigens eiskalte Herzlosigkeit mit erwachsenem Verhalten zu tun.

  12. Skepdicker:

    «Aber im Unterschied zu Ihnen sind mir Sauereien und Grausamkeiten nicht egal – auch wenn ich nicht selbst davon betroffen bin.»

    Ich gratuliere Ihnen herzlich dazu, dass Sie ein besserer Mensch sind als ich. Bravo! Sie sind ein valabler Kandidat für den Wohlfahrtsausschuss.

    «Das Ziel der Politik muss sein, allen Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen – nicht nur den Privilegierten.»

    Dieses Ziel ist von der PNOS bis zum Revolutionären Aufbau wohl unbestritten. Politik ist das Füllen vager Begriffe wie „Würde“ mit konkreten Inhalten – sowie der Streit darüber, wie allgemein akzeptierte Ziele (Friede, Wohlstand, Gerechtigkeit, Gesundheit, intakte Natur, nachhaltige Finanzierung des Gemeinwesens, Glück) konkret erreicht werden können.

  13. Christof:

    Zitat: „Eben das meinte ich mit Zynismus: Sie rechtfertigen scheussliche Zustände mit noch schlimmeren alternativen Zuständen. Eine Alternative ist nicht gut, weil sie weniger schlimm ist als ein anderer, noch schlimmerer Zustand.“

    > da gebe ich Bobby California völlig recht. Die Politik muss einen höheren Anspruch haben als reine Realo-Politik. Wird sie auch: Die Leute werden ihre Ansprüche sonst anderswie durchsetzen – von unten, blutig, wie auch immer.

  14. Skepdicker:

    @ Christof Moser:

    Wer ist „die Politik“? Wer bestimmt, was die Politik muss? Und wer sind „die Leute“? Kann es neben den sicherlich legitimen Ansprüchen der „Leute“ auch Gegenansprüche anderer „Leute“ geben, die ebenfalls legitim sind? Wer entscheidet objektiv, wessen Ansprüche legitimer sind? Existieren Rechtsstaat und Demokratie nicht gerade deshalb, damit letztere Frage unblutig ausgehandelt werden kann (weil Entscheide niemals objektiv sein können, verständigte man sich auf objektive Verfahren)?

    Und: Warum wollen eigentlich derart viele Linke im Wolkigen eine möglichst starke Integration in „Europa“, obwohl man die wichtisten Bestandteile der EU konkret für „neoliberal“ hält? Ist es die Furcht, mit der bösesten Partei aller Zeiten in einem Boot zu sitzen?

  15. Thomas Läubli:

    Einmal mehr entzieht sich Skepdicker der Debatte, indem er bloss Fragen stellt. Müsste er selber Position beziehen, kämen auch seine Unzulänglichkeiten ans Licht. Ein sokratisches Gespräch funktioniert anders.

  16. Fred David:

    Es ist auf jeden Fall ein wichtiges und vielschichtiges Thema, was Pia Horlacher hier angeschnitten hat.

    Wir sind ja hier ein Medienblog und die Frage für mich bleibt: Warum sind diese Zusammenhänge so gut wie nie ein Thema in unsern Medien? Man kann ja nicht auf Wohnungsbrände warten.

    @) Skepticker gab oben den guten Hinweis, sich doch einfach mal am Busbahnhof Bern umzuhören und umzusehen, gilt auch für Busbahnhöfe in Zürich oder St.Gallen. Aber, Skepticker, bitte ohne diesen Ideologiequark.

    Auch der Hinweis von @) Ronnie Grob ist nicht schlecht: Für Dumping brauchts einen akzeptierten Markt, nicht bloss von Anbietern, sondern auch von Kunden. Wo bleibt wohl das meiste Geld hängen?

    Ich hatte letzthin eine 6-Zi-Wohnung zur Miete ausgeschrieben. Darauf erhielt ich u.a. den Anruf eines Hochdeutsch sprechenden Herrn, er suche Unterkünfte auf Zeit für Handwerker und Arbeiter, die Wohnung würde sich gut dafür eignen. Für wieviel Personen? – 12. – Wie? – Ja, er hole jeden Morgen sechs von ihnen ab und bringe sechs von der Nachtschicht. Es würden zwei hintereinander das gleiche Bett benützen, das sei kein Problem, jeder hätte sein eigenes Bettzeug. Die Abnützung der Wohnung sei gering, die würden praktisch nur da schlafen. Am Wochenende sei völlige Ruhe. Das Bauobjekt sei in Zürich, aber da finde er keinen bezahlbaren Wohnraum.

    Der mobile Sklavenhandel lebt, nicht nur auf dem Bau, auch zum Beispiel im Gastgewerbe. Wer sieht, wie dort Personal z.T. auch aus der Luxushotellerie, untergebracht wird, fragt sich, was in diesem Land hinter den Hochglanzkulissen wirklich vor sich geht.

    Lauter weisse Flecken in der öffentlichen Wahrnehmung. Und was die besagte Volkspartei zu diesen Themen zu sagen hat, dient häufig der Ablenkung von diesen Zuständen, in welche auch „ihre“ Arbeitgeber involviert sind. Und die Gewerkschaften blenden gleichfalls Vieles davon aus.

    Und die Medien? Ach ja. Ist nicht wirklich sexy. Und macht recht viel Arbeit. Es gibt ausserdem dazu weder eine Medienkonferenz, noch ein Communiqué oder zitierbare Twitterstories.

  17. Fred David:

    …übrigens, wie schnell solche Themen Schlagseite bekommen können, zeigte sich bei der „Debatte“ um an die Kunden nicht weitergebene Kursgewinne von Importeuern. Es war sogar offizelle „Staatsmeinung“ unseres Wirtschaftsministers, dass man sich darauf geeinigt hat, die „bösen Buben“ seien die fremden Exporteuer im EU-Raum, die die armen Schweizer Importeure zwängen, hohe Preis in der Schweiz durchzusetzen. Dagegen könne man leider, leider gar nichts machen. Mit dem Beispiel „Nivea“ war die „Debatte“ sozusagen erledigt. Dieser vorgegebene „rote Faden“ zog sich brav durch die heimischen Medienkommentare.

    So funktioniert Sprachregelung in einer offenen Gesellschaft.

  18. Hanspeter Spörri:

    «Ein sokratisches Gespräch funktioniert anders», schreiben Sie, Thomas Läubli. Das sollten Sie selbst aber auch beherzigen.

  19. Thomas Läubli:

    Ich weiss nicht, Hanspeter Spörri, worauf Sie anspielen. Meine Beiträge sind generell nicht schlimmer als die Erzeugnisse der Weltwoche und mein Stil ist an Thomas Bernhard geschult.

    Aber im Ernst: Ich traue Internet-Plattformen ohnehin keine sokratischen Gespräche zu. Wenn zudem die Beteiligten mit Ignoranz und Arroganz brillieren, sehe ich auch keine Grundlage, höflich zu bleiben. Angesichts des weitverbreiteten Dilettantismus vermöge der allgegenwärtigen Herrschaft von CEOs und anderen ökonomistischen Gutmenschen, ist es sogar eine Pflicht, die Politische Korrektheit über Bord zu werfen (wie es die Vertreter jener Gutmenschen in Politik, die SVP, und auch die Journalisten der NZZ explizit fordern) und Klartext zu reden, um zu retten, was noch zu retten ist.

  20. Hanspeter Spörri:

    Interessante dialektische Umwertung oder Inbesitznahme des Begriffs «Gutmensch»!
    Ihre Beiträge, Thomas Läubli, sind tatsächlich nicht schlimmer als jene der Weltwoche. Aber sie klingen meistens ebenfalls ziemlich selbstgerecht. Retten lässt sich so wohl nichts.
    Internet-Plattformen trauen Sie kein sokratisches Gespräch zu? Warum sind Sie also hier? Sind Sie ein «Troll»? Oder wissen Sie einfach alles besser, wenn es um Kultur geht?

  21. Clemens Maier:

    «mein Stil ist an Thomas Bernhard geschult.»
    Vorsicht, Herr Läubli, in diesem Nebensatz stecken gleich zwei Bauchlandungen. Gelesen haben Sie Th. B. offensichtlich nicht. Und sonderlich geschult ist ihr «Stil» auch nicht, höchstens aus Köppel und Blogistan amalgiert.

  22. Thomas Läubli:

    @Clemens Maier: Natürlich habe ich Bernhard gelesen – erzählen Sie nicht solchen Bullshit!

    @Hanspeter Spörri: Ich habe von Ihnen noch keinen einzigen Satz zu meinen Argumenten gelesen – es liegt daher nicht an mir, ein sokratisches Gespräch einzufordern. Stattdessen nörgeln Sie an meinem Stil herum. Wenn jemand den Stil der SVP kritisiert, heisst es, er komme mit der Anstandskeule. Was soll ich also von ihrem «Troll»-Anwurf halten?

    In Sachen Kunst bin ich tatsächlich Experte, so wie andere besser über ökonomische oder juristische Themen Bescheid wissen. Dass man aber im Ggs. zu den Ökonomen & Juristen als Kulturschaffender ständig hören muss, wie seine Kompetenzen in Frage gestellt werden und dazu noch als arrogant oder dünkelhaft (!) abgestempelt wird, wenn man sich getraut, andere zu belehren, das macht ungeheuerlich wütend. Die Selbstgerechtigkeit liegt daher ausnahmslos bei meinen Kritikern.

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