Umzingelt von Experten

Für Printjournalisten sind harte Zeiten angebrochen. Gemeint sind damit nicht Internet, schlecht geplante Newsrooms, Inserentendruck oder sparhysterische Verlage. Gemeint ist eine andere Tendenz, die sich breit macht: Die zunehmende Systemkritik der Branche durch die Publizistikwissenschaft und durch alle Arten von Kontrollorganen. Eine Systemkritik, die sich weltfremd und desorientiert gebärdet.

Das Beispiel einer ziemlich nutzlosen Qualitätsstudie zur Fehleranfälligkeit in hiesigen Presseerzeugnissen habe ich in meiner vorletzten Kolumne abgehandelt. Es wird wunderbar ergänzt durch einen höchst lesenswerten Beitrag von Norbert Neininger, Verleger und Chefredaktor der «Schaffhauser Nachrichten», in der «NZZ» vom 29. März, in dem er einen «kritischen Blick in wissenschaftliche Studien zum Zustand und zur Zukunft der Medien» wirft. Anhand einzelner Beispiele zeigt er, wie da unter einem Wust von soziologischem Kauderwelsch medienpolitische Plattitüden verbreitet werden, die den Leser ratlos zurücklassen; und dies in einer Sprache, die Karl Kraus in höchsten Masse entzückt hätte.

Die wachsende Schar des wissenschaftlichen Personals, die sich mit Medienfragen beschäftigt, fördert eine regelrechte Inflation an Untersuchungen an den Tag, auf die niemand gewartet hat. Gemeinsames Merkmal dieser Schriften ist der Befund, dass die schweizerischen Presseerzeugnisse immer schlechter und grauslicher werden und das frühere Qualitätsdenken der Sparwut der Verleger zum Opfer gefallen ist.

Leider stimmen in diesen Chor der Negativisten auch zunehmend Institutionen ein, welche sich vorgenommen haben, die Presse zu beaufsichtigen. Der Schweizer Presserat unter Präsident Peter Studer hatte sich noch als Selbstregulierungsorgan der Branche verstanden, welches diese auf Fehltritte hinweist und Leitplanken für berufsethische Zweifelsfälle setzt, Journalisten aber auch vor überrissenen und unrealistischen Forderungen der Öffentlichkeit schützt. Diese Sicht ist abgelöst worden durch eine Art Schiedsgerichts- und Ombudsmann-Funktion, die der Presserat für frustrierte Zeitungsleser und Interessengruppen spielen will.

Im gegenwärtigen Presserat sitzen vor allem Leute, die völlig unbelastet sind von Kenntnissen über die Struktur von Medienhäusern und den Betrieb von Redaktionen. Das führt dann zu so schrulligen Urteilen wie jenem vom 1. April (online noch nicht zugänglich), wonach eine Regionalredaktion eines Zeitungsverbundes (mit gemeinsamem Mantelteil) aus der Zentralredaktion stammende Artikel als solche kennzeichnen muss, wenn sie diese im Regionalteil publiziert. Dass dies angesichts der heutigen Zusammenarbeitsformen in solchen Verbünden ganz und gar unpraktikabel ist, interessiert den Presserat insofern nicht, als er eben diese Zusammenarbeitsformen nicht zu kennen scheint. (Das Urteil erging übrigens gegen den im «Südostschweiz»-Verbund erscheinenden «Sarganserländer».)

Das alles führt dazu, dass sich Journalistinnen und Journalisten zunehmend dem Vorwurf ausgesetzt fühlen, schlechte Arbeit abzuliefern und mit einem Bein im Gefängnis zu stecken. Dies fördert nicht unbedingt die Courage und den Mut, sich öffentlich zu exponieren ─ jene journalistischen Eigenschaften, welche die Publizistikforschung als gefährdet betrachtet. Und es beflügelt den journalistischen Mainstream, den die Forschung ebenfalls bitterlich beklagt. Womit sich wieder einmal ein Circulus vitiosus geschlossen hätte …

Andrea Masüger ist CEO der Südostschweiz Medien.

von Andrea Masüger | Kategorie: Mediensatz

13 Bemerkungen zu «Umzingelt von Experten»

  1. ras.:

    Norbert Neininger bringt in seinem Beitrag Zitate, die puncto Stil und Aussage ärgerlich sind. Aber man sollte über die eigene Nasenspitze hinaus sehen. Ich gehöre zu den ganz wenigen Journalisten, die schon viele medienwissenschaftliche Studien gelesen haben, und ich habe daraus immer wieder interessante Daten und Reflexionen gewonnen. Man muss eben – wie so alles auf dieser Welt – gewichten und filtern. Wissenschaft kann einiges erhellen, aber sicher nicht alles. Das pauschale Wissenschafts-Bashing unter Journalisten geht mir allerdings arg auf den Keks. Dieser Obskurantismus spricht nicht gerade für ein Metier, das aufklären will. Ja, diese Wissenschafts- und Technologiefeindlichkeit im Mediensektor ist ein verdammtes Ärgernis, das sich in zweierlei Art manifestiert: durch peinliche Gläubigkeit gegenüber Studien, die blind wiedergekaut werden (etwa im Bio-Journalismus), und eben durch komplettes Ablehnen aller Expertisen.
    Da könnte schon die Vermutung aufkommen, im Journalismus grassiere die Dummheit.

    Im weiteren: Die These ist doch sehr gewagt, dem Präsidiumswechsel im Presserat von Peter Studer zu Dominique von Burg sei im Gremium Weltfremdheit eingekehrt. Ich sehe vor allem Kontinuität. Es gab ja nur wenige Änderungen bei den Presserats-Mitgliedern. Ob das Sarganserländer-Urteil schief ist, ist allerdings schwer zu beurteilen, wenn es noch gar nicht publik ist. Ich bin zwar Mitglied des Stiftungsrats des Presserats, verfüge aber nicht über Insider-Wissen.

  2. Fred David:

    Ich denke, dass Journalisten generell wirklich ein Problem mit Kritik haben, wenn sie und ihr Gewerbe betroffen sind. Wer ab und an medienkritische Kolumnen schreibt, kriegt häufig eins auf die Mütze, auch wenn er gar keine trägt. Man nimmt übel. Und wie!

    Es wird erwartet, dass man sich vor Kolleginnen und Kollegen rechtfertigt. Schadet ja nix. Aber man denkt sich dabei schon seinen Teil über besonders sensible Seelen.

    Dabei ist der Blick von aussen oft hilfreich. Aber dann sollte er möglichst frei von verquastem Wortwust sein. Sonst verpufft die Wirkung, weil – wie @ras schreibt – nur ganz wenige Zeit und Nerv aufbringen, sich durch hunderte Seiten dieser Art zu quälen.

    Medienwissenschaftler (wie auch Historiker), müssen deutlich besser schreiben können als andere Wissenschaftler, sonst stimmt etwas nicht.

    Ich würde gern mal eine fundierte und wie auch immer formulierte Studie zu folgender simplen Frage lesen: NZZ und Tagesanzeiger weisen deutliche Auflageverluste aus. Dennoch jubeln, wie jüngst, die betreffenden Medienhäuser über rasant steigenden Gewinne. Das ist schön.

    Aber wie geht das?

    Selbst die Prime-Medien mit den deutlich sinkenden Auflagen weisen schöne schwarze Zahlen aus. Das ist noch schöner. Wie geht das wirklich, wenn die Einnahmen aus Printwerbung insgesamt gleichfalls sinken? Mit Einsparungen natürlich. Auch das mag manches Herz erwärmen.

    Aber lässt sich die Korrelation zwischen Sparmassnahmen und Qualitätsverlust in Facts & Figures ausdrücken, nachweisen, zum Kern führen? Oder sind das alles bloss leere Behauptungen?

    Die Studie darf ruhig schmal sein. Dafür mit harten Fakten, z.B. auch aus dem Bereich Honorare, Löhne, im Vergleich zu technischen Innovations- und Overhead-Kosten, Dividenden etc. etc.

  3. Ihr Artikel ist ein bisschen ein Nasenstüber – auch für mich ganz „normalen“ News-Junkie und Nicht-Journalisten. Ja, warum haben die „wissenschaftlichen“ Studien im Bereich Publizistik wohl so zugenommen? Wohl aus dem gleichen Grund, weshalb gerade in Internet-Publikationen ganz allgemein „die Medien“ ein grosses Thema geworden sind:
    Der ganze Bereich Information ist einem extremen Wandel und Umbruch ausgesetzt, und wir alle sind direkt Betroffene. Das treibt an und um. Und führt unter Umständen zu vorschnellen Kommentaren, welche jenen sauer aufstossen mögen, die sich mit internen Sachzwängen auseinander setzen müssen. Das gilt dann auch und vielleicht erst recht, wenn solche Kritik von so „Unqualifizierten“ wie mir stammen.
    Dennoch ist die Tatsache, dass niemand genau zu sagen weiss, wohin die Reise dann am Ende wirklich geht, eben ein Antrieb zu vielen solchen Erhebungen und Diskussionen.

    Und: Aus Reibung entsteht Wärme. Und vielleicht verpufft sie nur scheinbar im Nirwana des Netzes und zwischen Deck- und Schlussblättern. Vielleicht hilft so manche scheinbar unnütze Kritik eben doch, die eigene Position zu festigen und einen bestimmten Weg entsprechend konsequent zu gehen und beizubehalten.

  4. mir kommen die tränen. zum bösen internet kommen jetzt auch noch die bösen wissenschaftler. und das leistungsschutzrecht will auch niemand wirklich gut finden. was für eine verschwörung.

  5. Thomas Läubli:

    Ich weiss nicht, was am Beitrag von Norbert Neininger so lesenswert ist. Er erschöpft sich in Platitüden darüber, das Geschriebene nicht verstanden zu haben. Das Lob von Masüger ist mit dem Solidarisierungseffekt unter Seilschaften (Filz) zu erklären. Seine Klage über böse Feinde, von denen man umzingelt ist, ist müssig. Ich habe auch noch nie von einer Umfrage seitens der Medien zur Zufriedenheit der Leser (nach Ressorts: „Wofür interessieren Sie sich am meisten? Sind sie diesbezüglich zufrieden mit der Berichterstattung? Bemerken Sie als treuer Abonnent qualitative Einbussen?“) gehört.

    Gerade auch daher muss ich über den Begriff «Weltfremdheit» ein paar Worte verlieren. Glauben denn die Verleger und CEOs, sie könnten mit der Angleichung der Print-Zeitungen an den Gratis-Junk-Food für Pendler und Internetfreaks ihr Produkt noch weiter abwerten? Wenn ich höre, wie sie sich gegen eine Aktivität der Staatsmedien wehren, kommt mir der Gedanke, dass man die Konkurrenz nicht aus monetären Gründen fürchtet, sondern weil sie punkto Qualität einfach besser ist als Junk-Food. «Weltfremdheit» ist oft die Ausrede, die man bringt, wenn man nur noch den Massengeschmack bedienen will. Gerade der Common Sense (vgl. auch Hummlers These Nr. 3) ist in vielen Belangen weltfremder als die sog. «Elite». Wenn niemand mehr weiss, wie eine Glühbirne oder ein AKW funktioniert, weil man die Leute ja nicht „belehren“ will, dann kann man auch nichts mehr reparieren.

    Und hier noch eine kritische Bemerkung an Herrn Stadler (da der Artikel zum Schrebergarten der Medien-Regulierung nicht online ist): Wenn Sie schreiben, dass die konzessionierten Sender in Bezug auf Qualität nicht brillieren, haben Sie offensichtlich DRS 2 vergessen, das in Sachen klassischer & zeitgenössischer Musik sowie Informationssendungen in der Medienlandschaft ein Leuchtturm darstellt. Das ist Service Public, zwar elitär, aber «Elite» ist schliesslich nur für abgeschmackte Partei-Politiker und Pseudo-Journalisten ein Schimpfwort – wie man in der Schule anderen den «Streber» nachgerufen hat und dann sitzengeblieben ist.

  6. Sehr hübsch, Herr Masüger fühlt sich „umzingelt von Experten“. Was sollen da wohl unsere Politiker, CEOs, Spitzensportler und Filmsternchen sagen, die tagtäglich von Journalisten „umzingelt“ sind? Zeigt eigentlich nur, auf welch hohem Ross leider immer noch viele Journalisten und Verlagsmanager sitzen: Wir teilen kräftig aus, aber sind furchtbar wehleidig, wenn wir mal selber kritisiert werden.
    Und, lieber Herr Masüger, Sie solidarisieren sich zu unrecht mit Herrn Neininger beim Wissenschaftsbashing. Ihre Polemik fanden wir eher erheiternd, Neiningers Kritik sollte dagegen meine politikberatenden Kollegen nachdenklich stimmen – denn wer beraten will, sollte von den zu Beratenden verstanden werden, vor allem, wenn er ein „kommunikations“wissenschaftler ist…

  7. ras.:

    @Thomas Laeubli: Mein Kommentar bezog sich nur auf die Regulierung der Lokalsender.

  8. Der Presserat sollte aus Menschen bestehen, die täglich an der „Front“ stehen.

  9. Fred David:

    Ich glaube, Journalisten und Medienmanager müssen sich erst wieder an den Gedanken gewöhnen, dass Medien nicht nur Unternehmen sind, die Gewinn und Dividenden erwirtschaften wie andere Unternehmen auch, sondern dass sie auch „gesellschaftliche Veranstaltungen“ sind.

    Da reden zu recht viele mit.

    Auch der Gedanke, dass – einigermassen – unabhängige Medien zum Funktionieren einer Demokratie und einer freiheitlichen Wirtschaft unerlässlich sind, klingt vielen Journalisten und Medienmanagern als pathetischer Schmock von vorgestern in den Ohren.

    Man muss sie daran erinnern. Sonst verpassen sie die Entwicklung. Viele sind in den Anything-goes-Neunziger-Jahren stehen geblieben ohne es zu merken.

    (Dem Kollegen Masüger unterstelle ich das allerdings nicht).

  10. Christof:

    Ach, dieses Gejammer über Kritik. Der Chor der Negativisten? Der grösste Chor sind die Leser, von denen viele längst entschieden haben, keine Zeitung mehr zu kaufen. Redet mit Lesern, schaut die Studien an, wie viele Bürger den Medien nicht mehr vertrauen – dann ist die Basis gelegt, es vielleicht besser zu machen, statt einfach die Kritiker zu deckeln.

  11. Kassandra lässt grüssen: Eine – durchaus auch selbstkritische – Reaktion aus der Ecke der Kommunikations- und Medienwissenschaft:

    http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/medien/kassandra_laesst_gruessen_1.10375876.html

  12. Fred David:

    @Vizenz Wyss: Ihr Text treibt die Diskussion voran. Danke. Uberigens auch für den Satz:“Von Ornitologen wird auch nicht erwartet, dass sie fliegen können“.

    Und ebenfalls für den Hinweis: Kommunikationswissenschaftler müssen so kommunzieren, dass sich taub stellende Journalisten sie zu verstehen sich bemühen.

    Man darf es ihnen – uns – nicht zu leicht machen, sich der notwendigen Diskussion übers eigene Gewerbe zu entziehen.

  13. Thomas Läubli:

    Da können Sie im Tages-Anzeiger von heute etwas darüber lernen, was der von Andrea Masüger unterstützte Antiintellektualismus für Blüten treibt: «Kill people, buy shit, fuck school – I’m fuckin’ radical, I’m mutherfuckin’ radical»

    http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/pop-und-jazz/Zwischen-Groessenwahn-bermut-und-Selbstzweifeln-/story/13695439

    Journalismus heisst demnach sein Innerstes offenbaren: das, was zu den Gedärmen herauskommt…

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