Feeding Frenzy

Ihre neue Kolumnistin war im Januar auf einer einsamen Insel, ganz ohne News und fast ohne Kleider. Unter Palmen und unter Wasser war ihr das Weltgeschehen total egal. Keine Meldung aus der Aussenwelt sollte dieses paradiesische Fleckchen bekleckern (allenfalls hätte sie den Untergang der Schweiz wohl auf andern Wegen mitbekommen). Aber kaum hatte sie ihre Schwimmhäute wieder auf Klotener Boden gesetzt, fühlte sie sich ruhelos wie ein Babyhai in der Lagune. Hungrig nach News. Sie lechzte nach dem Weltgeschehen. Sie stürzte sich auf den Kiosk. Dann auf den Computer.

Doch der feeding frenzy folgte Ernüchterung. Mit dem Weltgeschehen war es nicht weit her. Nichts Neues unter der Sonne. Nun ja, ein paar relevante Dinge waren schon passiert. In Ägypten war eine Revolution im Schwange! Im «Tagi-Magazin» war eine Journalistin schwanger! (Sie meinte, das interessiere zwar kein Schwein, sie schreibe es nur, damit das auch so bleibe. Logisch.). Im «Blick» wurde ein Büsi bestialisch gequält! Ausserdem waren dort die «Silikonbusen von 280 Schweizerinnen in Reissgefahr»! Dafür die von «Paris Hilton mächtig aufgepumpt»! Im «Tages-Anzeiger» sprang mich, zum wiederholten Mal, die chinesische Tiger-Mom an, die rabiate Erziehungsmethoden predigte! (Kein Übernachten beim Gschpänli!).

Im Fernsehen waren sie immer noch «bi de Lüt» (was die SVP aber bezweifelte, und sowieso koste das zuviel. Die SVP selbst sei ohne Gebühr bei den Leuten, deshalb müsse man die SRG nun boykottieren!). Talktäglich talkte mit zwei asiatischen Buben im Sennechutteli, aber auf schweizerdeutsch, sie konnten sogar jodeln und handörgelen. Und Ihr Kolumnist in der «Weltwoche» war – im Fall zu früh, aber man weiss, was sich gehört – an einem DJ-Marathon in Zürich, mit, fettgedruckt, Elmar Ledergerber und Cornelia Grolimund, dazu ein paar Frauen mit halbfettem Namen. Und am andern Tag musste er nach Volketswil, honestly, weil sein Computer, sad sack, einen Hardware-Fehler hatte).

Ihre Kolumnistin hingegen hat, Sie merken es, einiges nachgelesen und fleissig gezappt (obviously nicht in der «NZZ», weil zu heavy für einen Jet-Lag). Sie kommt zum Schluss, dass in der Welt more or less das Gleiche geschehen ist wie vor ihrer Insel-Abwesenheit (ausser die Revolutionen in Nordafrika, aber an die glaubt sie erst, wenn sie auf den Strassen und Plätzen genau so viele Frauen sieht wie Männer, und genau so viele Frauen ohne Kopftuch wie Männer ohne Vollbärte).

Im Februar ist es dann immer noch das Gleiche, aber schon ein bisschen less so. Sie merkt, dass sie, gottlob, nicht mehr so gut unterscheiden kann zwischen more or less. Trotzdem macht sie sich Sorgen, wie sie in Zukunft diese Kolumne füllen soll. Ihr Redaktor Martin Hitz, (halbfett gedruckt, weil nicht alle ihn kennen, aber Ihre Kolumnistin kennt ihn seit ihrer gemeinsamen Zeit bei der «NZZ», wo er ihr immer mit dem Computer, auch so ein sad sack, geholfen hat) – also Monsieur Medienspiegel sagt, sie muss das jetzt machen, no excuses, sie habe es ihm seit langem versprochen. Sie denkt an all die Fahrten nach Volketswil, die er ihr, quand-même, erspart hat. Und hofft, dass sie sich bis im März dann medial wieder richtig eingelebt hat. Sonst bleibt Ihrer Kolumnistin nur eine Schwangerschaft.

Pia Horlacher war Film- und Kulturredaktorin beim Schweizer Fernsehen, bei der «NZZ» und bei der «NZZ am Sonntag». Als Mitglied des Presserats befasst sie sich auch mit Medienfragen.

von Pia Horlacher | Kategorie: Mediensatz

4 Bemerkungen zu «Feeding Frenzy»

  1. werte frau horlacher, ihr frommer wunsch, bärtige und unbärtige, frauen und männer sollten zu gleichen teilen (in den arabischen aufständen) demonstrieren, ist wirklich ein frommer wunsch. für meine begriffe waren schon erfreulich viele frauen an den protesten beteiligt. noch vor zwei monaten hätte das ja noch niemand für möglich gehalten.

    und: sie schreiben in der dritten person. ist das nicht schwer überholt? vor allem in einem blog?

  2. Christa:

    Merci beaucoup, jetzt habe ich auch eine Lieblingskolumnistin! Freue mich bereits aufs nächstemal, und hoffe, es kommt keine Schwangerschaft dazwischen…

  3. Bugsierer > Es ist kein «frommer Wunsch», sondern eine ausgezeichnete Idee, die Freiheit als ein Gut zu betrachten, von dem beide Geschlechter profitieren sollten. Es ist überflüssig und schäbig, dass du das einmal mehr ins Lächerliche ziehst. Leute, die so denken wie du, bezeichneten auch in der Schweiz vor 40 Jahren das Frauenstimmrecht als «frommen Wunsch.» Ein solches Denken ist wahrlich schwer überholt. Auch wenn mann dafür die erste Person verwendet.

    Meine 5 cents: Despoten zu stürzen, ist eine gute Idee – warten wir ab, was nachher kommt. Die Demokratie ist in den arabischen Ländern noch längst nicht installiert. Die Gleichbereichtigung der Geschlechter auch nicht.

  4. @bobby

    ich ziehe hier gar nichts in lächerliche. ich sage ja explizit, dass erfreulich viele frauen an den demos teilgenommen haben. hätte jemand vor zwei monaten einen solch hohen frauenanteil und einen solch hohen nichtbärtigeanteil an diesen ereignissen vorausgesagt, wäre er als abgehoben betitelt worden. die gesamte internationale kommentatorenschaft hat sich u.v.a. genau über diesen punkt sehr gewundert.

    es ist aber von einer ziemlich weltfremden feministischen ideologie verblendet, wenn die kolumnistin erst an diese revolution glauben mag, wenn der fraune/männer- und der bärtig/nichtbärtig-anteil ausgeglichen ist. sie diskreditiert damit alle frauen und nichtbärtigen in diesen aufständen, deren anzahl wie gesagt erfreulich und erstaunlich hoch gewesen ist.

    über schäbigkeit, die du mir hier einmal mehr unterstellst, möchte ich von dir schon mal gar nix hören. als anonymer und damit feiger polteri, der hier und anderswo alle internetaffinen menschen seriell diskreditiert, bist du nicht glaubwürdig. dein ruf nach gleichheit verdampft hinter deiner anonymen stalkerfratze. wissen eigentlich deine gschpänli bei der Sonntags Zeitung, wie und wo du im netz wütest?

    übrigens: vor 40 jahren habe ich mich als politsch aktiver jungspund von 16 jahren aktiv für das frauenstimmrecht engagiert. deine unterstellung ist also eine üble eine verleumdung. seit langer zeit geht das so hier in diesem blog. das wundert mich nach wie vor sehr.

Bemerkung anbringen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *