Zoff um Zürcher Nachwuchsjournipreis

Der «Tages-Anzeiger»-Nachwuchsjournalist Maurice Thiriet und die Nachbarn von «infamy» liegen sich in den Haaren. Die Story zum «Ich has erfundä»-Streit hat Nick Lüthi für die «Medienwoche» aufgezeichnet.

Eine Art Chronologie der Ereignisse gibt’s auf Thomas Benkös Blog.

Update: Auf dem Blog des Zürcher Pressevereins – dem Verleiher der umstrittenen Auszeichnung, notabene [Update: s. die Präzisierung von David Strohm im Kommentarbereich] – äussert sich auch Ronnie Grob zum Thema.

von Martin Hitz | Kategorie: Medienschau

19 Bemerkungen zu «Zoff um Zürcher Nachwuchsjournipreis»

  1. Kleine Präzisierung: Der Preis wird von einer unabhängigen Stiftung vergeben, die vom ZPV vor 31 Jahren ins Leben gerufen wurde. Der ZPV gibt jährlich aus dem Erlös des Presseballs eine namhafte Summe in den Topf, aus dem die Preisgelder ausgeschüttet werden. Die Preisträger wählt eine ebenfalls unabhängig agierende Jury aus.

  2. Danke für die Präzisierung, David.

  3. Fred David:

    Jurys von Medienpreisen sind nicht zu beneiden: Sie schöpfen aus Töpfen, die offenbar nicht wahnsinnig üppig gefüllt sind.

    Da muss halt „gepreist“ werden, was da ist.

    Wenn es genügt, eine Story flott und „richtig zu Ende zu schreiben“ (Jury-Begründung) sollte man solche Preisverleihungen vielleicht einfach mal einige Zeit aussetzen, bis sich ausreichend preiswürdiger Stoff angesammelt hat.

    Ich fand übrigens die „Fastronautin“-Geschichte (das Wortspiel stammt nicht vom Preisträger sondern von Ronny Grob) durchaus interessant, aber sie liess zwei wichtige Aspekte aussenvor, die sie erst auf preiswürdiges Niveau hätten führen können. Zum einen die psychologische Seite der Geschichte: Warum der Junglehrerin die Sache dermassen entglitt.

    Das würde eine gewisse Sensibilität des Autors voraussetzen, dies zu erspüren , und auch aus dem Umfeld der Akteurin mehr herauszuholen als zuvor schon in infamy und in den Recherchemails eines andern Journalisten stand. Dazu hätte man das Büro aber wohl mal verlassen müssen.

    Und zum zweiten, die Mediengeschichte, die dahintersteckt. Sie wird nur angetippt, ist aber in Wahrheit das wirklich Spannende, weil dort spezifische Mechanismen sichtbar werden, die man hintergründig hätte beleuchten können/ sollen/müssen. Das hätte allerdings Mut gebraucht.

    So blieb die Story trotz vielschichtiger Ausgangslage eindimensional. Gut für Autor, Tag und Tagi, aber nicht fürs Podest.

    Dass auch die Zeitung, deren Journalist als Nachwuchshoffnung (mit 30?) ausgezeichnet wurde, auf die Fastronautin hereingefallen war (daraus hätte der Autor mit sanfter Bosheit gleichfalls etwas machen können/sollen/müssen, ohne sein eigenes Umfeld zu sehr zu blamieren) ist ein Fundstück fürs Kuriositätenkabinett – aber nicht Anlass, die Jury eines Medienpreises zu behelligen.

  4. Thomas Läubli:

    Die Geschichte von Maurice Thiriet ist bestenfalls für die Classe Journalistique interessant. «Oho, aha, du bist auch reingefallen! Lustig, lustig!» Darum wird unter den Journis mit solchen Preisen Inzucht betrieben. Ein normaler Leser mit Anspruch überblättert solches, wie er im Tagi das Blocher-Lob auf 6 Seiten letzte Woche & die permanente Propaganda (Thomas Matter, Blochers Schwiegersohn etc.) und Berichte über die 68er-Unterhaltungsindustrie (Fuck, I’m radical etc.) im Kulturbund grosszügig ignoriert.

  5. Fred David:

    @) Thomas Läubli: Naja, unsere Branche hat ja nun unbestreitbar ein erhebliches Image- und Glaubwürdigkeitsproblem. Da sollten doch wenigstens Medienpreise dazu taugen, das Image ein wenig zu polieren, statt es noch weiter zu beschädigen.

  6. eines muss man ja auch sagen: fast nichts anderes löst in sog. aufgeklärten kreisen grössere diskussionen aus als preise. sei es in der kultur (dort ganz speziell), in den medien, oder in der wissenschaft. und das seit es solche preise gibt. man denke nur an die immer schon umstrittenen nobel preise.

    vor 20 oder 30 jahren war aber alles noch etwas überschaubarer. bis der „preis“ als marketingvehikel entdeckt wurde. der „preis“ ist heute eine premiumvariante vom gemeinen charitywahnsinn. zu oft geht es in einem marketingkontext nicht mehr um die sache, sondern um den ausrichter. diesen anschein erweckt auch dieser fall. egal, was in der broschüre steht, hauptsache vierfarbig.

  7. Es ist nur noch peinlich, wie sich in der Bloggerszene Hinz und Kunz in selbstgerechter Empörung überbieten. Der Journi hat die Geschichte gar nicht selbst gefunden, steinigt ihn! Es freut mich aufrichtig, dass wenigstens Martin Hitz (als fast einziges Medienblog ausser Bobby California) nicht einstimmt in die philisterhaften Schmähreden. Ja, es ist wahr, Infamy hat den Stoff zuerst gebracht und dann wieder zurückgezogen… das wissen wir schon seit einem halben Jahr. Nun lasst es gut sein! Nicht mal wenn sich der Journi entschuldigt, ist man zufrieden. Dann mäkelt man noch, der Wein habe Zapfen. Wahrlich, ich «kann mich nicht erinnern, je sowas abgefahrenes in der ch medienszene gesehen zu haben»… die Reaktionen der Blogger waren tatsächlich ober-abgefahren und bewegen sich hart an der Grenze zum Cybermobbing.

  8. Fred David:

    @) BC: Es geht nicht um Häme, sondern schon darum, dass Journalistenpreise gewisse Grundkriterien erfüllen müssen, falls man Wert drauf legt, dass diese Preise ernstgenommen werden.

    Der Text ist kein Plagiat (=Aneignung fremder geistiger Leistung), aber ziemlich nahe dran. Eine Quellenangabe wäre zwingend gewesen, zumal es die Hauptquelle betraf, ohne die die Geschichte gar nicht zustande gekommen wäre und diese Hauptquelle gleichfalls ein Journalist ist. Wie diese Hauptquelle nachträglich vom Autor behandelt wurde ist eine andere Sache und mehr eine Frage von Personality und Stil.

    Aber kommt hinzu, dass die Hauptfigur der Geschichte eine Junglehrerin ist, die zwischen Traum und Wirklichkeit nicht mehr unterschied und die Oeffentlichkeit belog, allerdings auch ohne Schaden anzurichten. Dies second hand-mässig zu enthüllen, war durchaus in Ordnung, aber keine heraussragende journalistische Leistung des Jahres, die man noch als besonders mutig bezeichnen müsste (was der Preisträger selber tat).

    Eine Junglehrerin. Der Kontrast zu den nur am Rand mild erwähnten Journalisten, die an dieser Schweizer-Austronautin!-Jubelgeschichte selber heftig mitgedreht haben, obwohl sie geahnt haben müssen, dass da was faul war, ist schon auffallend. Das ist ein wichtiges Element diese Story, wird aber vom Autor links liegen gelassen.

    Preisträger müssen sich gefallen lassen, dass man sie und ihr Werk nachträglich genauer anschaut.

    Die Jury kannte im übrigen die Vorgeschichte mit infamy. Die offizielle Begründung, da sei eine Geschichte „richtig zu Ende geschrieben“ worden ist ausserordentlich dünn und weist darauf hin, dass die Jury selber kein gutes Gefühl bei der Sache hatte.

  9. Fred David > Selbstverständlich darf man sachlich über Journalistenpreise diskutieren, so wie Du das machst. Deine Einwände sind berechtigt. Doch die Auseinandersetzung in verschiedenen Blogs ist stellenweise äusserst unfair und beleidigend:

    – Jugendbuchautorin Alice Gabathuler nennt Thiriet ein «Jüngelchen von Journalisten»;

    – Nick Lüthi schreibt in der Medienwoche, Thiriet habe Infamy «ins Gesicht gespuckt», weil Thiriet festgestellt hat, dass Infamy die Geschichte zurückziehen musste (was genau genommen nur die Beschreibung einer Tatsache ist);

    – der Werbetexter Christian Röthlisberger fragt die Jury: «heit er e flade, giele?»

    – «Hofrat» Clemens Schuster spricht von einem «Kapitalverbrechen schlechthin», nennt Thiriet einen «Lohnschreiberling» und wirft ihm ein «Plagiat» vor;

    – Thomas Benkö zeigt Thiriet in seinem Blog in einer Fotomontage im Burtscher-Astroanzug und stellt ihn damit auf die gleiche Ebene wie Burtscher;

    – im Infamy-Blog wird Thiriets Entschuldigungsbrief, der sicher nicht für die weltweite Öffentlichkeit geschrieben wurde, publiziert.

    All das ist wahnsinnig überhitzt und hat nichts mehr zu tun mit einer sachlichen, fairen Debatte. Gegen die im hysterischen Ton vorgebrachten Anschuldigungen kann sich der Betroffene auch nicht wehren, denn es ist in Blogs nicht üblich, dass man Kritisierte kontaktiert, so wie das Journalisten zu tun pflegen.

  10. Eigentlich fällt mir dazu nur der Spruch „c’est le ton qui fait la musique“ ein.

    Tatsachen beschreiben oder einen voll auf die Person zielenden Spruch vom Stapel lassen, das sind meiner Meinug nach zwei paar Stiefel.

    Zitat Bobby California:

    „Nick Lüthi schreibt in der Medienwoche, Thiriet habe Infamy «ins Gesicht gespuckt», weil Thiriet festgestellt hat, dass Infamy die Geschichte zurückziehen musste (was genau genommen nur die Beschreibung einer Tatsache ist);“

    Meiner Meinung nach ist das eine Beschönigung von Thieriets Aussage, denn genau genommen ist sie eben eine persönliche Beleidigung, die durch die Broschüre des Journalistenpreises öffentlich gemacht wurde.

    Aus den Interviews mit Herrn Thieriet sticht mir vor allem dessen übersteigertes Selbstwertgefühl ins Auge. Bei persoenlich.com zum Beispiel antwortete er auf die Frage, was ihn denn am Medienjournalismus interessiert:

    „Nichts. Ich mache das nur, weil es Constantin Seibt nicht macht. Er wäre eigentlich unser Medienredaktor.“

    Autsch, so etwas ist doch auch nicht unbedingt für die Öffentlichkeit bestimmt, oder?

  11. Manchmal kann ich Herrn Californias Standpunkte nachvollziehen. Bis zu einem gewissen Grad. Wieso er jetzt aber einen Grosskotz verteidigt, der auch noch beleidigt, verstehe ich nicht.

  12. faulmurf > OK, dann versuch ichs nochmals zu erklären:

    1. Es gehört nicht zwingend zu den Aufgaben der Journalisten, skandalöse Sachverhalte aufzuspüren. Es gibt zahlreiche Beispiele von Stories, bei denen der Journalist eine Information vermittelt hat, die ein anderer aufgespürt hat. Wenn man einen Artikel macht aus einer Information, die ein Informant einem zusteckt oder die man irgendwo gefunden hat, dann ist das kein Plagiat.

    2. Für angriffigen Journalismus braucht man nicht nur zehn Finger, um Buchstaben in den Computer zu tippen, sondern auch eine Organisation, die in der Lage ist, Angriffe zu parieren. Denn wenn man kritischen Journalismus betreibt, geht es meistens nicht lange, bis sich irgendein Anwalt meldet. Und dann braucht man zwingend einen Verlag im Rücken, der in der Lage ist, einen Rechtsstreit durchzustehen. Ein Blogger kann das nicht machen. Deshalb ist es auch keine Beleidigung, wenn man feststellt, dass Infamy die Burtscher-Geschichte zurückziehen musste, als die Fastronautin mit rechtlichen Schritten drohte. Es erwartet gar niemand von einem Blogger, dass er einen Rechtsstreit durchsteht und finanziert. Als Beleidigung kann man die erwähnte Feststellung nur dann auffassen, wenn man die irrige Meinung vertritt, Blogger könnten die gleiche Arbeit leisten wie Journalisten.

    3. Es gibt diverse Nuancen zwischen «jemanden verteidigen» und Mobbing. Es ist erwiesen, dass Maurice Thiriets Artikel ein grosses Echo auslöste. Es ist auch erwiesen, dass Infamy den Skandal zuerst vermelden konnte, aber damit kein grosses Echo auslöste. Ich masse mir nicht an, die Arbeit der Journalistenpreis-Jury zu kommentieren. Ich habe nur die hysterischen Reaktionen vieler Blogger kritisiert. Vielerorts wurde kräftig auf den Mann gespielt. Ich finde das degoutant.

  13. wenn sich der anonyme bobby california für den offen flunkernden thiriet so engagiert ins zeug legt, könnte man fast auf die idee kommen, der eine sei der andere. könnte irgendwie passen.

  14. Bugsierer > Ich lege mich nicht ins Zeug für Thiriet, sondern ich lege mich ins Zeug für eine faire Debatte. Begriffe wie «offen flunkernd» gehören nicht in eine sachliche Diskussion. Ich bin nicht Thiriet, aber ich finde die Hexenjagd, die hier betrieben wird, äusserst bedenklich.

  15. Die Geschichte zeigt wohl, dass es selten etwas bringt, auf den Mann oder die Frau zu spielen. Es gibt – in Print und online – Verhaltensregeln, welche die Fairness gebietet. Infamy hat sich m.E. gegenüber Thiriet fair verhalten – alles muss man auch nicht einfach wegstecken können. Und Thiriet hat sich entschuldigt. Die Sache ist wohl gegessen.

  16. meienberg:

    thiriet hat einfach keinen stil. kein wunder, wenn man das journalistische „handwerk“ bei 20 minuten gelernt hat. ich freue mich schon auf den generationenwechsel, wenn das ganze lifestyle-gesindel zu den bezahltiteln aufsteigt.

  17. @ Herr California
    Dass Tamedia-Journalisten abschreiben, ist nichts neues. Aber: Der Mann hat sich öffentlich über seinen Informanten lustig gemacht (nicht hartnäckig genug = alleinstehend). Im Persönlich-Interview teilt er weiter in alle Richtungen aus. Und nun soll es degoutant sein, wenn auf den Mann gespielt wird? Heimatschutz für charakterlose Journalisten? (und überhaupt, wieso um Gottes Willen verdrehen Sie, Herr California, jede Diskussion automatisch in einen Blogger vs. Journalist Fight?)

  18. Fred David:

    Dass es Medienpreise gibt, bei denen doch noch ein paar andere Kriterien berücksichtigt werden, beweist dieses Beispiel:

    http://www.kleinreport.ch/news/zumstein-und-dittli-gewinnen-preis-fuer-finanzjournalisten-64971.html

    Irgendwie überzeugt das. Der Stifter ist das kleine, feine Online-Geldmagazine „Private“. Finanzjournalismus ist eine sehr spezielle
    Sparte, aber von der Suche nach preiswürdigen Stücken und Autoren und wie man die Auswahl begründet, davon könnte die eine und andere Jury doch noch was übernehmen. Vielleicht liegt es daran, dass bei diesem Preis nicht nur Journalisten darüber rechten und richten, was preiswürdiger Journalismus ist?

  19. Quintus:

    Maurice Thiriet wird den Fluch der Fastronautin so schnell offensichtlich nicht los:

    http://www.tagesanzeiger.ch/ipad/schweiz/Ein-uebermaessig-strenges-Urteil/story/28883568

    Und Peter Studer, der den verlinkten Artikel verfasst hat, irrt sich zumindest in einem Punkt:

    „Und wo bleibt Thiriets Verschulden? Er hat die Unstimmigkeiten in Burtschers Saga eruiert.“

    Soweit ich mich erinnern kann, bestätigt unter anderem durch http://medienwoche.ch/2011/05/28/zum-dank-ins-gesicht-gespuckt/, wurden die Unstimmigkeiten gerade eben nicht durch Thiriet eruiert. Aber dafür stand er ja nicht vor Gericht, sondern erhielt den Zürcher Journalistenpreis.

    Schade, dass das Urteil nicht veröffentlicht wurde. So könnte man sich selbst eine Meinung bilden.

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