Damals am Züriberg …

Nehmen wir an, es habe sich alles gar nicht im New Yorker «Sofitel», sondern irgendwo am Züriberg abgespielt. Wir wissen nicht genau, was in jener Suite geschah, aber in Hotels bleibt ja nichts geheim, gar nichts. Zu viele schlecht bezahlte Angestellte. Dominique Strauss-Kahn ist also letzten Samstag vom Flughafen Zürich nach Paris abgeflogen, Flug AF312 um 16.30 Uhr. Etwas hastig, wie ein Taxifahrer später plauderte. Auch Taxifahrer sehen und hören viel Intimes, sind gleichfalls schlecht bezahlt und reden gern, wenn’s Trinkgeld etwas üppiger ausfällt.

«Doch, ja, er war aufgewühlt, sehr sogar. Mit seiner schlecht sitzenden Krawatte und der saumässig unordentlichen Frisur hat er sich nochmal verstört umgeschaut, bevor er eilig Richtung ‹Departure› verschwand.»

Er habe ihn sofort erkannt vom Fernsehen, claro, ein grosser Banker, dieser Strauss-Dingsbums, nicht wahr? Der hat im Auto ziemlich hektisch telefoniert und dauernd etwas von einer Frau ins Handy gebrüllt, ja, gebrüllt, diese Frau habe ihn am Wickel. «Sie verstehen, am Wickel, gäll? Und das könne ihn seine Karriere kosten. Momoll, Karriere, das habe ich genau verstanden, so gut ist mein Schulfranzösisch schon noch.»

Jedenfalls erfährt auf diesem Weg Tage später ein Zürcher Journalist von «Tagi»/«Weltwoche»/«Blick» (Gewünschtes bitte ankreuzen), dass mit Strauss-Kahn etwas sehr Ungewöhnliches, ja Mysteriöses geschehen ist, in jenem feinen Hotel am Züriberg, wo auch der Hirschmann Carli seine ständige Suite hat. «Man weiss ja, was dort abgeht, wenn die Coke-Dosen die Runde machen. Sie verstönd: Coke-Dose, hä? Nöd Coca Cola. Coke! Tschäcket Si’s?»

Ja, ja, doch, doch. Es stellte sich heraus, DSK habe, verladen wie er war, ein Zimmermädchen aus Guinea vergewaltigt. Das sei der Grund für die hektische Abreise gewesen.

«Naja, ob es eine richtige Vergewaltigung war, man kennt ja diese Afrikanerinnen. Nöd dass Sie mich falsch verstönd, aber die haben schon, sagen wir mal: ihre ganz speziellen Reize und sie wissen diese auch einzusetzen, hä? Man weiss ja wie das abläuft. Kann man irgendwie verstehen, so allein im Badezimmer, man rasiert sich, und dann klopft’s. Da sagt man dann halt nicht nein, sondern: Herein! Man ist ja auch kein Mönch, hä? Aber ich will nichts beschönigen, Gewalt war wohl schon auch mit im Spiel. Wir haben die Spuren gesichert. Jedenfalls wurde das Mädchen sofort entlassen, verlor seine Aufenthaltsbewilligung B15 und kam auf den nächsten Schub nach Nigeria. Ausgeschafft. Ä gruusigs Wort, aber es ist eben so, wie es ist. Sie kennen ja all diese Sachen.»

Das erzählte dem Reporter ein soignierter Herr, ein pensionierter hoher Bundesbeamter, der jetzt auf der Honorarliste einer bekannten Zürcher Consultingfirma steht. Grad von einer Sitzung der Bankiervereinigung kommend habe er dort rein zufällig aufgeschnappt, dass der Reporter mit seinen penetranten Nachfragen nach DSK für eine gewisse Unruhe sorge.

Der freundliche Herr bat darauf den Reporter zu einem unverbindlichen Lunch, «in einem Restaurant Ihrer Wahl, selbstverständlich, Sie kennen sich da besser aus. Mer söttet wieder emol ä chli mitenand plöderle, gälledsi? Mit Ihnen kann man so gut diskutieren. Ich profitiere immer sehr davon»

Nach einem brillanten Tour d’Horizon, von Bin Laden über den Weltwährungsfonds bis hin zur Meinung führender Bankiers über Bundesrätin Leuthard, steuerte der soignierte Herr aufs Haupttraktandum zu.

Er wolle dem Reporter natürlich nicht ins Handwerk reden, «Sie kennen mich ja! Aber es wäre, ganz offen gesagt, besser, Sie würden das Thema nicht weiter verfolgen. Es geht nicht um mich, bewahre, oder um die Banken an sich oder gar um einzelne Unternehmen. Es geht um die Interessen der Schweiz. Sie verstehen, was ich meine: des ganzen Landes. Es könnte ausserdem etwas Ärger geben. Reinstes Juristenfutter. Da warten doch einige nur auf so einen fetten Fall. Und das wäre für Ihre Zeitung sicher nicht gut, ich habe dafür volles Verständnis, jetzt, wo die Anzeigen doch gerade wieder um 5 Prozent zurückgehen. Woher ich das weiss? Naja, ich lese auch Zeitung, Ihre zum Beispiel, gäll? Immer gern übrigens, bis auf Ihren Herrn Tobler, oder wie heisst nochmal der mit seinen giftigen Kommentaren? Egal. Nicht dass ich Ihnen drohen will. Um Gotteswillen, das wäre das Letzte, was ich tun würde, das wissen Sie. Aber ich erzähle Ihnen jetzt einmal etwas ganz im Vertrauen, wir kennen uns ja lange genug: DSK ist für die Schweiz ganz wichtig. Sie verstehen: Weltwährungsfonds. Der Mann ist ein wandelnder Beziehungsfundus. Und wir stehen kurz vor dem Abschluss wichtiger Verhandlungen über das Bankgeheimnis, und DSK ist unser Mann, gewissermassen jedenfalls. Er versteht uns und unsere Probleme. Er ist nicht so wie die anderen, dieser Steinbrück und diese … da. Kurzum: Es wäre sehr, sehr ungut, wenn DSK mit unnötigen Schlagzeilen brüskiert würde, gerade jetzt, wo wir kurz vor dem Durchbruch stehen.»

«Ob die Polizei davon weiss? Sie meinen von seinen Eskapaden? Sie glauben doch nicht, dass wir von DSKs heisser Nummer nichts erfahren hätten, und zwar noch bevor er am Flughafen ankam. Aber was da ganz genau lief, wissen wir auch nicht. Wollen wir auch gar nicht wissen. Ist auch nicht so wichtig. Wir sind doch keine Moraltanten, Sie und wir. Den Fall kann man sowieso nicht mehr klären. Wir hätten ihn natürlich festnehmen können. Das wäre aber sehr dumm gewesen. Wir sind ja keine Amis, hehe! Aber DSK weiss, dass wir es wissen. Mehr brauche ich nicht zu sagen, nicht wahr? Übrigens könnte ich Ihnen ein Interview mit Herrn G. vermitteln. An den kommt Ihr nicht so leicht ran, Ihr habt es ja schon mehrfach probiert, gäll? Ist doch spannender als diese läppische DSK-Story, nicht wahr? Also ich sehe, wir verstehen uns. Ihr Chefredaktor ist übrigens einverstanden, dass Sie das Interview machen. Ich traf ihn gestern beim Empfang im Baur au Lac. Sie sind sein bester Mann, hat er gesagt. Doch, doch. Sehe ich genau so. Auf jeden Fall! Also, wir verstehen uns, gäll? Um den Termin mit G. kümmere ich mich. Ich rufe Sie an. Sie wissen doch: Auf mich können Sie sich jederzeit verlassen. Und ich verlasse mich auf Sie.»

Das Interview mit G. erschien drei Wochen später und war ein grosser Erfolg. Die DSK-Story wurde nicht mehr erwähnt.

(Achtung! Achtung! Diese Geschichte ist pure Fiktion, insbesondere der Zusammenhang mit DSK. Aber so könnte es gewesen sein, wenn es am Züriberg passiert wäre, nicht wahr? Die Dialoge jedenfalls sind nur ansatzweise fiktiv.)

Fred David ist seit 40 Jahren Journalist (u.a. «Spiegel»-Redaktor, Auslandkorrespondent der «Weltwoche», Chefredaktor von «Cash»). Er lebt heute als freier Autor in St. Gallen. Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Fred David | Kategorie: Mediensatz

12 Bemerkungen zu «Damals am Züriberg …»

  1. Hanspeter Spörri:

    Achtung! Achtung! Diese Geschichte ist pure Erfahrung eines exCRs.

  2. Fred David:

    @Spörri: Momoll, mer verstönd üüs. Aber das bliibt onder üüs, gälledsi?

  3. Ist doch alles ein Missverständnis! Ein Kollege hat mir grad seine Version davon erzählt, was wirklich geschah: DSK steht auf erotische Rollenspiele. DSK bestellt sich – diesmal – bei der New Yorker Escortagentur, wo er Stammkunde ist, eine „Raumpflegerin“ auf’s Zimmer. Nennen wir sie Jenny1. Jenny1 macht sich auf den verabredeten Termin hin auf den Weg zu DSK. Aber ihre Subwaylinie nach Manhattan rein hat eine Panne und bleibt stecken.
    Inzwischen kommt eine Originalraumpflegerin, nennen wir sie Jenny2, bei ihrer Tour zum Zimmer 2806. Sie betritt die Suite. DSK meint, Jenny2 sei Jenny1. Und er beginnt, was mit der Escortagentur abgemacht ist… Während DSK mit Jenny2 sein Ding abzieht und die völlig perplexe Jenny2 sich nach Kräften zu wehren versucht, was DSK noch mehr anstachelt, weil er meint, das sei Teil des „Spiels“, platzt die hoffnungslos verstpätete Jenny1 in die Suite. DSK erkennt erbleichend, was passiert ist. Und macht – panikgetrieben – einen Abgang.
    Alles ist übrigens dokumentiert auf Video. Auf Überwachungsvideos, die in Luxushotels, wie bei Dodi und Diana, alles filmen, was nicht in den Privaträumen abläuft. Aber vielleicht sogar das… Und einige der Videos landen in den kommenden Tagen und Wochen sicher bei youtube!
    Das Drehbuch für die ganze Chose kommt übrigens direkt aus Hollywood!

  4. Fred:

    Medienbashing ist ja ok, aber es darf nicht dazu führen, dass sich nun alle dahinter verstecken.

    Zu DSK und den Medien interviewte der „Tages-Anzeiger“ selbstkasteiend den Schweizer Anwalt von Roman Polanski:

    http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/StraussKahn-wurde-als-Trophaee-vorgefuehrt–/story/27908111

    Man muss dann schon hinzufügen: Es waren nicht die sensationsgeilen Medien, die DSK „wie eine Trophäe in Handschellen vorführte“: Das war die Staatsanwaltschaft, aus welchen Gründen auch immer sie das tat.

    Es war der Starverteidiger, der die Medien fütterte (in den USA beschäftigen Verteidiger eigene Privatdetektive und Rechercheure).

    Es waren abgelegte Geliebte von DSK, die mit einem offenen Brief bez. einer verspäteten Anzeige gegen DSK an die Oeffentlichkeit gingen.

    Es war die Chefin eines NY Escort Services, die bereitwilligst Auskunft gab, dass man DSK im Januar 1200 Euro für zwei Stunden Sex verrechnete und dass eine der Damen einen weiteren Besuch ablehnte, weil DSK „zu aggressiv“ gewesen sei usw. usw.

    All die Leute musste man nicht mit der Pistole zu öffentlichen Aussage zwingen.

    Abgesehen davon wird der Journalismus heute leider masslos überschätzt, wenn man unterstellt, da wären Horden von investigativen Reportern unterwegs, die unter jede Bettdecke guckten und wochenlang nichts anderes täten, als DSK hinterherzurecherchieren. Pfeiffendeckel! Die meisten Informationen werden den Medien von irgendwelcher – meist interessengebundener – Seite gesteckt(siehe Züriberg-Elegie).

    Leider ist der Mythos des rastlos forschenden Reporters, in schmuddeligem Mantel, mit abgekauten Fingernägeln und einem akuten Alkoholproblem heute reiner Hollywood-Mythos. Diesen Typus gabs mal, aber der ist schon längst an Leberzirrhose ausgestorben.

    Kein Medium leistet sich noch Muckraker dieser Art, die übrigens öfter mal Dinge herausfanden, von denen niemand, wirklich niemand ein Interesse hatte, dass man sie fand – ausser natürlich das Publikum, das man hier nicht vergessen sollte: Das Publikum liest solche Dinge ganz gern, auch jene, die sich darüber empören.

    Die Medien müssen sehr aufpassen, ob, wie und von welchen Interessen sie sich instrumentalisieren lassen. Wenn der Fall Kachelmann endlich einmal abgeschlossen ist (das dürfte nächste oder übernächste Woche der Fall sein), könnte man zum Beispiel über die Wechselbeziehung Angeklagter-Verteidigung-Medien bez. Opfer und Medien eine aufschlussreiche Seminararbeit schreiben. Freiwillige vor!

  5. Fred David:

    Rainer Stadler schreibt heute in der NZZ über das „Ritual der Unschuldsvermutung“ im Fall DSK (nicht online verfügbar) und kommt zum Schluss: Alle schwätzen von Unschuldsvermutung , aber niemand hält sich dran.

    Stadler: „Schock für Strauss-Kahn“, titelte blick.ch und schrieb:“Neues Ungemach für den wegen Vergewaltigung verhafteten DSK. Das Opfer des ehemaligen IMF-Chefs hat möglicherweise Aids“. (Anm.: Die Tat ist damit angeblich schon völlig geklärt).

    „Eine ähnliche Schlagzeile bei 20min.ch:“Opfer wohnt angeblich in Aids-Unterkunft“. Am folgenden Tag stand auf der Titelseite von „20 Minuten“: „Jetzt muss IMF-Chef Dominique Strauss-Kahn um seine Gesundheit fürchten. Sein mumassliches Opfer ist möglicherweise HIV-Positiv.“(…)

    „Und auch die SDA meldete, die Lage werde für DSK immer prekärer:“Sein mutmassliches Opfer hat möglicherweise Aids und könnte ihn mit dem HI-Virus angesteckt haben.“

    Stadler: So verwandle sich „Information“ auf der Basis von „soll“, „könnte“ , „mutmasslich“, „angeblich“ in Propaganda, die umgehend als feststehende Tatsache angesehen werde.

    Anmerkung: Das sind alles gesteckte Informationen ohne annähernd sichere Quellen. Vor dem Appartementhaus, wo DSK z.Zt. lebt, stehen TV-Teams rudelweis unter lächerlichen Partyzelten. Aber sie recherchieren nicht, sie ventilieren, was grad zur Sendung „Top news“ , „Good Morning America“ o.ä. passt.

    Als Mediennutzer entwickelt man allmählich massiven Zorn über diesen unbedarften Müll. Da ist Bashing nun wirklich angesagt.

    Medien müssen diese Spielchen nicht mitmachen. Sie behaupten bloss, sie müssten, weil „die andern ja auch…“.

    Hört auf zu spinnen!

  6. Hanspeter Spörri:

    Rainer Stadler beschreibt nüchtern und präzis die ganze Misere. Das Problem beim Recherchieren: Manchmal schaut dabei nichts Spektakuläres heraus. In den Augen vieler Produzenten war dann die ganze Mühe vergeblich. Sie sehen die Zeitung als Produkt, vergessen die eigentliche Aufgabe des Journalismus.

  7. Fred David:

    …sein Medium AUCH als Produkt sehen, ist für Journalisten notwendig. Sein Medium NUR als Produkt zu sehen, erledigt früher oder später den Journalismus, der irgendwann mal den Anspruch hatte, im besten Sinn Aufklärung zu betreiben.

    Das ist kein idealistischer Standpunkt, sondern eine simple Ueberlebensstrategie: Wenn ich schon für etwas Geld ausgebe, muss es mir das Wert sein. Sonst lass ich’s bleiben.

    Uebrigens: Die Schweizer sind nach wie vor ein Volk von Abonnenten. Denen muss man nicht jeden Tag mit irgendeinem hochgedrehten Quatsch klar machen wollen: Hallo, kauf mich! Kauf mich! Kauf mich! Sie haben’s ja schon gekauft.

    Abonnenten funktioneren anders. Sie reagiern auf andere Reize. Aber eben: Reize. Langeweile ist ebenso kontraproduktiv (übrigens auf Dauer auch ökonomisch) wie kindisch hochgedrehter Quatsch, den niemand mehr richtig ernst nimmt.

  8. Hanspeter Spörri:

    Ich sehe das ähnlich, beharre aber darauf, dass ein Medium mehr sein sollte als nur ein Produkt. Die Sprache der Ökonomie scheint alles zu durchdringen und prägt das Denken. Der «hochgedrehte Quatsch» ist das eigentlich Langweilige. Als Abonnent will ich ernst genommen werden. Ich will nicht, dass man meine Bedürfnisse erforscht und dann möglichst rationell befriedigt. Eigentlich erwarte ich auch von Broten, Parteien, Weinen, Schuhen oder Erdbeeren, dass sie mehr sind als Produkte. Ich erwarte, dass Berufsleute mit ihrem ganzen Können ans Werk gehen, mit Leidenschaft, Augenmass, Hartnäckigkeit, Freude, Verantwortungsbewusstsein. Es gibt diese schöne Bewegung namens Slow Food. Wir sollten Slow Media gründen.

  9. John:

    Slow Media? Ich finde, auf medienspiegel.ch spriessen öfter mal pfiffige Ideen.

  10. Das Slow Media Manifest gibt’s da drüben:
    http://www.slow-media.net/manifest

  11. John:

    @) Patrik: Muss einem ja auch erst einmal gesagt werden. Danke für den Hinweis.

  12. Fred David:

    Noch ein völkerübergreifender Nachtrag zu DSK und die Medien: Im Zweifelsfall spinnen immer die andern…

    http://de.ejo-online.eu/?p=5069

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