Wüste Töne

Da habe ich doch vor Wochen, ohne es zu merken, meinen ersten Blog-Eintrag geschrieben (ich denke ja immer noch in überholten Kolumnenbegriffen). Und was passiert? Schon geraten sich zwei meiner drei Blog-Leser heftig in die Haare. Das ist mir natürlich gar nicht recht. Wenn zwei von drei sich schon bei meinem ersten Räuspern zerfleischen, hab ich bald keine Leserschaft mehr. Da stellt sich einem Blogger-Frischling also die Frage: Was tun in einem solchen Fall? Geht man virtuell zwischen die Streithähne, auf die Gefahr hin, selbst eins auf die Nuss zu kriegen?

Die Kolumnistin ist sich ja den gemeinen Leserbrief gewohnt (gemein im Sinne von kommun), der ihr von Leuten mit gewöhnlichen Namen wie Meier, Müller, Hinz und Kunz per Mail zugeschickt wird, und ja, manchmal sogar noch per Post. Einen solchen kann sie dann, falls nötig, mit beschwichtigenden Worten beantworten und auf die Leserbriefseite setzen. Sollte in der Folge ein Leserbrief-Schreiber auf den andern wütend reagieren, kann sie auch dort die Schmähwörter rausredigieren – oder den Brief gleich kübeln, falls nach dem Redigieren nichts mehr übrig bleibt.

Aber hier? Kann mich da mal jemand aufklären? Was mache ich als Bloggerin mit einem Herr Bugsierer, der einem Herrn Bobby California schlimme Dinge austeilt, weil dieser einen Klammersatz von mir verteidigt? Sind das die üblichen Umgangstöne auf Blogs? Obwohl Herr Bugsierer und Herr California sich ja, trotzt Anonymisierung, durchaus zu kennen scheinen. Warum dann also nicht gleich richtige Namen? Dann könnte man die Beschimpfungen nämlich ohne Publikum austeilen, per Mail, vielleicht sogar per Post. Und bis man einen Schmähbrief aufgesetzt, ins Kuvert gesteckt, mit Marke versehen und an den Briefkasten gebracht hat, ist die Wut womöglich verraucht und der Anstand gerettet.

Also, meine Herren, Ihren Einsatz für das Frauenstimmrecht vor vierzig Jahren in Ehren, aber seien sie so lieb und zeigen Sie jetzt gleichen Einsatz für ein bisschen Höflichkeit. Sonst ist das mein letztes Wort in dieser Kolu… äh diesem Blog. (Und um noch eine Frage zu beantworten: Normalerweise schreibe ich natürlich schon in der ersten Person. Das letzte Mal habe ich eine kleine Parodie versucht. Die ist offensichtlich in die Hose gegangen. Sie war aber auch auf einen Kolumnisten gemünzt, keinen Blogger. Sorry, kleine déformation professionelle einer Printjournalistin).

Ja, und dann hatte ich auch noch eine Leserin mit völlig normalem Namen.

Sie hat mich liebenswürdigerweise gleich zu ihrer Lieblingskolumnistin gekrönt, zwar auf einer etwas schmalen Wahlbasis (1 Bloggerin, 1 Blog-Post), aber ich verdanke das trotzdem herzlich. Schliesslich können wir Frauen keine allzu grossen Ansprüche haben, wenn es um unsere Vertretung in den Medien geht. Irgendwie scheint unser CEO-Material begrenzt, und Chefredaktorinnen braucht es in den Management-Kampfzonen der fusionierten Presse-Medien-und-Eventmarketing-Holdings ja sowieso bald keine mehr.

Aber damit sind wir schon fast wieder bei den Revolutionen, wo wir sie ja gerne auch ein bisschen grösser hätten, die Vertretung der Frauen, wie ich das letzte Mal geschrieben habe. Das war übrigens der Stein bzw. der Klammersatz des Anstosses. Es offenbarte sich daraufhin in den Kommentaren gleich die schöne alte Front zwischen dem Haupt- und dem Nebenwiderspruch der sogenannten Frauenfrage. Die ist über alle medialen Technologiesprünge hinweg, vom Blatt in den Cyberspace, unverändert geblieben.

Pia Horlacher war Film- und Kulturredaktorin beim Schweizer Fernsehen, bei der «NZZ» und bei der «NZZ am Sonntag». Als Mitglied des Presserats befasst sie sich auch mit Medienfragen.

von Pia Horlacher | Kategorie: Mediensatz

21 Bemerkungen zu «Wüste Töne»

  1. Es erstaunt mich nicht, dass Sie sich wundern, Frau Horlacher – aber Ihr Post ist nur eine von vielen Bühnen für die Fehde dieser beiden Herren. Das macht ihre verbalen Abreibungen weder anständiger noch angenehmer zu lesen – aber es handelt sich offenbar um etwas, was die beiden gern machen und wofür sie auch eine gewisse Öffentlichkeit schätzen.

  2. Ich stimme Herrn Wampfler zu. Lebendige Diskussion in Ehren, aber gewisse Kommentare bzw. Kommentierer kann man auch einfach ignorieren.

  3. Anonym:

    Lektion 1: Trolle nicht füttern.

    Lektion 2: Bugsierer ist ein Pseudonym, dessen Träger man allgemein kennt und per Google auch sofort findet. Bobby California hingegen trollt ohne gleich auffindbar zu sein, auch, weil seine berufliche Existenz daran hängt.

  4. Anonymus2:

    Bugsierer hat schon recht. Der Herr California ist ein ganz nerviger Troll, der seinem Unwesen hier ungestraft nachgehen darf, und es – leider – auch immer wieder tut. Ab und zu ruft ihn der Herr Hitz zur Ordnung. Andernorts hat er richtigerweise Hausverbot. Wird Zeit, dass man ihn enttarnt, dann hat der Spuk ein Ende.

  5. Da haben Sie die Macher des Medienspiegels ja in ein ziemlich kaltes Wasser geworfen…

    Die Anzahl Kommentare ist glücklicherweise nicht mit der Anzahl Lesenden gleichzusetzen. Stellen Sie sich vor, Sie hätten bisher einen Leserbrief pro Lesenden bekommen! Betrachten Sie daher Ihre Parodie nicht als misslungen. Sie sehen schliesslich (wie im Print-Bereich) die unzähligen Leute nicht, welche nur stumm zunicken.

    Zu den vermeintlich „anonymen“ Nutzern: Einige haben verstanden, dass es die Glaubwürdigkeit erhöht, wenn man seinen Namen verlinkt und man spätestens hinter diesem Link einen bürgerlichen Namen findet. Aber eben nur einige…

    Und einmischen wird eigentlich erwartet, wenn Sie direkt angesprochen werden…

    Den Begriff „Kolumne“ würde ich aber trotzdem weiterverwenden, schliesslich gilt er schon lange nicht mehr im ursprünglichen Sinne.

  6. hallo frau horlacher

    da sind sie jetzt aber in ein triefendes fettnäpfchen gefallen. tja…

    grundsätzlich: es gehört nun mal zum wesen von lebendigen blogs, dass ab und an die fetzen fliegen. daran müssen sie sich wohl oder übel gewöhnen.

    man muss davon ausgehen, dass sie den medienspiegel vor ihrem ersten post nicht sehr oft frequentiert haben, da sie sonst meine und die auseinandersetzungen anderer mit dem anonymen bobby sicher mitbekommen hätten. vielleicht hätten sie dann die drei kommentare in ihrem post besser einschätzen können. es gibt hier threads mit 30 oder 50 kommentaren.

    übrigens wird, wie oben schon angemerkt wurde, mein nickname durch einen klick auf meine verlinkte signatur sofort zum klarnamen. probieren sie es einfach mal aus.

    was bobby anbetrifft, ist es so: solange er blogger sowie netzaffine menschen im allgemeinen und mich im speziellen immer wieder diskreditiert, werde ich dagegen halten. er tut dies aus dem anonymen hinterhalt, seit jahren schon. und zwar genau in dem stil, wie in ihrem erstlings-post, wo er meinen doch eher harmlosen einwurf als schäbig bezeichnet und mir dinge unterstellt (zum x-ten mal), die ich leider nicht unwidersprochen lassen kann, weil es üble verleumdungen sind. dabei spielt die tatsache, dass ich unter klarnamen im netz unterwegs bin und bobby anonym, eine entscheidende rolle. muss ich das weiter ausführen?

    wenn sie mehr über die aktuelle trollforschung wissen möchten, emfpehle ich ihnen den famosen rant von sascha lobo anlässlich der letzten republica:
    http://www.youtube.com/watch?v=sXSrpGr0wDU

    wie auch immer, als newbie mag ihnen das alles sehr seltsam vorkommen. das kann ich gut verstehen. ging mir vor 6 jahren, als ich mich als kanpp 50jähriger seniortexter erstmals in dieses web 2.0 reinkniete, ähnlich. aber da müssen sie durch, frau horlacher. sonst wird das nix mit ihnen und dem netz.

    und es wäre schön, wenn sie sich an der diskussion hier beteiligen würden, wenn sie sich schon bei ihrem zweiten post soweit aus dem fenster lehnen. ich hätte da nämlich eine frage: haben sie vor dem hinwerfen, also vor dem schreiben ihrer zweiten und angedroht letzten kolumne mal gegoogelt, was bobby und bugsierer sonst noch so ins internet schreiben? ich fürchte nein. daher mein rat: tun sie das beim nächsten mal, v.a. bevor sie mich ein weiteres mal als exempel für unhöflichkeit hinstellen. abgemacht?

    ihre drohung des hinschmeissens finde ich – das wird sie kaum erstaunen – nicht nur naiv, sondern geradezu anmassend. und ich gestehe, dass das genau der femininstinnenton ist, der mir schon seit 30 jahren regelmässig in den falschen hals gerät. aber henusode.

    die für meine begriffe etwas wirre feministische ausuferung in ihren letzten beiden absätzen habe ich nicht verstanden. daher die zweite frage: was sind der haupt- und der nebenwiderspruch in der frauenfrage?

  7. Ursula Schüpbach:

    Witziger Text.

  8. Als Marxist und Sympathisant des Feminismus bin ich entschieden der Meinung, dass die Unterdrückung der Frauen ein Hauptwiderspruch des Kapitalismus darstellt. Das ist keineswegs eine «wirre feministische ausuferung», sondern eine Frage der Logik. Man könnte auch sagen, dass die Diskriminierung der Journalisten ein Hauptwiderspruch des Web Zweinull ist. Das prangere ich an, und das gefällt wiederum einigen Web-Zweinull-Aposteln nicht. Der aggressive Ton mancher Debatteure im Web Zweinull fiel auch mir schon vor langer Zeit unangenehm auf. Was man dagegen machen kann, weiss ich auch nicht. Ich habe im Lauf der Jahre verschiedene Optionen ausprobiert: ignorieren, zurückgeben… beides nützte wenig.

    Abgesehen davon würde ich es sehr begrüssen, wenn Pia Horlacher weiterhin regelmässig hier schreibt. Ihre beiden ersten Kolumnen finde ich ziemlich brillant. Und ich finde es auch sehr gut, dass Pia Horlacher das Thema «Umgangston im Web Zweinull» aufgreift. Da gäbe es viel mehr dazu zu sagen als «es gehört nun mal zum wesen von lebendigen blogs». Lebendigkeit und Anstand schliessen sich nicht aus.

  9. diemitdemnormalennamen:

    Dass ich in einer Blogkolumne vorkomme ist mir noch nie passiert, bin ganz stolz und freue mich auf weitere «wirre feministische ausuferung»en!

  10. Observer:

    Feministinnen und Kommunisten auf dem Medienspiegel! Ich dachte, solche Exemplare gebe es nur noch als Haudrauf-Figuren in SVP-Streitschriften. Man lernt nie aus.

  11. LE:

    Ich finde es auch gut, dass andere es gut finden, dass sich Frau Horlacher um den Umgangston im Web 2.0 kümmert (sprach man nicht schon im Web 1.0 von „Netiquette“?). Aber auch das wird bald keinen mehr interessieren, denn im Web 3.0 gehen wir all den nervigen und sich ewig wiederholenden Mitmachern ganz einfach konsequent aus dem Weg

  12. Ursula Schüpbach:

    „Schon geraten sich zwei meiner drei Blog-Leser heftig in die Haare. Das ist mir natürlich gar nicht recht. Wenn zwei von drei sich schon bei meinem ersten Räuspern zerfleischen, hab ich bald keine Leserschaft mehr.“ Antiheldin mit 3 Lesern… Immerhin scheint sich die Quote dieses Mal frappant erhöht zu haben. :)

  13. Ich möchte anfügen, dass ich verbale Abreibungen (entgegen Philippes Meinung) nicht besonders schätze. Ich kam hierhin, um die Sicht der Journalisten zu vertreten in einer Mediendebatte, die sonst fast ausschliesslich von (männlichen) Bloggern dominiert wird. Mir ist die sachliche Debatte ein Anliegen. Ich verwende niemals absichtlich beleidigende Wörter, wie sie hier und andernorts immer wieder zu lesen sind, Wörter wie «Troll», «anonyme stalkerfratze», «höseler» und weiss der Güggel was. Auf Debatten in diesem mies gelaunten Stil kann ich gerne verzichten.

    Dass es auch anders geht, beweist die Debatte unter dem Beitrag «German Twitter Angst», wo schon fast so etwas wie Frieden zwischen Bobby und Bugsierer ausgebrochen ist. Es wäre mein grosses Anliegen, dass die Diskussion in diesem respektvollen Stil weiter geht. Ich habe auch keine Lust, immer die gleichen Diskussionen über die Verwendung von Pseudonymen zu lesen. Das ist wirklich super-kalter Kaffee. Abgesehen davon passt es schlecht zusammen, wenn man behauptet, dass fiegende Fetzen zu lebendigen Blogs gehören und sich gleichzeitig beklagt, wenn mal jemand es wagt, die eigene Sichtweise in Frage zu stellen.

  14. Pia Horlacher:

    Tja, da geht ja die Post ab (oder heisst das in Blog-Speak „die Threads gehen ab“?). Monsieur Medienspiegel suggeriert, es werde erwartet, das man darauf antworte. Das hat er mir damals natürlich nicht gesagt, als er mich mit vorgehaltener Waffe zu diesem Blog nötigte (zwar nur in Form des notorischen Bündner Wurfgeschosses, einer beinharten Nusstorte, aber immerhin). Also bedanke ich mich hier für all die freundlichen Reaktionen (die Netiquette ist geradezu vorbildlich), entschuldige mich bei Herrn Bugsierer, dass ich ihn ins Kröpfchen der Unhöflichen geworfen habe, verweise ihn wegen seiner Frage zu Haupt- und Nebenwiderspruch an Herrn California (ein bisschen googeln bringt es auch), grüsse diemitdemnormalennamen (mittlerweile sind noch ein paar dazugekommen), und werde unter diesen Umständen meine typisch feministische Drohung, mich grollend davon zu trollen, vorderhand nicht wahrmachen.

  15. Ursula Schüpbach:

    „…als er mich vorgehaltener Waffe zu diesem Blog nötigte (zwar nur in Form des notorischen Bündner Wurfgeschosses, einer beinharten Nusstorte, aber immerhin).“ Brutale Methoden haben die bei diesem Medienspiegel. :)

  16. Anonymus2:

    Bin gespannt, wen die die beinharte Torte als Nächsten trifft. Bitte mit den Brosamen den zahmen Bobby füttern.

  17. @piahorlacher

    es ist nur ein thread. einzahl. jeder blogpost mit einer diskussion unten dran ist ein thread:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Thread_%28Internet%29

    dass sie meine frage zur frauenfrage nicht beantworten wollen, kann ich verstehen. dass sie mich an bobby verweisen, nicht. wie man in seinem blog lesen kann, ist er momentan in sachen frauen mit ganz anderen komplikationen beschäftigt.

  18. Bugsierer > Es freut mich, dass du mein Blog liest. Ich bin gerne bereit, dir zu erklären, warum die Gleichberechtigung der Frauen eine wichtige Sache ist. Leider wissen heute junge und nicht-mehr-so-junge Männer wie Bugsierer alles über Chlütterlizeugs wie Flipboard, TweetMag, Ping und Xing – aber gar nichts über die aktuellen gesellschaftlichen Debatten. Ich bin gerne bereit, zu helfen, dass sich das ändert.

  19. Ursula Schüpbach:

    @bobby und bugsierer: Regt euch nicht zu sehr über euch selbst auf! Immerhin versucht ihr noch zu debattieren, postet nicht bloss eure Textbausteinchen auf grossen Portalen, mit rasch bis zu 200 Kommentaren, wo man kaum noch individuell mit anderen was austauschen kann.

  20. Frau Schüpbach freut sich darüber, dass ihre Antiheldin durch kontroverse Kommentare geadelt wird. Wenn sie hingegen selber betroffen ist, reagiert sie eingeschnappt…

  21. Ursula Schüpbach:

    Feine Töne von Anna Rossinelli im Final des ESC — dafür gab es 10 Punkte aus dem Mutterland der Popmusik, Grossbritannien! :)

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