Wo der journalistische Wettbewerb spielt

Jetzt bin also auch ich Besitzer eines iPhone. Und ich erlebe endlich am eigenen Leib, wie sich die Lesegewohnheiten (ganz zu schweigen von den Lebensgewohnheiten) dank diesem Stück Technik verändern. Was man so theoretisch über Online-Geschäfts- oder Verschenk-Modelle gewusst hatte, wird plötzlich benutzerpraktisches Neuland, das sich im Tram und im Café erkunden lässt.

Der neue «Spiegel» hat einen interessanten Essay über das unbekannte Wesen «Wutbürger», aber ich bin weitab (oder auch nur ein paar lästige Fussminuten) vom Kiosk? Kein Problem, rasch runterladen, und zwar zu einem Preis, der gefühlt nicht höher ist als das richtige Heft. Der Minibildschirm ist ja auch kein Problem bei einem Magazin, das nicht gerade berühmt ist für seine überwältigenden Bildstrecken.

Dasselbe gilt für die jüngste Recherche von Hans Leyendecker in der «Süddeutschen», die neuste Kolumne von Paul Krugman oder David Brooks in der «New York Times» (bis gerade eben sogar ganz gratis), oder den Genuss eines herrlich verquasten Kommentars zu, sagen wir, einer Regierungsumbildung in Papua Neuguinea in der «Frankfurter Allgemeinen». Alles ist, wie man so schön sagt, nur ein paar Fingerklicks entfernt. Ein uferloses Newsjunkie-Schlaraffenland im Hosensack, jederzeit zu allem bereit.

Ich denke, wenn die Anfangseuphorie abgeklungen ist (was sie ansatzweise schon tut) wird sich herauskristallisieren, was wirklich meine ganz persönlichen Ansprüche an Journalismus sind. Ich habe aber schon ein paar Vermutungen, genauer gesagt genau drei:

Wenn ich, erstens, einen Artikel, einen Kommentar, eine Reportage (oder auch mal ein Rezept für provenzalischen Kichererbsenauflauf) wirklich lesen will, ist es ziemlich egal, ob ich dafür Geld ausgeben muss oder nicht. Die genial einfache, iTunes-mässige Zahlungsmethode über den App-Store macht den Impulskauf einfacher als an jedem Kiosk. Jedenfalls gilt das, solange ich für einen Artikel kein Jahresabonnement für einen Betrag kaufen muss, der über den Preis einer heissen Schokolade bei Sprüngli hinausgeht.

Zweitens: Die schiere ultraschnelle Verfügbarkeit jeder erdenklichen Variation von Journalismus macht mich ultrawählerisch. Wenn es um Schwarzafrika geht ist «Le Monde» gründlicher, schneller (auch wenn es mir darauf nicht so ankommt) und umfassender als deutsche oder schweizerische Zeitungen. Manche (nicht alle, siehe oben) Kommentare über internationale Politik und Wirtschaft sind in der «FAZ» einfach gescheiter und eleganter als anderswo, aber einen Heribert Prantl gibt’s nur in der «Süddeutschen». Und die «Times»-Kolumnisten sind ohnehin nur schwer zu übertreffen.

Daraus folgt meine dritte Vermutung: Dieses Arkadien, das jegliche Schattierung des Journalismus jederzeit verfügbar macht, ist die ultimative Chance für wirklich guten Journalismus. Solange die Bezahlsysteme vernünftig sind und einen nicht dazu verpflichten, sich für einen überrissenen Pauschalbetrag lebenslänglich (oder auch nur für ein Jahr) an eine Publikation zu fesseln, herrscht der Wettbewerb der erfrischendsten Ideen und der klügsten Argumentationen. Und das alles, ohne dass die Journalisten, die in diesem Wettbewerb bestehen, brotlos werden.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

8 Bemerkungen zu «Wo der journalistische Wettbewerb spielt»

  1. ras.:

    Lieber Kollege, glaubst du noch an den Storch? Unter den Bedingungen des Systems, das du nicht unrealistisch beschreibst, wird ein brutaler Preiszerfall erfolgen, mit der Folge, dass in der Schweiz gerade noch ein Drittel des bisherigen Journalismus-Angebots finanzierbar sein wird. Und dass dabei das Beste ueberleben wird, wage ich zu bezweifeln.

  2. Fred David:

    Ich teile den Einwand von @ras. Qualitativ gute Texte (d.h. mit entsprechender Recherche und besser, analytischer, origineller als der Durchschnitt geschrieben) werden in der Schweiz heute schon nicht mehr kostendeckend honoriert, auch von grossen Medienhäusern nicht. Dieses Dilemma wird sich noch verschärfen.

    Dass die Besten überleben werden, halte ich gleichfalls für äusserst fraglich. Vielleicht die Lautesten und die an jede erdenkliche Bedingung Anpassungsfähigen (inkl. jeder Art von Haltungsschäden).

    Im englischssprachigen Raum mag es noch etwas anders aussehen, da die Verbreitungsmöglichkeiten aller Arten von Medien ungleich viel grösser sind, d.h die Rechnung Aufwand/Ertrag kann anders ausschauen. Hier haben wir es hingegen mit einem sehr eng umgrenzten Inselmarkt zu tun.

    Aber @Edgar Schuler hat insofern trotztdem Recht: Auch ich nutze Medien sehr punktuell und giezielt, hüpfe dauernd und nutze systematisch Links, genau wie er es beschreibt, aber es gilt eben: von Typen wie Schuler und mir kann kein Medium leben.

    Ich denke, die Auflagenentwicklung der NZZ ist ein Alarmsignal. Dieser Zeitung unterstelle ich den erkennbaren Willen zur Qualität.

    Aber dieser wird offensichtlich „vom Markt“ nicht honoriert.

  3. Christof:

    Nun gut, wir brauchen das nicht episch zu diskutieren: Es ist einfach so, wie Edgar Schuler schreibt. Und jetzt wieder an die Arbeit: der internationale Benchmark ruft (und der tut unserem medial verschlafenen Land mit den weltfremden Spitzenmedienmanagern nicht schlecht).

  4. ich bin immer wieder etwas irritiert, dass so viele medienleute solch wegweisende neue technologien so spät selber ausprobieren.

  5. Fred David:

    @)bugsierer: Das hat weniger mit Lahmarschigkeit von Journalisten zu tun, sondern mehr mit einer soliden Grundskepsis, die man sich in diesem Beruf über die Jahre mit gutem Grund aneignet.

    Diese Grundskepsis ist meist hilfreich, manchmal aber eben auch von Nachteil.

  6. @fred david: die grundskepsis von journalisten in ehren, aber in diesem fall hat sie doch etwas lange gedauert, finde ich. es war doch seit vielen jahren absehbar, dass das netz aufs handy kommen wird. in asien (v.a. japan) zeichnete sich dieser trend seit anfangs des letzten jahrzehnts ab. das iphone war dann 2007 das erste produkt, das das internet auch im westen für einen massenmarkt vernünftig aufs handy resp. smartphone gebracht hat. nebenbei hat apple mit den apps noch grad ein neues „genre“ geschaffen, das nicht nur die klassische journalisten- und verlagswelt ins grübeln brachte. das alles ist jetzt vier jahre her. in der zwischenzeit (april 2010) hat apple mit dem ipad schon den nächsten schritt gemacht.
    in diesem kontext finde ich es für einen journalisten schon etwas spät, sich erst jetzt mit dieser technologie auseinanderzusetzen resp. sich erst jetzt ein iphone anzuschaffen. mit gesunder grundskepsis hat das nichts mehr zu tun. ich sehe da eher eine art verweigerungshaltung – die noch immer weit verbreitet ist. nicht nur bei journalisten, auch bei politkern, managern, eltern und weiteren “säulen der gesellschaft”.

  7. Cyrill:

    Wären doch die Schweizer Verleger nicht so verkalkte, ängstliche und bewegungsphobe Dinosaurier! In Deutschland sind selbst «kleine» Zeitungen auf dem iPad zuhause, siehe etwa
    http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/leben/detail/-/specific/Jetzt-neu-TA-OTZ-und-TLZ-auf-dem-iPad-lesen-1495652460
    Aber das sind letztlich akademische Diskussionen. Wenn ich im IC-Doppelstockwagen der einzige mit einer richtigen Zeitung bin und alle anderen von 14 bis 70 nur noch 20 Minuten lesen (auf Papier, nicht onscreen), hat sich das Problem bald von selbst erledigt.

  8. Fred David:

    @) Cyrill: Ich glauube nicht, dass Schweizer Medienmanager verkalkt und ängstlich sind. Ich glaube aber, dass sie zu selten oder nie im Doppelstockwagen II.Klasse fahren, vor allem in den Stosszeiten.

    Die Beobachtungen, die Sie dort machen, würde manchem Verlag teure Publikumsbefragungen ersparen.

    Ich glaube allerdings auch, dass sich Schweizer Medienkonsumenten zu viel gefallen lassen (Journalisten übrigens auch).

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