Insel in Sicht

Ich getraue mich ja kaum, es zu sagen. Aber ich komme schon wieder von der einsamen Insel. Was heisst: Medial bin ich also erneut ziemlich abgekoppelt. Zwar waren es diesmal mehrere einsame Inseln, zwar lagen sie in Europa und es gab dort auch einheimische Zeitungen, aber die konnte ich mangels Beherrschung des Kroatischen nicht lesen. Und natürlich reise ich als Mega-Grufti immer (noch) offline, ohne Notebook, iPhone, iPad, nur mit einem röchelnden alten Handy, mit dem ich knapp nachhause simseln kann, um zu fragen, ob bei Familie und Freunden alles in Ordnung sei. Nun befürchte ich, weil die Arbeitsbedingungen für Blogger beim Medienspiegel so zivilisiert sind – viele Wochen zwischen den Beiträgen –, dass ich jede zweite Kolumne auf diese Weise beginnen muss.

Vielleicht könnte ich das zu meinem Markenzeichen machen. Der Blog, der Ihnen sagt, was Sie medial alles (nicht) verpasst hätten, wenn Sie mit mir zeitgleich, zeitungs- und computerlos auf der einsamen Insel gewesen wären. Der neue «Schon-wieder-nichts-verpasst-Blog»! Doch die Sache bringt mich ernsthaft ins Grübeln. Steckt hinter meinem Insel-Enthusiasmus womöglich bloss schwere Medienmüdigkeit? Ist die Reise in die Abgeschiedenheit nur eine Flucht in die Abschirmung vor dem endlosen Mediengetöse? Und müsste dann statistisch nicht im Insel-Tourismus, ähnlich wie beim Hörsturz, die Zahl der Journalistinnen und Journalisten besonders hoch sein?

Nun ist, wie schon John Donne (und nach ihm Johannes Mario Simmel) wussten, «kein Mensch eine Insel», sondern jeder einzelne ist an den Kontinent der Menschheit gekettet, verdammt dazu, mit ihr zu leben oder unterzugehen. (Und dann, wenn der einzelne sich darin geschickt hat, geht er am Ende natürlich doch unter; darum frage man nicht, so Donne und nach ihm Hemingway, «for whom the bell tolls» – die Totenglocke schlägt nämlich für Dich). Doch als der englische Dichter das schrieb, schickte man die News noch mit Ross und Reiter (manchmal waren es auch «Botenweiber», wie der Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller sie jeweils dem Schreibfreund ankündigte, allerdings, wie ich schwer vermute, ohne Ross. So, fertig Literaturseminar).

Jedenfalls wurden damals die Nachrichten mühsam von Mensch zu Mensch, von «Insel» zu «Insel» weitergetragen, und ob sie endlich dort anlangten, wo sie sollten, war oft fraglich. Man kann es sich ja wieder einmal vorstellen: Wie man irgendwo in einem gottverlassenen Krachen fieberte auf ein Zeichen von draussen, von einem Menschen vielleicht, der hinaus ins Unbekannte aufgebrochen war, in eine Welt, die aus lauter weissen Flecken, lauter fremden Inseln bestand. Nachrichten, die Wochen und Monate brauchten, um uns zu erreichen. Kein Wunder, trachtete die Menschheit stets danach, den Nachrichtenfluss zu beschleunigen. Ohne dieses Streben nach Beschleunigung würde die Moderne nicht existieren.

Heute, wo die Welt sich täglich, stündlich, minütlich vor unseren Augen überschlägt, die Nachrichten in einem endlosen Strom über uns hinwegrasen, drohen wir in den Strudeln der Flut unterzugehen. Die Inseln, die den Strom teilen, die Flut kanalisieren, sind verschwunden. Oder am Verschwinden, wenn man den guten alten Printmedien die Funktion solcher Plattformen, an denen man sich festhalten kann, (noch) zubilligen will. Doch wer weiss, vielleicht stehen wir heute exakt an jenem Punkt der Umkehrung, an dem der Zwang nach Beschleunigung zu kippen beginnt – in ein Bedürfnis nach Entschleunigung, nach Verlangsamung des Nachrichtenflusses. Dann wäre der Streit zwischen Online oder Print, der hier gerade eben, wow, fast hundert Beiträge generiert hat, eine zwischen Strom und Insel. Die Internetströme wollen reissen, die Print-Inseln wollen festhalten.

Aber vielleicht hatte ich auf meiner Insel auch nur genug Musse, um in Ruhe vor mich hin zu spintisieren. «Undernewsed and underinformed», um das an dieser Stelle schon bemühte Huxley-Zitat weiter zu variieren. Oder einfach «grübel grübel», wie es bei meinen Lieblingsdenkern aus Entenhausen heisst (als Postbote brachte Donald Duck seine Botschaften übrigens auf einem schwergeprüften, reizenden Eselchen, das sich sommers und winters, in Sturm und Hitze über Berg und Tal, durch gleissende Wüsten und reissende Flüsse quälte. Es hat mir wohl früh den Sinn dafür geöffnet, dass nicht jeder Schrott es verdient, verschickt und veröffentlicht zu werden). Diesen sommerlichen Gedankenmüll hier aber spült es nun mit Internetgeschwindigkeit, zack zack, an die Gestade von ein paar andern Inseln. Wenn das kein Grund ist, für Entschleunigung zu plädieren. Her mit dem braven Langohr!

Pia Horlacher war Film- und Kulturredaktorin beim Schweizer Fernsehen, bei der «NZZ» und bei der «NZZ am Sonntag». Als Mitglied des Presserats befasst sie sich auch mit Medienfragen.

von Pia Horlacher | Kategorie: Mediensatz

8 Bemerkungen zu «Insel in Sicht»

  1. Anonym:

    „zelebrieren“ wir auch noch ein zweites mal im „medienspiegel“ das ach‘ so trendige ‚Mega-Grufti‘ – offline – sein, und schieben dann hurtig ein plädoyer für den insel-print hinter her; tja…
    wie wäre es denn — insbesondere für mitglieder des presserats, die uns medienarbeitern ja kompetent auf die finger schauen sollen — wenn sie’s mal mit der kombination von online und hintergrund versuchen? muss ja nicht unbedingt ein widerspruch sein

  2. Und wie wäre es denn, wenn Sie Ihrer Bemerkung noch einen Namen hinzufügen würden?

    Es dankt,
    Der Blogwart

  3. «Vielleicht stehen wir heute exakt an jenem Punkt der Umkehrung, an dem der Zwang nach Beschleunigung zu kippen beginnt – in ein Bedürfnis nach Entschleunigung, nach Verlangsamung des Nachrichtenflusses»: Das wäre Neil Postmans Traum, sozusagen. Rein subjektiv, empirisch, ohne Anspruch auf Beweiskraft stelle ich einen anderen Trend fest: die Medien implodieren. Die Zeitungen werden immer dünner (mengenmässig und inhaltlich), und auch die Blogs werden immer langweiliger (dieser Befund gilt nicht für den Medienspiegel, der jetzt ja immerhin eine neue Kolumnistin hat, die für frischen Wind sorgt). Doch wenn man sich im Internet umschaut, dann trifft man meistens auf Werbetexter in der Midlife-Krise, die sich über irgendwelche neuen Computerprogramme ereifern. Die Blogs sind deshalb leider keine Alternative zum immer fader werdenden Medienbrei – der Internetbrei ist genau so fade. Wenn man etwas spannendes lesen will, muss man es selber schreiben.

    Das hat ja auch sein Gutes: Die Langeweile zwingt dazu, aktiv zu werden. So könnte eine ähnliche Situation entstehen wie in der Punk-Zeit: Als die Hippies bequem wurden, rückte eine neue Generation nach. Ähnlich ist es vielleicht heute mit den Bloggern: Sie sind selbstzufrieden und faul geworden. Das ermöglicht einer neuen Generation, kreativ zu werden. Ich freue mich darauf.

  4. schön, dass hier vom blogwart klarnamen angemahnt werden.

    weniger schön, dass der anonyme journalist aka bobby california hier wiedermal seine anonyme brühe ausleeren darf.

  5. @Martin Hitz: Sorry, der anonyme Kommentar stammt von mir, André Marty

  6. Thomas Läubli:

    Es wirkt schon reichlich bemühend, mit welchen Lifestyle-Problemen man sich mittlerweile auf dieser Plattform beschäftigt…

  7. Fred David:

    @) Thomas Läubli: Ich würde auch lieber über News of the World diskutieren, wo’s dem Journalismus im doppelten Sinn ans Läbige geht. Vielleicht gib’s dazu von der kroatischen Insel ein paar Impulse und Gedanken? Müsste doch auch eine Presserätin irgendwie mobilisieren.

  8. Schnarch! Das ist nIcht entschleunigt, das ist nicht einmal Rollator-Motorenbremse, das ist Presserat.

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