Kommentare als stumpfe Waffen

Ein Diskussionsbeitrag von Markus Schär

Die Redaktion einer landesweit gelesenen Zeitung greift bei der Blattkritik den Chefredaktor wegen seines Editorials an. Er stimme selber für die Waffeninitiative, beteuert er; von Abo-Kündigungen aus nichtigen Gründen gebeutelt, wagte er aber nicht, klar Stellung zu nehmen. Ein Bundeshaus-Redaktor fordert eine Empfehlung und erntet damit Beifall. Als ein Kollege fragt, ob eine Zeitung im 21. Jahrhundert noch Parolen ausgeben solle, stösst er auf Verständnislosigkeit. «Die Zeitung braucht doch ein Gesicht», meint eine Kulturredaktorin. Und selbstverständlich ist dieses Gesicht ein urbanes, linksliberales bis softsozialistisches, mag das Blatt auch in Bischofszell oder Sumiswald ebenso auf die Zmorgetische kommen wie im Zürcher Seefeld.

Müssen die Schweizer Medien zu politischen Fragen Stellung nehmen? Ein Vierteljahrhundert nach der ersten Abstimmung über einen Uno-Beitritt, für den die Journalisten flächendeckend warben, während ihn das Volk mit 76 Prozent Nein verwarf? Und mehr als ein Jahrzehnt, nachdem die letzten Parteiblätter in Forumszeitungen aufgingen? Müssen die Redaktionen die Stellung halten (für die Aufklärung, den gesunden Menschenverstand, eine fortschrittliche Schweiz – Gewünschtes bitte ankreuzen), obwohl sie vom EWR-Beitritt 1992 bis zu den Initiativen gegen Minarette 2009 und für Ausschaffungen 2010 oft weit neben ihrer Leserschaft lagen, also deren Erosion mit suizidalen Parteinahmen beschleunigten?

Sie müssen, meinen die Chefredaktoren fast unisono. Nur Thomas Bornhauser in Luzern betont, seine Redaktion habe die Waffeninitiative wie «im Regelfall» kontrovers behandelt: Die Kantone im Gebiet der «Neuen Luzerner Zeitung» verwarfen die Vorlage mit 60 Prozent (Luzern) bis 72 Prozent (Obwalden).

Dagegen schloss Christian Dorer in der «Aargauer Zeitung» die Debatte mit einem Leitartikel ab, in dem er als aktiver Hauptmann sorgfältig argumentierte, dass es keinen militärischen Grund für die Waffe zu Hause mehr gebe. «Dies in der Überzeugung, dass eine Zeitung eine Haltung haben soll», hält der Chefredaktor fest. «Der Leser kann diese Meinung dann selbstverständlich teilen oder auch nicht.» 61 Prozent der Aargauer teilten sie nicht.

David Sieber empfahl die Initiative in der «Südostschweiz» gar «in vollem Bewusstsein, dass wir einmal mehr weit neben unserer Leserschaft lagen» (in Graubünden gab es 65 Prozent Nein). Er unterstreicht, sein Blatt versuche bei der Themenwahl «ganz nahe bei unseren Lesern zu sein». Die Kommentierung dagegen dürfe «für die Mehrheit ruhig auch mal als Zumutung erscheinen».

Gar mit einer Hausmitteilung erklärte Philipp Landmark den Lesern des «St. Galler Tagblatts», er betrachte es «als noble Pflicht, Ihnen auch mit eigenen Meinungsbeiträgen Denkanstösse zu geben». Das Blatt, das zur NZZ-Gruppe gehört, beurteile die Vorlagen «durchaus auch (!) aus einer freiheitlichen und liberalen Optik», betonte der Chefredaktor. In seinem Leitartikel aber wollte er «nicht mit den Wölfen heulen» (sondern mit dem Kollegenchor). Das stiess auch intern auf Kritik: Die «Thurgauer Zeitung», seit Anfang 2011 Kopfblatt des «St. Galler Tagblatts», kämpft noch um die Akzeptanz im Kanton – und die Thurgauer lehnten die Initiative mit 65 Prozent ab.

Gerade am Beispiel der «Thurgauer Zeitung» lässt sich zeigen, was in der Schweizer Presselandschaft geschehen ist. Die Zeitung, 1798 «zur Beförderung des Patriotism, republikanischer Gesinnungen und Tugenden» gegründet, gehörte im 20. Jahrhundert der Familie von Oberst i Gst Hans A. Huber, dem Chef der Sektion «Heer und Haus» für die geistige Landesverteidigung. Sie verordnete sich, bis sie die ehrenwerten Familien 2005 an Tamedia verkauften, ausdrücklich ein Redaktionsstatut, das die bürgerliche Grundhaltung festschrieb. Dem Autor sagte denn auch 1975 der damalige, vergleichsweise liberale «TZ»-Chefredaktor: «Es tut mir Leid, aber wenn Sie mit der SP sympathisieren, kann ich Sie nicht anstellen.» Der nächste Chefredaktor, Daniel Witzig, zog ein nationales Korrespondentennetz mit linken Journalisten wie Peter Knechtli und Jürg Frischknecht auf – und war nach einem Jahr wieder weg.

Noch in den Siebzigerjahren herrschten die Parteiblätter vor, die den Zauberformel-Konsens verbreiteten und damit auch an der Urne obsiegten. Erst zaghaft wuchs in einigen Medien heran – in Baden, in Basel und natürlich beim Fernsehen, wo SP-Nationalrat Ueli Götsch die Redaktionen verfilzte –, was sich in den Neunzigerjahren durchsetzten sollte: der linksliberale Mainstream, der sich damit begnügte, alles zu bekämpfen, wofür Blochers SVP stand. Die Presse diente jetzt nicht mehr als Sprachrohr der Verleger oder der Aktionäre, die bei der «NZZ» sogar zur FDP gehören mussten, sondern der Journalisten: Sie erklärten dem Publikum die Schweiz und die Welt, zumeist mit einer Sehschwäche auf dem linken Auge.

Das Podium dieser Journalisten war die Forumszeitung, in der sie den Zugang zum Forum beschränkten; das erfolgreichste Modell war ausgerechnet der «Tages-Anzeiger», der – 1893 als unpolitisches Unterhaltungsblatt für das breite Publikum gegründet – einst als der Untergang der Schweizer Presse galt wie später «Blick» oder «20 Minuten». Auch in Basel und in Bern, in Luzern, wo sich 1991 das «Vaterland» (konservativ) und das «Luzerner Tagblatt» (liberal) zusammenschlossen, und in St. Gallen, wo 1997 das «St. Galler Tagblatt» (FDP) die «Ostschweiz» (CVP) übernahm, entstanden Forumszeitungen – mit Redaktionen links von der Mitte oder zumindest links ihrer Leserschaft.

Es ist diese nur ein Vierteljahrhundert alte Presselandschaft, der Richard Aschinger und Christian Campiche in ihrem Traktat Newsfabrikanten – Schweizer Medien zwischen Tamedia und Tettamanti nachtrauern: Die Welt, in der die Journalisten in der Politik alles besser wissen, selbst wenn sie nicht einmal die Grammatik kennen, wie sogar der wohlwollendste Rezensent feststellen musste. Der ehemalige «Tages-Anzeiger»-Redaktor Aschinger hält sich darüber auf, dass der «TA» zur echten Forumszeitung wird, und dies unter einem Chefredaktor, der unlängst noch den Revolutionären Aufbau in den Dialektischen Materialismus einführte. Angewidert rapportieren die Autoren: «Auf der Meinungsseite des ‹Tages-Anzeigers› scheint heute fast alles möglich. Und das Gegenteil auch. Wenn jemand etwas falsch oder dumm finde, dann heisse es: ‹Prima. Schreib das für übermorgen.›» Wo kämen wir denn hin, wenn jeder seine Meinung in die Forumszeitung schreiben könnte?

Dort sind wir allerdings längst, nicht in den Zeitungen, sondern in den Online-Medien. Der Gestus des ausgewiesenen oder auch nur eingebildeten Experten hält sich bloss noch auf der Website «Journal 21», dem digitalen Stöckli des Journalismus. Jene Online-Medien, die das Publikum wirklich fesseln, veröffentlichen selber «keinen Kommentar, der jemandem nicht passt», wie Aschinger und Campiche schimpfen, wohl aber heftigste Debatten unter den Lesern.

Doch das ist keine (demokratische) Qualität, nicht für die Buchautoren und auch nicht für Professor Kurt Imhof, der wie sie den traditionellen Journalismus (des letzten Viertels des 20. Jahrhunderts) hochhält, wenn auch nicht dessen Stilsicherheit und Grammatikfestigkeit. «Erstmals in der Moderne werden von den bildungsstarken wie den bildungstiefen Altersgruppen zwischen 15 und 34 dieselben schlechten Informationsmedien konsumiert», klagt der Qualitätsapostel. «Sozial bedeutet dies ein[sic] geradezu exponentiell steigender[sic] Vertrauensverlust in die Medien, ein[sic] gesellschaftspolitisch fataler[sic] Statusverlust des Journalismus und ein[sic] Rationalitätsverlust in der demokratischen Auseinandersetzung.»

Was aber, wenn sich die Journalisten ihren Statusverlust selber zuzuschreiben haben? Weil sie ihre Meinung aus den Glashäusern in Zürich und anderen Grosstädten verbreiten, statt auf die Erfahrungen der Leser draussen im Land einzugehen? Weil sie mit ihrer Schafsherde mitblöken und ihre Kunden nur als heulendes Wolfsrudel wahrnehmen? Weil sie nicht besser schreiben und schon gar nicht besser denken als ihr Publikum?

Möglich, dass Abstimmungsparolen an den Lesern vorbei nicht (noch) mehr Schaden anrichten, weil diese schlicht nicht mehr interessiert, was ein Chefredaktor auf seinen Stimmzettel schreibt.

Markus Schär lebt als freier Autor in Weinfelden (TG). Er war 1984 letzter Redaktor der «Thurgauer AZ» und hat der Waffenschutzinitiative zugestimmt.

[Der vorliegende Diskussionsbeitrag ist ursprünglich im Medienmagazin «Schweizer Journalist», 2-3/2011, erschienen. Er wird hier mit freundlicher Genehmigung des Autors publiziert.]

von Markus Schär | Kategorie: Medienschau

28 Bemerkungen zu «Kommentare als stumpfe Waffen»

  1. „Journal21“ als das „digitale Stöckli des Journalismus“ zu bezeichnen, find ich sehr treffend.

    Mich hat die letzten Jahre vor allem die Verweigerungshaltung der etablierten Journalisten verwundert. Da gibt es neue Medien, neue Formen, neue Möglichkeiten – und nur etwa geschätzte 3 bis 5 Prozent reagieren überhaupt neugierig (was ja so ungefähr eine der wichtigsten Eigenschaften von Journalisten sein sollte). So zementiert man die nicht gerade schmeichelhaften Urteile, die viele Bürger über „die Journalisten“ fällen (auch wenn es „die Journalisten“ als total homogene Gruppe natürlich so nicht gibt).

  2. Fred David:

    @) Zustimmung, Markus Schär: Dass Zeitungen heute noch grossartig und in eigener Machtvollkommenheit Abstimmungsparolen verkünden, wenn möglich noch nach demokratischer Abstimmung in der Redaktion, ist überholt. Das sind oligarchische Vorstellungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert.

    Medien sind nicht Teil der staatlichen – gewählten – Autorität oder deren Institutionen. Medien sind Unternehmen und sie gehören irgendwem, der/die nicht als Eigentümer gewählt wurde(n), sondern der/die als Unternehmer in den Besitz eines Mediums kam(en) und der/die faktisch damit machen können, was sie wollen – und es auch tun. Das ist auch gut so.

    Dass sich Journalisten privater Medien hingegen nach Mehrheitsmeinungen richten sollen/müssen, ist albern.

    Beispiel: Wie du richtg schreibst, ging die erste Abstimmung zur Uno vor 25 Jahren mit 76% Nein-Stimmnen bachab, obwohl die meisten Medien einen Beitritt befürworteten.

    Es ist nicht verboten, als Journalist einen etwas weiteren Horizont zu haben. Nicht weil Journalisten klüger wären, sondern weil sie ungleich viel mehr Möglichkeiten haben, Informationen zu beschaffen, Gespräche durch alle Schichten und in allen Lagern zu führen usw. usw. Ist ja schliesslich ihr Job.

    Heute ist eine satte Mehrheit der Bevölkerung froh, Mitglied der Uno zu sein. Jedenfalls käme ein 76%-Resultat nicht mehr zustande. Die Mehrheit der Journalisten lag damit goldrichtig, wenn auch zu früh. Vordenken ist oft – aber natürlich nicht immer – besser als Nachdenken.

    Aehnlich bei der knapp gescheiterten EWR-Abstimmung vor 20 Jahren: Viele Medien waren, wenn auch zaghaft, dafür. Ich arbeitete damals für CASH, das damals vehement einen Pro-Kurs fuhr – gegen die Mehrheit. Heute hat das – längst in Unfrieden entschlafene – CASH Recht bekommen. Und wie!

    Die meisten Schweizer und der weit überweigende Teil der Wirtschaft wäre heute froh, man wäre drin – wie der überaus prosperierende Winzling Liechtenstein -, weil es uns eine immerwährende, selbstzerfleischende Debatte zum EU-Vollbeitritt ersparen und sämtliche 120 bilateralen Verträge obsolet machen würde, ohne nennenswerte Nachteile in Kauf nehmen zu müssen.

    Verpasste Chance. Es gab damals ziemlich viele Journalisten und Medien, die das voraussahen und es auch schrieben, und die dafür auch ganz bös geprügelt wurden. Aber: Sie bekamen letztlich Recht.

    Will sagen: Journalisten bez. Medien können/ sollen/müssen sich durchaus deutlich vorgebrachte Meinungen erlauben, die nicht mehrheitsfäghig sind. Sie müssen nicht zu allem ihre Meinung verbreiten, zu wichtigen, gar existenziellen Fragen aber schon.

    Medien können natürlich nicht permanent gegen die Mehrheit ihrer Leser anschreiben, aber in als wichtig erkannten Zusammenhängen durchaus.

    Das gilt auch für weniger wichtige Abstimmung über Sturmgewehre ohne Munition im Schrank als Ausdruck eines angeblichen Freiheitswillens, über Minarette und verfassungswidrige Ausschaffungs- und Verwahrungsinitiativen, selbst wenn diese eine Mehrheit finden.

    Die Mehrheit ist träge und oft wankelmütig, aber nicht dumm.

    In späterstens 10 bis 15 Jahren wird sich eine breite Oeffentlichkeit fragen, wie man für solchen Unsinn Mehreiten kriegen konnte.

    Journalisten dürfen das voraussehen, selbst wenn sie damit momentan als Verlierer dastehen.

    Ein bissl Mut gehört halt auch zu diesem Geschäft. Dazu muss man nicht furchtbar links sein. Auch Rechte dürfen durchaus mehr voraus- als zurückschauen.

  3. Es ist wirklich erstaunlich: Wie schafft das die Linke nur, sämtiche Medien zu unterwandern? Bei diesen Besitzern? Es wird Zeit, dass den Aktionären und Verwaltungsräten endlich die Augen geöffnet werden!
    Zudem fordere ich: Alle Journalisten müssen entgegengesetz zu ihrem Abstimmungsverhalten schreiben. Dann haben wir endlich eine rechte Presse!

  4. Fred David:

    @) faulwurf: … und zur Nachkontrolle sollten die ausgefüllten Stimmzettel der „meinenden“ Journalisten vor dem Einwurf in die Urne von Vertrauensleuten mit Handy fotografiert und als Belege im Internet dokumentiert werden, damit endlich eine lückenlose Uebersicht über das in den Redaktionen vorherrschende Gesinnungswesen möglich wird.

    Wer schon dauernd nach Wikileaks schreit, soll zuerst einmal für Transparenz in seinem eigenen Gärtli sorgen. I ha gschlosse.

  5. Hanspeter Spörri:

    Haben eigentlich wir die Meinungen? Oder haben die Meinungen uns? Der (ironische?) Einwurf des Faulmurfs zeigt, dass es wieder in Richtung Meinungsdiktat geht. Ich plädiere für etwas mehr Gelassenheit gegenüber eigenen und fremden Meinungen. Behandeln wir doch Meinungen wieder als das, was sie sind: persönliche, subjektive, nicht absolut gültige aber zu respektierende Sichtweisen. Journalismus ist nicht in erster Linie ein Meinungsgeschäft. In unserem schönen Beruf geht es doch eigentlich darum, Fakten so präzise und nüchtern wie möglich wiederzugeben, dabei aber nicht zu verschleiern, dass auch die Wahrnehmung subjektiv ist. Lautstarkes Drauflosmeinen regt einen nur auf, nicht an.

  6. Fred David:

    @) Hanspeter Spörri: Die Zeiten werden sichtlich komplizierter und auch wieder politischer. Damit müssen wir uns wohl oder übel befassen. Letztlich geht es um einen Verteilkampf, und der wird in der Schweiz womöglich härter ausgefochten werden als anderswo. Für Journalisten ist daher wieder eine Eigenschaft gefragt, die bisher nicht so nötig war: Robustheit. Es wird noch deutlich härter kommen in den nächsten Jahren. Die schöne Zeit des „Any thing goes“ ist vorbei.

  7. Hanspeter Spörri:

    @Fred David: Einverstanden, was den Verteilkampf betrifft. Das ist Politik. Dass die Schweizer Politik von robusten Auseinandersetzungen lebe, hat kürzlich Roger Köppel geschrieben. Vielleicht meint er damit die abwertenden Ausdrücke (Nieten, Falschmünzer), mit denen man bei der Weltwoche um sich wirft. Harte Worte statt harter Fakten. Je komplizierter die Zeiten werden, desto simpler wird in den Blättern argumentiert. Roger Köppel hat ja auch mal angekündigt, die Weltwoche werde «schreiben, was ist» (Eine Wiederholung von Blochers Worten. Und der hat damit einst Rudolf Augstein zitiert). Dieser Anspruch ist meiner Meinung nach aber so vermessen, dass er eigentlich unpolitisch ist.

  8. Fred David:

    @) Hanspeter Spörri: Nachdenkenswert.

    Aber, nebenbei, es gibt auch ein Leben ohne Wewo – kein schlechtes übrigens – und „schreiben was ist“ hat vor Herrn Doktor B. auch schon Rudolf Augenstein guttenberglet : vom „Rasenden Reporter“ Egon Erwin Kisch (1885-1948).

  9. Hanspeter Spörri:

    @Fred David: Kisch gehört immerhin zu den wenigen Schreibkräften, die so gut sind, dass man ihnen fast alles verzeiht. Er hatte ja recht, «nichts ist erregender als die Wahrheit». Würde man sich doch nur wieder darauf konzentrieren, Wahrheiten zu erfassen.

  10. Thomas Läubli:

    Ich verstehe leider den ganzen Artikel von Markus Schär nicht, geschweige denn worauf er hinaus will. Eine Zeitung ist ein Produkt, das sich als Marke positionieren kann, d.h. die Zeitungsmacher können sich zu einer gewissen Weltanschauung bekennen, um sich einem gewissen Zielpublikum zu erkennen zu geben. Dann weiss man, woran man ist (Bsp. NZZ oder die Kirchenzeitung „reformiert“). Schliesslich ist allen Menschen recht getan, eine Kunst, die niemand kann. Heute geht es je länger, je mehr darum, ja niemandem wehzutun. In einer Zeit, in der Bezahlzeitungen in ökonomischer Hinsicht serbeln, will man möglichst viel Unverbindlichkeit, um die Leser nicht gegen einen aufzubringen. Das Resultat ist eine peinliche Wischi-Waschi-Berichterstattung. Insbesondere die Pro-Contra-Marotte mutet oft wie ein pathologischer Versuch aus einem Philosophieseminar an, möglichst viele Argumente dafür und dawider zu versammeln. Die erwünschte Wirkung solcher Placebos ist natürlich, dass jene, die sich die Meinung schon gemacht haben, den Artikel, der ihre Meinung widerspiegelt, lesen und den anderen ignorieren. Profilierte Kommentare, die sich nicht wie ein Pamphlet von Elfriede Jelinek lesen, muss man im heutigen rechtskonservativen Mainstream (da ja die ökonomisch richtige Meinung gefragt ist: Geld stinkt nicht!) mit der Lupe suchen.

  11. Fred David:

    @) Thomas Läubli: Das mit der vornehmen Pro- und Contra-Masche ist gut beobachtet. Klar kann man das hin und wieder im Blatt machen, aber in den allermeisten Fällen sollen solche Pro- und Contra-Kommentare lediglich die Wischiwaschi-Jekami-Haltung eines Mediums kaschieren, das krampfhaft alles allen recht machen will. Bloss niemanden vertäuben.

    Dabei gibt es heute ja dafür Blogs. Medien könnten dieses Instrument noch viel besser nutzen, wenn sie moderierte und konsequent nach journalistischen Regeln betriebene Blogs einrichten würden. Das bedeutet Aufwand, kostet Geld, man muss sie pflegen. Das läuft nicht von allein.

  12. @ Fred David
    Wie zutreffend Ihr Einwurf zu den Einsatzmöglichkeiten von Blogs als Teil der Zeitungsarbeit doch ist! Oder wäre…

    @Alle
    Auch ich schätze als Leser die beständige Chance, von einem Artikel auch überrascht werden zu können und so andere Meinungen zu prüfen. Seifig wird die Standfläche jeweils unmittelbar nach Abstimmungen, wenn das Volk sich als scheinbar dümmer erweist als die eigene Meinung es vermuten liesse – und die gegenteilige Position, die es gewählt hat. Dann kann man lesen, das Volk wäre dem Populismums aufgesessen oder anderes mehr. Das tönt dann nach den gleichen Phrasen wie die entsprechenden Statements der Politiker auf der Verliererseite. Hier wünschte ich mir jeweils von medialer Seite mehr Reflexion und mehr Distanz. Daraus liesse sich dann auch überzeugender weitermachen – mit dem nach wie vor eigenen Argumentarium.

    Es ist hier angesprochen worden, wie und aus welchen Antrieben welche Art Journalismus betrieben werden soll. Was mich immer wieder wundert: Dass es möglich ist, dass sich die Medienbranche das Unding leistet, unter seinen Playern Mitspieler zu haben, deren Besitzverhältnisse völlig unklar sind. DAS finde ich als Bürger, Blogger wie Leser eine Katastrophe: Wem z.B. nun eine BAZ oder eine Weltwoche wirklich gehört, das müsste transparent sein. Es glaubt ja niemand, dass Medien ihre Rolle als vierte Macht im Staat gegen die Überzeugungen der jeweiligen Besitzer ausüben würden – dass es aber entsprechendes Meinungsbildungspotential dennoch in Form von Medienarbeit gibt, lässt uns alle doch ein ungutes Gefühl haben, wenn nicht eindeutig ist, woher die Munition fürs Gefecht der Gegenseite kommt.
    Warum also ist es möglich, solche Zustände zu dulden?

  13. Thomas Läubli:

    thinkabout: „Seifig wird die Standfläche jeweils unmittelbar nach Abstimmungen, wenn das Volk sich als scheinbar dümmer erweist als die eigene Meinung es vermuten liesse – und die gegenteilige Position, die es gewählt hat.“
    Es muss sich niemand dem Zeitgeist anpassen. Manchmal tut es gut (und das widerspricht Ihrer Einstellung, sich überraschen zu lassen), gegen den Strom zu schwimmen, um wieder mal das Wasser zu spüren, in dem man sich laufend bewegt.

    thinkabout: „Dann kann man lesen, das Volk wäre dem Populismums aufgesessen oder anderes mehr. Das tönt dann nach den gleichen Phrasen wie die entsprechenden Statements der Politiker auf der Verliererseite. Hier wünschte ich mir jeweils von medialer Seite mehr Reflexion und mehr Distanz.“
    Ich hoffe doch, es ist noch nicht zum Tabu erklärt worden, dass man Mehrheitsentscheide nicht kritisieren darf. Im Falle des Rauchverbots kann man das in den Zeilen der Zeitungen immer beobachten – hingegen bei den Vorlagen der SVP werden die Medien oft kleinlaut und verneigen sich vor der tiefen Weisheit des Volkes. Manchmal hat man bei gewissen Medien den Eindruck, sie verhielten sich wie Windfahnen und drehten sich je nach Richtung des Windes. Das ist bei der NZZ nicht unbedingt der Fall – etwa wenn die liberale Ideologie in den Vordergrund tritt – und darum hasse ich diese Zeitung in gewissen Momenten wieder, aber man weiss, woran man ist.

  14. Die Diskussion krankt am Bild des „Intellektuellen“, das eine messianische Mission in sich schliesst. Die Journalisten wurden zur „Kaderpartei eines Linksgefühls“, das von der akademischen Welt, die sich durch Gesinnungskooptation ergänzt, gestützt wird. Intellektualismus kann aber auch heissen, die brauchtümlichen Denkstrukturen im Volk transparent zu machen, ohne sie als ewig-gestrig zu belächeln.
    Beispiele:
    Es wäre ein leichtes gewesen vor der Minarett-Initiative aufzuzeigen, dass die Zeit „Ohne konfessionelle Sonderartikel“ in der BV relativ kurz ist: im Juni 2001 vor 9/11 wurde der Bistumsartikel gekippt der noch vor Jahren verteidigt wurde, aber am 12.September sah dann die „säkularisationstheorie“ schon ganz anders aus. Ist das Volk nun „dumm“, wenn es sich an die pragmatischen Lösungen „Jesuitenverbot“ und „Bistumsartikel“ erinnert, welche der Schweiz lange jahre des Religionsfriedens bescherten? Oder sind nicht Journalisten ideologisch verbohrt und dumm, die solche Zusammenhänge nicht reflektieren können?
    Waffeninitiative: Wer am eidgenössischen Schiesswesen aktiv teilnahm, der weiss welch „heiliger Ernst“ im Schützenhaus herrscht, wenn das Obligatorische geschossen wird. Tatsächlich ist das Waffenprivileg einzigartig in der Welt und darum ein tiefsitzendes Strukturmerkmal des Staatsaufbaus. Selbst Frauen, die eigentlich für die Waffeninitiative waren, blieben den Urnen fern, weil sie um die Kräfte wussten, die hier wirken.
    Die 40jährige Verhöhnung der „geistigen Landesverteidigung“ hat dazu geführt, dass Journalisten heute keine wohlgeordneten Begriffe zur Verfügung haben, um über ihr Land nachzudenken, aber ein Arsenal von „Modernisierungs-Hohlformeln“ die sie stets im Chor und unreflektiert nachbeten.
    Diese geistige Verwahrlosung der Journalisten, ist die grosse Chance der „Weltwoche“. Es genügt, die Welt in den Begriffen von vor 68 zu beschreiben und man ist wahnsinnig originell, weil die Herde fest daran glaubt, mit 68 habe eine neue Zeitrechnung angefangen, die nur sie, die journalistische Avantgarde, verstünde und die mit der Gewissheit derer, die den hegelschen „meccano“ der WEltgeschichte erfasst zu haben glauben, einfach dem „dummen Volk“ geoffenbart werden müsse.

  15. Ein interessantes Beobachtungsfeld sind die Kommentare, welche der „Berufs-68er“, Res Strehle („68, aber lieb“) absondert, der bis über das Jahr 2000 hinaus im Netz mit marxistischer, kryptischer Jargon-Prosa sich einen Namen als „tiefen“ Analysten der krassen Linke machte. Es ist bemerkenswert, dass die Geisteskinder des „Chefs“ gar nicht mehr über die Rotation gelassen werden, wo sie in ihrer dürftigkeit den Abonnenten verschrecken könnten, sondern gleich im geschwätzigen Cyberspace begraben werden.
    Aus „68, aber lieb“ wurde so „Chefredaktor, aber für d’Füchs“. Res Strehle ist nur noch die administrative Nanny des beklatschten Anarcho-Stylisten Constantin Seibt, den man über die Rotation hetzt um Leserbindung zu halten.

  16. Thomas Läubli:

    @Giorgio Girardet: Den Bullshit, den Sie da rauslassen, kann ich nur belächeln. Der Zeitgeist geht heute dahin, Intellektuelle (nicht solche, die sich so nennen!) zu verhöhnen, wie sie das gleich vormachen. Vielleicht sind Sie Anhänger eines Geistessozialismus, in dem sich die geistigen Eliten (verstanden als kompetent auf einem gewissen Gebiet) den Vorstellungen der Massen anpassen müssen. Das hatten wir in der Geschichte schon und mich beschleicht ein ungutes Gefühl dabei. Die Journalisten stimmen ja heute grossmehrheitlich in diesen Geistessozialismus ein, indem sie wie ihr Vorbild, die SVP, sogenannte „Experten“ wie den vielzitierten Herrn Schlüer zu Wort kommen lassen. Brauchtümliche Denkstrukturen des Volks gibt es zudem nicht – ein Volk kann gar nicht „denken“, weil es kein Subjekt ist. Individuen denken, und dies gelingt mehr oder weniger gut, wenn man dauernd durch die geistessozialistische Propaganda der Mainstream-Medien zugeschüttet wird.

    Zum Minarettverbot: Meine Güte, es geht doch nicht darum, ob es in der Schweizer Geschichte Sondermassnahmen gegeben hat, sondern ob der Eintrag in die Verfassung irgendein Problem löst. Dass ein solches Verbot höchstens ein Placebo für Rechtsbürgerliche ist, kann auch der peinliche Hinweis auf die Dummheit der anderen nicht kaschieren.

    Zur Waffeninitiative: Ich hoffe doch, dass Ihnen ihr heiliger Ernst etwas nützt, wenn da mal ein bis anhin als harmlos geltender Familienvater Amok läuft.

    Ihre Reklame für die Blocher-Woche in Ehren, aber mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass der Journalismus dort nicht aus Wahrheitsliebe, sondern mit Sophisterei (Thesenjournalismus) gemacht wird. Dort werkeln jetzt die Neo-68er herum, die heuer aus dem Staat Gurkensalat machen wollen…

  17. Markus Schär:

    Mein Text ist ja guter alter Printjournalismus, also schon vor einem Monat geschrieben – bevor die Debatte um Transparenz bei der politischen Einstellung von Journalisten losbrach. Darum ein paar Anmerkungen (die länglich geraten sind, sorry), was mir seither in den Diskussionen da und dort eingefallen ist:

    1. Jeder Journalist darf selbstverständlich meinen, was er will, also schreiben, was immer er denkt – falls es sogar gut gedacht und gut geschrieben ist, weiss das auch der Leser zu schätzen. Und natürlich sollen die Journalisten nicht die vermutete Position der Leserschaft anpeilen, sondern vorausdenken, aber vorzugsweise – wie dies Hanspeter Spörri feststellt – mit Tatsachen statt bloss mit Meinungen. Allerdings gilt immer der Satz: In der Schweiz ist die Meinungsfreiheit gewährleistet, vorausgesetzt dass man die wirtschaftlichen Folgen tragen kann.

    2. Es braucht kein grosses Rätselraten, wo die Journalisten politisch stehen: Gerade mit den Stellungnahmen zu Abstimmungen liesse sich ihr Standort präzise vermessen. Dass der durchschnittliche Journalist deutlich links vom Publikum und damit vom Stimmvolk steht, ist aber auch mit blossem Auge zu erkennen. Und bei den (Staats-)Medien, die eigentlich zur Neutralität verpflichtet sind, liesse eine seriöse Studie – eine weniger angreifbare als die in der „Weltwoche“ veröffentlichte – tief blicken. Wie ausgewogen ist SF, wenn es Adrian Amstutz als „rechten Hardliner“ und Ursula Wyss als „gemässigte Sozialdemokratin“ bezeichnet, obwohl sie mit +9, bzw. -9 auf der Rechts-Links-Skala gleich weit von der Mitte weg politisieren? Oder wenn es nach der Abstimmung über die Ausschaffungsinitiative einen einzigen Vertreter der Volksmehrheit in den „Club“ einlädt und ihm noch dauernd das Wort abschneidet?

    3. Dass mehrheitlich linke (oder zumindest links von ihrem Publikum stehende) Journalisten in den Medien ihre Meinung verbreiten, ist eine Erscheinung des letzten Vierteljahrhunderts. Vorher galt auch in der Schweiz weitgehend, was der Journalist Paul Sethe 1965 für Deutschland feststellte: „Die Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.“ Ich erlebte noch, dass der Verleger mehrerer Thurgauer Blätter den Namen von SP-Ständerat Thomas Onken nach dessen sensationeller Wahl 1987 nicht in seinen Zeitungen sehen wollte. (Als ich 1998 bei meinem letzten SPS-Parteitag fragte, ob solche Regionalblätter Presseförderung verdienten, wurde ich vom Sprecher der Juso als „Neoliberaler“ beschimpft.) Natürlich führte nicht Unterwanderung zum heutigen Mainstream – einmal abgesehen vom Fernsehen, wo Ueli Götsch als Chefredaktor bewusst wichtige Positionen mit Genossen besetzte. Für die Forumszeitungen, die nach 1968 aufkamen, suchten die Verleger interessante Journalisten, und die kompetenten Köpfe fanden sich, wie bei den Strafverteidigern, bei den Linken, die mehr leisten mussten als das Establishment – das hatte für die Verleger durchaus lukrative Folgen. Danach ergab sich der Mainstream schlicht durch Kooptation, auch von nicht mehr so leistungsfähigen Gleichgesinnten.

    4. Ein Journalist ist nicht unabhängig, nur weil er sich nicht zu einer Partei bekennt. Gerade wenn er seinen Standort nicht bewusst reflektiert, kann er in Loyalitäten geraten, zu Personen, Parteien, Bundesämtern, NGOs, die ihn auf beiden Augen erblinden lassen. Ich versuchte meine beiden Jobs bei SonntagsZeitung und Avenir Suisse sauber auseinanderzuhalten und erlebte, dass mir bei der Klimaforschung oder beim Schleudertrauma (wo Avenir Suisse gar keine Positionen hat) Kollegen Lobbying unterstellten, die selber ausschliesslich den IPCC oder den Schleudertraumaverband vertraten. Wissenschaftsredaktoren von wichtigen Medien stellen völlig kritik- und distanzlos die Erkenntnisse des IPCC und ihrer Buddies unter den Co-Nobelpreisträgern als einzige angeblich unumstössliche Erkenntnisse der ganzen Wissenschaft dar. Die publizistische Konferenz von Tamedia setzte kürzlich die Pointe zu diesem schlechten Witz, als sie TA-Redaktor Martin Läubli, der es am didaktisch, also propagandistisch geschicktesten tut, für seine „Unabhängigkeit“ auszeichnete.

    5. Im letzten Vierteljahrhundert entwickelten sich die wichtigen und auch die meisten nicht so wichtigen Schweizer Blätter zu Forumszeitungen, weg vom Sprachrohr eines Verlegers oder einer Partei. Tettamanti, Blocher & Co. wollen diese Entwicklung umkehren. Das ist ihnen unbenommen, wenn sie die wirtschaftlichen Folgen tragen können und offensichtlich wollen. Aber es ist ärgerlich für das Publikum, dass sie dabei nicht mit offenen Karten (also Aktien) spielen. Und es ist bedauerlich für die Schweizer Medienlandschaft. Roger Köppel könnte immer noch das beste, weil am widerborstigsten argumentierende und am hartnäckigsten recherchierende Blatt machen – wenn er sich nicht so durchschaubar als Sprachrohr hergäbe. Das zeigt sich leider auch in der aktuellen Debatte um die Nationalbank: Als einziges Blatt stellt die „Weltwoche“ die dringend nötigen Fragen – auch von namhaften Wissenschaftern –, aber wegen überzogener Vergleiche und durchsichtiger Parteinahmen lassen sich die wichtigen Beiträge leicht als Kampagne abtun.

    6. Wer heute in der Schweiz einfach schreiben (oder zumindest suchen) möchte, was ist, findet kaum noch einen Platz in der Medienlandschaft: einerseits jene, die für Tettamanti, Blocher & Co. stehen, anderseits jene, die alle und alles ablehnen, was von Tettamanti, Blocher & Co. kommt. Es ist eine unerspriessliche Landschaft.

  18. Fred David:

    @I Markus Schär:

    1. Es liest sich wie eine Regierungserklärung.
    2. Wer ist die Regierung?

  19. Markus Schär:

    Bitte, Fred, was soll der Unsinn?

    Das sind von 1) bis 5) die ganz persönlichen Erfahrungen und Überlegungen eines einsamen Journalisten, der sich nach einem Vierteljahrhundert Berufsleben (die Hälfte davon neben und trotz Parteipolitik) in der unter 6) beschriebenen Landschaft wiederfindet (und dort wohl nicht so weit von dir weg steht).

    Das ist, zumindest für meinen Geschmack, das genaue Gegenteil einer Regierungserklärung.

  20. Fred David:

    @)Markus Schär: Ja, Punkt 6) triffts durchaus: eine unerspriessliche, ängstliche, häufig griesgrämige Schweizer Medienlandschaft. Das ist auch meine Erfahrung.

    Wir waren schon mal weiter. Offener. Diskussionbereiter. Kontroverser. Neugieriger. Mutiger. Und: Vergnüglicher.

    Als hätte jemand eine Bleidecke über dieses Land gezogen.

    Aber das klingt jetzt in vielen Ohren wie Reminiszenzen aus dem Aktivdienst „anno 39/45″….

  21. Ninon:

    @ Markus Schär: Ihr Artikel über die Wahlempfehlungen von Zeitungen, und insbesondere Ihr Artikel über das Schleudertrauma gehören für mich zu den Highlights der letzten Ausgaben des Schweizer Journalisten. Beide haben aufs trefflichste vorgeführt, wie Journalisten funktionieren, und obwohl ich selbst schon viele Jahre in der Branche arbeite, habe ich durch beide Artikel, in denen Sie uns auch Ihre persönlichen Erfahrungen mitteilen, viele neuen Erkenntnisse erlangt. Beachtenswert ist auch Ihre obige Ergänzung zum Artikel. Danke dafür.

    Dass Ideologie und Parteinahme den meisten Journalisten den Blick auf die Wirklichkeit verstellt, kann man ja tagtäglich beobachten im Kollegenkreis. Der Stammtisch im Ochsen ist im Vergleich zu den plump-primitiven, pöbelhaften Kommentarsträngen von Kollegen auf FB, um nur ein Beispiel zu nennen, geradezu ein Treffpunkt von Feingeistern.

    Offenkundig jedenfalls ist, dass kein politisches Lager das Monopol auf aggressive Dummheit hat. Und dass Borniertheit, wie sie bei Journalisten so häufig zu beobachten ist, keinesfalls zu einem Konzept von Aufklärung passt. Aufklärung notabene in der es nicht darum geht, anderen zu erklären wo Gott hockt, sondern sich selbst aufzuklären, in dem man Argumente statt nachzubeten oder zu verteufeln, anhört und prüft.

    Was mich immer wieder total erschreckt bei Journalisten, ist ihre unfassbare Naivität. Dass die SVP oder die FDP oder die Atomlobby eine Agenda haben, ist ja nun jedem klar. Dass sich Journalisten dann aber für die Anliegen der Grünen und der SP einspannen lassen und kritiklos die von denen in Auftrag gegebenen Studien übernehmen, ist unerträglich. Ebenso dass ganze Industriezweige wie jene für Schleudertrauma-Opfer oder Sozialhilfebezüger als unantastbares Tabu gelten, nur weil die SVP dieses Thema auf der Agenda hat. Unideologisch an ein Thema heranzugehen ist fast nicht mehr möglich, ohne die geballte Wut der Empörungsbewirtschafter zu spüren zu bekommen.

  22. Thomas Läubli:

    Herr Schär, nur eine Anmerkung: Sie beklagen, dass Herr Amstutz als rechter Hardliner bezeichnet wird und Frau Wyss als gemässigte Sozialdemokratin, obwohl beide um 9 Punkt vom Zentrum entfernt sind. Als Journalist haben Sie sich sicher schon Gedanken darüber gemacht, dass solche Zahlen nur eine begrenzte Aussagekraft haben. Bei der Studie der Uni Zürich ging ja kürzlich das Geheul der rechtskonservativen Mainstream-Medien wieder hoch, und man monierte eine mangelnde Auslese von geeigneten Kriterien für Demokratie.

    Ich verstehe also nicht ganz, warum Sie hier an diese Werteskala appellieren. Zum einen sind ja auch hier die Auswertungs-Kriterien für links und rechts oder konservativ und liberal strittig, zum anderen verdecken solche Einteilungen, dass es auch in der Mitte Extremisten gibt (religiöser oder Markt-Fundamentalismus). Ich fordere hier von den Journalisten, dass sie hier genauer hinschauen und nicht alles unkritisch übernehmen wie Sie, Herr Schär!

  23. Ninon:

    Es handelt sich bei dieser «Studie» um das Parlamentarier-Rating der Legislaturperiode 2007-2011, bei dem das Abstimmungsverhalten aller Parlamentarier gemessen wird.

    Ein ähnliches Resultat liefert auch Smartvote, respektive Smartspider, wo die Parlamentarier die Fragen selbst beantworten (Selbsteinschätzung).

    Wobei es dort nicht linear -9/+9 ist, sondern in 8 verschiedenen Bereichen zwischen 0 und 100. Amstutz und Wyss kennen in allen Kategorien nur «voll oder gar nicht», so ist Wyss beim „Ausbau des Sozialstaats“ auf nahezu 100, und Amstutz bei 0, während beim Punkt „restriktive Migrationspolitik“ Wyss bei 0 liegt und Amstutz bei 100.

    Bei Sotomo wird auch das Abstimmungsverhalten im Parlament als Spider geführt, dort ist Wyss sogar noch extremer, also bei genau 100 oder 0.

    http://www.sotomo.ch/spider46/frakt/S.html
    http://www.sotomo.ch/spider46/frakt/V.html

    Ich finde, diese Darstellungen sind gut genug, um zu zeigen, ob jemand ein Hardliner ist oder nicht.

    Im Übrigen nehme ich Herrn Schär als einen sehr kritisch denkenden Menschen wahr, während ich bei Ihnen doch recht viele abgehangene Textbausteine erkenne.

  24. @Thomas Läubli. Zitat:
    „Die Journalisten stimmen ja heute grossmehrheitlich in diesen Geistessozialismus ein, indem sie wie ihr Vorbild, die SVP, sogenannte „Experten“ wie den vielzitierten Herrn Schlüer zu Wort kommen lassen.“

    Wenn Exponenten einer Holzschnitt-Anschauung krampfhaft totgeschwiegen werden, obwohl sie rundum schon zum Thema geworden sind, dann wirkt das auch verkrampft. Es kann sogar etwas umgekehrt genau so Rechthaberisches haben – weil der Journalist „sanktioniert“, statt dieses Urteil dem Leser zu überlassen. Herr Schär schildert sehr schön die Krux der heutigen zwei Lager in der Presselandschaft. Mit Totschweigen und der Schaffung von Unpersonen können in diesem Umfeld genau diese Unpersonen sehr gut leben. Und die „Gegenseite“ verpasst die Debatte, bis sie, nacheilend, gar nicht mehr greifen kann.

  25. Thomas Läubli:

    Welche Debatte? Gespräche mit Herrn Schlüer sind Scheindebatten. Ich erinnere mich an ein Interview in einer Bildungsbeilage der NZZ. Ein Gutmensch hat sich erbarmt mit dem „Experten“ Schlüer ein scheinseriöses Gespräch zu führen. Das ist Geistessozialismus. Solche Vorkommnisse sind peinlich und schaden dem Ruf einer Zeitung (ausser der Ruf ist schon ruiniert wie beim Tages-Anzeiger)…

    Ausserdem werden die Schweizer Demokraten des öfteren totgeschwiegen – das würde niemand als „krampfhaft“ bezeichnen. Man hätte jetzt auf deren Burka-Neger-Getue eingehen können, aber nein: diese „Meinung“ wird sanktioniert. Wie krampfhaft! Eine Zeitung hat schliesslich nicht die Verpflichtung, den Albert Stahel oder den Kurt Imhof oder den Christoph Blocher zu allem und jedem zu befragen. Dass man „Experten“ wie Silvia Blocher oder Ulrich Schlüer zum Bildungswesen befragt, hat andere Gründe, die Ihnen offenbar zu unangenehm sind, um sie beim Namen zu nennen.

  26. Thomas Läubli:

    Es ist sehr aufschlussreich, auf TA-Newsnetz die Kommentare zu studieren:
    http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/region/Grosses-Mehr-fuer-das-Sozialhilfegesetz/story/28244640#kommentar

    Mike Litoris
    16:53 Uhr
    Melden
    6 Immer wieder erstaunlich, wie man in eine Vorlage einfach die verschiedensten Dinge reinpacken kann. Will ich eine verbesserte mögliche Informationsbeschaffung? Ja, logisch. Will ich, dass“ vorläufig“ (klar) aufgenommene Asylbewerber mehr Geld bekommen, mit Rechtsanspruch und immer wieder allen möglichen Rekursrechten? Nein, eigtl. nicht.
    Soll ich jetzt „Ja, aber..“ auf den Stimmzettel schreiben?
    Antworten

    Tony Andreano
    16:48 Uhr
    Melden
    9 Immer wieder erstaunlich, wie man in eine Vorlage einfach die verschiedensten Dinge reinpacken kann. Will ich eine verbesserte mögliche Informationsbeschaffung? Ja, logisch. Will ich, dass“ vorläufig“ (klar) aufgenommene Asylbewerber mehr Geld bekommen, mit Rechtsanspruch und immer wieder allen möglichen Rekursrechten? Nein, eigtl. nicht.
    Soll ich jetzt „Ja, aber..“ auf den Stimmzettel schreiben?
    Antworten

    Zweimal derselbe Kommentar unter anderem Namen! Offenbar ist hüben wie drüben die SVP-Schreibwerkstatt am Werk. Das müssen Leute sein, die keine anstrengende Arbeit haben (z.B. Politiker, die in den Ratssälen vor sich her dümpeln) und auch die ganze Woche tagsüber im Internet zubringen. Von solchen Sozialschmarotzern wird also die öffentliche Meinung beeinflusst. Oder ist das jetzt die vielgerühmte Schwarmintelligenz?

  27. Ninon:

    Der einzige, der mir hier und anderswo als Dauerkommentator auffällt, ist Herr Thomas Läubli. Offenbar ist Ihre Arbeit auch nicht sehr anstrengend, und auch sonst scheint Ihnen das Leben langweilig zu sein.

  28. Thomas Läubli:

    @Ninon: Ihr Beitrag entbehrt jeglicher Grundlage. Ich poste eher selten und in einem bestimmten Zeitfenster. Da überrunden mich einige bei weitem.

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