Liebe Kollegen

Es fällt auf, dass in Blogger- und Journalistenkreisen – jedenfalls den mehrbesseren und oder sich dafür haltenden – das Urteil über die Gratiszeitungs- und Online-Kolleginnen und -Kollegen längst und definitiv gefällt ist. Man spricht von ihnen wie von minderwertigem Material.

Der ansonsten ausserordentlich geschätzte Kollege Constantin Seibt schrieb einst legendär von «Kindersoldaten». Das wirkt immerhin fast noch rührend im Vergleich zum Wort «Gesindel», das vor kurzem hier in den Kommentarspalten fiel. Der nicht weniger hoch geachtete Kollege Rainer Stadler von der «NZZ» wiederum schrieb vom «schlechten, wenn nicht gefährlichen Einfluss» des Online-Arms meines Arbeitgebers auf meine Arbeit als Printjournalist.

Ich weiss, dass ich in den Augen Stadlers an den Storch glaube, darum habe ich Verständnis, wenn er meiner Einschätzung nicht traut. Aber immerhin lebe ich an der Werdstrasse nicht ganz so isoliert von der Realität des Pendlerzeitungs- und Online-Journalismus wie der «NZZ»-Medienjournalist im Falkenhorst am Bellevue. Ich sehe diese Leute von Nahem, wenn sie recherchieren statt räsonieren, wenn sie den Telefonhörer zwischen Schulter und Kinn klemmen und einem Eisberg von Pressesprecher mit Charme und Engelsgeduld die Durchwahl zur wirklichen Fachfrau entlocken. Oder wenn sie Tonband, Videokamera und Fotoapparat schultern, um dem Tramunfall, dem verrückten Kranbesteiger oder auch mal dem Stadtparlament möglichst nahe zu sein.

Ich kann mich gut erinnern, wie die Kolleginnen und Kollegen von «20 Minuten» aus Pressekonferenzen – oder manchmal auch nur aus den zugeschickten Unterlagen – regelmässig die besseren Geschichten quetschten und damit das Tagesgespräch in der Stadt dominierten. Damit lebten sie nur konsequent vor, was Altmeister Wolf Schneider in seinem Handbuch des Journalismus lehrt: Man muss als Journalist zielbewusst die gute Kinderstube und den akademischen Ordnungsfimmel ins Privatleben verbannen, damit man im Knäuel des amtlich oder PR-mässig Vorgekäuten die frischen Filetstücke findet. Über diese können dann Schreibtischtäter anderswo kluge Kommentare und muntere Aperçus schreiben. Aber ohne diese wären Leitartikler und Feuilletonisten ohne Stoff.

Zufällig ist mir kürzlich wieder All the President’s Men in die Hände gefallen. Das ist die Geschichte der beiden Journalisten, die 1972 «Watergate» ins Rollen gebracht hatten – der Skandal, der dem amerikanischen Präsidenten Nixon das Amt und die Ehre kostete. Nach dem Massstab Seibts waren Carl Bernstein und Bob Woodward damals «Kindersoldaten». Als junge Lokalreporter hatten sie aber den Vorteil, dass sie sich auf den Hintertreppen der Hauptstadt Washington auskannten – und merkten, dass beim Einbruch in den Watergate-Komplex nicht einfach Kleinkriminelle an der Arbeit gewesen sein konnten: «The president’s men» mussten die Hände im Spiel gehabt haben.

Um das zu erhärten, klopften Bernstein und Woodward buchstäblich an Dutzende, ja Hunderte von Türen, meist abends. Sie belästigten also wildfremde Leute, die sich dann in ganz seltenen Fällen als ihre ergiebigsten Quellen erwiesen. Woodward traf «Deep Throat», seinen wichtigsten Informanten, nach Mitternacht in einer eiskalten Tiefgarage. Und Bernstein zwängte sich ungefragt mit möglichen Zeugen in ein Taxi zum Flughafen und reiste nach Florida, um ihnen beim Smalltalk auf den engen Flugzeugsitzen Informationsfetzen zu entlocken.

Dieser notgedrungen hemdsärmelige Journalismus wiederum erinnert mich an einen ehemaligen gemeinsamen Vorgesetzten von Rainer Stadler und mir, der wie ich seine ersten journalistischen Schritte beim selben Kleinstblatt in der Innerschweiz gemacht hatte. Noch heute, lange nach seiner Pensionierung als hochgeachteter Journalist mit eindrücklicher Karriere bei einer wichtigen Schweizer Zeitung, erzählt er fast am lebendigsten ein frühes Erlebnis: Wie er als blutjunger alleinverantwortlicher Redaktor mit Kamera und Schreibblock zu einem Flugzeugabsturz ausrückte, den Artikel darüber eigenhändig in die alte Bleisatzmaschine hackte, das Klischee des Bildes in den Setzrahmen einfügte und in letzter Sekunde das Gut zum Druck gab.

Vom Türenklopfen bis zum Publizieren, gedruckt oder elektronisch, im Weltblatt oder im Gratisanzeiger, Journalismus, und gerade auch guter Journalismus verlangt nach viel Handarbeit. Man macht sich dabei die Finger schmutzig und schafft sich damit mehr Feinde als Freunde. Aber es gibt keinen Grund, die lieben Kollegen, gerade auch die lieben jungen Kollegen, deswegen gering zu schätzen oder sogar pauschal zu verunglimpfen.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

96 Bemerkungen zu «Liebe Kollegen»

  1. Ich bin zwar kein Kollege von Ihnen, Herr Schuler – aber „All The President’s Men“ ist einer meiner Lieblingsfilme. Der zentrale Unterschied zwischen den Gratiszeitungen und Woodward/Bernstein sind die Arbeitsbedingungen. Die beiden Amerikaner hatten Zeit, um zu recherchieren, Leute zu befragen etc. – während Gratiszeitungen Geschichten enorm schnell brauchen und ihnen strukturell wenig daran liegt, politische, engagierte Geschichten zu bringen.

    So wäre meine Kritik an den Arbeitsbedingungen der Gratiszeitungen nicht eine Kritik an den JournalistInnen, die dort arbeiten – sondern am Berufsbild und an den Bedingungen dieses Berufs. Das hängt mit der erforderlichen Ausbildung, den Löhnen, den Arbeitsplätzen, der Geschwindigkeit etc. zusammen.

  2. ras.:

    Lieber Storch, wenn ich mal dein Zitat zitieren darf, ich formuliere nicht irgendwelche Pauschalurteile, sondern habe im betreffenden Kommentar ganz konkret etwas kritisiert. Darauf habe ich nun aber keine Antwort oder Gegenrede erhalten. Wenn jemand – auf welchem Kanal auch immer – einen richtigen politischen Skandal aufdeckt oder wenn er relevante Fakten vorträgt, dann würde er – in welchem Kanal er auch arbeitet – dafür sicher nicht von mir kritisiert. Wenn aber ohne eigene Prüfung und unkritisch Gerüchte und irrelevante Behauptungen weiterverbreitet werden, und das kommt öfters vor (Kachelmann und Hirschmann lassen grüssen), dann hat das wohl ziemlich wenig mit Watergate-Journalismus zu tun. Meine Kritik ist insofern auch kein beliebiges Räsonnieren. Aber das sei zugegeben: Schlafmützen und Langweiler gibt es in allen Kanälen. Aber auch gute Journalisten -zumindest dort, wo sie entsprechende Arbeitsbedingungen haben.

  3. Fred David:

    @) Philipp Wampfler: Zustimmung. Es hat ausserdem mit Selbstwert und Selbstverständnis von Journalisten zu tun. Beides haben sie sich zu billig abkaufen lassen oder sogar gratis abgegeben.

    Viele fühlen sich als Lohnschreiber und sind zufrieden damit.

    Ein Beispiel: Wenn Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument öffentlich sagen kann, ein grosser Teil des Schweizer Journalismus habe die Qualität von Publireportagen (= bezahlte Werbung, die redaktionell aufgemacht daherkommt) und kein Journalist, kein Medium, keine Journalistenorganisation fragt: Hallo, was erzählt der denn da?, dann ist das Selbstwertgefühl dieses Berufs inzwischen auf sehr niedrigem Niveau angekommen. Und das ist nicht mehr nur eine Frage von „gratis“ /“bezahlt“, bez. „Kinderkreuzzug“ / „Gruftiorgie“.

    Hanspeter Lebrument: „Ein grosser Teil des publizistischen Schaffens hat einen Publireportage-Charakter. Allerdings wird dafür nichts bezahlt. Im Kulturbereich, im Sport und in den Gesellschaftsrubriken fehlt vielfach das kritische redaktionelle Element. Es wird den beschriebenen Anlässen und Akteuren viel Liebes zu erkannt und wenig Kritisches vermerkt. Und das alles erst noch gratis.“

    Hier der dazugehörige Link:
    http://medienwoche.ch/2011/05/25/publireportage-%E2%80%93-wirklich-weg-damit/

  4. Hier noch ein Beispiel:
    20 Minuten über das Shakira-Konzert gestern: http://bit.ly/jbGowJ
    Hier ein Konzertbesucher: http://haze.ch/?p=5300

  5. @PhilippeWampfler: Klasse Beispiel!

  6. Werter Herr Kollege,

    wahrlich, ein überaus gewagter Vergleich, Kolleginnen und Kollegen von Online- Portalen und Gratiszeitungen mit Woodward / Bernstein auf eine Ebene stellen zu wollen — wer so was ernst meint, der möge sich fragen lassen: schon länger nicht mehr online gewesen?

    Abgesehen von den Arbeitsbedingungen, welche Philippe Wampfler und Fred David nüchtern betrachtet völlig zu Recht thematisieren: In welchem hiesigen Medium, ob Online oder nicht, sehen Sie den Drang nach „Watergate“? Wo genau lesen und sehen Sie die zupackenden, dranbleibenden, recherchierten Geschichten? Oder warten Sie nicht auf die journalistische Aufarbeitung politischer, oder etwa sport-politischer Grossbaustellen in einem Wahljahr?

  7. Fred David:

    Hier brabbeln und grummeln ältere Semester vor sich hin (ich bin mutmasslich der Älteste, lege aber doch Wert auf die Feststellung, dass ich noch fast alle meiner zweiten Zähne habe!).

    Ich möchte gopfriedschtutz einmal hören, was der Kinderkreuzzug dazu meint. Ihr dürft uns im Gegenzug ruhig als Gruftis beschimpfen (Wikipedia-Definition: „umgangssprachlich ältere Personen außerhalb des Jugendalters, die sich Neuerungen des alltäglichen Lebens verschließen und daher als altmodisch empfunden werden“.)

  8. Fred David:

    Da der Kinderkreuzzug schweigt, muss sich halt die Kukidenttruppe nochmal einmischen.

    Es geht ja auch anders. Zum Beispiel in der „Zeit/Schweiz“ (da fallen ohnehin manche Texte und Jungautoren auf). Solche Fundstücke gibt’s schon auch. Aber nicht gratis (zumindest nicht im Print):

    http://www.zeit.de/2011/23/CH-Raser-Reportage/seite-2?commentstart=9#comments

    1:0 für Schulers These (freilich ohne Woodward/ Bernstein-Bonus…).

  9. als zuweilen medienkritischer seniorblogger sage ich gerne auch was dazu:
    – es ist immer wieder erstaunlich, wofür die watergateschurnis alles herhalten müssen. ich habe jedenfalls noch nie einen ingeniör gehört, der mir dauernd mit einstein kommt. und kein werber entschuldigt die (qualitative) misere seiner branche mit dem verweis auf die grosstaten von david ogilvy in den 60ern.
    – mit anderen worten: ich verstehe nicht, was uns herr schuler eigentlich sagen will. er unterstellt uns bloggern einfach, wir würden ALLE journalisten, die für online schreiben, für „minderwertiges material“ halten. was erstens unsinn ist und zweitens zeigt, wie dünnhäutig journalisten immer noch sind. den kampfausdruck „minderwertiges material“ halte ich jedenfalls für sehr viel polemischer, als es (medienkritische) blogger gemeinhin sind. wo haben sie das nur her, herr schuler?
    – zum schluss noch ein frischer link, der sehr gut passt:
    http://www.helge.at/2011/06/die-unbequemen-kommen/

  10. Es ist ein Teufelskreis: Weil sozusagen kein spannender Journalismus online existiert, wollen junge Journalisten alle in die Printmedien. Dort aber kommen sie nicht rein, weil durch die veränderte Mediennutzung eher abgebaut, als aufgebaut wird. Und auch wenn sie rein kommen, müssen sie, das muss man verstehen, unten anfangen, und können keine eigenen Ideen umsetzen. So werden die Zeitungen zu Ü50-Veranstaltungen, die junge Menschen je länger je weniger interessieren. Jetzt mal im Ernst: Was will ein 25-jähriger mit einer ganzseitigen Konzertbesprechung des 67!-jährigen Roger Waters (gestern im Tagi)? Oder mit den 500000 Geburtstagstexten zu Bob Dylan? Online wiederum stossen junge Leser nicht auf Journalismus, sondern auf klickoptimierte Texte. Wie also soll aus so einer Situation jemals grossartiger Journalismus online entstehen? Ich habe durchaus Respekt vor der Leistung einiger Online-Schreiber – aber ich bin ganz froh, muss ich keine Schlagzeilen wie «Sie wird nie mehr ein normales Leben haben» oder «Ich habe Menschen verarscht» (beide: tagesanzeiger.ch von heute) verfassen.

    Das Problem ist, dass so viele die grossartigen Möglichkeiten des Online-Journalismus mit dem aktuellen Zustand des Online-Journalismus verwechseln, bzw. nicht fähig sind, diese beiden Dinge auseinanderzuhalten.

    Vielleicht ist es bezeichnend, dass sich zur Diskussion um guten Journalismus keine junge Stimmen melden? Weil sie ihn nämlich durch ihre bisherige Mediennutzung gar nicht kennenlernen konnten? Und ihn darum auch nicht vermissen? Ich gebe das Wort weiter an jemanden, der jünger ist als ich. 35 Jahre sollten zu unterbieten sein, oder?

  11. Es ist gar nicht erstrebenswert, dass der Onlinejournalismus qualitativ gleich gut wird wie die bezahlte Zeitung. Denn je interessanter das Gratis-Online-Angebot gestaltet wird, umso kleiner ist der Anreiz, eine Zeitung zu abonnieren. Je mehr Artikel ich zuerst im Newsnetz gratis lese und dann auch noch im Tages-Anzeiger sehe, den ich abonniert habe, umso enttäuschter bin ich. Warum soll ich bezahlen für etwas, das ich auch umsonst bekommen kann? Kluge Verleger wissen das. Und deshalb hüten sie sich davor, das zu tun, was David Bauer kürzlich unter heftigem Beifall der Blogger empfohlen hat: die besten Journalisten in die Online-Redaktion zu versetzen. So kann man nur eines erreichen: die bezahlte Zeitung noch weiter kannibalisieren, bis sie endgültig nicht mehr rentiert. Und weil die Verleger das nicht wollen, lassen sie eben diejenigen Leute in der Online-Redaktion arbeiten, die sich nicht zu schade sind, Agenturmeldungen umzuschreiben und Sensationsmeldungen über Kachel- und Hirschmänner zu verfassen. Auch ich bin froh, dass ich nicht auf einer Onlineredaktion arbeiten muss. Das bedeutet nicht, dass ich die Online-Kollegen gering schätzen würde. Aber wer jahrelang in einer Online-Redaktion arbeitet, muss sich schon fragen lassen, warum er sich keine andere Stelle sucht. Und wenn Onlinejournalisten dann noch ihre miesen Arbeitsbedingungen schön reden, dann muss man klarstellen, dass schlechte Arbeitsbedingungen nicht besser werden, wenn man trotzig behauptet, sie seien die bestmöglichen.

  12. Nun, ich sehe mich als Vertreter der «Jungen» doch noch gezwungen, in die Diskussion einzusteigen, obwohl eigentlich alle wichtigen Argumente bereits genannt wurden.

    Um es kurz zu halten: Dem von Ronnie Grob beschriebenen Teufelskreis ist eigentlich nicht mehr viel beizufügen. Trotzdem möchte ich zwei Beispiele aus der Ausbildungspraxis der Fachhochschule, an welcher ich studiere, aufgreifen:

    – Geschehnis 1: Ein Dozent gibt seinen Studierenden in einem Seminar die Aufgabe, drei «Aktionen» im Web durchzuführen. Praktisch heisst das, einmal einen Blogartikel zu verfassen, einen Kommentar zu einem Newsartikel zu posten und einen Tweet abzusenden. Die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten. Fast sämtliche angehenden Journalisten stehen auf die Barrikade und antworten ihm: «Da wird aber dann mein Name in der Google-Suche auftauchen, das will ich nicht.»
    – Geschehnis 2: Montagmorgen, Praxisunterricht. Das Semester neigt sich dem Ende zu und der Jahrgang wird fürs kommende Semester getrennt – die eine Hälfte absolviert Praktika, die andere bleibt an der Schule. Eine kleine Umfrage einer Dozentin im Klassenverbund bringt zu Tage, dass von 60 Studierenden gerade mal eine Person ihr Praktikum in einer Onlineredaktion absolvieren wird.

    Voilà, so viel von meiner Seite. Wer sich gerne noch etwas mehr mit Onlinejournalismus auseinandersetzen möchte, dem kann ich meine Gedanken dazu empfehlen: http://konradweber.ch/2011/06/04/onlinejournalismus/

  13. Konrad Weber > Dem von Ronnie behaupteten Teufelskreis gibt es noch viel hinzuzufügen. Zeitungen sollen nur noch über 50-Jährige interessieren? Das ist doch Unsinn. Heute hat es im Tages-Anzeiger eine ganzseitige Geschichte über eine Schülerin, die ihre Lehrstelle verlor, weil sie auf Facebook eine Lehrerin beleidigte. Ein Stoff für Rentner? Ausserdem schadet es auch 15-jährigen nichts, wenn sie sich mit dem Werk von Bob Dylan auseinander setzen. Er ist schlicht der bedeutendste und kreativste Songschreiber der letzten 50 Jahre. Nicht nur für Gruftis interessant.

    «Und wenn sie rein kommen, müssen sie, das muss man verstehen, unten anfangen, und können keine eigenen Ideen umsetzen»: Auch das ist Unsinn. Wer bei einer Zeitung arbeitet, kann soviele Ideen einbringen, wie er will. Gute Ideen sind Mangelware und deshalb immer gefragt. Auch wenn sie von jungen Leuten kommen. Kein Jungredaktor muss seine Tage damit verbringen, den älteren Kollegen Kaffee zu bringen. Das Beispiel zeigt nur, dass Ronnie nicht weiss, wie eine Redaktion funktioniert.

  14. Aus meiner Sicht läuft die Diskussion einmal mehr in eine völlig falsche Richtung. Um den Punkt von ras. aufzunehmen: Es macht doch keinen Sinn, pauschal von „den Gratiszeitungs- und Online-Journalisten“ auf der einen und „den Printjournalisten“ auf der anderen Seite zu reden. Guter Journalismus ist völlig unabhängig vom Medium, in dem er veröffentlicht wird. Natürlich spielen die Arbeitsbedingungen eine wichtige Rolle für das Endprodukt, aber noch entscheidender sind Faktoren wie Intelligenz, Neugierde, Ehrgeiz, Können des einzelnen Journalisten. Autoren, bei denen diese Attribute vorhanden sind, lese ich heute mehr denn je, nicht zuletzt auch dank Outlets, wie dem Atlantic, der vorlebt, wie man mit der Herausforderung durchs Internet auch umgehen könnte: http://gigaom.com/2010/12/13/lessons-from-the-atlantic-cannibalize-yourself-first/

    Vielleicht enthält sich die nächste Journalisten-Generation ihrer Voten auch, weil sie von dieser altbackenen Diskussion nur noch gelangweilt ist.

  15. Thomas Läubli:

    Ausser bei den Artikeln, die aus den Print-Zeitungen entnommen werden, habe ich weder online noch in den Gratiszeitungen je einen Journalisten gefunden, dessen Erzeugnisse mich irgendwie angesprochen oder interessiert hätten…

  16. … und doch haben Sie sich durch rund 15’000 Zeichen gekämpft, um hier unten anzukommen.

  17. Skepdicker:

    @ Kalifornien-Röbu:
    «Zeitungen sollen nur noch über 50-Jährige interessieren?»

    Es geht nicht um das Sollen, sondern um das Sein.

  18. Den ergrauten Kritikern werfe ich Jungspund einer Onlineredaktion noch folgenden Fakt in den Rachen: Hat ein Onliner eine gute Geschichte an der Angel und darf sich Zeit nehmen für die Recherche – wo landet sie dann doch zuerst? Richtig: In der Zeitung.

  19. mdr:

    Der Wunsch ist gross, geschätzter Kollege Fred David, dass sich in diesen Spalten ein Kindersoldat meldet. Nun gut, ich fühle mich im vierten Jahrzehnt meines Lebens keineswegs als solcher, selbst wenn der Zürcher Presseverein 31-jährige Journalisten noch zum Nachwuchs zählt. Aber vermutlich liegt hier genau das Problem: Die meisten Online-Journalisten dürften keine Lust haben, sich in einer Diskussion zu äussern, bei der die Geringschätzung des Journalismus in Onlinemedien Grundtenor ist. Dabei ist die Diskussion absurd, ob die Qualität journalistischer Arbeit davon abhängt, in welchem Medium diese publiziert wird. Zwar ist es nett von Edgar Schuler, dass er eine Lanze bricht für seine Kollegen von der Online-Abteilung. Ich selbst mache im persönlichen Kontakt mit anderen Journalisten keineswegs solche negativen Erfahrungen. Vielmehr schlägt dem Online-Journalismus zunehmend Anerkennung entgegen.

    Die Grundsatzfrage, ob journalistische Leistungen gratis oder bezahlt abgegeben werden sollten, ist berechtigt, und ich bin keineswegs ein absoluter Verfechter der Gratiskultur. Aktuell ist es in der Schweiz so, dass alle grossen Onlineportale ihre Inhalte gratis anbieten. Entscheidend ist in erster Linie aber nicht, mit welchem Finanzierungsmodell die Verlage guten Journalismus ermöglichen, sondern dass sie es tun beziehungsweise tun können. Wenn ich richtig informiert bin, war es sogar die NZZ, welche Mitte der 1990er-Jahre begonnen hatte, ihre Artikel online kostenlos zugänglich zu machen – und inzwischen auch auf den Geschmack der Klickzahlen gekommen ist. Das ist vielleicht gar nicht so verwerflich, wie das gerne dargestellt wird. Wollen denn Print-Journalisten nicht, dass ihre Artikel gelesen werden? SF ist jedenfalls immer wieder stolz auf die hohen Einschaltquoten der Tagesschau oder bei Sondersendungen. Wichtig ist, dass gleichzeitig auch die journalistische Qualität stimmt. Doch woher kommt die Vorstellung, dass ausgerechnet die Journalisten der Online-Branche als einzige diesbezüglich keinen Anspruch haben?

    Damit sind wir bei den Arbeitsbedingungen, wie sie Philipp Wampfler zumindest in Bezug auf Gratiszeitungen anspricht. Tatsächlich verfügt der Online-Journalismus noch nicht über dieselben Ressourcen, wie sie grosse Zeitungen, beispielsweise NZZ, Tages-Anzeiger oder Sonntagszeitungen, haben. Das ist nicht besonders erstaunlich, gibt es in der Schweiz einen eigenständigen Online-Journalismus doch erst seit vielleicht drei Jahren. Die Ressourcenverteilung kann – und wird – sich in den nächsten Jahren ändern. Dann sind wir wieder bei der grundlegenden Feststellung: Qualitätsjournalismus ist nicht an ein bestimmtes Medium gebunden.

    Ich gebe André Marty recht, wenn er Edgar Schulers Watergate-Vergleich als zu hoch gegriffen kritisiert. Doch viel bedeutender ist seine Bemerkung, dass ein «Drang nach Watergate» in der Schweiz auch ausserhalb der Onlinemedien kaum auszumachen ist. Liegt das an den schlechten Arbeitsbedingungen oder an einer satten Genügsamkeit, die sich bei den herkömmlichen Medien – böse Zungen sprechen von «Schlafwagen» – breitgemacht hat?

    PS: Ich habe diese Zeilen verfasst, bevor ich Tom Nagys Äusserungen gelesen habe. Er spricht meiner Meinung nach die richtigen Punkte an.

  20. Seit längerer Zeit wird hier mit geringem Bezug zur Realität von den angeblich so grossartigen Möglichkeiten des Online-Journalismus geschwärmt. Doch jetzt mal im Ernst: Welcher Online-Journalist hat denn jemals eine spektakuläre Geschichte geschrieben, die preiswürdig wäre?

    Auch wenn es den Online-Fans nicht in den Kram passt: Das grösste Talent kann wenig ausrichten, wenn die Arbeitsbedingungen nicht stimmen. Insofern ist es eben doch nicht egal, bei welchem Kanal jemand arbeitet. Der Kanal an sich spielt keine Rolle, aber die unterschiedlichen Arbeitsbedingungen schon.

    Das Votum des Kollegen Neumann sollte allen Online-Fans zu denken geben: Die besten Geschichten erscheinen im Printmedium. Und das ist gut so. Denn ein Verleger wäre dumm, wenn er die besten Geschichten verschenken würde.

    Deshalb ist es auch richtig, dass der Online-Journalismus «noch» nicht über die gleichen Ressourcen verfügt wie die Printmedien. Das Wort «noch» kann man getrost vergessen. Tatsache ist: Tamedia und NZZ arbeiten an Paywalls. Und dann wird die Trennung zwischen dem inhaltlich anspruchslosen Gratisangebot und dem anspruchsvollen Bezahlangebot wieder konsequenter sein. Und das ist gut so. Denn Journalisten sollten ihre hart erarbeiteten Stücke nicht verschenken. Wenn ich eine Pizza kaufe oder eine Reise buche, muss ich auch mein Portemonnaie zücken. Nur Journalismus soll gratis sein. Gehts noch?

  21. Mich erschüttert die Anekdote aus der Fachhochschule Journalismus: „einmal einen Blogartikel zu verfassen, einen Kommentar zu einem Newsartikel zu posten und einen Tweet abzusenden“ ist tatsächlich Teil der Ausbildung. Aber wenigstens die Bedienung eines Telefons wird als bekannt vorausgesetzt, oder wird dafür auch noch nutzlos Zeit verschwendet? Wäre doch noch was, „einmal am Bahnhof anrufen“… Und etwa genau so sinnvoll und effektiv.

  22. Eine interessante Diskussion hat sich da entwickelt. Das Zuschreiben von Jung = Onlinejournalisten und «Alt» = Printmedien, finde ich so aber falsch. Meiner Meinung nach geht es nicht darum, wo es den qualitativ besseren Journalismus gibt. Denn dies wäre mit Fakten ganz einfach belegbar. Schauen wir doch über die Grenzen. Onlineportale wie süddeutsche.de oder theguardian.co.uk sind im Vergleich zu unseren Portalen doch um Längen voraus.

    Der Vergleich mit Watergate hinkt ein wenig. Empirisch belegt ist aber, dass investigativer Journalismus in den USA und in Grossbritannien viel verbreiteter ist als im deutschsprachigen Raum.

    In meiner sagenumwobenen Karriere als Praktikant bei Print und Radio habe ich in der kurzen Zeit der Praxiserfahrung doch eines gelernt: Im Alltagsjournalismus hat man niemals die Zeit, um fundiert zu recherchieren und um sich mit dem Thema richtig auseinanderzusetzen. Dies wird sich meiner Meinung noch viel mehr verschärfen. Im Zuge der Konvergenz muss dann neben dem Printtext ja auch noch online etwas stehen, am besten mit Video. Verlangen die Rezipienten mehr? Ich denke schon. Gerade in meiner Generation (87er) muss etwas „haptisch“ interaktiv sein, um attraktiv zu wirken. Dies führt vielmehr zu einer Diskussion um die Vertriebsmittel. Tageszeitungen können nicht ewig bestehen, denn Aktualität verliert im Print zunehmend an Bedeutung, ist doch online und TV immer schneller und reine Hintergrundberichte in einer Tageszeitung ist ja auch nicht das Ziel.

    Ich bin äusserst gespannt wie sich das ganze weiterentwickelt mit Online und Print. Ich studiere zur Zeit an der Fachhochschule Angewandte Medienwissenschaft und kann vorerst aber noch von einer anderen Ebene aus beobachten.

  23. Andi Wullschleger:

    @Bobby California Mit der Einführung einer Paywall wird sich der Print aber mit dem Online vermischen – nicht von der Vertriebs- sondern von der Produktionsebene gesehen.

    @Bruder Bernhard Das war natürlich auch eine Aufgabe, mit dem Anrufen. Der Kurs heisst Recherche und wird von Dominique Strebel geführt. Da haben wir einiges über Recherche-Methoden gelernt!

  24. @bobby: „Die besten Geschichten erscheinen im Printmedium. Und das ist gut so.“

    Ein einfacher Mechanismus, da sich Online als Wiederverwerter verwenden lässt. Umgekehrt funktioniert das (noch) nicht. Wird sich in den nächsten Jahren verändern.

    Disclaimer: Ich bin Vollblut-Onliner (ehemaliger Printler) und bleibe es auch. Qualitätsdiskussionen hin oder her.

  25. Neumann > «Umgekehrt funktioniert das (noch) nicht»: Das stimmt nicht. Der Tages-Anzeiger druckt immer wieder mal ein Textlein aus der Online-Redaktion. Meistens sind das kurze Stücke mit hohem Sensationsfaktor und geringem Informationsgehalt.

  26. Bobby: Ich rede von grossen – zitierfähigen – Geschichten. Welche Zeitung nimmt gerne eine Story auf, die den ganzen Tag online lief? Keine.

    Online-Portale zu zitieren fällt den meisten Titeln schwer. Die SDA löst dies meistens so: „Wie die Online-Ausgabe von „Blick“ berichtet.“ Dabei ist dem Leser schnurzegal, woher die Geschichte kommt.

  27. Neumann > Andere Frage: Welche Online-Story wäre es denn wert, gedruckt zu werden? Ich weiss, die Frage klingt maliziös. Aber man muss einfach mal sagen, dass die vermeintlich grossartigen Möglichkeiten des Online-Journalismus pure Fiktion sind. Daran glauben nur Leute wie Ronnie Grob, die ihren Traum vom «freien Internet» ums Verrecken nicht mit der Realität abgleichen wollen.

  28. Lukas Egli:

    Bin leider auch kein Kindersoldat mehr (demnächst 38), habe aber neulich vom Zeitschriften- ins Online-Gewerbe gewechselt – freiwillig. Warum? 1. Weil ich überzeugt bin, dass wir am Wendepunkt angelangt sind. Alles, was oben beschrieben wurde (Arbeitsbedingungen, Ausbildung, Löhne), wird sich über kurz oder lang zugunsten der elektronischen Medien entwickeln, ob das die älteren Semester wollen oder nicht. Vielleicht nicht morgen oder übermorgen, aber in den kommenden Jahren; die Entwicklung der Leserzahlen spricht eine recht deutliche Sprache. Lange werden sich die Verleger den Heimatschutz für saturierte Redaktoren nicht mehr leisten. Einen guten Vorgeschmack gab das 1. Halbjahr 2011 mit Arabischem Frühling, Tsunami/Fukushima, Mladic-Verhaftung usw. – da sahen gewisse Online-Medien im Direktvergleich mit altehrwürdigen Print-Titeln sehr gut aus (und haben massiv Leser zugelegt; wohingegen selbst ein „Spiegel“ kaum von der riesigen Nachfrage an Einordnung profitieren konnte). 2. Weil es auf einer jungen, hungrigen Redaktion irgendwie lustiger ist. Weil es mehr Entwicklungsmöglichkeiten und Raum fürs Experimentieren gibt. Weil die Diskussionen nicht nur defensiv geführt werden („Hatten wir schon!“, „Haben wir immer anders gemacht!“ usw.). 3. Weil mich die Gleichförmigkeit und Selbstüberschätzung der Traditionsmedien auch als Autor zunehmend gelangweilt hat. Die altklugen Betrachtungen von altklugen Redaktoren über altkluge Phänomene – nicht falsch verstehen: Ich liebe Dylan! – sind ebenso eine Zumutung, wie die hirnlose Hirsch- und Kachelmann-Hysterie gewisser Online-Medien). In dem Sinn: Raucht weiter Pfeife, Herren! Eines Tages werdet Ihr Euren Enkeln erzählen können, dass früher alles besser war, damals, als der Leser morgens im Pyjama am Briefkasten unsere Elaborate holen musste ;)).

  29. Anonymous:

    Ich finde, hier kommt im Schlagabtausch von U30 und Ü50 und allen dazwischen doch eine Menge an Info zum Vorschein, auch an Spannungen, Unmut und Ungeduld.

    Vielleicht zieht ja @)Edgar Schuler mal ein Zwischen-Resümee aus dem, was er hier – im positivsten Sinn – angerichtet hat? Und allen Kinderkreuzzüglern (und natürlich auch Gruftis): ein Blog ist dazu da, sich einzumischen. Man kann schon was bewirken. Und natürlich schielt auch medienspiegel.ch auf clickrates. Wär ja noch schöner!

  30. …sorry, der Anonymus hat schon einen Namen, aber er neigt dazu, zu rasch die post-Taste zu drücken. Er gelobt Besserung.

  31. Fred > Bei Deinen Texten merkt man auch dann, dass sie von Dir sind, wenn kein Name drunter steht. Das ist als Kompliment gemeint.

  32. „Aber man muss einfach mal sagen, dass die vermeintlich grossartigen Möglichkeiten des Online-Journalismus pure Fiktion sind.“

    Ach, Herr Bobby. Ich habe zu oft still mitgelesen, als dass ich mich jetzt auf eine Print vs. Online Diskussion einlasse. Die ist müssig.

    Meine Meinung: Die Zeit wird den Online-Medien die Flausen austreiben (siehe Link), ebenso wird die Zeit den Printbereich offener machen. Wir müssen nur ein paar Jährchen warten. Eine stärkere Verschmelzung von Online und Print tut not.

  33. Neumann > «Ach, Herr Bobby. Die ist müssig»: Wieso müssig? Das ist schliesslich das Thema dieses Threads. Was ist daran müssig? Hat Edgar Schuler ein müssiges Thema angesprochen? Die meisten Leute, die sich hier melden, finden den Online-Journalismus grossartig. Nur wenn Herr Bobby kommt, heisst es, die Debatte sei müssig. Was ist das für eine Diskussionskultur?

    «Eine stärkere Verschmelzung von Online und Print tut not»: Bevor ich für ein Onlinemedium arbeiten muss, wechsle ich mit grosser Freude den Beruf. Belangloses Kurzfutter ins WWW rauspfeffern? Ohne mich.

    Ugly Egli > «Arabischer Frühling, Fukushima, Mladic – da sahen gewisse Online-Medien im Direktvergleich mit altehrwürdigen Print-Titeln sehr gut aus»: Warst Du denn in Fukushima? Oder wenigstens in Tokio? Was hast du zur Mladic-Verhaftung geschrieben? Zu diesen Themen haben die Online-Journis doch nur Agenturmaterial in ihr Online-Gefäss eingefüllt. Mit Verlaub: Das ist eine nützliche Dienstleistung, aber als Journalist würde ich mich bei einer solchen Tätigkeit grausam unterfordert fühlen.

    Versteht mich nicht falsch: Ich habe gar nichts gegen die Leute, die sich von einem Online-Medium anstellen lassen. Mit einem Neumann oder einem Egli könnte ich problemlos und gerne ein Bier trinken. Das einzige, was mir auf den Keks geht, und zwar ganz massiv auf den Keks geht, ist, wenn man behauptet, Online-Journalismus sei gleich anspruchsvoll (für die Leser und für die Schreiber) wie Print-Journalismus. Wenn man die Produkte vergleicht, sieht man sehr schnell, dass das einfach nicht stimmt.

  34. Pardon, ich beziehe das „müssig“ nur auf mich. ICH bin es leid, mich an Diskussionen zu beteiligen, weswegen ich als treuer Leser hier auch bisher geschwiegen habe.

    Und warum ists mir verleidet? Wegen den festgefahrenen Positionen: „Belangloses Kurzfutter“, da haben wirs doch schon. Darum verzichte ich jetzt auch darauf, Ihnen Beispiele zu liefern.

  35. Eine hübsche Diskussion hier. Nur scheinen die Informationen ungenügend. Wie wärs mit Recherche? Das Problem sind nicht die Online-Journis und auch nicht deren Arbeitsbedingungen, sondern deren Chefs.
    Sie könnten ihre Angestellten auf Qualitätsbeiträge und Eigengeschichten trimmen. Die Ressourcen sind vorhanden, aber das Interesse nicht.
    Der Chefredaktor einer grossen Schweizer Internetplattform sagte mir einst: „Im Internetzeitalter gibt es keine Primeurs mehr. Jede gute Geschichte ist innert Minuten auf allen Seiten.“

  36. @Bobby California Die „angeblich so grossartigen Möglichkeiten des Online-Journalismus“ gibt’s imfall wirklich:

    Schau doch gelegentlich wieder einmal bei „NYTimes.com“ vorbei, wirf z.B. einen Blick auf die Serie „One in 8 Million“ und geniesse z.B. Georgiana DePalma Tedone, The Mozzarella Maker.

    Oder spiel ein wenig mit der Infografik „How Different Groups Spend Their Day“ herum.

    Oder schau in die „Kiste“ von Magnum zu 9/11.

    Man könnte schon, wenn man wollte – und genügend Ressourcen zur Verfügung stünden!

  37. Fehlende Ressourcen sind das eine, selbstverständlich. Es fehlt im hiesigen Medienzirkus aber auch ganz einfach an Knowhow in diesem Bereich. Hängt vielleicht auch damit zusammen, dass online in vielen Fällen schon von vornherein als wertlos eingestuft und deshalb gar nicht erst versucht wird, neue Dinge auszuprobieren.

  38. Fred David:

    @) Thom Nagy, ich glaube nicht, dass es an Knowhow fehlt, und auch nicht an fehlenden Ressourcen. Ich glaube, dass „Darf meinen Namen nicht sagen“ Recht hat. Der Journalismus ist nach meiner Wahrnehmung durch diesen hier schön beschriebenen Hype vom Start des Ringier Newsrooms vor gut einem Jahr nicht besser geworden. Ich behaupte: eher im Gegenteil.
    http://www.hossli.com/articles/2010/03/14/newsroom/ Jedenfalls kann ich mich an keine einzige Geschichte in den letzten 12 Monaten erinnern, wo ich sagen würde: Wow, das geht nur, weil die diesen Newsroom haben.
    Vielleicht irre ich mich?

  39. Das Forum «Internet» lebt. Die neue Medienlandschaft ist vielfältig und attraktiv dank der Demokratisierung der Distributionskanäle. Edgar Schuler verteidigt junge Arbeitnehmer, die mit dem Schaffen von und mit Inhalten ihr Geld verdienen. Noch am selben Tag entsteht eine lebhafte Diskussion unter alten Hasen, ebenfalls Content-Profis, die sich von der neuen Landschaft verunsichern lassen. Sie äussern lustvoll ihren Unmut. Gewisse merken dabei nicht, dass diese Freiheiten und das reizvolle Tempo beim Diskurs über die neue Landschaft, eben dieser zu verdanken ist.

    Die Landschaft hat sich grundlegend verändert. Schulers Vergleiche früherer Berufseinsteiger mit heutigen funktionieren a priori nicht. Man muss Online-Redaktoren und Content-Kuratorinnen für Gratiszeitungen nicht überhöhen. Sie erfüllen zweifellos eine Rolle im Gefüge der Öffentlichkeit. Aus systemtheoretischer Sicht hat sich die Rolle aller «klassischen Journalisten» gewandelt, weil sich das System «Öffentlichkeit» verändert hat.

    Jedes Unternehmen ist heute auch ein Medienunternehmen, jeder Mensch kann heute technisch als Massenmedium auftreten. Die Veränderung der Besitzstände als Sender auftreten zu können, hat dazu geführt, dass Kommunikation zwischen Organisationen und ihrer Umwelt ohne Umweg via Massenmedien möglich ist. Organisationen aller Art, aber auch Individuen haben heute direkte Kanäle zueinander. Firmen- und Institutions-Websites mit Kunden- und Bürger-Foren oder Gruppen und Fan-Seiten in sozialen Medien ermöglichen einen Austausch, um sich selbstregulierend der Umwelt anzupassen. Missstände werden nach wie vor aufgedeckt und erkannt. Viele «Fälle» werden gelöst, bevor die klassischen Medien etwas bemerken. Ungelöste Fälle finden auch heute noch ihren Weg an die Öffentlichkeit. Sie gelangen jedoch nicht mehr ausschliesslich via klassische Medien an die Oberfläche. Vielleicht braucht es den investigativen Journalismus nicht mehr in dem Mass wie dies früher nötig war? Vielleicht ist es gut, dass es keine Primeuren mehr braucht, weil die Gesellschaft insgesamt transparenter geworden ist? Die Gatekeeper-Rolle ist jedenfalls vorbei. Dafür gibt es neue Rollen: Kuratieren von Inhalten in die Breite (Gratiszeitungen und Online-News-Sites) oder Vertiefung und Einordnung (Qualitätstitel) und alternative Deutungen (Blogs).

    Wesentlich wäre, dass nicht nur Medienprofis über Medienkompetenzen verfügten, um die neue Vielfalt der heutigen Öffentlichkeit im aufklärerischen Sinne nutzen zu können. Die Landschaft ist neu, also braucht es einen neuen Rucksack. Neue Medienkompetenzen sind gefragt. Medienkompetenz sollte im Lehrplan der Schulbildung einen deutlich höheren Stellenwert erhalten. (Disclaimer: Jeder ist sich selber am nächsten. Manche Oldskool-Journalisten hier argumentieren für die Bewahrung ihrer Besitzstände, und ich wäre gerne als Lehrer für Medienkompetenz tätig…)

  40. Marc Böhler > Wenn man Ihre dogmatischen Vorurteile mit der Realität vergleicht, sieht man schnell, dass es sich um Wunschträume handelt:

    «Die neue Medienlandschaft ist vielfältig und attraktiv dank der Demokratisierung der Distributionskanäle»: Das stellten sich die Internet-Vordenker vor 15 Jahren so vor. In Tat und Wahrheit erzählen uns 99 Prozent der Blogs nur Dinge, die wir schon Tage vorher in den traditionellen Medien gehört haben. Unsere Medienlandschaft ist attraktiv dank der Arbeit der Journalisten – die Blogger tragen sehr wenig Unverzichtbares dazu bei.

    «Gewisse merken nicht, dass diese Freiheiten und das reizvolle Tempo beim Diskurs über die neue Landschaft, eben dieser zu verdanken ist»: Das ist eine wenig originelle Unterstellung. Ich habe nie gesagt, das Internet sei scheisse. Ich habe mich oben ausschliesslich über die Gratis-News-Kanäle der Medienunternehmen geäussert. Doch das Beispiel zeigt, wie dogmatisch Sie argumentieren: Wenn man einen Hauch von Kritik an gewissen Aspekten des Internets anzubringen wagt, wird einem unterstellt, man sei gegen das Internet.

    «Jedes Unternehmen ist heute auch ein Medienunternehmen»: Das ist eine rein theoretische Annahme, die wenig mit der Realität zu tun hat. Und Ihre Aussage zeigt, dass Sie die Aufgabe der Massenmedien nicht erkannt haben. Denn erstens ist die Aufgabe der Medien nicht, Werbeaussagen ungefiltert auf die Leute loszulassen. Und zweitens sind die Unternehmen nach wie vor auf die traditionellen Medien angewiesen, um neue Kunden anzusprechen. Die direkte Kommunikation mit den Kunden über Firmenwebseiten kann nur ein kleines Publikum erreichen.

    «Jeder Mensch kann heute technisch als Massenmedium auftreten»: Theoretisch ja. Praktisch haben aber die Schweizer Blogs ein zahlenmässig extrem kleines Publikum und sind weit davon entfernt, als Massenmedium zu funktionieren. Das Publikum der Blogger setzt sich zu einem grossen Teil aus anderen Bloggern zusammen. Das sieht man, wenn man die Kommentarspalten anschaut und wenn man studiert, wer wem Kachingle-Cents schickt. Es sind alles Blogger!

    «Vielleicht braucht es den investigativen Journalismus nicht mehr in dem Mass wie dies früher nötig war»: Das ist totaler Quatsch. Investigativen Journalismus wird es immer brauchen. Denn Firmenwebseiten und Blogger erreichen immer nur einen kleinen Teil der Bevölkerung. So kann man sicher nicht die aufklärende und enthüllende Funktion des investigativen Journalismus ersetzen. Blogger haben gar nicht die Möglichkeit, investigativ zu arbeiten und Missstände zu enthüllen. Das geht nicht abends auf dem Sofa mit einer Bierdose auf dem Knie. Und Firmenwebsites haben gar nicht die Absicht, Missstände aufzudecken oder zu lösen, denn sie sind ein Propagandainstrument.

    «Vielleicht ist es gut, dass es keine Primeurs mehr braucht, weil die Gesellschaft insgesamt transparenter geworden ist»: Mir ist völlig schleierhaft, wie Sie auf solche absurden Befunde kommen. Die Gesellschaft ist transparenter geworden? Wo denn? Die Wikileaks-Dokumente werden den gegenteiligen Effekt haben: Staaten werden von nun an heikle Informationen noch viel strenger unter Verschluss halten. Und Mauscheleien hinter den Kulissen gibt es nach wie vor jeden Tag. Das Internet hat daran gar nichts geändert. Das einzige, was transparenter geworden ist, ist das Privatleben der Bürger. Das ist aber kein Vorteil, wie das Beispiel der Auszubildenden zeigt, die ihre Lehrstelle wegen ihrer Facebookseite verloren hat.

    «Die Gatekeeper-Rolle ist jedenfalls vorbei»: Das ist ganz einfach Quatsch. Die Blogger haben nicht das Potential, Gatekeeper-Funktionen zu übernehmen. Die Blogger kommunizieren vorwiegend miteinander. Und wenn sie doch zufälligerweise mal etwas Interessantes herausfinden, dann können sie es sich nicht leisten, das publik zu machen, wie das Infamy-Burtscher-Beispiel zeigt.

    «Dafür gibt es neue Rollen: Kuratieren von Inhalten in die Breite»: Kuratieren ist ein Begriff aus der Kunstszene und klingt sehr nobel. Wenn Sie diesen Begriff im Kontext des Online-Journalismus verwenden, klingt das für mich wie zynischer Spott. Ich würde mich eher erschiessen, als den ganzen Tag Agenturmeldungen abzufüllen, pardon: zu «kuratieren». Wenn der Journalist nur noch zum Abfüller wird, wird der Job so spannend wie Strassenwischen.

    «Alternative Deutungen (Blogs)»: Auch das ist ein Wunschtraum, der nichts zu tun hat mit der Realität. Ich kenne keine Blogs, die alternative Deutungen bieten können. Ronnie Grob sieht die Welt aus seiner SVP-Perspektive, die ich auch in der Weltwoche lesen kann. Philippe Wampfler schreibt ungefähr das Gleiche, das auch in der WoZ steht.

    «Manche Oldskool-Journalisten hier argumentieren für die Bewahrung ihrer Besitzstände»: Das ist eine Frechheit, die ich nicht unkommentiert hinnehme. Erstens bin ich kein «Oldskool-Journalist», sondern ich arbeite mit aktuellen Arbeitsmethoden, wozu selbstverständlich auch die Internetrecherche gehört. Und zweitens bin ich fest davon überzeugt, dass der professionelle Journalismus immer noch eine grosse Bedeutung hat für die Gesellschaft. Nicht, damit ich einen spannenden Job habe, sondern weil die Leser von meiner Arbeit profitieren. Herr Böhler: Wenn Sie übers Internet debattieren wollen, dann sollten Sie sachlich bleiben und nicht den Fehler wiederholen, den Edgar Schuler zu recht angeprangert hat – nämlich engagierte Berufsleute persönlich zu beleidigen, indem Sie uns unlautere Motive unterstellen.

  41. Bobby California, du zeigst die andere Seite einer Medaille. Ich sehe lieber die glänzende Seite, obschon ich vielen deiner Argumente zustimmen würde. Aber ich lasse mich nicht mit jemandem auf eine Diskussion ein, der seit Jahren von der Möglichkeit anonymer Aktivitäten im Netz profitiert und dabei zugleich das Netz kritisiert und die Errungenschaften computervermittelter Kommunikation nur in seltensten Fällen würdigt.

    Auf Gespräche mit Akteuren, welche überspitzt als Trolls bezeichnet werden dürfen, auch wenn sie als geistreiche und sprachlich gewiefte Argumentationsmaschine auftreten, habe ich keine Lust. Daher nur dies: Mit «früher» meine ich nicht nur die Blütezeit der Forumszeitungen. Der Horizont reicht weiter nach hinten. Und nicht nur manche Blogs schaffen im Vergleich zu früher mehr Transparenz, als dies zum Beispiel die Partei-Blätter getan haben. Auch Kunden- und Bürger-Foren ermöglichen offenere Kommunikation.

    Zwei aktuelle Beispiele, die zeigen, dass die Welt dank TCP/IP besser, das heisst transparenter werden kann:

    Den attraktivsten Bericht zum Thema Freienbach habe ich nicht in einem klassischen Medium gelesen, sondern hier: http://www.andreasvongunten.com/blog/2011/6/9/die-selbstherrlichen-von-f.html

    Google Public Data Explorer: http://www.youtube.com/watch?v=AM6w_tUlIn4

    (Angeblich fühltest du dich angesprochen mit dem «Old-Skool». Dabei habe ich ja gar niemanden konkret genannt. Weswegen ich dich duze? Im Gegensatz zu dir unterstelle ich dir keine Frechheiten und bleibe zugleich förmlich. Und Figuren, die, wenn auch nur ansatzweise, als Trolls auftreten, dürfen geduzt werden.)

  42. Wo er recht hat, hat er recht, der Herr Kalifornien.
    Gute Nacht, wenn der Herr Böhler Medienkompetenz unterrichtet.

  43. Andi Wullschleger:

    Für was soll diese Fertigmacherei in einer Diskussion um Qualität im Journalismus gut sein – weshalb dieser mediale Röstigraben? Bis jetzt wurden nur wenig Fakten genannt, subjektiv gefärbte Meinungsergüsse sind meiner Meinung nach nicht sehr hilfreich. Was hat uns denn bis jetzt der Online-Journalismus gebracht? Wo sind seine Stärken und Schwächen? Wo kann er an den bewährten Printjournalismus anknüpfen, bzw. ihn unterstützen? Konstruktive Kritik wäre hier sehr viel hilfreicher.

  44. Auf Gespräche mit Akteuren, die Vertreter einer konträren Meinung als «Troll» beleidigen, habe ich keine Lust (ging es ursprünglich in diesem Thread nicht darum, dass man auf Beleidigungen verzichten soll?). Soviel zum Thema Diskussionskultur und Anstand im Internet. Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass Andreas von Gunten seinen Text zum Fall Freienbach aus einem Printmedium abgekupfert hat, resp, sich davon inspirieren liess – so wie das die meisten Blogger tun. Die Transparenz hat der Tages-Anzeiger hergestellt, nicht der Blogger.

  45. @bobby
    anstand im internet? da bist du grad der richtige:
    https://skitch.com/roetext/fr8by/bobby-california-calibobby-auf-twitter-1
    warum löschst du eigentlich solche tweets jeweils wieder?

    @marcböhler
    „argumentationsmaschine“ trifft den nagel auf den kopf.

  46. Auch du meine liebe Güte: Am gleichen Tag werden Sarah Palins Mails und CaliBobbys gelöschte Tweets veröffentlicht. Vielleicht hat Marc Böhler ja trotz allem recht: Dank dem Internet wird die Welt besser und transparenter. Ich wünsche allen schöne Pfingsten und fröhliches Debattieren.

  47. Und jetzt alle wieder einmal tief durchatmen bitte.

    Es dankt und grüsst,
    der Hausherr

  48. Fred David:

    @) Andi Wullschleger: Ihre Fragen sind gut. Daran lässt sich weiterstricken.

    Auch @Neumanns Hinweis ist ein Ansatzpunkt: „Eine stärkere Verschmelzung von Online und Print tut not“. Aber: Was heisst es konkret?

    Oder der von @)Martin Hitz:“Man könnte schon, wenn man wollte – und genügend Ressourcen zur Verfügung stünden!“ – Wie ist das mit diesen Ressourcen in der Praxis wirklich? Ist das Ringier-Projekt „the collection“ ein Weg? Darüber habe ich von Machern bisher wenig gehört.

    Und stimmt der Hinweis von @)Lukas Egli (ich glaube, er stimmt):“Einen guten Vorgeschmack gab das 1. Halbjahr 2011 mit Arabischem Frühling, Tsunami/Fukushima, Mladic-Verhaftung usw. – da sahen gewisse Online-Medien im Direktvergleich mit altehrwürdigen Print-Titeln sehr gut aus (und haben massiv Leser zugelegt; wohingegen selbst ein „Spiegel“ kaum von der riesigen Nachfrage an Einordnung profitieren konnte).

    Oder @)Ronnie Grob: Hat er Recht mit seiner Feststellung:“Es ist ein Teufelskreis: Weil sozusagen kein spannender Journalismus online existiert, wollen junge Journalisten alle in die Printmedien.“

    Wollte nur sagen: Es gibt in dieser Debatte interessante Ansätze, die weiterführen. Nur zu!

  49. Thomas Läubli:

    @Thom Nagy am 10.06.11 01:24:
    Das hier ist weder eine Online-Zeitung noch eine Gratiszeitung, sondern eine Diskussionsplattform. Und, nein, ich habe nicht alle 15’000 Zeichen gelesen – der Glaube, dass Diskutanten im Internetzeitalter alle Chrut-und-Rüebli-Meinungen gelesen haben, bevor sie auch noch ihren Senf dazugeben, zeugt schlicht von Selbstüberschätzung. Think about it!

  50. Thom Nagy sagt: „Vielleicht enthält sich die nächste Journalisten-Generation ihrer Voten auch, weil sie von dieser altbackenen Diskussion nur noch gelangweilt ist.“

    Ich sage: Ja.

  51. Thomas Läubli:

    Sie sagen „Ja“ – zu welcher Frage?

    Interessante Website, Herr Bauer! Ich gebe Ihnen recht: Kritiken über Popmusik sind ein Unding. Im Ggs. zur Kunstmusik (diese würde ich in Ihrem Sinne „provokant“ als „bessere Musik“ bezeichnen) braucht solche Musik keine Erklärung, keinen Kommentar und keine Fachsimpelei. Bezüglich reiner Unterhaltungsmusik können auch Blogger und andere Laien „Experten“ sein.

  52. Fred David:

    @) David Bauer, @Thom Nagy: Das ist mir zu einfach. Hier zeigen sich ja doch einige aufschlussreiche Konfliktlinien – und betonierte Positionen beidseits dieser Linien.

    Der oben von Thom Nagy als Beispiel für eine preisgekrönte online-Story verlinkte Text http://www.nzz.ch/finanzen/nachrichten/die_unheillige_allianz_1.5380705.html stammt von Zoé Baches, und sie erhielt den Ehrenpreis ausdrücklich in der Kategorie „Print“.

    Aber was heisst das denn? Es ist wurscht ob print oder online: Hauptsache, es ist eine prima Story und guter Journalismus. Das sagt Nagy in einem andern post auch so ähnlich

    Für mich ist viel mehr die Frage: Hätte NZZ-online aus sich selbst heraus die Ressourcen für aufwändige Stories dieser Art, und falls nein – warum nicht?

    Ist es eben doch ein Ressourcenproblem? Glauben Medienmanager, was gratis angeboten wird müsse auch entsprechend am Limit produziert werden? Ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen, weil das ja doch intelligente Menschen sind. Darüber würde ich aus der Alltagspraxis schon gern mehr erfahren. Wie ist es wirklich?

  53. @Läubli, David
    Mich langweilt diese Diskussion, weil sie künstliche Grenzen zieht und vorwiegend aus ideologischen Positionen heraus geführt wird. Jedem, der das Medienkonsumverhalten der Menschen beobachtet, sollte sich erschliessen, dass Journalismus sich mehr und mehr Richtung online bewegen und sich da weiterentwickeln muss, wenn er seine Revelanz behalten möchte.

    Da ist keine Abwertung des Printjournalismus, sondern ein ganz normaler Medienwandel. Unser Job ist es, ihn so mitzugehen und mitzugestalten, dass der Journalismus als solcher überdauert und vielleicht sogar mit den neuen Möglichkeiten an Relevanz gewinnt.

    Darum halte ich mich nicht gerne mit solchem Diskussionen auf, sondern schreibe Artikel wie diesen: http://www.davidbauer.ch/2011/04/07/onlinejournalismus-10-ideen/ und arbeite in Basel am neuen Medienprojekt mit, das versucht, Journalismus für das Jahr 2011 zu machen: qualitativ hochstehend, unabhängig vom Medium auf dem er erscheint.

  54. Fred David:

    @) David Bauer: Ja, schon, aber Sie beantworten meine Frage nicht :

    Hätte NZZ-online aus sich selbst heraus die Ressourcen für aufwändige Stories dieser Art, und falls nein – warum nicht?

    Man kann NZZ auch durch irgendein anderes Medium ersetzen. Für mich liegt da ein wichtiger Knackpunkt. Nicht in der ausgeleierten Frage „print oder online“, da haben Sie völlig Recht. Das ist uninteressant.

    Sondern die Frage: Wie verändert sich der Journalismus online? Mein Verdacht: Onlineproduktion ist unendlich viel billiger, wenn erst mal die Infrastruktur steht. Das ist zunächst mal gut, aber wird der ökonomische Mehrwert tatsächlich in die die inhaltliche Qualitätssteigerung investiert?

    Da habe ich meine Zweifel (siehe Newsroom-Euphorie), denn erstens läufts ja auch mit weniger Aufwand und zweitens ist noch immer nicht abzusehen, wo und wie im web genügend verdient werden kann, ausser in Spezialsparten, wofür die Leute Geld auszugeben bereit sind.

    Also: Der Journalismus verändert sich online aus verschiedenen Gründen, eben auch aus ökonomischen. Aber, das muss man einfach nüchtern feststellen, bisher verändert er sich nicht zum Besseren. Da ist es schon ein Anliegen von Journalisten aus ureigenem Interesse, aufzupassen, dass das in die richtige Richtung läuft. Und notfalls halt auch den Mund aufzumachen.

    ps. Tamedia will 200 neue Online-Stellen schaffen, wenn ich das richtig im Ohr habe, sagt aber bisher nur sehr vage, wofür. Da wären z.B. konkrete Infos hilfreich, um abzuschätzen, in welche Richtung die Fahrt wirklich geht. Ich nehme an, es gibt Medienspiegel-Mitleser, die Letzteres beantworten können.

  55. Thomas Läubli:

    @David Bauer: Ihre Punkte 2 bis 4 sowie 7 und 8 sind sicher bedenkenswert. Nur fehlt ein konstruktiver Vorschlag, wie Sie den Online-Bereich finanzieren wollen. Zudem heisst die Verschiebung von Print zu Online zunächst nicht, dass man die Besten dort beschäftigen soll. Wohl eher muss man sich einrichten, dass ersteres für ein speziell interessiertes Publikum ist und letzteres für News-Fresser. Ich sehe schon, dass man bald als Schulfach „Mediennutzung“ einführen muss, um den Leuten beizubringen, welches Medium für Vertiefung ungeeignet ist. Das Internet ist nun mal oberflächlicher, und das wird so bleiben. Das Fernsehen wurde anfangs auch euphorisch als Technik, die alles andere überholt, wenn man alle Möglichkeiten ausschöpft, begrüsst. Inzwischen merkt man, dass das Radio nach wie vor überlegen ist.

  56. „Das Internet ist nun mal oberflächlicher, und das wird so bleiben.“ (Läubli) – Und schon sind wir wieder auf Feld 0 dieser Diskussion. Guardian.co.uk versus Blick am Abend – was ist jetzt hier oberflächlicher und inwiefern hat das irgendwas mit dem Trägermedium zu tun?

    „Aber, das muss man einfach nüchtern feststellen, bisher verändert er sich nicht zum Besseren.“ (David) – Self fulfilling prophecy. Solange jene, die in der Schweiz an den Schalthebeln sitzen, so wenig an Onlinejournalismus glauben, wird er natürlich nicht besser.

  57. Lukas Egli:

    @ Fred David: Diese Einschätzung habe ich von «Spiegel»-Chefredaktor Mathias Müller von Blumencron persönlich, der vor ein paar Wochen in einem Werkstattgespräch an der Dufourstrasse darüber berichtete. So verkauften sich die beiden «Spiegel»-Ausgaben nach Fukushima zwar gut, aber nicht überdurchschnittlich, wohingegen der Traffic auf spiegel.de sich quasi verdreifachte. Offenbar würden die Leser selbst die Einordnung solcher Grossereignisse mittlerweile online suchen, meinte er.

    Und nein, @ Bobby California, ich war weder in Ägypten noch in Japan, auch wenn ich zum Zeitpunkt der beiden Ereignisse noch bei einer grossen Zeitschrift gearbeitet habe, und beide Male in Erwägung gezogen wurde, mich zu schicken. Allerdings war ich nie der Ansicht, dass es sinnvoll ist, auf dem Höhepunkt solcher Umstürze/Katastrophen orts- und sprachunkundige Reporter zu entsenden, um – und das ist ja leider meist das Ziel hiesiger Medien – Einzelschicksale mit Schweiz-Bezug zu covern. Das welsche Schwesterblatt entsandte ein Team nach Ägypten; es kam zwei Tage später wieder zurück – traumatisiert (sie hatten ein «falsches» Taxi genommen und waren in einen Hinterhalt geraten und mussten vom Militär «gerettet» werden). Auch der peinliche Fall der SF-Korrespondentin in China, Barbara Müller, die im «Blick» abwechselnd sagte, sie wolle «rein», dann «raus», dann wieder «rein» bestärkt mich in meiner Meinung. Da dient ein erfahrener Nachrichtenredaktor in Zürich, der alle ihm zur Verfügung stehenden Kanäle nutzt, allen Seiten mehr (auch den Rettungskräften). Und in Sachen Nachrichtenredaktion macht – soweit ich das nach der kurzen Zeit beurteilen kann – den Onlinern so schnell niemand etwas vor.

    Als sich die Situation in Japan dann etwas normalisiert hatte, wäre indes ein Reporter vor Ort eine gute Sache gewesen. Für die Zeitschrift wars da leider zu spät; zu wenig Drama, zu wenig Schweiz-Bezug. Preisfrage: Wie lange brauchte das Weltblatt von der Falkenstrasse, bis es einen Mann im Nordosten Japans hatte? (Nein, es war keiner der «Pantoffelträger», die so viel zum guten internationalen Ruf der Zeitung beitragen…)

    Und noch eine blöde Frage zu den «aufwendigen» Recherchegeschichten, die online so schmerzlich vermisst werden: Woher kommen eigentlich die Primeure (okay, sagen wir 98% von ihnen): Telefoniert man sich wochenlang durchs Telefonbuch in der Hoffnung auf einen Volltreffer oder werden sie einem im richtigen Moment von Interessenvertretern gesteckt?

    Salopp würde ich sagen: Das Knowhow für Tiefgang ist online längst vorhanden, die nötigen Ressourcen langsam aber sicher auch, und die strategischen Entscheide sind in gewissen Verlagen auch gefallen (@ Fred David: den Ringier-Newsroom würde ich da nicht dazurechnen; dort ging es glaub mehr um Innenarchitektur und Lohnstruktur). Wenn sich das nur nicht herumspricht!

  58. @Lukas Egli, 20min-Online hatte während «Lybien» und «Japan» sogar einen besonderen Kanal zum Geschehen gefunden. Sie hatten via Twitter, Facebook und Skype Kontakt mit betroffenen Einwohnern und konnten so von Zürich aus die Situation dem Leser näher bringen.

  59. David Bauer > «Mich langweilt diese Diskussion, weil sie künstliche Grenzen zieht und vorwiegend aus ideologischen Positionen heraus geführt wird. Jedem, der das Medienkonsumverhalten der Menschen beobachtet, sollte sich erschliessen, dass Journalismus sich mehr und mehr Richtung online bewegen und sich da weiterentwickeln muss, wenn er seine Revelanz behalten möchte»: Das ist auch eine ideologische Position, weil sie voraussetzt, dass man bestimmte Entwicklungen nicht hinterfragen darf. So macht man es sich, wie Fred David richtig festgestellt hat, zu einfach. Viele interessante Fragen bleiben offen:
    – Warum schreiben die Online-Journalisten keine preiswürdigen Geschichten? (Es bringt die Diskussion nicht weiter, wenn die Online-Verfechter wie Thom Nagy Printgeschichten als Online-Errungenschaften darstellen)
    – Wenn die Verleger laut David Bauer die besten Journalisten in die Online-Redaktion schicken müssten – warum machen die Verleger das nicht? (vielleicht darum, weil es sich finanziell nicht lohnt, die besten Geschichten gratis zu verschenken?)
    – Warum profilieren sich die Schweizer Online-Journalisten vorwiegend mit einem flotten, boulevardesken Stil und meinungsstarken, aber faktenarmen Texten (Beispiel Mamablog), während die spannenden, mühsam erarbeiteten Geschichten mit Tiefgang nach wie vor von den Printredaktionen stammen?
    Das sind legitime, interessante Fragen, die sich keineswegs auf die etwas festgefahrene Diskussion beschränken, ob Print oder Internet das beste Gefäss für journalistische Texte sind. Bei dieser Diskussion geht es gar nicht um die Frage des passenden Kanales, sondern nur um die Qualität der Produkte. Auch die Online-Vertreter müssen sich dieser Diskussion stellen, statt sie als «langweilig» abzutun.

    Martin Hitz > Die Grafik der New York Times ist zwar sehr schön aufgemacht, aber der Erkenntniswert ist gering (90 Prozent der Amerikaner schlafen um 2 Uhr – darauf wäre ich auch ohne diese Grafik gekommen). Und die Fotostrecke mit Originalton ist auch hübsch, aber eben nur die Kombination einer Fotostrecke mit Originalton. Wo ist da das Fleisch am Knochen? Guter Journalismus besteht aus hart erarbeiteten, mühselig recherchierten Geschichten – schöne Grafiken und multimediale Fotostrecken ändern daran nichts).

  60. @BobbyCalifornia
    Du hast in der Vergangenheit im Überfluss gezeigt, wie du Print mit glühendem Furor und irrwitzigen Argumenten von Online abgrenzt und auf einen Sockel stellst, so dass ich guten Gewissens sagen kann, dass ich keinerlei Interesse habe, dieses Thema mit dir weiter zu diskutieren.

  61. ubuntubru:

    Ja, das Shakira-Beispiel ist wirklich toll…
    Gratiszeitungen in dieser Form sind wirklich überflüssig wie ein Kropf.

    Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte.

    Ob ich sie auf Papier drucke oder in HTML giesse, ist doch egal.

    Leider sind es gerade die künstlichen Grenzen zwischen Papier und Online, die – aus Angst vor Verlusten – die Weiterentwicklung des Mediums blockieren. Die Brötchenverkäufer unter den Verlegern brauchen immer noch einen physischen Bezug zu ihrem Verkaufsobjekt, das aber leider nicht „greifbar“ ist.

    Anders gesagt: Eine bessere Ausbildung, intelligentere Auslese, näher an die Leserbedürfnisse ran (warum z.B. muss ich noch eine ganze Zeitung abonnieren, wenn mich nur der Lokalteil interessiert?), no more copypaste, den PR-Tropf entfernen, mehr Kreativität, härtere Geschichten (und gehärtete Geschichten!), all das wäre schon was wert. Stattdessen liest man heute überall denselben berechenbaren Mist.

    Darunter sind natürlich immer wieder Perlen von Geschichten und Ausnahmejournalisten, doch diese überdecken nur die Fäulnis.

  62. Ubuntubru > «Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte. Ob ich sie auf Papier drucke oder in HTML giesse, ist doch egal»: Das stimmt (abgesehen von gewissen Nachteilen der Onlinemedien wie flackernde Inserate, die die Leser wahnsinnig machen). Aber das Thema dieses Threads ist ja eben gar nicht «Print oder Online», sondern die Qualität der Schweizer Onlinemedien. Also: Wenn Sie das Newsnetz mit der Printausgabe des Tages-Anzeigers vergleichen – was fällt Ihnen dann auf?

  63. Wer Print-Zeitungen mit Online-Ausgaben vergleicht, springt auf analytischen Ebenen herum. Es ist unsinnig, Online-Texte klassischer Verlage mit deren Print-Texten direkt zu vergleichen. Online-gerechte Texte sind grundsätzlich anders als papiergerechte Texte. In einer Print-Ausgabe konfektionierte, das heisst gebündelte Nachrichten sind grundsätzlich anders als Online-News, die quasi in Echtzeit den Lauf der Dinge spiegeln sollen.

    Die Medienträger «Papier» und «Bildschirm» verlangen unterschiedliche Qualitäten. Entsprechend unterschiedlich sind die Ansprüche der Leser und User. Es ist unsinnig, Beiträge von Online-Redaktoren mit denjenigen von Print-Redaktoren direkt zu vergleichen. Solche Vergleiche sind angesichts der unterschiedlichen Produktionsbedingungen von Online und Print ebenfalls unsinnig. Nicht nur in dieser Hinsicht ist Edgar Schulers Beitrag wertvoll und richtig.

    Als das Fernsehen in den Medienmarkt drang, machten Kulturpessimisten ebenfalls seltsame Vergleiche. Sie untersuchten den Informationsgehalt einer halbstündigen Nachrichtensendung mit demjenigen einer halbstündigen Zeitungslektüre. Solche Vergleiche findet man heute zu Recht unnötig und nutzlos. Ebenso sollte man direkte Vergleiche zwischen Print und Online unterlassen.

    Die hier als «Online-Verteter» diffamierten Diskussionsteilnehmer David Bauer und Thom Nagy sowie ein paar «Unabhängige», zum Beispiel Fred David, versuchen, den Austausch auf eine analytisch sinnvolle Ebene zu hieven. Was heisst heute Qualität? Wie kann sie gewährleistet werden? Wie kann sie finanziert werden? Welche Arbeitsbedingungen sind dafür notwendig? Was bedeutet Qualität je nach Medienträger?

    Solche und weitere Fragen beantwortet man nicht, indem man wie ein Mantra immer wieder Bezahlzeitungen mit ihren Online-Pendants und mit Gratiszeitungen vergleicht.

  64. Es ist mir schleierhaft, warum man Online-Medien nicht mit Printmedien vergleichen dürfen soll. Als Leser und Arbeitnehmer stellen wir alle solche Vergleiche jeden Tag an: Als Journalist überlege ich mir, ob ich lieber bei einem Printmedium oder bei einem Onlinemedium arbeiten will. Und als Leser überlege ich mir, ob ich meine Informationsbedürfnisse online oder mit Printmedien abdecken will.

    Ich sehe nichts Diffamierendes am Begriff «Online-Vertreter». Ein Online-Vertreter ist jemand, der die Online-Medien lobt und meistens auch für ein Online-Medium arbeitet. In den Voten von David Bauer und Thom Nagy vermisse ich aber die von Marc Böhler erwähnte «analytisch sinnvolle Ebene» und die Auseinandersetzung mit der Frage «was heisst heute Qualität». Vielmehr haben diese beiden Herren erklärt, sie fänden die Diskussion langweilig. David Bauer hat sich geweigert, Fred Davids berechtigte Frage zu beantworten (warum die Online-Redaktionen nicht aufwändige Geschichten generieren). Und mit mir will Bauer gar nicht diskutieren, weil ich die Vorzüge der Papiermedien gelobt habe (was in David Bauers Augen offenbar eine schwere Sünde ist).

    Interessant waren die Voten von Neumann und «darf-meinen-namen-nicht-sagen» : Die Online-Chefs wollen gar keine Eigengeschichten. Und wenn ein Online-Journalist doch eine spannende Geschichte schreibt, wird sie im Printmedium veröffentlicht. Dank dieser und anderer Voten war diese Debatte trotz aller schrillen Töne doch ausserordentlich ergiebig.

  65. mdr:

    Die Diskussion über den aktuellen Stand der Schweizer Onlinemedien finde ich keineswegs langweilig. Es ist jedoch erschreckend, welche überholten Vorstellungen diesbezüglich geäussert werden – also ob dies hier kein Medienblog wäre. Die Zeiten, als auf Onlineredaktionen nur Agenturmeldungen umgeschrieben wurden, keine Meldung länger als zwei Abschnitte sein durfte und Hintergrundtexte oder faktenreiche nicht erwünscht waren, sind definitiv vorbei – zumindest dort, wo ich arbeite, habe ich sie gar nie erlebt. Ich würde deshalb den Kritikern hier dringend einen Besuch bei einer der grossen Onlineredaktionen empfehlen.

    Die beiden Behauptungen, Online-Chefs wollen keine Primeurs beziehungsweise die guten Geschichten würden immer in den Print wandern, finde ich ebenfalls absurd. Mich würde interessieren, welcher Chefredaktor keine eigenen Primeurs oder gute Geschichten will. Er kann seinem Medium damit ja gerade einen Namen verschaffen und sich gegenüber der skeptischen Print-Abteilung aufwerten. Insofern halte ich diese Aussagen – ausser vielleicht für das Sparprojekt des Ringier-Newsrooms – für falsch.

    Der Ruf nach preisgekrönten Onlinejournalisten finde ich etwas erstaunlich. Es geht doch gar nicht um spektakuläre Geschichten, die preiswürdig wären, sondern vielmehr um die Etablierung von konstanter und breiter Qualität in den Onlinemedien. Ich bin überzeugt, dass die Ausland- und Inland-Artikel einiger Onlineportale bereits mit den meisten Regionalzeitungen mithalten können. Und die Qualität wird weiter wachsen – zumal ja einige Preisträger bereits für Onlinemedien arbeiten. Ich bin auch nicht sicher, ob die steigende Qualität im Online-Bereich bei den Jurys bereits angekommen ist. Vielleicht sollten sich die Onlineredaktionen zusammen einen Online-Preis stiften, wie das in den Regionen auch üblich ist.

    Dass die NZZ und der Tages-Anzeiger an einer Paywall arbeiten, stimmt. Doch welche Auswirkungen hätte eine solche für die Arbeitsweisen von Online- und Print-Redaktionen? Die zahlenden Leser der Onlineangebote wollen hinter der Paywall ja nicht nur die hintergründigen Texte vom Vortag lesen. Also braucht es dort auch wieder Onlinejournalisten, die möglichst gute Artikel schreiben. Das Konzept der Tageszeitung, nämlich dass einmal täglich Redaktionsschluss ist und dass die bis dahin vorhandenen Artikel publiziert werden, ist online nicht konkurrenzfähig – schon gar nicht hinter einer Paywall, weil es immer kostenlose Konkurrenz gibt. Deshalb sind die Verlage noch stärker gefordert, qualitativ guten Onlinejournalismus zu ermöglichen, weil der zahlende Leser auch entsprechendes erwartet.

  66. Dieses Plädoyer eines im Falkenhorst der NZZ flügge gewordenen Kollegen, den ich immer mit Genuss und Gewinn lese, ist mir sehr willkommen. Es stimmt: es gibt nur schlechten und guten Journalismus. Und es gibt brauchbare und Dummköpfe. Der Streit zwischen online und print scheint vor allem ein Problem des testosteron-getriebenen Journalismus zu sein. Keiner weiss das besser als ich, der ich die „Mamabloggerinnen“ in wohlwollendem Scherz auch schon „Puffmütter“ hiess, diese aber nun – und fast mit Fug – die diesjährigen „Journalistinnen des Jahres“ sind. Während der Print-Journi durch das Abonnement und Kaufpreis in einem Salon mit Türsteher verkehrt, so plaudert der online Journi auf Augenhöhe mit den Clochards auf der Gasse. Einfacher ist es in einem kuscheligen Print-Büro zu räsonnieren, als auf Augenhöhe mit Gossen-Shakespears, mit Virtuosen der Beschimpfung in 400 Anschlägen, im Wettstreit zu texten. Nicole Althaus, die studierte Germanistin, kam durch diese Schule in eine Chefredaktion. Finn Cannonica, der juristische Studienabbrecher, hat im Disput „auf Augenhöhe“ schon öfters entnervt sich auf den Chefredaktoren-Kothurn zurückgezogen. Print- und Online-Journalismus ist wie Grossmünsterpfarrer oder Pfarrer Sieber: was gottgefälliger ist und mehr Talent abverlangt, das liegt wohl auf der Hand.

  67. Thomas Läubli:

    Naja, dass Online-Journalisten weniger weltfremd seien, ist eine Behauptung, die an den Haaren herbeigezogen ist…

  68. @Fred David: Mit fehlendem Knowhow meinte ich nicht das journalistische Handwerk, das wäre grundsätzlich durchaus vorhanden. Es geht mir viel mehr um die Erfahrung mit wirklich wegweisenden Online-Projekten, wie sie die NYT, der Guardian oder ZEIT Online regelmässig machen. Oder kennen sie viele Journalisten in der Schweiz, die ihre Geschichten nicht auf Deutsch, sondern in JavaScript schreiben?

    Zur Ressourcenfrage: In den Chefetagen der grossen Medienhäuser sitzen mehrheitlich Leute, die die Karriereleiter in einem System erklommen, das zunehmend unter Druck gerät. Es ist nachvollziehbar, dass die Diskussion in diesen Kreisen von Angst und Defensivreflexen geprägt ist, niemand gibt gerne Macht ab. Umso erfreulicher, dass in letzter Zeit ein Umdenken erkennbar wird, wie die Ankündigung der Tamedia, aber auch andere Entwicklungen zeigen. Das Problem der Finanzierung möchte ich dabei nicht ausklammern, bin aber überzeugt davon, dass es hier Lösungen gibt, wenn das Problem offensiv angegangen wird.

    Zu Zoé Baches: Diese grossartige Journalistin arbeitet in der Onlineredaktion der NZZ. Wie es bei der oben verlinkten Geschichte in Bezug auf den Veröffentlichungskanal konkret ablief, weiss ich nicht. Ich werde sie aber bei Gelegenheit fragen.

  69. Fred David:

    @)Uertner: Dem Satz gebührt der Ehrenpreis:

    „Print- und Online-Journalismus ist wie Grossmünsterpfarrer oder Pfarrer Sieber: was gottgefälliger ist und mehr Talent abverlangt, das liegt wohl auf der Hand.“

    …nur fürchte ich, der Grossmünsterpfarrer wird auf einer Gegendarstellung bestehen…

    @) Thom Nagy: Danke für die Antwort. Ich denke, die Runde hier belegt: Die Bereitschaft sich zu öffnen und zu bewegen ist nicht gering.

    Und mehr Feuer unterm bequem gewordenen Hintern schadet dem Schweizer Journalismus wirklich nicht. Da sind wir uns 100%ig einig.

  70. Fred David:

    …und übrigens wollte ich noch darauf hinweisen, dass Tamedia eine Rendite von 15 bis 20% anstrebt: http://www.edito-online.ch/archiv/editoklartext0211/editoklartext0211d/diebilanzdergrossengewinne.html Das ist eine Grössenordnung, wie sie in der Finanz- und Pharmaindustrie mit ihrem hohen Margenspielraum möglich ist.

    Ein Medienunternehmen kann unter den gegebenen Bedingungen solche Margen niemals mit grossen Investitionen in ordentlichen Journalismus erwirtschaften. Vielleicht noch mit rigidem Sparzwang.

    Es sei denn, bei der Tamedia habe man den Schlüssel gefunden, wie man online plötzlich sehr viel Geld verdient und trotzdem auch noch in – auf jeden Fall teure – Qualitätsverbesserung investieren kann.

    Dass Medienunternehmen in der Schweiz Paywalls errichten können, halte ich bis zum Beweis des Gegenteils für ein vages Gerücht, auf das man keine solide Renditekalkulation aufbauen kann.

    Journalisten sollten stärker darauf achten, was ihre Verleger so erzählen, wenn keine Mikros und Scheinwerfer an sind, und sie sollten darauf achten, womit die schönen Gewinne erzielt und wie diese verteilt werden.

    Uebrigens: Konkurrent Ringier rechnet mit einer Rendite von 8% – und kann damit auch noch sehr gut leben. Das ist realistischer.

  71. Fred David > «Mehr Feuer unterm bequem gewordenen Hintern schadet dem Schweizer Journalismus wirklich nicht»: Dass der Schweizer Journalismus, insbesondere der Wirtschaftsjournalismus, teilweise bequem geworden ist, hast Du im Medienspiegel mit eindrücklichen Beispielen belegt. Fragt sich nur, ob der sogenannte «Medienwandel», also das Aufblähen des Online-Sektors, daran etwas ändern kann.

    Wenn man sich erkundigt, welche tollen Möglichkeiten der Online-Journalismus bringt, dann werden bunte Grafiken und Multimedia-Fotostrecken erwähnt. Oder, wie es Marc Böhler formuliert hat in seiner Beschreibung der Ringier-Collection: «Video-Interviews, Reportagen in E-Book-Form, 3D-Animationen und Virtual-Reality-Ansichten von Räumen und Gegenständen, spielerische Elemente und natürlich jede Menge Bildstrecken…»

    Mit anderen Worten: Wir werden online bombardiert mit viel buntem Geflimmer und Geflacker und technischen Gimmicks. Alle Sinne werden multimedial berieselt. Damit kann man als Verleger möglicherweise schon Geld verdienen. Auf der Strecke bleiben: aufwändige Recherchen, lange Texte, die zum Denken anregen und sperrige Themen, die man nicht mit einer bunten Multimedia-Strecke verkaufen kann.

    Dass man solche Einwände hier nicht formulieren kann, ohne von Online-Anhängern mit Unfreundlichkeiten aller Art eingedeckt zu werden, stimmt mich nachdenklich.

    «Dass Medienunternehmen in der Schweiz Paywalls errichten können, halte ich bis zum Beweis des Gegenteils für ein vages Gerücht»: Ob man es kann oder nicht, weiss ich nicht. Tatsache ist, dass die Verlage fleissig daran arbeiten. Schon im Januar hat Tamedia Stellen ausgeschrieben für «Product Manager/in iPad». Leser des Bobby-California-Blogs wissen es. Zitat aus dem Stelleninserat: «Als ambitionierte/r Pionier/in glauben Sie, dass die Zeit für die EInführung von Paywalls reif ist.»

  72. Anonym:

    @) BC: Wie das mit den Paywalls herauskommt, muss man abwarten. Es spricht von der Sache her nichts dagegen. Natürlich soll für Eigenleistung auch bezahlt werden, wenn es dafür einen zahlungsbereiten Markt gibt. Aber meiner Meinung nach sind solche Paywalls in einem so kleinen Markt nur mit kartellähnlichen Absprachen machbar. Die Verlockungen auszuscheren sind für einen Anbieter gross. Dann stünden die andern hinter ihrem Paywall dumm da.

  73. ubuntubru:

    @Bobby: Ich halte die Qualität der Medien für schlecht. Ob Online oder Print ist irrelevant. Denn das Trägermedium ist schnurzpiepegal. Ich verstehe nicht, warum man das eine gegen das andere ausspielen will.

    Wie gesagt, man findet immer wieder Perlen, aber es wird immer überflüssiger, eine Zeitung zu lesen.

    Ich fühle mich immer häufiger von den Redaktionen veräppelt, darum finde ich das Shakira-Beispiel so gut. Alltäglich ist jedoch etwa, dass Titel und Lead etwas versprechen, was der Text nicht halten kann. Das ärgert mich jeden Tag – oder wenn ich denke, diese und jene Geschichte komme mir bekannt vor.

    Ich komme mir auch für dumm verkauft vor von den iPad-Jüngern, die mir allen Ernstes zur Prinzenrolle ein Game verkaufen wollen, bei dem man dem armen Andrew die Haare vom Kopf rubbeln kann (habs nicht gesehen, nur darüber gelesen). Oder man könne im Cockpit seines Helis mitfliegen…

    Online-Journalismus könnte endlich das Entstehen eines „richtigen Journalismus“ begünstigen, unabhängig und frei wirklich die vierte Macht im Staate darstellen. Doch was passiert? Die Verleger verkaufen uns Gimmicks. Wenn ich diese wollte, kauf ich lieber gleich das Original: http://www.yps.de/

  74. Ich fühle mich genötigt, hier noch etwas klarzustellen.

    „Die beiden Behauptungen, Online-Chefs wollen keine Primeurs beziehungsweise die guten Geschichten würden immer in den Print wandern, finde ich ebenfalls absurd.“

    Richtig. Sie ist absurd. Ich ergänze meine Aussage mit dem Satz: „Es kann vorkommen, dass…“ Jedenfalls im Ringier-Newsroom.

    Natürlich wollen Online-Chefs eigene Geschichten. Jeden Tag. Dazu aber die tagesaktuelle Geschehen in Echtzeit. Man rechne.

    Was bei diesen Diskussionen vergessen geht, sind die designtechnischen Unterschiede. Wie wirkt eine „grosse“ Geschichte über eine ganze Doppelseite in der Zeitung? Ziemlich gross. Wie wirkt eine „grosse“ Geschichte auf einer vollgestopften Online-Seite? Ziemlich klein. Leider.

    Nein, das hat nichts mit Qualität zu tun – könnte aber ein Hinweis darauf sein, warum sich die ganze Medienlandschaft so langsam bewegt.

  75. Was bei solchen, z.T. durchaus ergiebigen Debatten, über die Zukunft des On/Offlinejournalismus auch immer wieder auffällt: Es ist ein extrem männerlastiger Diskurs. Wieso eigentlich? Oder, um das vielleicht etwas schräge Bild Uertners nochmals aufzugreiffen: Die Puffmütter schweigen, während die Zuhälter das Revier abstecken.

  76. Fred David:

    @) Neumann : Ihr Hinweis auf die begrenzten Möglichkeiten des Online-Designs klingt logisch. Jedenfalls ist das ein wichtiger Punkt, den man bisher wahrscheinlich zu wenig beachtet hat.

    @) ugugu: Finde ich eine gute Beobachtung, auch das mit dem Revier Markieren. Wo bleiben bloss die Mädels? Die sind doch sonst nicht so schweigsam und brav.

  77. Zoé Baches:

    Liebe Kollegen,
    Nach sieben Jahren Print (Finanz und Wirtschaft, Cash) bin ich bewusst vor drei Jahren zur NZZ Online gewechselt. Ich schreibe immer wieder Recherechen und Hintegründe, für einen Artikel „Die unheilige Allianz“ habe ich diesen Mai einen Preis gewonnen (http://www.private-magazin.ch/de/medienpreis/medienpreis2011.php). Ich habe Monate für die Recherche gebraucht, NZZ Online hat mir die Zeit gegeben. Natürlich habe ich nebenbei andere Artikel geschrieben. Finde es ziemlich beleidigend, wenn hier Kollegen schreiben, sie hätten exklusiv online noch nie eine gute Recherche gelesen. Das gibt es ziemlich viel, ich glaube einfach, man will das als Printjournalist nicht wahrnehmen. Zoé

  78. Zoé Baches:

    Ach ja, als Nachtrag: Bisher erhielt noch kein Online-Journalist diesen Preis, deshalb wurde der unter der Rubrik „Print“ und nicht „Radio/TV“ (dort hätte er ja auch nicht hingepasst)ausgezeichnet. Auf der Urkunde steht dafür „Print/Online“:-) Ich habe den Beitrag für Online verfasst. Hoffe, dass das Private nächstes Jahr unter „Print/Online“ ausschreibt:-)

  79. Fred David:

    @) Zoé Baches: Ganz so heftig ist man mit Ihnen hier aber nicht umgangen, wie Sie andeuten, im Gegenteil:http://www.medienspiegel.ch/archives/002866.html#comments
    s.dort den letzten Kommentar.

  80. Zoé Baches:

    Danke, Fred David, allerdings: Es geht ja hier nicht um mich, „ich“ war ja in dieser Diskussion nur ein aktuelles Beispiel. Ich ärgere mich darüber, dass viele Kollegen im Online-Journalismus hervorragende Arbeit leisten und dass das in der oben geführten Diskussion zu kurz kam.

  81. Fred David:

    @) Zoé: Ein Problem ist mir inzwischen klar, was ich vorher nicht so klar sah: Das web vergisst nichts, aber es ist dennoch ein flüchtiges Medium. Das hat Konsequenzen. Das ist eine völlig wertfreie Feststellung.

    D.h. manche Geschichten, insbesondere selbst erarbeitete Recherchestücke fallen einfach nicht mehr besonders auf. Nach spätestens ein paar Stunden flutscht ohnehin was anderes vorbei. Und daran gewöhnt man sich als User.

    Der Flutscheffekt.

    Jahrhundertkatastrophen flutschen so leicht vorbei wie die rubbelbare Glatze von Prinz William (Ringiers grosser „Hit“ auf „the collection“). Es spielt gar nicht mehr so eine Rolle, wo man etwas gelesen hat, mit einem Click ist man ja sekundenschnell schon wieder irgendwo ganz anders. Die Wert-Hierarchie verschwindet. Namen von Autoren verlieren an Bedeutung.

    Auch die oben erwähnte Beschränkung im Layout spielt eine Rolle. Damit müssen Online-Journalisten klarkommen. Ist nicht so leicht. Da fällt das „Haptische“ wieder ins Gewicht.

    Ich glaube, diesen psychologischen Hintergrund hat man bisher vernachlässigt, sowohl auf Seiten der Macher wie der User. Psychologie spielt bei der Mediennutzung eine enorme Rolle. IT-Fachleute beherrschen Vieles, aber von dieser Seite verstehen sie nichts.

    Medienunternehmen sollten Psychologen als Berater engagieren. Kein Witz. Ich glaube wirklich, dass man das ernstnehmen muss.

    User sind – genau gleich wie Zeitungsleser – nicht so leicht zu verstehen wie Medienprofis gern glauben. Die Werbewirtschaft beispielsweise kann bis heute nicht schlüssig erklären, wie, warum, bei wem Werbung wirkt, und ob überhaupt – obwohl es ein Milliardenbusiness ist.

  82. Mbinswanger:

    Da wird doch einiges vermischt. Gute Recherchen fallen online nicht auf,weil es beim User durchflutscht? Sind es nicht Medienprofis, die hier diskutieren, (vor)urteilen, Preise verleihen? Ich glaube, die User sind weit aufmerksamer und weniger borniert, als mancher Medienprofi.

  83. Fred David:

    @) Mbinswanger: Ich bin ein relativ aufmerksamer User – mir flutscht eine ganze Menge durch, leider. Aber vielleicht bin ich ja die totale Ausnahme…

  84. Mbinswanger > «Ich glaube, die User sind weit aufmerksamer»: Wie viele User haben denn die Geschichte von Zoé Baches bis zum Schluss gelesen? Ich gestehe: ich bin vorher ausgestiegen. Immer wieder wird der Lesefluss durch Kästen unterbrochen. Alle Leute, die in den NZZ Labs und sonstigen Internet-Schmieden vor sich hin denken und tüfteln, haben es noch nicht geschafft, längere Texte auf einer Internetseite so zu präsentieren, dass man sie gleich gut und gleich aufmerksam lesen kann wie eine auf Papier gedruckte Zeitung. Dafür kann man jetzt interaktiv Prinz Williams Haare wegrubbeln. OK, das ist auch eine Errungenschaft. Aber vielleicht haben die User irgendwann genug von solchen Spielereien und wollen wieder zu Leserinnen und Lesern werden. Es ist eben doch nicht «schnurzpiepegal» (Zitat Ubuntubru), in welchem Medium eine Botschaft erscheint.

  85. Zoé Baches:

    Liebe MBinswanger, wie viele derartige Geschichten werden denn im Print von allen fertiggelesen? Die Länge ist doch im Print auch ein Problem, wenn a) die Geschichte nicht gut genug erzählt wird oder b) jemand sich nicht wirklich für das Thema interessiert, dann steigt man beim Print genauso aus oder überfliegt. Was ich sagen kann ist, dass viele unserer Kommentatoren unsere Online-Texte sehr genau bis zum Schluss lesen. Ich glaube nicht, dass ein Print-Text in jedem Fall genauer gelesen wird als ein Online-Text. Wenn das Thema interessiert, oder/und der Artikel gut geschrieben ist, dann wird er gelesen. Sonst nicht. Hier stehen wir Onliner/Printer genau vor den gleichen Herausforderungen.
    Zum „Wegflutschen“ von Fred David: Wenn ich sehe, wie die Leute die Printergebnisse lesen – Blick auf Bild, dann auf Titel, dann auf Untertitel und Lead, dann nächste Seite oder Zeitung weg: Print heisst nicht automatisch, dass die Artikel länger Bestand haben. Der Kübel ist meist auch im nichtvirtuellen Leben nicht fern.

  86. Zoé Baches:

    Ach ja, noch ein wichtiger Nachsatz: Viele gute Artikel von Kollegen aus Print und Online lese ich teilweise erst Monate (!) nach deren Publikation. Einfach, weil es heute bei vielen Zeitungen sehr gute Journalisten gibt, und ich nicht die Zeit habe, dauernd sämtliche Publikationen durchzusehen. Also, dass man eine Geschichte online weniger gut sieht als im Print, zählt für mich insofern nicht ganz, da im SMD die Artikel dann ja nebeneinander auftauchen. Und die Agenturen durchforsten schon länger online und print und bringen beides auf gleicher Ebene.

  87. Fred David:

    @) Zoé: Ja, Vieles klingt einleuchtend, was Sie sagen. Sie beschreiben die zunehmende Verschmelzung, Ergänzung etc. von Print und Online.

    Auf einem Argument allerdings beharre ich: Das web – wiederum:keine Wertung! – schleift, wesentlich stärker als der Print, die Hierarchie von Wichtigem und Unwichtigem ein. Ob ein neues Sonnensystem entdeckt wird oder ob die Glatze von Prinz William um einen halben Zentimeter gewachsen ist – alles ist in der Wertigkeit, Abrufbarkeit, Präsenz, Darstellung etc. in etwa gleich. Darin sehe ich eine wesentliche, wenn nicht fundamentale Veränderung mit vielen Konsequenzen, die erst langsam spürbar werden.

    …und das mit dem Flutschen muss ich mir nach Ihrem Einwurf tatsächlich nochmal genauer überlegen…

  88. Zoé Baches:

    Lieber David, ich hoffte, Du erinnerst Dich, dass wir uns persönlich kennen:-) Danke wegen dem Flutschen, das finde ich gut!
    Wegen der Wertigkeit. Vom Prinzip her hast Du komplett recht. Nur – wenn eine Seite einen Qualitätsanspruch hat, dann landet die Glatze von William höchstens im meistgelesen ganz oben, aber ganz sicher nicht in der Seitenarchitektur. Wir bei NZZ Online (Werbung Werbung!!) gewichten nach ziemlich strengen Regeln, was auf der Front (wenn überhaupt auf die Front) wohin kommt. Von dem her: Bei gewissen Printpublikationen ist die Glatze ganz vorne auf der Front, bei anderen nicht mal eine Kurzmeldung. Ich denke, dass machen viele Online-Seiten auch so.
    Was vielleicht brutaler ist als beim Print: Was wirklich angeklickt wird, ist nicht immer das, was wir für am wichtigsten halten…

  89. Zoé Baches:

    Lieber Fred, wollte ich natürlich sagen, hatte Fred David geschrieben und dann den Satz vorher gelöscht.. hier sieht man ein Online Problem: Wenn publiziert, dann publiziert. Aber: Ich kann mich sofort korrigieren, was ich hier auch tue:-)

  90. Thomas Läubli:

    Tolle Recherche, Frau Binswanger:
    http://bazonline.ch/kultur/diverses/Nicht-ins-erotische-Abseits-gedribbelt/story/16513774

    Die User sind tatsächlich viel weiter als die Medienprofis. Wie kann man nackte Tatsachen nur so kritisieren? Das trübt doch die Freude legitimer Begierden des Tamedia-Lesers…

  91. Haare ausradieren mit Multitouch-Gesten auf einem Tablett wird zur Metapher der bevorstehenden Katastrophe einer völlig desintegrierten Gesellschaft? Am Schluss bleibt eine Glatze, haltlos und öde …

    Lieber Textleser, du hast Recht: Es ist nicht egal, in welchem Medium eine Botschaft transportiert wird. Die Medien «Text», «Bild», «Ton» und audiovisuelle Medien sowie «Multimedia» formen die Botschaften, die sie transportieren. Marshall McLuhan lässt grüssen.

    Lieber Textliebhaber, du hast Unrecht: Es ist egal, welches Träger-Medium die Einzelmedien «Text», «Bild» und andere transportiert. Alleinstehender linearer Text auf Papier ist dasselbe wie alleinstehender linearer Text auf einem Bildschirm. Ich gehe davon aus, dass ein Text, der von vorne beleuchtet wird (Papier), und derselbe Text, der von hinten beleuchtet wird (Screen) das menschliche Gehirn weitgehend gleichartig «massieren» (McLuhan again).

    Medienkompetenz bedeutet unter anderem, dass Leseratten diejenigen Geräte, Programme und Medienangebote kennen, welche am besten den Hunger nach reinem Text stillen. Offline-Tageszeitungen auf Papier sind für Textpuristen heute nicht mehr die erste Wahl. (Ausser für jene, welche bei der Lektüre die Zeitung mit Bleistiftnotizen versehen.) Die erste Wahl wären die Tagesausgaben für E-Ink-Reader und die zweite Wahl wären die Zeitungsausgaben für Tablets. Die Kindle-Versionen, zum Beispiel von «Le Monde» oder diejenige der «Neue Zürcher Zeitung» sind die erste Wahl für Textpuristen. Die Artikel werden dort nicht durch Bilder unterbrochen (noch nicht…). Und sowohl bei iPad- als auch bei Kindle-Ausgaben erscheint bei der Artikelansicht jeweils nur der Text des Artikels auf der gesamten Lesefläche. Um beim Lesen einer Papierzeitung einen ähnlich konzentrierten Fokus für den Text zu erhalten, müsste man den entsprechenden Artikel ausschneiden oder die anderen Artikel wegfalzen.

    Liebe Oldskool-Westcoast: Zum Thema Bling-Bling und Eye-Candy heutiger Webpages sei auf Folgendes hingewiesen:

    Das World Wide Web ist nur eines von mehreren Online-Medien. Zugleich befindet sich das Web in steter Entwicklung. Offensichtlich werden noch nicht alle Nutzer- und Leserbedürfnisse gedeckt. Das wird sich ändern. Geduld und Toleranz gegenüber den Medienhäusern wird sich auszahlen.

    Zugleich wird die Medienkompetenz für alle heute zur Verfügung stehenden Medien steigen, so dass auch im Bereich der neuen Medien die Rezipienten vermehrt Journalismus von Propaganda unterscheiden können. Propaganda wie zum Beisipiel diese hier: http://www.heise.de/tp/artikel/34/34665/1.html

    Wer sich heute stören lässt von blinkender Werbung, darf sich selbstkritisch fragen, ob einem selbst ein mentaler Filter fehlt, oder ob diese Werbung tatsächlich aufdringlicher ist, als zum Beispiel ganzseitige Zeitungsinserate.

    Lieber Bobby: Hast du einen Kindle? Beziehe fortan online die Tagesausgaben von Qualitätszeitungen. Damit erhältst du den textlastigsten Journalismus, den es heute gibt. Für die übrigen Online-Angebote gibt es mehrere Entwicklungen, welche dich milde stimmen dürften. Unter anderem kursiert folgende Idee: http://informationarchitects.ch/freemium-im-news-business

  92. Marc Böhler > Vielleicht schaffen wir auch hier noch 100 Kommentare? Hier ist Nummer 93: Ich habe keinen Kindle und will keinen. Der einzige Zweck, den solche Geräte erfüllen, ist, dass die Konsumenten noch stärker von der Elektronikgeräte-Industrie abhängig werden. Ich bin sehr zufrieden mit Büchern, Zeitungen und Zeitschriften aus Papier und sehe keine Notwendigkeit, diese Medien durch elektronische Lesegeräte zu ersetzen.

    «Wer sich heute stören lässt von blinkender Werbung, darf sich selbstkritisch fragen, ob einem selbst ein mentaler Filter fehlt»: Diesen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Das wäre ein erstklassiges Sujet für einen Kabarettisten. Wie bitte? Wenn mich etwas stört, ist das nur mein Problem, weil ich zu empfindlich bin? Dann müssten auch die Leute, die an der Autobahn wohnen, einen «mentalen Filter» einbauen, und schon ist das Lärmproblem gelöst.

    «…oder ob diese Werbung tatsächlich aufdringlicher ist, als zum Beispiel ganzseitige Zeitungsinserate»: Aber sicher. Werbung im Internet ist sehr viel aufdringlicher. Zeitungsinserate flimmern und flackern nicht, um mich dazu zu zwingen, sie anzuschauen. Und es gibt auch keine Zeitungsinserate, die sich ungebeten vor den gewünschten Lesestoff schieben und die Lektüre verhindern, wie das bei Internet-Inseraten gang und gäbe ist.

    «Tageszeitungen auf Papier sind für Textpuristen heute nicht mehr die erste Wahl»: Für mich schon, und ich habe die Gründe mehrmals aufgezählt. Ich finde, die Verlage sollten das Thema pragmatisch angehen, so wie die Genfer Zeitung «La Cité»: Deren Verleger will den Lesern nichts aufschwätzen, was sie nicht wünschen. Vielmehr kriegen die Leser, die Papier wollen, eine Printausgabe, und die digitalen Leser kriegen die digitale Ausgabe:

    «Les lectrices et lecteurs ont leurs habitudes de lecture, certains souhaitant tenir un journal papier entre les mains, d’autres se plaisant à faire défiler ses pages sur un écran d’ordinateur ou sur une tablette numérique. Pour nous, le choix du support revient aux lectrices et lecteurs.
    Emettons une hypothèse et imaginons que La Cité compte 10’000 abonnés et que 9000 d’entre eux choisissent de s’abonner au journal sur tablette numérique, les 1000 restants réclamant le journal papier dans leur boîte aux lettres. Nous imprimerons alors 1000 exemplaires en papier, auxquels s’ajouteraient bien entendu les copies destinées aux kiosques, aux librairies et à la distribution promotionnelle.»
    http://www.lacite.info/journal/faq/

  93. @bobby
    100+ kommentare gabs hier schon öfters (als du noch in der höhle die wählscheibe studiert hast…).

  94. Fred David:

    Da die 100er-Marke in Sichtweite liegt, noch ein Fundstück, dass zum Thema passt, zitiert nach dem Nachbar-Blog „Medienkritik Schweiz“ http://medienkritik-schweiz.ch/2011/05/die-angst-der-verleger-vor-staatsgeldern/ , der sich u.a. mit den fünf Bakom-Studien zur Lage der Schweizer Medien befasst.

    Darin findet sich diese bemerkenswerte Passage:

    „Die Studien gehen mit den heutigen Arbeitsbedingungen der Medienschaffenden kritisch ins Gericht. So spricht eine Untersuchung etwa von der „strukturellen Gewalt”, der Medienangestellte in Online-Redaktionen und Newsrooms ausgesetzt seien.“

    „Strukturelle Gewalt“? Davon habe ich bisher noch nichts gehört und gelesen. Vielleicht äussern sich hier ja mal die Verfasser der besagten Studie mit näheren Erläuterungen?

    Und insbesondere würden mich die Erfahrungen von potentiell „strukturell Vergewaltigten“ interessieren.

  95. Fred David:

    Ich habe den Eindruck, bei diesem Thema rumpelts ganz gehörig im Karton:

    „Der Newsroom ist eine unternehmerische Notwendigkeit (…) Allerdings besteht die Gefahr, dass die Menschen in dieser Mega-Redaktion fast keine Zeit mehr haben nachzudenken (…) Deshalb braucht es meiner Ansicht nach mehr denn je institutionelle Nachdenk-Pausen (…).“

    Bernhard Weissberg im Nachbarblog persönlich. com http://www.persoenlich.com/news/show_news.cfm?newsid=96129&criteria=weissberg&display_search=true

    (Danke für den Hinweis, Vinzenz Wyss).

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