Für die Dienstagsausgabe des «Tages-Anzeigers» haben Chefredaktor Res Strehle und Redaktor Jean-Martin Büttner die (vermutlich unangenehme) Aufgabe übernommen, den eigenen CEO zu interviewen. Kall u.a.:
- [Frage] Tamedia beschäftigt mittlerweile vier Pressesprecher, aber ihre Zeitungen haben keine Medienredaktion mehr. Und Journalisten anderer Verlage hüten sich immer mehr, über Tamedia zu schreiben, weil sie da vielleicht mal arbeiten wollen.
[Martin Kall] Die denken, wir würden eine schwarze Liste führen? Das ist nicht Ihr Ernst.
Es gibt Befürchtungen, die uns zugetragen wurden.
Es gab und gibt bei Tamedia Journalisten, die uns öffentlich heftig kritisiert haben und trotzdem hochgeschätzt sind. Wenn man angriffig, gut informiert und auf den Punkt schreibt, erhöht man die Chancen, bei uns einen Job zu finden. Wer sich Sorgen um seinen Job macht, soll unser Schweigen zu Medienthemen nutzen, um sich zu profilieren. Es gibt ja auch andernorts noch eigene Medienredaktionen, etwa bei der ‹Neuen Zürcher Zeitung› oder dem ‹Sonntag›. Womöglich überschätzt sich die Medienbranche auch ein wenig. Wenn ich vergleiche, wie viele Leute hier arbeiten und wie viele in der Gesundheitsbranche, dann müssten wir viel mehr über den Gesundheitssektor berichten. Auch die Themen Universität, Wissen, Forschung werden meines Erachtens in Zürich unterschätzt. Die Medien tendieren zur Nabelschau.
Ja klar, man erinnere sich zum Beispiel an Niklaus Meienberg.
@Ronnie Grob: Auslöser für das Schreibverbot, das Verleger Otto Coninx 1976 gegen Niklaus Meienberg verhängte, war ein Artikel über den Fürsten von Liechtenstein. Was ist da der Zusammenhang mit Medienjournalismus?
Das hat nicht direkt etwas mit Medienjournalismus zu tun. Aber zum Absatz …
“Es gab und gibt bei Tamedia Journalisten, die uns öffentlich heftig kritisiert haben und trotzdem hochgeschätzt sind. Wenn man angriffig, gut informiert und auf den Punkt schreibt, erhöht man die Chancen, bei uns einen Job zu finden.”
… bleibt zu bemerken: Es gab offenbar auch andere. Weshalb genau Meienberg beim “Tages-Anzeiger” jahrelang Schreibverbot hatte (und nur bei der “WOZ” und ab und zu bei der “Weltwoche” publizieren konnte, es gab damals ja noch keine Blogs), sei dahingestellt.
Vielleicht kann uns der auf medienspiegel.ch öfters publizierende Peter Studer genauer über den Fall aufklären? Der war ja zu dieser Zeit “Tagi”-Chefredaktor, wenn ich mich recht erinnere.
Chefredaktor war 1976 Walter Stutzer, Peter Studer sass damals wohl im Bundeshaus. Aber seine Einschätzung wäre interessant, stimmt. Trotzdem: Die Verknüpfung des Interviews mit Meierberg ist ziemlich abenteuerlich.
Das Schreibverbot hat nicht Peter Studer veranlasst, das sagt auch Niklaus Meienberg in diesem, 1988, geführten Interview:
http://www.lukesch.ch/Text89_01.htm
Ein kurzer Absatz sei hier zitiert:
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Meienberg: (…) Der Studer ist ein absolutes Neutrum, der nach immer grösserer Macht giert. Ihr meint ja wohl nicht im Ernst, dass man so einem Menschen gegenüber Gefühle entwickeln kann?
Immerhin ist Dir der Studer soviel Aufmerksamkeit und Energie wert, dass Du in einer gewissen Phase in 36 für die WOZ geschriebenen Artikeln zwölfmal ihn oder den «TagesAnzeiger» anschiesst, das ist in jedem dritten Beitrag. Das hat schon fast zwanghafte Züge.
Meienberg: Und was ist mit dem Schreibverbot? Ist das etwa nicht zwanghaft?
Willst Du jetzt Dein ganzes Leben lang wütend sein auf den Studer und den «Tagi», weil dir vor zwölf Jahren dieses Schreibverbot erteilt wurde?
Meienberg: Mir geht’s schon lange nicht mehr um das Schreibverbot, das übrigens nicht Studer veranlasst hat. Die Zeit, in der mich das existentiell getroffen hat, ist vorbei. Heute habe ich Angebote von der «Zeit», von der «Frankfurter Allgemeinen», von «Konkret» und von der «taz». Sogar der «Stern», obschon ich da ja mit Türknall raus bin, will wieder was von mir, komischerweise. Nein, mir geht’s darum, dass der Studer den publizistisch-ideologischen Abstieg des «Tagi» mit zu verantworten hat. Weil ich in Zürich lebe, muss ich hin und wieder den «Tagi» lesen und erlebe dabei seine Verbravung, seine Auskernung und Verarmung.
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Gemäss Wikipedia war Peter Studer von 1978 bis 1987 Chefredaktor des “Tages-Anzeiger”.
Herr Grob, ich muss Sie doch um etwas mehr Anstrengung bitten. Auf manchen öffentlichen Gebäuden steht “Bibliothek”. Dort drin stehen Bücher (so quasi das gedruckte Internet, bevor es das Internet gab), manchmal sogar die Meienberg-Biographie von Marianne Fehr.
Der Tamedia-CEO ist doch sonst ein Zahlenspezialist. Darum muesste er wissen, dass bedeutend mehr Gelder in den Wissenschaftsjournalismus gesteckt werden als in den Medienjournalismus. Wo sind da also die Disproportionen bzw. wo droht die Nabelschau? Vielmehr droht der Medien-Schweiz der Absturz in den Provinzialismus. Es ist evident, dass
Medienthemen heisse Eisen sind, die man angesichts abnehmender Arbeitgeberzahl und schwieriger Job-Perspektiven lieber nicht anruehrt. Hier spielt doch ein Schweizer Murdoch-Effekt. In den Chefetagen siitzen berufsbedingte Schoenfaerber.
@ras: “…droht der Absturz in den Provinzialismus”… Der droht nicht. Der ist erfolgt. “…berufsbedingte Schönfärber in Chefetagen…” – erfreulich starke Worte!
Jedem halbwegs politisch denkenden Zeitgenossen wurde in den vergangenen Tagen schnell mal klar, dass zumindest teilweise eine geistige Verbindung zwischen dem norwegischen Attentäter und der SVP besteht: Der Hass auf die Linken, die multikulturelle Gesellschaft und den Islam. Bereits am Freitag konnten kundige Internet-Surfer entsprechende Hinweise auf die Sympathien des Norwegers für die SVP online finden. Trotzdem erschien in der ansonsten so recherchierfreudigen wie primeurgeilen Sonntagspresse nichts dazu. Warum? Die Schweizer Presse ist nicht nur SVP-freundlicher als ihr Ruf, sie hat auch mächtige Angst vor der SVP. Hätte es einen linksextremen Anschlag auf rechte Exponenten gegeben, hätte die SVP keine Sekunde gezögert, dies für ihren Wahlkampf zu instrumentalisieren. Und die Schweizer Presse hätte die frohe Botschaft genüsslich weiterververbreitet. Schliesslich konnte die SVP schon einmal ohne grosse mediale Widerrede die Genossen mit den Nationalsozialisten gleichsetzen. Erst eine Gratiszeitung, nämlich der Blick am Abend, brachte heute den Mut auf, eine Verbindung zwischen dem Attentat und der SVP herzustellen. Innert Minuten alarmierte das SVP-Generalsekretariat seine Anhänger per Email, damit sie den Artikel mit ihren Kommentaren unschädlich machen konnten. Interessanterweise gibt es noch eine weitere Swissconnection: Der reichste Norweger, Stein Erik Hagen, verlegte vor zwei Jahren den Steuersitz seiner beiden Kinder nach Freienbach und die Familienholding nach Zürich. Er ist ausserdem einer der grössten Geldspender der rechtsnationalen Fortschrittspartei und ein bekennender Linkenhasser. Mal schauen, welche Schweizer Zeitung sich traut, dies zu thematisieren.
@) Namenlos: Ich verstehe sehr gut, dass Sie unter den obwaltenden Umständen namenlos bleiben wollen. Insbesondere Ihre konkreten Hinweise sind sehr interessant. Aber wetten? Es wird nichts passieren. Alle haben den Chnüüschlotteri, solche Zusammenhänge zu thematisiseren.
Namenlos eröffnet einen neuen Diskussionsfaden. Ich glaube, er hat recht. Es gibt bei unseren angeblich linksliberalen Medien diese Devotheit gegenüber dem virtuellen Volksempfinden.
Aber eine parteipolitische Debatte bringt wenig. Es geht auch nicht einfach nur um die SVP, sondern um die Art, wie heute an Stammtischen und in Blogs diskutiert wird. Einst wurde vielleicht die politische Korrektheit zu weit – bis zur Lächerlichkeit – getrieben und lähmte durch zu viele Tabus die Debatten. In den letzten Jahren vergiftete aber die politische Unkorrektheit den demokratischen Diskurs, also pauschalisierende Zuschreibungen, Dämonisierung Andersdenkender, Verunglimpfung von Minderheiten.
Ich habe für den Begriff «Politische Korrektheit» nicht viel übrig und verstehe nicht, warum er auch von den NZZ-Journalisten, die offenbar eine hohe Meinung von sich haben, so oft verwendet wird. Erstens produziert der Begriff selber Denktabus, indem er das “Politisch Korrekte” stigmatisiert, und zweitens wird darum der Begriff gerne auf das angewendet, was einem selber nicht genehm ist. Wer etwas als “politisch korrekt” bezeichnet, will sich die Argumente ersparen.
@Namenlos: “Der Sonntag” hat eine Woche nach dem Attentat sehr klar einen Zusammenhang zwischen dem Attentat und der geistigen Brandstiftung der SVP hergestellt. // Überdies ist klar, dass man als Medienjournalist keine Angst vor Job-Repressionen haben darf, weil man sonst seinen Job nicht ausüben kann. Das gilt aber auch für jeden anderen ernstzunehmenden Journalismus.
@) Christof: Ob das genügt?
Beispiel: Franceso Benini beschrieb vor einer Woche in der NZZaS, wie der Schweizer “Tatort” abgesetzt und zur SF-internen “Korrektur” geschickt wurde, weil in dem Film ein Schweizer Politiker vorkam, den man eventuell vielleicht möglicherweise für einen SVP-Mann hätte halten können (die Partei wurde natürlich nicht genannt, Anspielungen an den Namen wurden nicht gemacht).
Aber, jegerlis, das genügte bei SF im vorauseilenden Chnüüschlotteri, mögliche Protesten aus dem “Volch” zuvorzukommen.
Das mag nur eine Episode sein, aber eine signifikante. Die übrigen Medien reagierten, soweit ich sehe, kaum darauf. Man könnte ja ein paar Leser erzürnen – als ob das die Mehrheit wäre.
Auch zum aktuellen Stiefel-Plakat der SVP musste ich googeln, bis ich beim … Seniorenweb.ch…http://www.seniorweb.ch/type/forum-topic/2011-07-31-vom-missbrauch-der-schweizer-fahne
ein paar Aussagen fand, die übers übliche Newsli hinausgehen und Zusammenhänge herstellen. Aber schon das gilt offenbar als Riesenprovokation. Hingenache in den Kommentaren tschäderets dann entsprechend.
Davor dürfen Medien sich doch nicht ängstlich verkriechen. Aber das tun sie.
Chnüschlotteri allenthalben.
ps. Auf die Story über den oben von @namenlos genannten Norweger Stein Erik Hagen in Freienbach SZ warte ich noch immer. Das ist doch an sich schon eine Story! Oder sollte ich das übersehen haben? Jedenfalls lässt mich Google ratlos.
Ich habe leider keinen geeigneten Ort gefunden, um meine Frage, die mich seit Tagen beschäftigt, zu plazieren. Inwiefern ist es rechtlich bzw. moralisch vertretbar, in einer Tageszeitung einen Artikel zu publizieren, der von Pornographie handelt. Ich meine den kürzlich erschienenen Artikel, in dem etwa erwähnt wurde, dass Frauen kein Sperma im Gesicht mögen.
Vielleicht werden einige der Meinung sein, es sei rechtlich unproblematisch. Theoretisch ist eine Tageszeitung jedoch ein Gegenstand, der auch Minderjährigen (z.B. weil er auf dem Mittagstisch liegt) zugänglich ist. Macht sich jetzt jemand dadurch strafbar? Die Eltern könnens ja nicht sein, weil sie nicht damit rechnen, dass in einer Tageszeitung pornographisches Material abgedruckt wird. Dann müsste sich Tamedia damit strafbar gemacht haben. Gibt es jemand, der das bestätigen kann?
@ Thomas Läubli: Gehören Sie einer fundamentalistischen Christensekte an?
Haha! Ja, Sperma im Gesicht einer Frau scheint Herrn Läubli ganz schön zu erregen, dass er sich bereits seit Tagen damit beschäftigt.
Aber in einer christlichen Sekte ist er glaub’s nicht, sondern in irgendeiner linken Sekte.
Was christliche Sektenanhänger und linke Sektenanhänger aber neben dem Dogmatismus miteinander gemein haben: Sie denken in vorgefertigten Schablonen, werfen bei jeder Gelegenheit ihre Phrasendreschmaschine an, verbringen ihre Freizeit auf allen erdenklichen Internet-Plattformen und äussern sich dort nur in vorgestanzten Floskeln. Und sie haben keinen Humor
Ich habe eigentlich eine ernsthafte Antwort erwartet und keine pseudo-witzigen Ergüsse von anonymisierten Journalisten, die sich angegriffen fühlen.
Wir befinden uns im Zeitalter der zunehmenden Prohibition und in sexuellen Belangen bin ich da überhaupt dagegen. Ich setze mich gegen die Infantilisierung von unter 18-Jährigen ein (die aus dem öffentlichen Leben zunehmends verbannt werden), ich habe für Homo-Rechte gekämpft und mich gegen Fundis aus allen Lagern zur Wehr gesetzt, ich wehre mich gegen die Pädophilen-Hysterie sowie die medialen Schauprozesse gegen Prominente wie Polanski, Strauss-Kahn, Kachelmann etc. und halte von den neuesten Verboten von BR Sommaruga überhaupt nichts. Aber in einer Tageszeitung hat ein solcher Artikel nichts zu suchen.
Warum man eine ganze Seite für eine belanglose Studie verschwendet, ist mir schleierhaft. Was solche Artikel mit Humor oder Kultur zu tun haben, entzieht sich meinem gesunden Empfinden. Sex gehört unter die Bettdecke und nicht an die Öffentlichkeit. Dass die Herren Strehle und Kalberer so etwas veröffentlichen, wirft ein Licht auf ihren Geisteszustand.
Tut mir leid für die Annihilation ihrer verkrampften “Kritik” und ihrer persönlichen Angriffe. Der Schuss ging wohl nach hinten los…
Sie sollten nicht ständig von sich auf andere schliessen, Herr Thomas Läubli. Versuchen Sie es mal mit einem Reality Check: Sie sind nicht der Massstab aller Dinge. Und Ihr Empfinden gilt nur in Ihrer Wahrnehmung als «gesund». Der Tages-Anzeiger wird nicht für Sie gemacht. Es gibt Leute, die unterhalten sich mit Artikeln wie jenem von Bettina Weber.
Und nur weil Sie sich angegriffen fühlen, fühle ich mich noch lange nicht angegriffen.
Ich mache mich nur lustig über Sie, weil es Sie «seit Tagen beschäftigt, … inwiefern es rechtlich bzw. moralisch vertretbar ist, in einer Tageszeitung einen Artikel zu publizieren, der von Pornographie handelt. Ich meine den kürzlich erschienenen Artikel, in dem etwa erwähnt wurde, dass Frauen kein Sperma im Gesicht mögen.» Über solche Kommentare von Leuten wie Ihnen lache ich herzlich.
Leute, die keinen Humor haben, sind ganz allgemein zum Lachen.
Wenn Sie mir unterstellen, ich hätte keinen Humor, dann weiss ich, dass Sie zu den oberflächlichen Leuten gehören, die Menschen, die sie bloss aus Internet-Kommentaren zu kennen glauben, aburteilen: typisch Facebook- und Twitter-Generation. Und ich sehe, dass persönliche Angriffe letztlich Ausdruck einer tiefen Verlegenheit sind, dem anderen nicht zugestehen zu wollen, dass er ins Schwarze getroffen hat.
Mit ihren Äusserungen über mein “gesundes Empfinden” sollten Sie vorsichtig sein. Kaum geht es wieder um die Pädo-Hysterie, ist der TA nämlich wieder an vorderster Front, um gegen “Kindsmissbrauch” etc. Stimmung zu machen. Die Odenwald-Geschichte war etwa für Herrn Kalberer die perverse Gelegenheit, um gegen die 68er zu wettern, darum wird gerne gegen die Kachel- und Hirschmänner Stimmung gemacht und darum erhalten auch Leute wie Herr Schlüer immer ihre Plattform, um das Reden über sexuelle Orientierung an den Schulen als “Kindsmissbrauch” zu bezeichnen.
Also: Wer hat jetzt ein “gesundes Empfinden” und was hat das Ganze mit Humor zu tun? Angesichts solcher Doppelmoral der TA-Verantwortlichen habe ich für solche anbiedernde Porno-Artikel unter dem Label “Kultur” nur tiefe Verachtung übrig. Sobald “Sex sells” wird der TA plötzlich zum Opportunisten, ohne sich zu fragen, ob er damit nicht gegen seine eigenen moralischen Grundsätze verstösst…
Hahaha, Herr Läubli, Sie sind so lustig! Menschen, die sich selbst überschätzen, sind immer zum Lachen. Wie Sie ständig glauben, dass Sie ins Schwarze treffen – und doch nur Eigengoals schiessen. Das ist wirklich saukomisch. Sie amüsieren mich.
Tja, wem die Argumente fehlen, sieht man ja jetzt sehr deutlich. Ihr peinliches Ablenkungsmanöver nimmt hier niemand mehr ernst…