«Live-Ticker»-Mania

Bis vor Kurzem gab’s Live-Ticker zu Fussballspielen, Eishockeymatches, Skirennen etc. Nun kann man auch bei Aufständen, Revolutionen u.ä. mitjohlen – zumindest auf der Website des Schweizer Fernsehens (1 Tor = 1 Toter, 1 Verletzter = 1 Assist?):

SF_LiveTicker_Aegypten.png

Update, 4. März 2011: Karl Lüönd in der aktuellen Ausgabe der «Werbewoche» (2/2011):

    «Dafür schütten sie einen auf www.newsnetz.ch und www.20min.ch mit diesen doofen Live-Updates zu, die nichts anderes spiegeln als die hektische Ratlosigkeit der Autorinnen und Autoren.»
von Martin Hitz | Kategorie: Medienschau

9 Bemerkungen zu ««Live-Ticker»-Mania»

  1. Martin Camenzind:

    Slightly off topic, aber doch interessant: Die neue Stellenausschreibung für Newsnetz-Schreiber:
    http://www.tagesanzeiger.ch/service/unsere-dienste/Das-NewsTeam-sucht-Verstaerkung-/story/30380190
    Wer den Output des «starken und improvisationsgewohnten Teams» verfolgt hat, darf durchaus laut lachen.

  2. Mathias Chapfrau:

    Diese Stellenausschreibung geistert seit Wochen online und in gedruckter Form herum. Offenbar will sich für den Job partout niemand hergeben – trotz all der arbeitslosen Journis. Schon das Inserat kommt lausig daher. Ganz im Stil von „Wir erwarten“, „Diese Voraussetzungen bringen Sie mit“. Was der Arbeitgeber seinerseits dem News-Journalisten zu bieten gedenkt, ist wohl absichtlich verschwiegen worden. Wie wärs zur Abwechslung mal mit Transparenz? „Es erwarten Sie: Unregelmässige Arbeitszeiten, riesiger Stress, immenser Druck von oben, im Vergleich zu den Printjournalisten lächerliche Löhne, Kürzest-Lunchbreaks, ein schlechter Ruf in der Branche, keine nennenswerten Aufstiegschancen“. etc. Das wär doch mal was!

  3. mdr:

    Jetzt fängt nach sf.tv, 20 Minuten Online und Newsnetz auch noch NZZ Online an zu tickern:
    http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/aegypten_live-ticker_1.9470310.html

    Allerdings noch ohne Zeitangabe.

    Vielleicht ist ein Ticker gar nicht die schlechteste Form für Ereignisse, bei denen die Informationen tröpfchenweise eintreffen?

  4. Weter Pälty:

    „Tröpfchenweise“ eintreffen – wie etwa an einer PK? „9.15 Uhr: A sagt, dass … 9.21: B geht zum Rednerpult und ergänzt, dass … 9.35: Jetzt sind die Journalisten an der Reihe, sie dürfen Fragen stellen …“ Und weil die Tickerlinge so viel Zeit mit dem ganzen Quatsch verschwenden, hängen sie am Schluss die Agenturmeldung rein, weil sie vor lauter Bäumen (bzw. Info-„Tröpfchen“) den Wald nicht mehr sehen.

  5. mdr:

    Das ist genau eine Situation, bei der ich einen Ticker nicht sinnvoll finde. Aber der Umgang mit dem Faktor Zeit ist die grosse Herausforderung der Online-Medien.

  6. mdr:

    Die NZZ hat inzwischen bei den einzelnen Ticker-Meldungen eine Zeitangabe eingeführt und mit „Laufend aktualisierte Berichterstattung“ eine schöne Umschreibung für den Begriff „Live-Ticker“ gefunden:
    http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/libyen_laufende_berichterstattung_1.9699489.html

    Zudem hat auch die NZZ bemerkt, dass solche Live-Ticker gut gelesen werden:
    http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/medien/ghadhafi_bringt_klicks_nzz_online_1.9683462.html

    Ist dies nun Ausdruck einer „hektischen Ratlosigkeit“ (Karl Lüönd) der NZZ-Autoren und -Autorinnen? Oder erleben wir den Entstehungs- und Etablierungsprozess einer neuen Online-Textsorte?

  7. Peter Hogenkamp:

    Ich hoffe nicht, dass es Ausdruck der Ratlosigkeit ist. Sondern der Tatsache, dass diese Ticker „Laufend aktualisierte Berichterstattung“ offenbar inzwischen von den Leserinnen und Lesern erwartet wird. Sie kommen deutlich öfter am Tag zurück, wenn man sie bietet.

    Dass Uhrzeiten ausser bei Sport-Tickern nicht sehr sinnvoll sind, da sind Urs Holderegger und ich uns einig. Der Chronist, sofern nicht vor Ort, kann nicht die Minute des Ereignisses aufzeichnen, sondern nur die Zeit des Eintreffens der Nachricht in der Redaktion. Nun ja, offenbar sehen das doch nicht alle so: http://twitter.com/schichtarbeiter/status/40033433099051008. Keystone-Markus meint hier vermutlich, es sei praktisch, wenn man sehen würde, was man schon gelesen hat und was nicht. Da gehe ich mit ihm einig, aber das muss man wohl anders lösen als mit Uhrzeiten.

  8. mdr:

    Ich glaube natürlich nicht, dass es ein Ausdruck von Ratlosigkeit ist, sondern ein geeignetes Mittel zur Berichterstattung. Dass NZZ Online es übernimmt, bestätigt ja nur, dass die hier belächelte beziehungsweise kritisierte Textsorte Ticker vielleicht eine Berechtigung hat. Wobei ich das Argument, der Leser erwarte diese Art der Berichterstattung und komme wegen ihr mehrmals am Tag zurück, journalistisch wenig stichhaltig finde. Insbesondere der zweite Teil würde ja heissen, NZZ Online wäre auch der sogenannten Klickmentalität erlegen.

    Natürlich bezeichnet die Zeitangabe nur den Zeitpunkt des Eintreffens der Nachricht auf der Redaktion (bzw. gar nur den Zeitpunkt der Veröffentlichung). Aber das finde ich kein Gegenargument. Sie ist in einer unübersichtlichen Nachrichtenlage eine zusätzliche Information und Orientierung für den Leser. Der mögliche Zeitpunkt des Ereignisses — soweit bekannt oder abschätzbar — muss in der Meldung genannt werden. Ich sehe die Ticker-Zeitangabe eher analog zum Datum einer Tageszeitung und finde es selbstverständlich, dass sie nicht den Zeitpunkt des Ereignisses selbst wiedergibt.

  9. Nun weiss ich, was mich an der ganzen Chose gestört hat. Es ist nicht der Begriff „Ticker“, sondern das Wort „Live“. Dieses spiegelt doch irgendwie vor, dass der/die Berichterstattende vor Ort ist – eben z.B. an einem Fussballspiel, einem Hockeymatch, einer Pressekonferenz o.ä. Das ist bei der gegenwärtigen „Aufstandsberichterstattung“ aber kaum je der Fall. Ich plädiere deshalb für das gute alte „News Ticker“, bei dem das Wort „Agentur“ doch bereits irgendwie mitschwingt. Inzwischen verwendet ja auch nur noch tagesschau.sf.tv den „Live“-Begriff.

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