Great Pretenders

Zur Berufsethik des Zeitungsgewerbes gehöre es, nie den Eindruck zu erwecken, als ob es sich um Arbeit handle. Ich habe das einst in einem von Ernest Hemingways Romanen gelesen. Der Satz ist mir in Erinnerung geblieben; er passt zu den journalistischen Grössen, die ich in meinen Anfängerjahren kennenlernen durfte. Viele Stunden verbrachten diese bewunderten Leute lesend und diskutierend im St. Galler Café Seeger oder im Berner Café Rudolf.

Sie machten tagsüber Spaziergänge, schauten wie zufällig bei Geschäftsleuten oder Politikern vorbei, stellten ihre Fragen im Plauderton. Es sah nicht wie Arbeit aus, aber es kam einiges dabei heraus. Dass die vergnügten, witzigen, manchmal sarkastisch derb redenden Journalisten von einst nur die Hälfte von dem veröffentlichten, was sie wussten, ist ein anderes Thema.

Vergangenheit! Heute sieht Journalismus nach Schwerarbeit aus. Journalistinnen und Journalisten wirken gehetzt, nervös, atemlos. Sie hasten von Termin zu Termin, haben nie Zeit, sind oft übellaunig, ungeduldig und schnell empört und deshalb unangenehme Gesprächspartner. Und sie schreiben hin und wieder mehr, als sie wissen können.

Wir Redaktorinnen und Reporter sind nicht alleine schuld, dass es so gekommen ist. Die Medienbranche hat sich zu einer Industrie gewandelt. Das ist mir endgültig klar geworden, als die Verlage im Vorfeld der grossen Tamedia-Übernahmen externe Berater engagierten. In den Redaktionen tauchten Männer in dunklen Anzügen auf, über deren Auftrag und Auftraggeber keine Klarheit herrschte. Sie verlangten von der Chefredaktion Statistiken über die Arbeitsleistung der einzelnen Mitarbeitenden. Weil so etwas nicht vorhanden war, liessen sie Zeilen zählen, massen den Output der einzelnen Redaktorinnen und Redaktoren und notierten, wie viele Fehler das Korrektorat in ihren Artikeln fand.

Im Laufe des Kulturwandels in den Redaktionen ist es in den letzten Jahren wichtig geworden, immerfort zu zeigen, dass man hart arbeitet. Das alleine schon kostet Energie. Ich bewundere vor allem die Kolleginnen und Kollegen in Lokalredaktionen. Sie schreiben täglich zwei oder mehr Artikel, haben verschiedene Eisen gleichzeitig im Feuer; täglich sind sie mit Themen konfrontiert, von denen sie wenig verstehen. Ihnen fehlt die Zeit, Dossierkenntnisse zu pflegen.

Deshalb sind Abkürzungen so beliebt: Man macht die nötige journalistische Arbeit nicht, sondern greift zu einem Zeit und Mühe sparenden Trick. Als Beispiel mag ein Fall aus dem Kanton Thurgau dienen, der schon einige Monate zurück liegt. Die Stiftung Kolese (Kommen, Leben, Sein) plante im Städtchen Bischofszell eine Grossüberbauung. Auf 100’000 Quadratmetern sollte ein generationenübergreifendes Lebens-, Arbeits- und Wohnprojekt für bis zu 500 Menschen entstehen, ökologisch ausgerichtet – und etwas esoterisch oder spirituell angehaucht.

Es war ein ambitiöses Projekt. Die von der Stiftung propagierte «menschenwürdige Grundphilosophie» mit dem «achtsamen und bewussten Miteinander» klingt in meinen Ohren allzu harmonisch. So etwas muss einem nicht zusagen. Vermutlich hat die Stiftung Kolese ungeschickt kommuniziert, die Anwohnerschaft vor vollendete Tatsachen gestellt statt mit geschickter PR das Terrain vorzubereiten. Aber darum geht es hier nicht.

Als die Pläne der Öffentlichkeit präsentiert wurden und Widerstand in der Bevölkerung spürbar war, kam die Lokalredaktion auf die Idee, Hugo Stamm als Experten zu befragen. Wenn Hugo Stamm in den Medien erscheint, weiss man, worum es geht: um Dubioses, um Sekten, Aberglauben und Gehirnwäsche.

Hugo Stamm blieb vage. Von einer Sekte wollte er nicht sprechen: «Bis jetzt ist Kolese ziemlich unbekannt», sagte er der Regionalzeitung. Die Präsidentin sei aber «hochgradig im esoterischen Gedankengut verhaftet». In ihrem Institut biete sie «Hardcore-Esoterik» an. Hugo Stamm kam zu einer eindeutigen Einschätzung: «Es erscheint mir alles sehr realitätsfremd, auch das geplante Projekt. Die Gefahr besteht, dass sich die Anhänger von ihrer Alltagsrealität entfremden.»

Der Begriff «Sekte» steht im Raum, wird später in Leserbriefen wiederholt. Das Projekt scheitert. Die Stiftung Kolese zieht sich zurück. In Bischofszell wird das Thema im lokalpolitischen Zwist weiter ausgeschlachtet.

Hugo Stamm, so glaube ich, war für diesen Fall nicht der richtige Experte. Er hat geleistet, was man von ihm erwartete, trat im öffentlichen Gerichtssaal ein weiteres Mal als anklagender Aufklärer und Kämpfer gegen das Irrationale an. Aber er hat der Redaktion Arbeit abgenommen, die sie sich nicht hätte abnehmen lassen dürfen: Er hat die Wirklichkeit erklärt, welche die Redaktion erst noch hätte erkunden sollen. Die Berichterstattung hat sich dadurch sozusagen von der Alltagsrealität entfremdet.

Nun ist das alles nicht besonders aktuell. Vielleicht hätte ich über Libyen schreiben sollen. Da sind wir jetzt alle auf dem Laufenden – dank der Kolleginnen und Kollegen, welche die Liveticker füttern, und dank der Experten, die heute wissen, was sie gestern noch nicht wussten. Die Ereignisse in der arabischen Welt zeigen, dass wir unsere bisherigen Vorstellungen über die Wirklichkeit – die wir in den letzten Jahren aus den News gewonnen haben – revidieren müssen. Wir waren schlecht informiert. Offenbar haben wir unsere Arbeit nicht gemacht, sondern nur so getan.

Ich glaube nicht, dass die Medien der guten alten Zeit besser waren. Sie – wir – haben schon immer «nach altem Brauch die vorherrschenden Ansichten» unterstrichen, wie Churchill in seinen Memoiren notierte. Wir sind nicht die Avantgarde, die wir gerne wären. Etwas Zurückhaltung stünde uns gut an. Aber in diesem Punkt, das muss ich zugeben, bin ich Kulturpessimist. So wenig Bescheidenheit wie heute gab es in unserem Gewerbe schon lange nicht mehr.

Hanspeter Spörri ist freier Moderator und Journalist in Teufen (Appenzell Ausserrhoden). Er arbeitete ab 1976 als Lokal-, Kultur- und Auslandredaktor verschiedener Zeitungen und eines Lokalradios. Von 2001 bis 2006 war er Chefredaktor des «Bund».

von Hanspeter Spörri | Kategorie: Mediensatz

2 Bemerkungen zu «Great Pretenders»

  1. Fred David:

    @) Willkommen im schwankenden Boot, Kollege Spörri!

    Ihr vorletzter Absatz gehört „geguttet“ und per mail, sms, twitter, facebook branchenweit verbreitet.

    …aber zurückhaltend brauchen Journalisten nicht zu sein.

    Wenn sie ihre Arbeit machen.

    Statt „vorherrschende Ansichten zu unterstreichen“.

  2. Fred David:

    …vielleicht sollte man noch ergänzen: Wenn sie ihre Arbeit machen – und man sie ihre Arbeit machen lässt.

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