Ganz und gar verkachelt

Wie lässt sich Prominenz definieren? Wer ist prominent? Wer ist ein Star? Warum wird man berühmt? – Gemeinhin würde man sagen, die Vorgänge, die zu Prominenz und Berühmtheit führen, sollten irgendetwas mit Leistung zu tun haben, mit einer besonderen Leistung. Natürlich leistet auch ein fleissiger Schreiner oder ein gescheiter Uniprofessor vieles, aber die Leistung hebt sich zu wenig von anderen, grundüblichen Leistungen ab, sodass daraus für den Erbringer noch keine Prominenz oder Berühmtheit entsteht.

In unserer Mediengesellschaft wird freilich die Art der Leistung nicht gewertet: Ob jemand die Mondscheinsonate komponiert, den Lungenkrebs besiegt oder eine Kerze aus hundert Metern Entfernung auspusten kann, ist für den Grad der Prominenz wenig entscheidend. Nichts ist subjektiver und launischer als der Berühmtheitsfaktor. Aber immerhin: Irgendwie ist er noch immer an eine Art Leistung gekoppelt.

Deshalb die grosse Frage, die mich schon lange umtreibt: Was zum Teufel ist an diesem Kachelmann so berühmt? Er ist ein Meteorologe, der eine gut gehende Wetterfirma gegründet hat und der am Fernsehen einigermassen ansprechend eine Tagesprognose von sich geben kann. Die Kombination ist sicher ungewöhnlich, aber auch nicht derart sensationell, dass sie den unglaublichen Medienhype begründen könnte, der derzeit um diesen Wetterfrosch abgeht.

Ist Prominenz nur schon dadurch hergestellt, dass jemand an einem TV-Bildschirm erscheint? Wäre dem so, dann müsste jeder angebliche und tatsächliche Sexskandal deutscher Fernsehmoderatoren oder Talkmasterinnen monatelang die sogenannt seriösen und unseriösen Gazetten füllen. Das passiert aber nicht. Ist es denkbar, dass sich eine Redaktion mit der Reputation eines «Spiegels“» wegen einem x-beliebigen TV-Honorarbezüger wochenlange Publizistikgefechte mit einem Konkurrenten liefert? Und wieso passiert es hier?

Entweder ist der Kachelfrosch tatsächlich ein Star, vergleichbar mit Hollywood-Grössen oder Fussball-Königen, oder das mediale Bewertungssystem ist total aus den Fugen geraten. Jemand hat mal damit angefangen, und die Sache ist aus dem Ruder gelaufen.

Erklärbar wäre dies mit dem medialen Lemming-Effekt. Niemand, keine Redaktion, kein Verlag, hat den Mut, den Unsinn zu stoppen. Alle Chefredaktoren erklären an ihren Redaktionskonferenzen, das Thema sei zwar seicht und die dreihundertste Spermaspur am kachelmannschen Pullover sei ekelerregend, aber es interessiere halt.

Wenn man publizistisch in den Argumentationsnotstand gerät, ruft man immer die grosse schweigende Rezipientenmehrheit an. Wen interessiert’s wirklich? Und was würde passieren, wenn z.B. der «Tages-Anzeiger» (von der «NZZ» ganz zu schweigen) diesen grossdeutsch-helvetischen Wetterfrosch einfach mal auf die Blacklist setzen täte? Würde die Medienwelt wirklich untergehen?

Andrea Masüger ist CEO der Südostschweiz Medien.

von Andrea Masüger | Kategorie: Mediensatz

14 Bemerkungen zu «Ganz und gar verkachelt»

  1. hof.:

    Mediale Relevanz wird bekanntlich per „Aufhänger“ hergestellt. Und Kachelmann ist ein perfekter Aufhänger für manche Themen: Gewalt in der Beziehung, Feminismus (Alice Schwarzer), Untreue, Justiz, Forensik, TV-Prominenz (wie obiger Beitrag beweist) usw. Kurz: Es geht nicht um Kachelmann. Er ist (lediglich?) der Nucleus, aus dem Geschichten wuchern. Oder anders gesagt: Wenn über Kachelmann geschrieben wird, wird nicht über Kachelmann, sondern über ganz andere Dinge geschrieben (Stellvertreter-Funktion Kachelmanns).

  2. gute fragen. könnte es sein, dass es mit den strategien der verleger zu tun hat? wie auch immer die aussehen mögen.

  3. Thomas Läubli:

    «In unserer Mediengesellschaft wird freilich die Art der Leistung nicht gewertet: Ob jemand die Mondscheinsonate komponiert, den Lungenkrebs besiegt oder eine Kerze aus hundert Metern Entfernung auspusten kann, ist für den Grad der Prominenz wenig entscheidend.»

    Das ist genau jener Geistessozialismus, den schon der liberale Denker John Stuart Mill als «Schweine-Utilitarismus» gekennzeichnet hat. Nicht mehr die Qualität einer Sache zählt, sondern die Quantität oder die Quote. Damit hängt jener Hedonismus des positiven Denkens – oder anders die Verdrängungskunst der Journalisten und Verleger, wie es kürzlich in der NZZ von Matthias Daum kritisiert wurde – zusammen. Der Journalist, der die Quote bedienen kann, fühlt sich happy und sexy. Manche Medienerzeugnisse (ich nenne sie nicht) machen mir den Anschein, als werden sie von frustrierten Alt-68ern verfertigt, die sich bei der jungen Generation mit Pseudo-Jugendlichkeit (Vokabeln wie «Nerd») und pseudorelevanten Themen einschleimen wollen. Dass man damit junge Zeitungsleser, die sich überhaupt noch zu einem Abo entschliessen, für dumm verkauft, indem man das Niveau mit dem Niveau der Gratiszeitungen kurzschliesst, kommt den Grounding-Funktionären der Qualitätszeitungen mit ihrer Vogel-Strauss-Mentalität nicht in den Sinn.

    Dieser Geistessozialismus ist brandgefährlich. Er infiziert v.a. in Form von Gratiszeitungen und Netz-News die junge Generation, die so ein völlig verzerrtes Bild dessen erhält, was Leistung überhaupt ausmacht und verstümmelt die Fähigkeit zur politischen Meinungsbildung. Was Paris Hilton so alles „leistet“, wird zum Paradigma einer Generation, die dann furchtbar auf den Boden zurückgeholt wird, sobald uns der Nahe und Ferne Osten in Sachen Innovation und Wirtschaftswachstum eingeholt haben wird. Dort ist die virtuelle Realität (und die Verdrängung der Realität) noch nicht das Mass aller Dinge.

  4. Die gleiche Frage stellt sich immer wieder und die Antwort lautet fast immer: Die Quote, die Aufmerksamkeit hat recht.

    Derzeit wird im Redaktionsblog der deutschen „Tagesschau“ die Frage diskutiert, wie relevant ein (an einer Gala Emotionen auslösender) Auftritt von Monica Lierhaus ist, einer Sportmoderatorin.

    http://blog.tagesschau.de/2011/02/08/monica-lierhaus/

    Interessant ist dabei, wie Chefredaktor Kai Gniffke argumentiert. Er schreibt, eigentlich sei klar, dass das Ereignis für die Tagesschau nicht relevant sei. Aber: „es war und ist bis heute von so hohem Gesprächswert, dass wir diesen Auftritt in der Tagesschau am Sonntag haben mussten“.

    Ich verstehe das so: Wenn Boulevardmedien nur gehörig Radau machen, kann grundsätzlich alles relevant werden.

    Die Lösung des Problems sieht so aus: Die Journalisten müssen wieder selbst anfangen zu denken und zu handeln. Also Ereignisse beachten, die andere nicht beachten. Und Ereignisse ignorieren, die alle anderen auf dem Radar haben. Das ist dann (eine Form von) Medienvielfalt.

  5. Fred David:

    Andrea Masüger stellt gute Fragen.

    Schön, wenn bei mänätschenden Journalisten immer mal wieder der Journalist stärker durchbricht, der es, tamminomol!, wissen will.

    Kommt nicht so oft vor. Meistens schafft in solchen Konstellationen der Controller den Durchbruch, hinter dem der Journalist dann ganz rasch auf Nimmerwiedersehen verschwindet.

  6. Fred David:

    …ist übrigens interessant, dass solche Gedanken wie jene oben im Mediensatz in der Provinz gedeihen, nicht in Züri Wörld Siti, wo die meisten Schweizer Medien gemacht werden.

    Fiel mir auch schon öfter mal bei der „AZ“ und dem „Sonntag“ auf, die in Aarau erscheinen, in gesunder Distanz zur Zürcher Medienwaschküche.

    Wäre mehr als ein Jammer, wenn die AZ-Medien jetzt auch noch – wie schon die BaZ in Basel – in die Einflusszone Doktor B’s (und jener seiner mitlaufenden Millionäre und Milliardäre) „Rettungsschirm“ gerieten, s. „Tages-Anzeiger“ von heute und „NZZ am Sonntag“ vom 6.2.11).

    Die dort beschriebenen Szenarien wurden hier auf medienspiegel.ch schon vor Monaten diskutiert und weit herum für „Verschwörungstheorien“ gehalten.

  7. Skepdicker:

    @ Thomas Läubli:
    In welchem Werk verwendete John Stuart Mill den Terminus „Schweine-Utilitarismus“?
    Mir ist aus seinen Werken nur der Ausdruck „pig philosophy“ bekannt. Dieser stammt aber nicht von John Stuart Mill selbst, sondern vom scharfen Utilitarismus-Kritiker Thomas Carlyle.

  8. Fred David:

    @)Skepdicker, @) Thomas Läubli: Oha, wir sind hier ja schon knietief in einem philosophischen Seminar gelandet.

    Nur so zum allg. Verständnis: kommt von utilitas = Nutzen.

    Sorry, ich musste auch zuerst bei Wikipedia nachgucken:

    „Der utilitaristische Ansatz wurde vor allem durch Jeremy Bentham (1748–1832) und John Stuart Mill (1806–1873) systematisch entwickelt und auf konkrete Fragen angewandt. Bentham erläutert den zentralen Begriff des Nutzens im ersten Kapitel seiner „Introduction to the Principles of Morals and Legislation“ (zuerst erschienen 1789, dem Jahr der Französischen Revolution) folgendermaßen:

    „Mit dem Prinzip des Nutzens ist das Prinzip gemeint, das jede beliebige Handlung gutheißt oder missbilligt entsprechend ihrer Tendenz, das Glück derjenigen Partei zu erhöhen oder zu vermindern, um deren Interessen es geht … Mit ‚Nutzen‘ ist diejenige Eigenschaft einer Sache gemeint, wodurch sie zur Schaffung von Wohlergehen, Vorteil, Freude, Gutem oder Glück tendiert.“

    Nochmal sorry: Hängen geblieben ist bei mir die Passage: …das Glück derjenigen Partei zu erhöhen oder zu vermindern, um deren Interessen es geht …

  9. Skepdicker:

    @ Fred David:
    Ohne das philosophische Seminar jetzt ausarten zu lassen:
    Im Original ist mit „party“ ganz einfach der oder die Beteiligte gemeint. Dieses „party“ mit „Partei“ zu übersetzten, führt (q.e.d.) zu Missverständnissen.

  10. Fred David:

    @) Skepdicker: Schon klar.

    Ich fühle mich nicht befugt , aus diesen Höhen den Bogen in die Niederungen des medialen Kachelmann-Phänomens und vieler, vieler ähnlicher Phänomene zu schlagen, von denen wir hier ausgegangen sind.

    Ich versuch’s aber trotzdem: Als „party“ ist hier das Publikum gemeint, und alle – bewussten oder unbewussten – Bemühungen, es glücklich, ruhig, vielleicht auch bewusstlos zu halten, sind gerechtfertigt, weil es eben diesem einen Nutzen dient: der Ablenkung von wirklich wichtigen Vorgängen. Bewusst oder unbewusst wird diese Wirkung erzielt.

  11. Skepdicker:

    @ Fred David:
    Mag sein, dass Ihre Einschätzung stimmt. Andererseits schrillt bei mir immer eine innere Alarmglocke, wenn behauptet wird, jemand wolle die Menschen von den wirklich wichtigen Vorgängen ablenken.

    Als skepdischer Relativist frage ich mich dann Dinge wie:
    Wer sind diese Jemande, die von etwas ablenken wollen? Welches sind diese wirklich wichtigen Vorgänge, von denen abgelenkt wird? Wer entscheidet, welches wirklich wichtige Vorgänge (und was Ablenkungen) sind? Was ist, wenn sich jemand weigert, diese tatsächlich oder vermeintlich wichtigen Vorgänge als wichtig zu betrachten? Ist er dann dumm, ignorant, ungebildet oder manipuliert? Und was soll mit diesen Dummen, Ingnoranten, Ungebildeten oder Manipulierten geschehen, damit sie die wirklich wichtigen Vorgänge endlich als solche wahrnehmen?

    Und schliesslich: Ist es nicht unvermeidlich, dass in einer pluralistischen Demokratie Menschen mit verschiedenen (politischen, philosophischen, ethischen, religiösen) Einstellungen, unterschiedlicher Lebenserfahrung, sozialem Umfeld, divergierenden Interessen etc. zu unterschiedlichen Schlüssen darüber kommen, was wichtige Vorgänge (bzw. Ablenkungen) sind?

    I’m not convinced.

  12. Thomas Läubli:

    Ich beziehe mich auf den Mill’schen Utitlitarismus, da er sich mit einer Doktrin der Nützlichkeit befasst, die grundlegend für den herrschenden Ökonomismus unserer Zeit ist.

    Die Formulierung «Schweine-Utilitarismus» kommt bei Mill nicht wörtlich vor. In Kapitel 2 von Utilitarianism erwähnt er den Hedonismus von Epikur bis Bentham und stimmt mit ihnen überein
    that pleasure, and freedom of pain, are the only things desirable as ends.
    Diese Doktrin korrigiert er dahingehend
    that some kinds of pleasure are more desirable and more valuable than others
    in Richtung auf einen qualitativen Hedonismus.

    Dann kommt das Zitat, worauf ich mich beziehe in Abschnitt 6:
    It is better to be a human being dissatified than a pig satified; better to be Socrates dissatified than a fool satisfied.

    Und er fährt anschliessend fort:
    And if the fool, or the pig, is of a different opinion, it is because they only know their own side of the question. The other party to the comparison knows both sides.

    Das heisst, die competent judges kennen zur Beurteilung der Qualität von pleasure sowohl höhere als auch niedrigere Freuden, während sich die Schweine selbstzufrieden im Dreck suhlen.

  13. Fred David:

    Sorry, meine Herren, wenn ich mich da noch mal in den Disput einmische, aber man kann es auch aus einer andern Ecke verständlich auf den Punkt bringen.

    Leider habe ich wieder nichts anderes Zitierbares als Wikipedia zur Hand. Aber das tut’s für’s erste auch:

    „Der Ausdruck panem et circenses (Akkusativ von panis et circenses) stammt vom römischen Dichter Juvenal. Er bedeutet „Brot und Zirkusspiele“.

    Juvenal kritisiert in einer Satire, dass das römische Volk IN DER ZEIT DER NOCH FUNKTIONIERENDEN REPUBLIKEN selbst die Macht an Feldherren verliehen und Beamte gewählt habe, JETZT ABER ÄNGSTLICH UND ENTPOLITISIERT nur noch diese beiden Dinge wünsche: Brot und Spiele.

    Schon Fronto berichtet von Kaiser Trajan, dieser habe Massenunterhaltungen besonders gepflegt, in der festen Meinung, „dass das römische Volk insbesondere durch zwei Dinge, Getreide und Schauspiele, sich im Bann halten lasse“ (populum Romanum duabus praecipue rebus, annona et spectaculis, teneri).

    Dion von Prusa wirft den Einwohnern Alexandrias vor, sie seien nur noch auf Brot und Wagenrennen fixiert.

    Der Ausdruck „panem et circenses“ bezeichnet auch heute noch Versuche einer Regierung, administrativer oder wirtschaftlicher Strukturen, das Volk bzw. die Bevölkerung oder Teile davon VON PROBLEMEN (z. B. Rezessionen, innenpolitischen Problemen usw.) ABZULENKEN, indem man mit Steuersenkungen, Wahlgeschenken oder eindrucksvoll inszenierten Großereignissen die allgemeine Stimmung zu heben versucht.“

    Bekannt kommt einem das jedenfalls vor. Uebrigens: Die römischen Republik ging im Caesarenwahn auf und dann zielstrebig unter.

    Ach, immer dieser Zukunftspessimismus! Wenn der Wettermoderator Kachelmann wüsste, wie sehr er schon zum soziohistorischen Studienobjekt mutiert ist und in einem Atemzug mit Kaiser Trajan erwähnt wird….

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