Stoppt die Experten

Die allgemeine Finanz-, Schulden-, Euro- und vielleicht bald auch Wirtschaftskrise schlägt sich in den heimischen Medien in Form einer grässlichen Kakofonie nieder. Kaum ist der Franken wieder um ein Zehntelprozent geklettert, sind die Online-Medien voll mit Einschätzungen von Finanzexperten und Politikern. In Radio und Fernsehen geben besorgte Wirtschaftsleute ihren Kommentar ab, und anderntags sind die Blätter voll mit Interviews und Statements, welche den ganzen Bogen von Grünen bis zur SVP abdecken.

Der Informationswert dieser geballten Ladung ist aber annähernd null, weil sich die meisten Einschätzungen und politischen Forderungen gegenseitig aufheben. So verlangte letzte Woche am selben Tag ein bekannter Politiker eine Erhöhung der Mehrwertsteuer, während Gastrosuisse für eine Senkung plädierte.

Noch vor wenigen Jahrzehnten waren die Medien selbstbewusster. Sie trauten ihren Redaktionen eine eigene Meinung, eine eigene Haltung zu. Die Turbulenzen rund um den Franken hätte ein erfahrener Wirtschaftsredaktor kommentiert und analysiert. Heute grassiert in den Medien aber die Unkultur der Expertitis: Zu allem und jedem werden Experten befragt. Offenbar ist es besonders ehrenvoll, wenn sich Professor X. und Fachmann Z. im eigenen Medium äussern, obwohl sie schlechter orientiert sind als der Ressortchef und in der Not nur zu Worthülsen und Klischees greifen.

Dann ist die Reihe an den Politikern, die, als sässen sie auf dem Stengelchen, von links nach rechts befragt werden. Ihre Aussagen sind zu 90 Prozent voraussehbar, logischerweise perteipolitisch gefärbt und damit besonders unnütz. Meistens münden sie in der Forderung nach runden Tischen und Expertenkommissionen oder sie arten in Beschimpfungen an die Adresse der zuständigen Bundesräte aus. Besonders krass sichtbar wurde dieser Leerlauf bei der SVP-Volte in Bezug auf die Beurteilung der Nationalbank.

Das Ganze ist viel Lärm um nichts. Der Informationswert dieses angeblichen Hintergrundmaterials ist höchst bescheiden und zeigt allenfalls die Hilflosigkeit von Politik und Wirtschaft angesichts der weltweiten Probleme auf. Eine ordnende Hand in Form überlegter, fundierter, aber auch poinitierter journalistischer Kommentare wäre dringend nötig, gehört aber offensichtlich nicht mehr zum modernen Newsgeschäft.

Zum Glück bleiben uns noch ein paar Publizisten erhalten, die man mit viel gutem Willen zu den Fachjournalisten zählen kann. Die Beiträge von Rudolf Strahm, Beat Kappeler und Philipp Löpfe gehören zum Besten, was man derzeit auf den Deutschschweizer Wirtschaftsseiten lesen kann. Es müsste das Ziel eines jeden Chefredaktors sein, solche Talente heranzuzüchten, wenn er nicht bereits selbst in der Lage ist, auf diesem Niveau zu schreiben.

Andrea Masüger ist CEO der Südostschweiz Medien.

von Andrea Masüger | Kategorie: Mediensatz

14 Bemerkungen zu «Stoppt die Experten»

  1. christoph j. walther:

    Der Beobachtung ist zuzustimmen. Nur sind nicht nur die versierten Fach-Redaktoren weitestgehend verschwunden, sondern auch der Typ Chefredaktor (und Verlegerpersönlichkeiten), die solcherlei ermöglicht haben. Tempi passati. Wer heute als Product Manager eine Redaktion leitet, gefährdet seine Karriere, würde er/sie solch (scheinbar!) unproduktives Tun fördern. — Drum können wir froh sein, gibt es das Internet: Da sind nun Stimmen, die über den Tellerrand blicken, aus der ganzen Welt vernehmbar. Nur nicht zu hiesigen Belangen. Es ist deshalb eine gesellschaftliche Aufgabe, solche eigenständige Vordenker zu fördern und ihnen eine angemessene Plattform zu geben.

  2. Skepdicker:

    Viele Wirtschaftsjournalisten haben keine solide Ausbildung. Sieht man von ein paar Ausnahmen ab (z.B. Markus Diem Meier, Lukas Hässig, gesamte NZZ-Wirtschaftsredaktion), liefern fast nur Kolumnisten solide Fakten und Zusammenhänge. Zwei Star-Journalisten des Tamedia-Konzerns im Bereich Wirtschaft, ein MBA-Ethnologe und ein Studienabbrecher (Philosophie), produzieren in ca. jedem zweiten Artikel Faktenfehler. Weil die moralisch-politische Stossrichtung der Artikel jedoch stimmt bzw. die stilistische Qualität die Faktenfehler kompensiert, scheint das niemanden gross zu stören. „Qualität“ scheint sich hauptsächlich am Grad der Übereinstimmung mit der eigenen Position zu bemessen.

    Wenn Journalisten Bestandes- und Flussgrössen sowie Staats- und Steuerquote verwechseln, Banales wie Verlustvorträge skandalisieren und ganz generell von makroökonomischen Zusammenhängen keine Ahnung haben – dann sollen sie einfach die Klappe halten und Experten schreiben lassen. Strahm, Borner, Kappeler, Schiltknecht, Eichenberger, Sturm, Starbatty, Bütler, Birchler et al haben zu vielem eine Meinung, schreiben gut, sind günstiger als eine Vollzeitstelle und haben eine Ahnung von der Materie. Und wenn gerade niemand Zeit oder Lust hat, sind auch Übersetzungen von Stiglitz, Krugman, Mankiw etc. ergiebiger als das unqualifizierte Geschreibsel vieler Star-Journalisten.

  3. Fred David:

    skepdicker: „Wenn Journalisten (…) ganz generell von makroökonomischen Zusammenhängen keine Ahnung haben – dann sollen sie einfach die Klappe halten und Experten schreiben lassen.“

    Die Aussage ist mir zu pauschal. Die Entwicklung ist sehr komplex und selbstverständlich weisen auch Experten andern Experten laufend Fehler nach. Rudolf Strahm tat dies im „Tages-Anzeiger“ kürzlich sehr eindrücklich und nachvollziehbar.

    Strahm hat noch einen andern Vorteil: Er ist, soweit erkennbar, unabhängig. Sachkundige gemässigte Linke, wenn sie auch noch eine flotte Schreibe haben, geniessen plötzlich Standortvorteil. Ihnen vertraut man in diesem Zusammenhang einfach mehr. Eine neue Erfahrung. Dafür gibt es Gründe: Linke in der Finanzindustrie sind im wahrsten Sinn so häufig wie ein roter Hund. Das ergibt gesunde Distanz zum Objekt und eine angemessene Grundskepsis. Ist nichts Ideologisches, sondern einfach eine praktische Alltagsbeobachtung. Aber Sachkunde, da haben Sie natürlich Recht, ist Grundvoraussetzung.

    Der Franken ist zum Spielball von Grossspekulanten geworden. Veränderungen von 10% und mehr innerhalb von drei Tagen sagen viel darüber aus. Das nur mal als Beispiel. Es ist ungeheuer viel an interessengebundener Information unterwegs, weil Spekulation eben eine riesige Rolle spielt, übrigens auch in der braven Schweiz, das sollte man nicht unterschätzen. Intelligent „gelenkte Informationen“ herauszufiltern ist extrem schwierig. Ich rede da aus einer gewissen Erfahrung.

    Medien können sich damit behelfen, indem sie bei solchen Themen eine engere Zusammenarbeit suchen, mehr verlinken und Links soweit möglich auf Zuverlässigkeit checken, „Wall Street Journal“ „Financial Times“, „Economist“ , FAZ etc. vergleichen und unterschiedliche Informationen und Wertungen zum gleichen Sachverhalt deutlich machen und sich nicht nur immer auf die gleichen, ortsbekannten Experten und Medien verlassen. Aber werten müssen Journalisten dann eben schon auch selber können.

    Allerdings: Altkluge Ratschläge an den US-Präsidenten, den Nationalbankpräsidenten, die EU, die EZB undundund, was die gefälligst zu tun und zu lassen haben, dürfen Journalisten gern reduzieren. Es genügt, wenn sie die handelnden Personen und Institutionen scharf beobachten, und uns dann erzählen, was diese tatsächlich tun und vor allem auch: Was sie nicht tun, obwohl sie sagen sie tun’s (Hallooo Weko, das ist ein Weckruf!).

    Und: Ich Dummkompf brauche bei solchen Themen immer wieder viele Erklärungen, und das immer wieder von Neuem, gelegentlich auch ein Glossar zum Artikel, damit ich die Zusammenhänge einigermassen verstehe. Zusammenhänge! Nicht nur hastige Einzel-Infos, das ist für mich das wichtige. Klugscheissen kann ich nämlich selber ganz passabel.

  4. Thomas Läubli:

    Stoppt die Experten!

    Dieser Spruch gilt zuerst einmal vor allem für die Ökonomen, die mittlerweile in jedem mittleren bis grossen Unternehmen an den Schalthebeln der Macht sitzen. Wir brauchen keine Dilettanten an der Spitze, die aus der Warte des Ökonomismus darüber entscheiden, was in ihnen fachfremden Bereichen wie Kultur, Wissenschaft, Medizin, Journalismus, menschlichen Beziehungen etc. fördernswert ist und was nicht. Weltanschauungen wie Spieltheorie, Neuroökonomie, Quantifizierungsverfahren, Utilitarismus etc. wollen den Menschen einer Zweckrationalität unterordnen, um sie besser verwerten zu können. Dabei geht vergessen, dass diese Theorien auf philosophischen Prämissen beruhen, die keineswegs unumstritten sind.

    Der Herrschaftsanspruch und die Verdienste von Ökonomen sind höchst zweifelhaft. Man sollte diesen antiquierten Ballast endlich abwerfen und die Stellen der CEOs überall einsparen. Die Gesellschaft würde damit viel besser fahren. Die Meinung, dass die Theorien von Adam Smith bis Hayek & Friedman Friede, Freude und Eierkuchen bringen, zeugt von einem antiquierten Menschenbild, mit dem man einer gewissen Sorte von Experten Kompetenzen zugesteht, die sie gar nicht besitzen.

  5. Skepdicker:

    @ Thomas Läubli: Wer ist genau „wir“, „man“ und „die Gesellschaft“? Welche philosophischen Prämissen sind unumstritten? Sollte man nur die CEOs vaporisieren (weil Anglizismus und Symbol für Ökonomismus, Geistessozialismus, Dilettantismus und so…)? Oder betrifft die anzustrebende Endlösung der Ökonomenfrage auch den guten alten Geschäftsführer, Vorstandsvorsitzenden und gar Generaldirektor? Und was ist mit den fast ausschliesslich männlichen Dirigenten, die mit ihrem diktatorischen Interpretationsmonopol sowie dem unmenschlichen Primat des Tempoismus seit Centennien die Musikerklasse ausbeuten? Was sollten Unternehmen denn anstelle von Zweckrationalität anstreben?

  6. Fred David:

    ….was ich noch sagen wollte: Wenn ich der „Tagi“ wäre, würde ich Rudolf Strahm auf der Stelle mit einem sehr saftigen Fixum engagieren, und nicht nur als gelegentlichen Kolumnisten. Ich kenne ihn nicht persönlich, bin also frei von Kollegenkumpanei. Er ist 68 Jahre alt – ideale Voraussetzung für einen solchen Job.

    Wenn’s brennt, müssen Redaktionen eben zu raschen und effizienten Lösungen greifen.
    Die Leser werden es danken.

    ps. Das geht natürlich nicht gegen andere kluge Köpfe, die es im Haus Tamedia (und anderswo) ja auch gibt.

  7. Peter Hartmeier:

    Nützlich ist, sich die Zeit für Lektüre zu nehmen: Deshalb empfehle ich ganz einfach die Texte der beiden Chefökonomen von UBS, Andreas Höfert und Daniel Kalt,in Ruhe zu lesen. Oder ihre Podcasts herunterzuladen, die von Woche zu Woche von immer mehr Hörern genutzt werden. Oder sich einer ihrer Vorträge anzuhören. Man muss sich aber frühzeitig einen Stuhl reservieren, weil die Säle immer überfüllt sind. So viel zur Glaubwürdigkeit.

    Peter Hartmeier
    Leiter Unternehmenskommunikation UBS Schweiz

  8. Fred David:

    Glaube ist etwas Schönes, @Peter, aber kritische Distanz klärt vieles. Nicht alles. Aber vieles.

  9. Thomas Läubli:

    @Skepdicker: Ich möchte Ihre Fragen nicht beantworten, da ich nicht sehe, zu welchem Zweck sie da stehen. Denn gegenüber einem Skeptiker, der – wie aus Ihren zahlreichen Beiträgen hervorgeht – nichts ernst nimmt und daher blosse Dekonstruktion ohne Rekonstruktion betreibt, bin ich nicht verpflichtet, meine Dekonstruktion zu rechtfertigen.

    Ich beobachte einfach, wie unter dem Primat des Ökonomismus in allen Lebensbereichen die Qualität der Produktion zunehmends schlechter wird. Ich schliesse daraus, dass es nicht gut ist, wenn man den Ökonomen den Weltdeutungsanspruch alleine überlässt. Ökonomen leiden offenbar an Hybris.

    Von einer Unkultur der Expertitis habe ich bis jetzt nichts bemerkt – im Gegenteil: unter dem Einfluss der rechtsbürgerlichen Gutmenschen (zu denen ich auch Leute wie Peter Hartmeier zähle) sind Experten zu personae non gratae geworden. SVP, Kulturverächter, Gratis- und Online-Zeitungen setzen alles daran, Experten bei jeder Gelegenheit schlecht zu machen, um den Common Sense des gemeinen Mannes als Allheilmittel anzupreisen. Das ist mit ein Grund, warum die Gesellschaft dank ihren Eliten am Verblöden ist.

  10. Fred David:

    ….übrigens, @ Peter Hartmeier, man kann problemlos grosse Säle bis auf den letzten Platz füllen, wenn man die richtigen Propheten einlädt. Nach Propheten besteht derzeit ein grosser Bedarf: http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/geschichte/Maya-geben-Entwarnung-Die-Welt-geht-2012-nicht-unter/story/26064783
    …Die Analogie ist natürlich nicht ganz ernst gemeint. Aber ein bisschen schon.

  11. Ninon:

    @ Skepdicker: Ihre Kommentare sind m.E. mit Abstand die klügsten auf dieser Plattform. Weil sie sachlich fundiert und – wenn Sachlichkeit verlorene Liebesmüh ist – dann eben voller Humor sind. (Wobei bei einigen Leuten ja auch Humor verlorene Liebesmüh ist, wie obiges Beispiel zeigt).

    Ich dachte immer, ich sei die einzige, die sieht, dass der Kaiser nackt ist. Dass er zwar wohlklingende, aber nur hohle Töne von sich gibt. Dass die Argumente zwar eloquent vorgetragen, aber unlogisch sind.

    Sehr beliebt beim Autoren wie auch bei seinen Lesern sind ja stets seine Psychologisierungen sowie Analogien, auch wenn diese hinken wie dreibeinige Katzen.

    Das macht aber nichts, denn wie Du sagst, ist nicht Sachkompetenz gefragt, sondern die eigene Meinung bestätigt zu bekommen, und das in einer flotten Schreibe.

    Der Journalist soll nicht mehr wissen, als man selber, sondern die eigene Meinung besser ausformulieren können. Das imponiert. Dann erhält der Journalist das Prädikat «brillant».

    Letztlich ist der Tages-Anzeiger einfach ein Produkt, das verkauft werden will. Der Tagi bedient die Meinung der links-grünen Wähler, die in den Städten Zürich und Winterthur eine Mehrheit bilden.

    Und wer könnte deren Meinung über die Wirtschaft besser bedienen, als ein linker Journalist mit einem abgebrochenen Philosophiestudium?

  12. Fred David:

    @)Ninon, bitte keine Phrasen. Wenn Sie den „linken Journalisten mit einem abgebrochenen Philosophiestudium“ – nennen Sie ihn doch einfach beim Namen: Constantin Seibt – demontieren wollen, dann versuchen Sie es doch mal inhaltlich. Warum immer um den Brei herum reden?

  13. Ninon:

    @ Fred David: Beim Skepdicker hat es sie auch nicht gestört, weshalb also so angriffig mir gegenüber?

    Ich habe meinen Artikel direkt an @ Skepdicker gerichtet, mich auf seinen Satz bezogen und einen Teil davon aufgenommen:
    «Viele Wirtschaftsjournalisten haben keine solide Ausbildung. Sieht man von ein paar Ausnahmen ab (z.B. Markus Diem Meier, Lukas Hässig, gesamte NZZ-Wirtschaftsredaktion), liefern fast nur Kolumnisten solide Fakten und Zusammenhänge. Zwei Star-Journalisten des Tamedia-Konzerns im Bereich Wirtschaft, ein MBA-Ethnologe und ein Studienabbrecher (Philosophie), produzieren in ca. jedem zweiten Artikel Faktenfehler.»

    Kein Grund, grantig zu werden, Herr David.

  14. Thomas Läubli:

    Ich gebe Ninon recht und möchte ergänzen, dass wir auch in den anderen Ressorts keine Spezialisten mehr haben und nunmehr sesselfurzende Generalisten irgendwelchen Quatsch mit Sosse produzieren.

    Das ist mithin ein Grund, warum Andrea Masüger die Experten stoppen möchte. Experten sind nämlich eine Bedrohung für das von den CEOs verordnete Mittelmass. In einer Zeitung, in der Experten schreiben bzw. zu Wort kommen, würden die anderen Journalisten daneben alt aussehen. Deshalb pflegt man die seit der konservativen Revolution der 90er Jahre verbreitete Intellektuellenfeindlichkeit, die v.a. auch ein Merkmal von Ökonomen ist. Um seine eigene Mediokrität zu kaschieren, muss man bekämpfen, dass andere intelligenter aussehen als man selber. Darum reden Ökonomen auch Kulturschaffende, Geisteswissenschaftler und andere Gutmenschen, welche den Primat der Ökonomie nicht anerkennen, schlecht.

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