Auf zur Recherche, Kollegen!

Manche Mechanismen der Schweizer Medien sind schwer nachvollziehbar. Der Fifa-Korruptionssumpf brodelt und kocht. Es gibt gute Gründe dafür, dass sich internationale Sportverbände hier so wohl fühlen: nicht allein aus steuerlichen Gründen, sondern weil für sie Korruption nicht strafbar ist. Eine bewusst offen gelassene Lücke im Gesetz macht’s möglich.

Ein Fall für die Schweizer Politik. Aber die hält, bis auf einen einsamen SVP-Nationalrat, den Mund. Es bräuchte nur eine klitzekleine Gesetzesänderung. Aber nichts passiert. Ein Thema, das die Medien vorantreiben könnten. Aber offenbar wissen sie selber nicht, was sie noch vor ein paar Monaten geschrieben haben.

Zum Beispiel hier («drs.ch»), hier («Tages-Anzeiger») oder hier («aargauerzeitung.ch»).

Wer hat 2004 im Parlament dafür gesorgt, dass internationale Sportverbände weiterhin ein Paradies für Korruption jeder Art bleiben dürfen? Das ist recherchierbar! Dass hier scharfer Lobbyismus und Geld eine Rolle spielten, darf man bis zum Beweis des Gegenteils einfach mal unterstellen. Warum macht da kein Medium richtig Dampf, nicht mit einem Artikeli, sondern mit einer Kampagne – während die Regierung prüft und prüft und prüft?

Vielleicht könnte ein Journalist nach einem halben Jahr und aus sehr aktuellem Anlass ja mal nachfragen, wenn’s nicht zuviel Mühe macht? Es ist ja ein offensichtlicher Sachverhalt, den man nicht bis zur Bewusstlosigkeit prüfen muss. Es sei denn, man wolle partout nichts ändern.

Fred David ist seit 40 Jahren Journalist (u.a. «Spiegel»-Redaktor, Auslandkorrespondent der «Weltwoche», Chefredaktor von «Cash»). Er lebt heute als freier Autor in St. Gallen. Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Fred David | Kategorie: Mediensatz

8 Bemerkungen zu «Auf zur Recherche, Kollegen!»

  1. Fred David:

    @) Widi: Danke für den Hinweis. Schön, dass wenigstens der „Economist“ unser verzagendes Flehen erhört.

    Der Einstieg der Briten klingt vielversprechend:

    „The awfulness of FIFA:
    An embarrassment to the beautiful game
    Swiss parliamentarians and commercial sponsors should push to reform a rotten organisation“

    In deed: they should be pushed – by Swiss journalists too!

    Und wenn’s geht, nicht nur mit einer einsamen Story, sondern so lange , bis sich endlich was bewegt.

    Es kann einfach nicht sein, dass ein zivilisierter Staat gezielt und bewusst Korruption grossen Ausmasses duldet, schützt und fördert.

    Es darf auch nicht sein, dass ein zivilisierter Staat den Handel mit Schwarzgeld duldet, schützt und fördert (via Tolerierung von Steuerhinterziehung grössten Stils). Es geht noch immer um hunderten von Milliarden Schwarzgeld auf Schweizer Konten.

    Diese beiden Dinge gehören zusammen: Sie bilden ein und denselben Sumpf.

    Für Korruption grossen Stils braucht man Schwarzgeld, das in keinen Büchern auftaucht. Und das gewinnt man aus Steuerhinterziehung und Steuerbetrug. Oft geht es dabei gar nicht so sehr darum, Steuern zu sparen, sondern darum, Schwarzgeldkonten zur Verfügung zu haben – zur Finanzierung dunkler Aktivitäten aller Art.

    Die meisten weltweit tätigen Konzerne unterhalten solche Schwarzgeldkonten.

    Die Schweiz ist weltweit eine der grössten, wenn nicht die grösste Drehscheibe für internationale Korruption.

    Das Geld wandert vom einen Schwarzgeldkonto aufs andere Schwarzgeldkonto. Spurenfrei und häufig bei der gleichen Bank.

    Es geht nicht nur um das „rotten system FIFA“. Es geht auch um das „System Schweiz“.

    Viel – spannende – Arbeit für kregle Journalisten. Die sollten wir nicht den Briten überlassen.

  2. Fred David:

    …wenn die Recherchen sogar von Satire-Magazinen wie „Titanic“ mehr Realitätsbezug schaffen als die Realität selber, gibt das doch irgendwie zu denken…

    http://www.cicero.de/97.php?item=6337

    Der interviewte Martin Sonneborn ist ein deutscher Journalist und Satiriker. Er war von 2000 bis 2005 Chefredakteur des Satiremagazins Titanic. Seit November 2006 ist er verantwortlicher Redaktor der Satire-Rubrik Spam auf Spiegel Online.

  3. Fred david:

    …und noch eine aktuelle Ergänzung zum Thema:
    http://www.nzz.ch/nachrichten/sport/fussball/fifa_england_wm-vergabe_1.11199210.html

    Kommen Schweizer Medien jetzt bitte allmählich in die Schuhe?

  4. Ich weiss nicht genau, was «kregl» heisst, aber ich kann es mir ungefähr vorstellen. Ein anderes aktuelles Beispiel für eine verschenkte Geschichte: der Auftrag für den Stuttgart-21-Stresstest an die Schweizer Firma SMA. Der Tages-Anzeiger ist des Lobes voll: «Ein solcher Auftrag ist ein gewaltiger Vertrauensbeweis, den nur Topfirmen erhalten.»

    Die deutsche Wirtschaftswoche hat sich hingegen die Mühe gemacht, Zusammenhänge aufzuzeigen: «Der Bahnenthusiast aus Zürich ist zugleich knallharter Kaufmann, der strategisch denkt und von der Deutschen Bahn wirtschaftlich stark abhängig ist. Ausdrücklich erklärt Stohler auf der SMA-Internet-Seite: „Seit 1995 gehört die Deutsche Bahn ohne Unterbrechung zu unseren wichtigen Auftraggebern.“»

    Beide Artikel sprechen von der gleichen Firma. Kaum zu glauben, aber es ist so.

  5. Fred David:

    @) Bobby California: Gut beobachtet, und eigentlich unerklärlich. Ein „unabhängiger Experte“, der vom Auftraggeber seit 16 Jahren wirtschaftlich abhängig ist? Es darf nicht wahr sein! Ist es beim „Tagi“ Lokalpatriotismus, Bequemlichkeit, German Phoby („Schweizer zeigen Deutschen mal wieder, wie man’s richtig macht“), dass man über solche Dinge einfach wegschaut? Als einigermassen kregler Medienkonsument fühlt man sich da echt verdooft (…um ein anderes Wort zu vermeiden).

    Übrigens: „kregel“ ist nordeutsch und heisst so viel wie „gesund und munter“.

  6. Fred David > Vermutlich ist es beim Tagi vor allem das erste und das zweite. Eine Zürcher Firma erhält den prestigeträchtigen Auftrag, das ist doch toll. Es ist auch wirklich toll, jedenfalls aus der Sicht der Firma. Ob es auch toll ist für die Bahnfahrer, die später den neuen Stuttgarter Bahnhof benützen müssen, ist schon fast eine ketzerische Frage. Es ist aber unsere Aufgabe als Journalisten, solche Fragen zu stellen. Wer macht es, wenn wir es nicht machen? Die Blogger, die Twitterer und die Bürgerreporter können diesen Job nicht erledigen.

    Zuerst müssen einem die kritischen Fragen jedoch in den Sinn kommen. Es ist klar, dass einem deutschen Journalisten eine solche Frage schneller in den Sinn kommt, weil die Leute dort vom Ausgang des Verfahrens direkt betroffen sind. Es würde aber natürlich auch dem Tagi gut anstehen, kritische Fragen zu formulieren. Auch wenn man in einer Lokalredaktion arbeitet, wo hartnäckiges Recherchieren nicht unbedingt zum Kerngeschäft gehört.

    Wenn wir Journalisten solche kritischen Fragen nicht stellen, machen wir uns ersetzbar. Für die Darstellung der grossartigen Leistungen der Firma SMA braucht es keine Journalisten. Das kann die Firma auch selber machen, vor allem, seit es das Internet gibt.

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